Miris Herzengeschichten: Frohe Ostern

Autor: Sandrina Komm-Benson

Verõffentlicht am: 30. März 2018

Geändert am: 30. März 2018

Wow, wie schnell ein Jahr doch vergeht! Anlässlich des ersten Geburtstages des Cannabisgesetztes habe ich mal in meinen Erinnerungen gewühlt und sofort erinnere ich mich an eine meiner ersten Palliativpatientinnen hier in Berlin. Antonia war jugendliche 72 Jahre alt und erreichte mich wie so viele meiner Patientinnen über das YOGA. Sie schrieb mir eine bezaubernde E-Mail, in der sie sich wünschte trotz Bauchspeicheldrüsenkrebs und dessen ersten Begleiterscheinungen ihren Körper zu dehnen und zu kräftigen. „Dabei wäre es toll“, schrieb sie „wenn sich der Geist während dessen auch etwas entspannen und beruhigen könnte.“ Zum Cannabis als Medizin kam sie durch ihren Sohn.

Miris Herzengeschichten: Frohe Ostern

Wir verabredeten uns für eine private Probestunde in einem Berliner Yogastudio, das ich ab und an für privaten Unterricht nutze. Antonia war sehr zierlich, hatte wundervoll grau-meliertes, wildes Haar und trug von Kopf bis Fuß ihre Lieblingsfarbe Lila. Sie kam ursprünglich aus Sarajevo und hatte zu Kriegszeiten dort als Psychiaterin und Trauma-Therapeutin für Kinder gearbeitet. Ihre warme und fürsorgliche Persönlichkeit machte unser erstes Treffen zu einer wahren Freude. Danach konnte ich die darauffolgenden Yoga-Termine mit Antonia kaum abwarten.

Bauchspeicheldrüsenkrebs: Antonias Körper wird schwächer

Mit der Zeit wurde Antonias Körper wie erwartet schwächer und der lange Weg zum Yoga war ermüdend und anstrengend. Als ich ihr daraufhin anbot, Hausbesuche bei ihr zu machen, sagte sie, dass ihr der Termin und das aus dem Haus kommen sehr wichtig sei. Sie plante deswegen oft fast den ganzen Tag ein, um sich genug Zeit für die beschwerliche Reise von Lichterfelde-Ost nach Mitte zu nehmen.

Bevor ich Antonia kennenlernte, wusste ich nicht, was ein „Transfermales Morphin Patch“ ist oder wie es ausschaut. Das, was ich darüber Lernen durfte, werde ich wohl auch nie vergessen. Einmal half ich Antonia in der Umkleidekabine aus ihren Yoga-Klamotten, die selbstverständlich Ton-in-Ton in Lila waren. Dabei fiel mir ein quadratisches, durchsichtiges Plastikschildchen auf, das auf ihrem Schulterblatt klebte.

Freundlich und hilfsbereit wie ich nun mal bin, löste ich es vorsichtig von ihrer Haut. Ich nahm an, dass ich meiner Patientin gerade von einem verirrten Größenschild aus einem Bekleidungsgeschäft befreit hatte und dass ich ihr damit einen Gefallen tun würde. Doch Antonias jähes Aufschreien und ihre Erschrockenheit machten mich kurz stutzig.

Während ich dachte, dass ich ein bisschen Müll entsorge, riss ich meiner Patientin aus Versehen ihr sehr wichtiges Schmerzpflaster ab. Peinlich berührt von meinem Fehler versuchte ich, es schnell wieder aufzukleben, leider ohne Erfolg. Antonia erklärte mir dann geduldig, dass es sich um ein sogenanntes transdermales Pflaster handelt. Dieses Pflaster ist eine topische Darreichungsform für die systemische Verabreichung von Schmerzmitteln.

