Morbus Crohn, Colitis ulcerosa und Reizdarm – wie kann medizinisches Cannabis helfen?

In Deutschland leiden mehr als 300.000 Menschen an Morbus Crohn und mehr als 170.000 Menschen an Colitis ulcerosa. Mehrere Millionen Menschen sind zudem vom Reizdarmsyndrom betroffen. Und noch immer geben chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) den Medizinern Rätsel auf, denn die Ursachen sind nach wie vor unklar. Dennoch steigt der Bedarf an Medikamenten an, die nebenwirkung ärmer sind als die derzeit verfügbaren Arzneimittel.

Morbus Crohn, Colitis ulcerosa und Reizdarm – wie kann medizinisches Cannabis helfen?

Cannabis wird seit Jahrtausenden gegen Darmerkrankungen eingesetzt und mittlerweile nehmen auch Forscher an, dass die Cannabinoide aus der Hanfpflanze Potenzial besitzt, positiv auf chronisch-entzündliche Darmerkrankungen zu wirken. In den USA und Kanada wurden Patienten mit Colitis ulcerosa und Morbus Crohn befragt, die Cannabis gegen ihre Beschwerden konsumierten. Diese beschrieben mehrheitlich, dass Cannabis gegen Bauchschmerzen, Bauchkrämpfe, Übelkeit und Durchfall half.

Im April 2017 erklärten auch Forscher der Medical University of Graz in Österreich, dass medizinisches Cannabis immer öfter zur Linderung von Bauchschmerzen, Durchfall und Appetitlosigkeit erfolgreich eingesetzt wird. Für diese Wirkung seien die Cannabinoide der Hanfpflanze, insbesondere das psychoaktive Delta-9- Tetrahydrocannabinol (THC) und das nicht-psychoaktive Cannabidiol (CBD) verantwortlich.

Obwohl noch viele klinische Studien zum Nachweis der Wirksamkeit erforderlich sind, sehen die Forscher bereits schon jetzt, dass medizinisches Cannabis bei CEDs hilfreich sein könnte. Bevor jedoch weiter auf die aktuellen Forschungen eingegangen wird, sollen zunächst die Erkrankungen Morbus Crohn, Colitis ulcerosa und das Reizdarmsyndrom näher beschrieben werden.

Was ist Morbus Crohn?

Morbus Crohn wird auch als Crohn-Krankheit oder Ileitis terminalis bezeichnet. „Morbus“ ist das lateinische Wort für „Krankheit“. Es handelt sich um eine chronische Entzündung im Darm. Alle Abschnitte des Darms und andere Organe wie Speiseröhre können sich entzünden. Zudem können durch die Crohn-Krankheit verursachte Entzündungen gleichzeitig in mehreren Darmabschnitten auftreten, die durch kleinere oder größere Darmabschnitte voneinander getrennt sind.

Am häufigsten zeigen sich Entzündungen in den folgenden Bereichen:

  • Übergang vom Dünndarm zum Dickdarm (in etwa 45 Prozent)
  • Dickdarm und Analkanal (25 Prozent)
  • unterer Dünndarmabschnitt (25 Prozent)
  • andere Darmabschnitte (5 Prozent)

Was sind die Ursachen?

Über die Entstehung der chronisch-entzündlichen Erkrankung ist wenig bekannt. Die Ursachen sind bis heute nicht geklärt. Vermutlich kommen viele Faktoren als Auslöser infrage. Da die Krankheit in einigen Familien gehäuft auftritt, wird angenommen, dass die erbliche Veranlagung eine Rolle spielt.

Unterstützt wird diese Annahme durch die Tatsache, dass bei ungefähr der Hälfte aller Morbus Crohn-Erkrankten Veränderungen an der Erbanlage (Mutation am Gen NOD2/CARD15) festgestellt werden können. Ebenso sind weitere Gene bekannt, die mit dem Risiko für eine Darmentzündung verbunden sind. Alle diese Gene beeinflussen die Darmflora, die als wichtiger Auslöser für Morbus Crohn gilt.

Verantwortlich für die Entstehung von Morbus Crohn ist eine gestörte Barrierefunktion der Darmschleimhaut. Diese Barriere hindert in der Regel Bakterien daran, in die Darmwand eindringen. Wenn die Bakterien hingegen diese Darmbarriere überwinden können, entsteht in der Darmwand in eine Immunreaktion, da der Körper die Bakterien als Krankheitserreger eingestuft, obwohl sie keine krankmachenden Bakterien sind. Infolge dessen werden im Körper unterschiedliche Entzündungszellen aktiviert, wodurch die Darmentzündung entsteht.

Es wird davon ausgegangen, dass neben den Erbfaktoren auch die folgenden Einflüsse einen Morbus Crohn mitverursachen:

  • Zusammensetzung der Darmflora
  • Ernährungsweise
  • Rauchen
  • vielfache antibiotische Behandlung in der Jugend

Psychische Ursachen werden zwar ausgeschlossen, jedoch ist bekannt, dass die Psyche den Krankheitsverlauf von Morbus Crohn beeinflussen kann. Beispielsweise können Stress oder seelische Belastungen Schübe auslösen oder sogar einen aktuellen Schub noch verstärken.

Morbus Crohn: Symptome

Die Symptome der Crohn Krankheit treten sich in Form von Durchfall auf, der mit krampfartigen Schmerzen im rechten Unterbauch einhergeht. Blut oder Schleim ist dem Stuhl nur selten beigemengt. Weitere Beschwerden können Fieber, Anämie (Verminderung des roten Blutfarbstoffs) und Leukozytose (Anstieg der weißen Blutkörperchen) sein.

