Miris Herzensgeschichte: Cannabis und Currywurst

Meistens übe ich meine ehrenamtliche Tätigkeit als Sterbebegleiterin oder Palliativtherapeutin stationär in Berliner Hospizen aus. Ab und an kommt es aber auch vor, dass ich ambulant aktiv werde, wenn Menschen gemeinsam mit ihren Familien beschließen, zu Hause zu sterben. Oft tritt dann ein ganzes Team in Erscheinung, beispielsweise bestehend aus einem palliativen Hausarzt, erfahrenen Pflegekräften und unterschiedlichen Therapeut*innen - so wie ich

Miris Herzensgeschichte: Cannabis und Currywurst

Stefan (34) hatte mich persönlich angerufen, er erhielt die Nummer von seiner Ärztin, die mich auf ihrer Palliativstation vor einigen Jahren kennengelernt hatte und sich sicher war, dass wir uns gut verstehen würden.

Stefan hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ein Pankreaskarzinom ist eine Krebsart, die leider eine der niedrigsten Überlebensraten aufweist. Wir telefonierten fast eine Stunde. Stefan war sich seiner endlichen Lage durchaus bewusst. Selbstreflektiert und aufgeklärt erklärte er mir, dass er mich eigentlich gar nicht brauche. Jedoch wolle er seinen Liebsten den Gefallen tun, sie durch professionelle Hilfe von außen etwas zu entlasten, denn seine Familie war Tag und Nacht an seiner Seite. Und manchmal wünschte er sich offenbar auch für sich selbst eine kleine Auszeit, da ihn die bisweilen etwas übergriffige Hingabe und Zuwendung durch die Angehörigen zu erdrücken schien. So pressten sie fortlaufend frische grüne Säfte, empfahlen dringlich Fastenkuren oder Kochrezepturen nach Hildegard von Bingen, zitierten eifrig einschlägige Fachliteratur, unternahmen wohlgemeinte Spaziergänge in den benachbarten Park und/oder wachten gewissenhaft über die pünktliche Einnahme seiner Medikamente.

Stefan mochte die grünen Säfte nicht und beschwerte sich bei unserem ersten Telefonat auch über die vielen verschiedenen Schmerzmittel, die ihn sehr schläfrig und apathisch machten. Er verabscheute das geschmacklose Essen und wünschte sich nichts sehnlicher als eine große knackige Currywurst mit Darm und dazu ein kaltes Bier !

Bauchspeicheldrüsenkrebs ist besonders bösartig

Das Problem mit Bauchspeichedrüsenkrebs ist, dass er meistens erst im Endstadium erkannt wird, sodass eine Heilung fast ausnahmslos nicht mehr möglich ist. In den letzten Jahren sind dank verbesserter Operationstechniken und angepasster Chemotherapien die Heilungsraten zwar etwas gestiegen, dennoch fällt die Prognose überwiegend negativ aus.

Im Vergleich zu anderen Karzinomen gelten die Pankreaskarzinome als besonders bösartig, bzw. aggressiv wachsend. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei Bauchspeicheldrüsenkrebs laut aktuellen Studien nach einem Eingriff mit anschließender Chemotherapie bei nur 20 Prozent.

Bereits bei der ersten Diagnose werden nur noch 10 bis 20 Prozent der Tumore überhaupt als operabel eingestuft. Bei vier von fünf operierten Patienten wiederum kehrt der Tumor innerhalb von zwei Jahren zurück. Die mittlere Überlebensdauer Betroffener liegt bei vier bis sieben Monaten. Eine Verlängerung der Lebensdauer durch palliative Chemotherapie ist zudem sehr gering und das wusste auch Stefan.

Nur noch ein Jahr …

Er wünschte sich von Herzen wenigstens noch ein weiteres Lebensjahr, um den 70. Geburtstag seiner Mutter mitfeiern zu können. Allerdings war er sich der Ungewissheit bewusst, sodass die Familie sogar erwog, die gemeinsame Feier vorzuverlegen.

Wir verabredeten uns also für den nächsten Dienstag Nachmittag. Ich war mir sicher, dass ihm eine sanfte Entspannungsmassage sehr gut tun könnte und packte meine mobile Massageliege ein.

Bei unserem ersten Treffen kam ich jedoch vor lauter Zuhören gar nicht zum Massieren. Wir setzten uns vielmehr auf einen kleinen sonnigen Zimmerbalkon im ruhigen Friedenau und sprachen.

Ich konnte ihm ansehen, dass es eine Zeit gab, zu der er bestimmt 20 Kilo kräftiger war. Auch seine markanten Gesichtszüge konnte ich noch gut erkennen. Stefan war ein ansehnlicher Mann, selbst die Krankheit konnte ihm das nicht nehmen.

Er wirkte schlecht gelaunt, müde, genervt, überfordert und alle 15 Minuten, ähnlich wie bei Geburtswehen, von starken Krämpfen geplagt.

Vom vielen Liegen hatte er einen stark entzündeten Dikubitus und eigentlich würde er am liebsten in die Schweiz fahren, um alles so schnell wie möglich zu beenden.

„OK“, sagte ich „und wenn das jetzt möglich wäre? Gäbe es denn irgendwas, was du dir vorher noch wünscht?“

Eine Currywurst bitte!

