Tourette-Syndrom: Wie kann medizinisches Cannabis helfen?

Autor: Alexandra Latour

Veröffentlicht am: 19. Oktober 2017

Geändert am: 18. November 2017

Für Außenstehende ist es häufig befremdlich und irritierend, wenn ein Mensch plötzlich obszöne Wörter ausruft, heftig blinzelt, Grimassen schneidet oder ein Gegenstand immer wieder berührt. Hinter solch einem Verhalten steckt jedoch keine Absicht, sondern das Tourette-Syndrom, an dem ungefähr ein Prozent der Bevölkerung leidet. Bis heute sind die Behandlungsmöglichkeiten mangelhaft. Doch viele Studien und Berichte lassen die Vermutung zu, dass medizinisches Cannabis in der Lage ist, die im Rahmen der Erkrankung auftretenden Tics zu reduzieren.

Im August 2017 berichteten Mediziner von der Hannover Medical School über zwei behandlungsresistente Patienten, die am Tourette-Syndrom (TS) erkrankt sind. Dem ersten Patienten wurde täglich 0,1 Gramm medizinisches Cannabis verabreicht und dem zweiten Patienten täglich 22,4  bis 33,6 Milligramm Dronabinol (Delta-9-Tetrahydrocannabinol – THC). Beide Patienten berichteten über eine signifikante Symptomverbesserung.

Doch auch schon frühere Untersuchungen und Studien konnten zeigen, dass medizinisches Cannabis Tics abschwächen, die Häufigkeit reduzieren und die psychische Stabilität der Patienten verbessern konnte.

Was ist das Tourette-Syndrom?

Grimassen schneiden, Blinzeln, Fluchen, Ausrufen obszöner Wörter – es gibt viele unterschiedliche Tic-Arten. Ab dem 6. Lebensjahr entwickeln 4 bis 12 von 100 Kindern solche Tics, die dann nach einiger Zeit wieder von selbst verschwinden. Nur ein von 100 Menschen ist von einer chronischen Ticstörung, dem sogenannten Tourette-Syndrom, betroffen. Der französische Arzt Gille de la Tourette beschrieb die Erkrankung erstmals im Jahre 1885 und ist dementsprechend auch der Namensgeber des „Gilles-de-la-Tourette-Syndroms“.

Ein Tic beschreibt eine plötzliche Lautäußerung (vokaler Tic) oder eine schnelle Bewegung (motorischer Tic). Von einem Tourette-Syndrom wird gesprochen, wenn mehrere motorische Tics und mindestens ein vokaler Tic auftritt. Dabei müssen diese Tics nicht unbedingt gleichzeitig auftreten. Das Ausrufen unanständiger Wörter oder unwillkürliches Fluchen wird auch als Koprolalie bezeichnet. Diese tritt jedoch nur bei ungefähr 10 bis 30 von Tourette-Patienten auf.

Das Tourette-Syndrom – kurz TS – ist eine neuropsychiatrische Erkrankung und keine seelische Störung. Der Schweregrad der Erkrankung lässt sich mithilfe der Tourette-Syndrom-Schweregradskala (TSSS) bestimmen:

  • Geringe Beeinträchtigungen: Betroffene werden durch die Tics weder in der Schule noch im Berufsleben eingeschränkt und empfinden die Erkrankung meist als unproblematisch. Auch Außenstehende bekommen in der Regel nichts mit von den Tics.
  • Mäßige Beeinträchtigungen: Bei einer mäßigen Beeinträchtigung fallen die Tics Außenstehenden auf und die Betroffenen erleben Beeinträchtigungen in der Schule, im Beruf und im Alltag.
  • Schwere Beeinträchtigungen: Hier sind die Tics so auffallend, dass die Leistungsfähigkeit des Betroffenen massiv eingeschränkt wird. Auch die sozialen Kontakte werden massiv durch die Tics gestört, sodass Betroffene die Erkrankung als schwere Belastung empfinden.

Wie entstehen Tics?