Es wird auf die Haut geklebt und setzt so den gewünschten Wirkstoff kontrolliert frei. Dieser wird dann über die Haut resorbiert. Der Wirkstoff gelangt in das Blutgefäßsystem, ohne vorzeitig im Magen-Darm-Trakt oder der Leber abgebaut werden zu müssen. Das Besondere an diesen Pflastern ist, dass sie ohne die Einwirkung von äußeren Kräften, etwa durch Ultraschall oder Strom, passiv und über einen längeren Zeitraum freigesetzt werden. Entfernt man das Pflaster vorzeitig, beendet man allerdings auch die Wirkung.

Nach dem ersten Schock erholten wir uns mit einem herzhaften Lachanfall und ich spendierte Antonia ein Taxi, um schnellst möglich an ein neues Pflaster zu kommen. Das war das letzte Mal, dass ich mit Antonia in einer Umkleide war.

Der schockierende Anruf ihres Sohnes

In der darauffolgenden Woche bekam ich einen Anruf von ihrem Sohn, der sich von Herzen für die Yoga-Stunden bedankte. Er erzählte mir auch, dass Antonia sich nun auf der Palliativ-Station des Krankenhauses Havelhöhe befände. Sie sei nun bettlägerig und hat starke Bauchschmerzen, dennoch wünscht sie sich von Herzen Yoga mit Miri!

Ihr Sohn hatte den Wunsch seiner Mutter anfänglich nicht ernstgenommen. Doch nachdem Antonia allen Ernstes darauf bestand, dass er mich anruft, beugte er sich dem Willen seiner starken Mutter. Ich verabredete mit ihm, dreimal wöchentlich mit Antonia im Krankenhaus Yoga zu üben. Unsere Yoga-Stunden fanden nun im Krankenbett statt. Wie gewohnt atmeten wir zusammen und brachten Körper, Geist und Seele so gut es ging in Einklang. Dabei nutzte ich auch die Hilfe von Aromaölen und sanften Massagen.

Antonia lehnt weiterhin Opiate ab

Doch bald wurden Antonias Schmerzen schlimmer. Trotzdem lehnte sie es konsequent ab, hochdosierte Opiate einzunehmen, da sie Angst hatte, ihre letzten verbleibenden Tage zu verschlafen. Schließlich hatte ihr Sohn den Einfall, mit den Ärzten seiner Mutter über Cannabis als Medizin zu sprechen. Damals, bevor das Gesetz über die Legalisierung von pharmazeutischem Cannabis in Kraft trat, hatte er mit diesem Einfall natürlich keinen Erfolg.

Somit setze er sich kurzerhand ins Flugzeug um auf illegale Weise, die so sehr gewünschte natürliche Medizin für seine Mutter in Israel zu holen. Nach zwei Tagen kehrte er zurück und verabreichte seiner Mutter das weit gereiste pharmazeutische Cannabis.

Der letzte Herbst …

Antonia durfte noch vier Wochen leben. Dabei war sie klar genug, um bis zu ihrem letzten Tag unsere Yoga-Stunden zu genießen. Durch die Verabreichung des Cannabis normalisierte sich ihre Verdauung und die Bauchkrämpfe entspannten sich. Sie konnte sogar auch wieder etwas Nahrung zu sich nehmen.

Das Allerbeste war allerdings, dass sie es in den Rollstuhl schaffte, um ihren letzten Herbst zu genießen und die Blätter zu beobachten wie sie sich färbten. Ich sammelte alle lilafarbenen Blätter für sie ein. Noch heute denke ich jeden Herbst an Antonia und unsere besondere Begegnung.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass Cannabis als Medizin nun seit einem Jahr auf Rezept verschrieben werden kann, und die Verabreichung nicht mehr geheim gehalten werden muss.

Als das Gesetz in Deutschland dahingehend geändert wurde, habe ich sofort eine Nachricht von Antonias Sohn bekommen. Auch er war dankbar für die Gesetzesänderung und fand Trost in dem Gedanken, dass es andere Patienten leichter als seine Mutter haben werden, an die gewünschte Medizin zu kommen. Wir beide waren uns auch sicher, dass sich Antonia über diese Entwicklung sehr gefreut hätte.

In diesem Sinne: Happy Birthday liebes pharmazeutisches und frohe Ostern allen Lesern meiner Kolumne bei Leafly.de.

Eure Miri

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