Miris Herzensgeschichte – Cannabis und Autismus

In einem Kinderhospiz leben nicht nur Kinder mit lebensverkürzenden Krankheiten, sondern auch Kinder und Jugendliche die Behinderungen unterschiedlichster Ausprägung haben und ab und an ein paar Tage oder Wochen zur Betreuung kommen. Oft erfahren ihre Eltern dadurch eine kurze Verschnaufpause oder nutzen mitunter die Chance, in den Urlaub oder zur Kur fahren zu können.Die Kinder sind dann bei den Pflegern in sehr guten Händen und den Eltern ist es so möglich, ohne allzu große Sorgen ein wenig zu regenerieren.

Miris Herzensgeschichte – Cannabis und Autismus

Eine Schwerstbehinderung ist die Bezeichnung für eine Beeinträchtigung des ganzen Menschen in all seinem Dasein aufgrund komplexer Beeinträchtigungen. Davon sind in der Regel alle Erlebens- und Ausdrucksmöglichkeiten – also emotionale, kognitive, körperliche, soziale und kommunikative Fähigkeiten, betroffen. Es handelt sich also nicht um eine einzige Barriere (Landläufigbehinderung) wie geistige oder körperliche Beeinträchtigung, sondern um ein komplexes Handicap. Das heißt, dass sich verschiedene Beeinträchtigungen gegenseitig bedingen, verstärken und/oder verursachen, was letztendlich zur Schwerstbehinderung führt. Es ist daher auch keine Zuordnung zu einem der gängigen Leitsymptome möglich, weil diese dem ganzheitlichen Charakter der jeweiligen persönlichen Situation gerecht werden würde.

Natalie leidet unter Autismus

Meine Freundin und Patientin Natalia (10) ist autistisch. Der Autismus ist als komplexe und vielgestaltige neurologische Entwicklungsstörung bekannt. Häufig bezeichnet man Autismus-Spektrum-Störungen auch als Störungen der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung. Diese Störungen wirken sich auf die Entwicklung der sozialen Interaktion, der Kommunikation des Verhaltensrepertoires und der Bewegung aus.

Autismus umfasst wie kurz beschrieben ein weites Spektrum an Symptomen. Das heißt, dass manche Menschen nur “ein bisschen autistisch” sind und andere wiederum „sehr“. Die kognitiven Fähigkeiten einer Person werden aber durch die Stärke des Autismus in der Regel nicht vermindert.

Die Einzigartigkeit von Natalia

Natalia in ihrer Einzigartigkeit zu beschreiben ist sehr schwierig. Ihr sehr dickes blondes lockiges Haar ist kurz und wild. Sie schaukelt unentwegt von rechts nach links. Ihre klaren blauen Augen bewegen sich sehr schnell. Und man hat oft den Eindruck, als würde sie einem an ihr vorbeifahrenden Zug nachsehen. Natalia kann ohne Vorwarnung sehr laut werden, sie stößt manchmal spontan schrille Schreie aus, und egal wie sehr man sich darauf vorbereitet, schafft sie es doch immer wieder einen zu erschrecken. Ihre generelle Motorik ist genauso unvorhersehbar. An manchen Tagen gelingen ihr scheinbar mühelos ein paar Schritte, an anderen Tagen hingegen braucht sie Hilfe. Diese Gehhilfe fühlt sich für mich dann immer wie ein vorsichtiges Schieben an.

Am liebsten lehnt sie sich beim Laufen gegen ihren jeweiligen Betreuer. Es ist dann fast so, als würde sie sich etwas Stabilität und Erdung leihen.

Wenn Natalia große Freude verspürt, beißt sie und das kann durchaus gefährlich sein. Als Betreuer muss man in solchen Momenten wirklich vorsichtig sein. Denn die Verletzungsgefahr ist erheblich. Deswegen werden ihr auch immer zwei Pflegekräfte und/oder Therapeuten zugewiesen.

Natalie kommt zu Besuch

Trotz des vergleichsweise hohen Aufwandes freue ich mich immer sehr, wenn ich höre, dass Natalia mal wieder zu Besuch kommt. Ihre Eltern sind wunderbare Menschen, die außer ihr noch zwei weitere Kinder haben. Jens (12) und Jana (15) sind die wahren Experten und können sehr kompetent und liebevoll mit ihrer Schwester umgehen. Von ihnen habe ich sehr viel lernen dürfen.