Bisher sind die Ursachen des Tourette-Syndroms nicht vollends erforscht. Es wird jedoch von einer genetischen Veranlagung ausgegangen. So ist das Risiko, am Tourette-Syndrom zu erkranken, für Kinder bis zu 100-mal höher, wenn die Erkrankung bereits in der Familie aufgetreten ist.

Weiter wird angenommen, dass der Botenstoffwechsel im Gehirn gestört ist. Eine wichtige Rolle spielt hier der Neurotransmitter Dopamin, der für die Weiterleitung von Informationen im Gehirn zuständig ist. Untersuchungen zufolge weist das Gehirn eines Tourette-Syndrom-Patienten eine erhöhte Anzahl an Dopaminrezeptoren auf.

Auch der Serotonin-, Glutamin-, Opioid- und Noradrenalinhaushalt scheint bei Betroffenen gestört zu sein. Dabei manifestiert sich die Störung besonders in den Basalganglien. Diese Gehirnareale finden sich in beiden Gehirnhälften und regulieren, welche Impulse in Handlungen umgesetzt werden und welche nicht.

In einigen Fällen wird angenommen, dass der Auslöser eine Infektion mit A-Streptokokken (z. B. Scharlach) sein könnte, bei der die Antikörper, die vom Körper selbst gebildet werden, die Basalganglien attackieren.

Darüber hinaus können auch Erkrankungen, wie zum Beispiel Chorea Huntington oder Morbus Wilson, Tics auslösen. In solchen Fällen wird dann von sekundären Tics gesprochen. Das Gleiche gilt für bestimmte Medikamente (z. B. Carbamazepin oder Lamotrigin), die Tics hervorrufen können.

Tourette-Syndrom: Symptome und Diagnose

Betroffene können die Tics meist kurzfristig unterdrücken. Allerdings können sie diese nicht gänzlich verhindern. Die motorischen und vokalen Tics werden in einfache und komplexe Varianten unterschieden. Während die einfachen Tics auf einzelne Muskelgruppen beschränkt sind, werden bei den komplexen Tics gleich mehrere Muskelgruppen mit einbezogen.

Tic-Art Motorische Tics Vokale Tics
Einfache Tics Zucken, Zwinkern, Blinzeln Hüsteln, Räuspern, Grunzen, Schniefen
Komplexe Tics Gegenstände berühren, Hüpfen, obszöne Gesten, Echopraxie (Bewegungen von anderen imitieren) Echolalie (Wörter oder Silben von anderen nachsprechen), Palilalie (eigene Wörter oder Silben wiederholen), Koprolalie (obszöne Wörter ausrufen)

Die Art der Tics und deren Stärke als auch die Häufigkeit können immer wieder wechseln. Außerdem können die Tics bei Stress oder Freude zunehmen sowie bei starkem Konzentrieren nachlassen. Betroffene berichten häufig, dass sich ein Tic durch eine Art Spannungsgefühl ankündigt, das erst nachlässt, wenn dem Anreiz nachgegeben wird.

Darüber hinaus entwickeln Tourette-Patienten oftmals eine weitere Störung, wie zum Beispiel Depressionen, Angststörungen oder Zwangsstörungen. Ungefähr die Hälfte aller Betroffenen entwickeln eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Wenn vermutet wird, dass eine Ticstörung bei einem Kind vorliegen könnte, sollte frühzeitig ein Arzt aufgesucht werden. Ein ausführliches Anamnesegespräch ist für die Tourette-Syndrom-Diagnose besonders wichtig. Hierbei fragt der Arzt beispielsweise ab, welche Tics auftreten, wie stark sie sind, ob sie sich unterdrücken lassen und ob sich die Tics durch ein Vorgefühl ankündigen. Um Diagnose Tourette-Syndrom zu bestätigen, müssen auch andere Erkrankungen, die sekundäre Tics auslösen können, abgeklärt werden.

Tourette-Syndrom Behandlung und Therapie

Das Tourette-Syndrom ist nicht heilbar. Das Ziel der Tourette-Syndrom-Therapie ist es, die Symptome bzw. die Schwere und die Häufigkeit der Tics zu reduzieren und den Patienten dabei zu unterstützen, besser mit der Erkrankung umzugehen. Als besonders hilfreich hat es sich erwiesen, dem Betroffenen die Krankheit Tourette-Syndrom ausführlich zu erklären.

Auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe und eine Verhaltenstherapie kann dem Betroffenen helfen. Außerdem sollten Patienten Entspannungstechniken lernen, denn hiermit lässt sich die Häufigkeit der Tics verringern. Wenn die Tics besonders schwer ausgeprägt sind und der Patient einen hohen Leidensdruck hat, kann auch eine medikamentöse Therapie zum Einsatz kommen.

Verordnet werden dann im Rahmen der Tourette-Syndrom-Therapie in der Regel Antipsychotika (z. B. Risperidon, Aripiprazol oder Tiaprid). Allerdings ist es noch nicht eindeutig beweisen, dass diese Medikamente tatsächlich beim Tourette-Syndrom wirksam sind. Im besten Fall können diese Medikamente die Tics um ungefähr die Hälfte reduzieren.

Das aktuell am besten untersuchte Medikamente auf die Wirksamkeit beim Tourette-Syndrom ist Risperidon. Auch die European Society for the Study of Tourette Syndrome (ESSTS) empfiehlt Risperidon als Arzneimittel gegen Tics. Problematisch sind jedoch die damit verbundenen Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Gewichtszunahme.

Obwohl kontrollierte Studien zu dem Benzamid Tiaprid fehlen, wird dieses Medikament oftmals aufgrund des günstigeren Nebenwirkungsprofils verordnet. Eine weitere Alternative ist Aripiprazol, das laut einiger Kleingruppenstudien gut verträglich sein soll.

Wie hilfreich ist medizinisches Cannabis beim Tourette-Syndrom?

Das Interesse an der Erforschung des Potenzials von medizinischem Cannabis wächst stetig. Bereits im Jahr 1998 wird im Rahmen einer deutschen Studie berichtet, dass TS-Patienten von der Anwendung des medizinischem Cannabis profitierten. Nachdem die Wissenschaftler weitere Untersuchungen durchführten kamen sie zu dem Schluss, dass Cannabis die Schwere und die Häufigkeit der Tics reduzieren kann.

Jedoch konnte bisher noch nicht geklärt werden, welcher Mechanismus hierfür verantwortlich ist. Es wird davon ausgegangen, dass das körpereigene Endocannabinoid System bzw. die Cannabinoid Rezeptoren im Hippocampus und in den Basalganglien eine wichtige Rolle spielen. Gerade diese Gehirnregionen sind wesentlich an der Steuerung von Bewegungen und Verhalten beteiligt.

Einige Studien beschäftigten sich auch mit der Wechselwirkung zwischen TS-Medikamenten und Cannabis. Die University of Texas berichtete im Jahre 1989, dass Cannabinoide und Nikotin vermutlich die Wirkung von Neuroleptika verbessern könnte. Untermauert wird diese Annahme durch eine Fallstudie aus dem Jahr 2002. Eine 24-jährige TS-Patientin soll hier von THC und Neuroleptika profitiert haben. Im Ergebnis heißt es, dass keine nachteiligen Wirkungen auftraten.

Aktuelle Untersuchungen und Studien zu Cannabis und dem Tourette-Syndrom

Im Rahmen einer neuseeländischen Studie im Dezember 2016 erhielten die Probanden 2016 zweimal täglich 10,8 Milligramm Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und 10 Milligramm Cannabidiol (CBD) in Form des Sprays Sativex. Die Cannabinoide zeigten eine deutliche Verbesserung der Häufigkeit und Schwere der vokalen und motorischen Tics.

Mediziner der Hannover Medical School berichteten im April 2017 über eine Einzelfallstudie an einem TS-Patienten, der mit Nabiximols (Pflanzenextraktmischung aus den Blüten und Blättern der Hanfpflanze) behandelt wurde. Die Dosis von 2,7 Milligramm THC und 2,5 Milligramm CBD wurde auf eine Dosis von 24,3 Milligramm THC und 22,5 Milligramm CBD dreimal täglich über einen 2-wöchigen Zeitraum erhöht.