Ja das gäbe es :

  1. Eine Currywurst mit Darm und dazu ein kaltes Bier.
  2. Weniger Schmerzen und mehr Klarheit, um sich von Familie und Freunden zu verabschieden.
  3. Und als letzten Wunsch: noch einmal lauthals Lachen können, statt der grimmigen Grundstimmung, in der er sich gefangen sah.

Ich versprach ihm, an allen Wünschen zu arbeiten und telefonierte noch am gleichen Abend mit seinem Palliativ-Arzt, der für die Schmerzbehandlung zuständig ist. Ich erzählte ihm von Stefans eigenwilligen, aber in meinen Augen machbaren Wünschen…

Gemeinsam überlegten wir, ob es sinnvoll wäre, Stefan durch die Anwendung von medizinischem Cannabis alternativ unterstützen zu können, als ihn weiter mit Opiaten zu behandeln, die sein ganzes Wesen in einen mürrischen und müden alten Mann verwandelt zu haben schienen.

Es war eine große Freude für mich zu sehen, wie offen Stefans Hausarzt für neue Ideen war und wir besprachen auch noch seine erklärte Abneigung gegen die grüne Diät bzw. seine heimlichen Fleischgelüste.

Mehr Lebensqualität für Stefan

Da Stefans Lebenszeit sich immer rasanter zu verkürzen schien, beschlossen wir gemeinsam, dass es von nun an um seine Lebensqualität und weniger um die Quantität gehen sollte.

Wir diskutierten das nicht nur mit Stefan, sondern trafen uns auch mit der gesamten Familie und baten diese, sich mehr um Stefans „JETZT“ zu kümmern, statt seine verbleibende Lebenszeit mit Plänen und Maßnahmen zu überziehen.

Auch unterrichteten wir sie darüber, dass wir die Schmerztherapie umstellen würden und die vergleichsweise „harte“ Medikation mit Hilfe von medizinischem Cannabis auszuschleichen, um seinen emotionalen Zustand zu verbessern.

Das alles war nicht einfach. Denn wie so oft machte ich die Erfahrung, dass es sehr vielen Angehörigen schwerfällt, einfach loszulassen bzw. sich auf das Jetzt einzulassen und sich zusammen mit dem Patienten zu entspannen. Interessanterweise sind es meistens die Kinder, denen dies am leichtesten fällt.

Bei Rauchern tritt der Bauchspeicheldrüsenkrebs zwei- bis dreimal häufiger auf als bei Nichtrauchern. Stefan rauchte seit seinem 14 Lebensjahr und selbst jetzt im Endstadium genoss er die gelegentlichen Zigaretten ohne Reue.

Das Problem ist, dass die spezifischen Warnzeichen bei Bauchspeicheldrüsenkrebs oftmals fehlen, da die Symptome auch von anderen Erkrankungen des Verdauungstraktes rühren können: Verdauungsstörungen, Übelkeit, Appetitverlust, unbeabsichtigter Gewichtsverlust.

Die Symptome, die Stefan letztlich zum Arzt gebracht hatten, waren sehr starke Schmerzen. Diese traten im oberen und mittleren Bauchbereich auf und manifestierten sich schließlich als Rückenschmerzen. Darüber hinaus alarmierte ihn eine leichte Gelbfärbung der Haut und der einsetzende Juckreiz, was dann auch als Gelbsucht diagnostiziert wurde, bzw. als äußere Kennzeichen seiner fortgeschrittenen Krebserkrankung.

Endlich bekommt Stefan seine Currywurst!

Auf geht’s, dachte ich mir und überraschte Stefan das nächste Mal mit einer guten Bio Currywurst und einem alkoholfreien kalten Bier. Seine Augen leuchteten!

Überhaupt fiel mir auf, dass Stefan, der zwar immer schwächer wurde, nun nicht mehr so missmutig war – ganz im Gegenteil, er bat mich Musik von Queen auf Spotify zu suchen und aß dabei genüsslich seine Wurst wärend er das Gesicht in die warme September Sonne hielt.

Die medikamentöse Umstellung tat ihm sehr gut, die Schmerzen waren nun „weicher“ und seine Persönlichkeit war sehr viel klarer.

Er wollte nun nicht mehr in die Schweiz fahren, um sein Leben zu beenden, sondern ganz im Gegenteil lud er alle die ihm lieb waren ein, ihn noch einmal zu besuchen.

Stefan lebte noch genau zwei Monate. Zwei Monate, in denen er sich verabschiedete, lachte, weinte und sich schlussendlich dem Plan des Lebens in Frieden hingeben konnte.

Leider verpasste er den 70. Geburtstag seiner Mutter, die mich bei der Beerdigung fest drückte und sich für alles von Herzen bedankte.

Ich bin immer wieder positiv überrascht, wie wichtig es ist, gemeinsam mit Patienten, Familien und Therapeuten über alternative Schmerztherapien zu sprechen. Ganz besonders dann, wenn es sich um das Endstadium von lebensverkürzenden Krankheiten handelt.

Stefan durfte nochmal genießen, sich lebendig fühlen und fast schmerzfrei von seinen Liebsten verabschieden !

All das dank des medizinischen Cannabis, einem tollen Palliativteam und seiner liebevollen Familie.

PS: als überzeugte Veganerin habe ich bis jetzt niemanden von der Currywurst erzählt 😉

Herzensgrüße,

Miri

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