Bei aller familiärer und professioneller Unterstützung ist es aber nicht verwunderlich, dass Natalias Eltern fast immer müde Aussehen und sich von einer Tasse Kaffee zur anderen hangeln. Sie geben, was sie können aber die kurzen Nächte und die physischen Belastungen kann man ihnen trotz ihrer positiven Grundhaltung ansehen.

Da Natalia sich immer in verschiedenen Rhythmen bewegt und ihr schmaler Körper nur nachts ein paar wenige Stunden Ruhe findet, müssen viele Bewegungsabläufe, also auch die einfachsten alltäglichen Rituale, kreativ umgedacht werden. Für jede Situation gibt es besondere Tricks oder Hilfestellungen. Zum Beispiel kann das Zähneputzen nicht mit einer Zahnbürste geschehen, da die Gefahr, dass Natalie erstickt, zu groß ist – anstelle dessen kaut sie auf einer breiten Bürste, die einer Nagelbürste ähnelt, aber viel weicher ist. Auch das An- und Ausziehen braucht seine Zeit und ist sehr kniffelig. Deswegen werden Knöpfe und Reißverschlüsse strikt gemieden, was vor allem praktische Jogginganzüge empfiehlt, deren optimistische Farben außerdem gut zu ihr passen.

Natalie liebt Fasching

Ich kenne Natalia nun schon ein paar Jahre und weiss, was ihr gefällt und was nicht. Am liebsten mag sie den Fasching! Das tollste daran ist für sie das Kinderschminken …

Natürlich ist es sehr schwierig, einen aufgeregten ständig wippenden Zappelphilipp zu schminken,aber ich bin darin ziemlich gut und nehme die Herausforderung gerne an, sie so gut es geht in einen bunten Piraten, Tiger oder Schmetterling zu verwandeln. Das Ergebnis schaut  nicht unbedingt sehr professionell aus, macht ihr (und mir) aber viel Spass und Freude !

Was ich an meinem Zusammensein mit Natalia besonders mag, sind ihre sehr langen und sehr wahrhaftigen Umarmungen. Natalia liebt es, die Menschen, die ihr nahe stehen, zu umarmen, was eher untypisch für ihre Ausprägung des Autismus ist (LFA Low functioning Autismus).

 Autiusmus und Cannabis als Medizin

Vor zwei Monaten bekam ich dann wieder einmal einen Anruf von Natalias Eltern. Ich freute mich sehr. Denn ich hatte sie schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen und war mir sicher, dass sie anklopften, um Natalie im Kinderhospiz zu besuchen.

Aber falsch gedacht … Doro, die Mutter, erzählte mir fröhlich, dass sie Natalia nun nicht mehr zur Pflege vorbeibringen müsse, da sich ihre Situation stark verbessert habe.

Vor ungefähr sechs Monaten wurde Natalia offenbar zunehmend aggressiver, worauf die Mutter bei ihrem Hausarzt Cannabis als Medikation anfragte, da sie verschiedene Berichte über positive Studien gelesen hatte (Leafly.de berichtet). Der Hausarzt willigte ein und komplementär zur medizinischen Cannabis-Einnahme startete Natalia auch eine nachhaltige Gruppentherapie, um ihre sozialen Kompetenzen zu stärken und zu trainieren. Doro vermerkte, dass Natalia nun fast 5 Stunden am Stück schlief, was für alle eine reine Erholung bedeutete.

Sie beißt zudem nur noch sehr selten und die sonst so schrillen Schreie haben sich gelegt, bzw. sind jetzt meist in „normaler“ Lautstärke wahrzunehmen.

Für Natalia und ihre Familie sind diese Veränderungen ein grosser Segen und sie sind sehr dankbar für die aktuelle Entwicklung.

Bei Menschen mit Autismus kann eine Veränderung des Endocannabinoidsystems vorliegen, berichtete mir Natalias Mutter und dies könne die therapeutische Wirksamkeit von Cannabis erklären.

Ich freue mich für Natalia und ihre Familie !

Alleine das wilde Kinderschminken mit Natalia werde ich nun vermissen und muss jeden Fasching an sie und ihre wunderbare Familie denken.

Wie immer verspüre ich auch diesmal wieder große Dankbarkeit für die Naturheilkunde und all das,was Mutter Erde uns bereit stellt.

Herzensgrüsse Miri

 

 

Ähnliche Artikel