Laut Angaben der Mediziner habe sich die Lebensqualität des Patienten deutlich verbessert. Zudem planen die Mediziner weitere Untersuchungen in Bezug auf die Wirksamkeit von Nabiximols auf TS-Patienten.

Im Mai 2017 werteten Mediziner von der University of Toronto die Effektivität von medizinischem Cannabis bei 19 TS-Patienten aus. Im Ergebnis heißt es, dass die Tics um 60 Prozent abnahmen. 18 von 19 Patienten gaben eine signifikante Verbesserung sowie eine gute Verträglichkeit an.

Medizinisches Cannabis gegen Schlafstörungen im Rahmen der TS-Erkrankung

Ein Großteil der TS-Patienten leiden unter Schlafstörungen. Außerdem fanden deutsche Forscher aus Göttingen heraus, dass Betroffene während der REM-Schlafphasen eine erhöhte Tic-Frequenz aufweisen. Auch ist bekannt, dass TS-Patienten länger brauchen, um einzuschlafen (erhöhte Schlaflatenz).

Cannabis kann nachweislich unterschiedliche Aspekte des Schlafes beeinflussen bzw. die REM-Schlafphase (Rapid eye movement) und stellt damit ein natürliches Schlafmittel dar. Bestätigt wird dies unter anderem auch durch eine aktuelle Studie aus der Cannabisforschung vom National Center for PTSD-Dissemination & Training Division. Somit könnte medizinisches Cannabis dazu beitragen, dass TS-Patienten nicht nur schneller einschlafen, sondern auch einen erholsamen Schlaf erleben.

Quellen:

Department of Psychiatry, Socialpsychiatry and Psychotherapy, Hannover Medical School, Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover, Germany, Jakubovski E1, Müller Vahl K2, 2017, „Speechlessness in Gilles de la Tourette Syndrome: Cannabis-Based Medicines Improve Severe Vocal Blocking Tics in Two Patients

Department of Psychiatry, Sint Lucas-Andreas Ziekenhuis, Amsterdam, The Netherlands, Bruggeman R1 et al., 2001, “Risperidone versus pimozide in Tourette’s disorder: a comparative double-blind parallel-group study

Department of Child and Adolescent Psychiatry, University of Dresden Medical School, Fetscherstrasse 74, 01307 Dresden, Germany, Roessner V1 et al., 2011, “European clinical guidelines for Tourette syndrome and other tic disorders. Part II: pharmacological treatment

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Department of Clinical Psychiatry and Psychotherapy, Medical School Hannover, Germany, Müller-Vahl KR1 et al., 1998, “Cannabinoids: possible role in patho-physiology and therapy of Gilles de la Tourette syndrome

Laboratory of Psychobiochemistry, University of Texas El Paso 79968, Moss DE1, 1989, “Nicotine and cannabinoids as adjuncts to neuroleptics in the treatment of Tourette syndrome and other motor disorders

Department of Clinical Psychiatry and Psychotherapy, Medical School Hannover, Germany, Müller-Vahl KR1 et al., 2002, “Combined Treatment of Tourette Syndrome with ∆9-THC and Dopamine Receptor Antagonists

Psychiatry Registrar, Department of Psychiatry, Tauranga Hospital, Tauranga, New Zealand, Trainor D et al., 2016, “Severe motor and vocal tics controlled with Sativex

Clinic of Psychiatry, Socialpsychiatry and Psychotherapy, Hannover Medical School, Carl-Neuberg-Str. 1, Hannover 30625, Germany, Kanaan AS2 et al., 2017, “Significant Tic Reduction in An Otherwise Treatment-Resistant Patient with Gilles de la Tourette Syndrome Following Treatment with Nabiximols

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Department of Psychiatry and Psychotherapy, von Sieboldstrasse 5, 37075 Goettingen, Germany, Cohrs S1 et al., 2001, “Decreased sleep quality and increased sleep related movements in patients with Tourette’s syndrome

National Center for PTSD-Dissemination & Training Division, VA Palo Alto Health Care System, 795 Willow Road, Menlo Park, CA, 94025, USA, Babson KA1 et al., 2017, “Cannabis, Cannabinoids, and Sleep: a Review of the Literature

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