Durch die häufigen schweren Schübe verspüren Morbus-Crohn-Patienten oft ein allgemeines Krankheitsgefühl. Hinzu kommen Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Appetitlosigkeit. Auch eine Gewichtsabnahme ist typisch die Krankheit.

Bei rund 40 Prozent der Erkrankten treten je nach Krankheitsverlauf und -aktivität weitere Beschwerden auf wie Gelenkbeschwerden, Nierensteine, Augenentzündungen, Hautirritationen oder Osteoporose. Viele Betroffene entwickeln aufgrund der belastenden Erkrankung auch Depressionen.

Diagnose, Krankheitsverlauf und Komplikationen

Bei entzündlichen Erkrankungen erfolgt meist keine Stuhluntersuchung oder Ultraschall-Untersuchung, sondern direkt eine Darmspiegelung (Endoskopie). Hier wird dann auch eine Gewebeprobe entnommen. Um die Entzündungswerte zu prüfen, erfolgt eine Blutuntersuchung.

Der Krankheitsverlauf der chronischen Erkrankung verläuft in Schüben. In einigen Fällen sind auch operative Eingriffe und die Legung eines künstlichen Darmausgangs notwendig.  Eine Heilung ist ausgeschlossen. Außerdem besteht ein erhöhtes Risiko für Komplikationen:

  • Bei etwa 30 bis 50 Prozent der Crohn Erkrankten bilden sich innere oder äußere Fisteln, die sehr schlecht heilen und immer wieder auftreten können. Schmerzen verursacht eine Fistel in aller Regel nicht. Anzeichen einer solchen Fistel Bildung sind beispielsweise Stuhl im Urin oder Stuhlabgänge über die Scheide.
  • Bei etwa 20 Prozent der Crohn Erkrankten bilden sich Abszesse im Analbereich, die äußerst schmerzhaft sein können.
  • Im Darm können sich Narben oder Schwellungen infolge der Entzündungen bilden, die zu einem Darmverschluss führen können. Möglich ist auch ein Darmdurchbruch. Hier besteht Lebensgefahr!
  • Ein Konglomerattumor (Geschwulstbildung) bildet sich, wenn die entzündeten Darmschlingen miteinander verkleben. Häufig ist das gutartige Geschwulst auf der Bauchdecke tastbar.

Behandlung und Therapie

Ziel der Therapie ist es, die Beschwerden zu lindern, die Häufigkeit der Schübe zu verringern, Komplikationen zu vermeiden und Operationen so weit wie möglich hinauszuschieben. Neben einer Ernährungsumstellung auf leicht verdauliche Kost kommt auch eine medikamentöse Therapie zum Einsatz:

  • Kortikosteroide: Bei einem akut auftretenden Schub werden entzündungshemmende Kortison-Medikamente gegeben, die sich jedoch nicht für eine Dauertherapie eignen.
  • Aminosalicylate: Bei Befall des Dickdarms eignen sich Mesalazin und Sulfasalazin in Tabletten- oder Zäpfchenform.
  • Antibiotika: Treten Abszesse oder Fisteln auf, werden diese meist mit einem Antibiotikum wie Metronidazol behandelt.
  • Methotrexat: In einigen Fällen wird der Wirkstoff Methotrexat zur Hemmung des Zellwachstums gegeben.
  • Immunsuppressiva: Wenn die Entzündungsaktivität besonders hoch ist, kommen meist Immunsuppressiva wie 6-Mercaptopurin (6-MP) oder Azathioprin zum Einsatz, die das Immunsystem unterdrücken, dafür aber die Infektionsanfälligkeit erhöhen.
  • Biologika (monoklonale Antikörper): Der Botenstoff Tumornekrosefaktor alpha (TNF-alpha) ist an den Entzündungsreaktionen beteiligt und kann mit Adalimumab und Infliximab geblockt werden.

Alle diese Arzneimittel haben unerwünschte Nebenwirkungen. Diese können die Crohn Erkrankten zusätzlich belasten.

Was ist Colitis ulcerosa?

Hier ist in erster Linie der untere Darmabschnitt des Dickdarms (Mastdarm) betroffen. Nur in seltenen Fällen entzündet sich der letzte Abschnitt des Dünndarms (terminales Ileum). Dafür kann sich die Entzündung im Dickdarm unterschiedlich weit ausbreiten. In einigen Fällen ist sogar der gesamte Dickdarm entzündet (Pankolitis). Die Ursachen sind nicht unbekannt. Auch hier können genetische und umwelttechnische Einflüsse als auch Ernährungsgewohnheiten bei der Entstehung eine Rolle spielen.

Gleiches gilt für die gestörte Darmflora, wobei bei einigen Erkrankten beobachtet wurde, dass die Darmschleimhaut sehr dünn ist. Damit ist die Abwehrfunktion gestört und die Bakterien können leichter in die Schleimhaut eindringen. Das Immunsystem reagiert dann mit entzündlichen Prozessen.

Colitis ulcerosa: Symptome

Typische Beschwerden sind Schmerzen, die vor oder auch nach dem Stuhlabgang (Tenesmen) auftreten sowie mehrmalige Stuhlgänge am Tag (bis zu 30 Stuhlgänge). Zusätzlich können Müdigkeit, körperliche Schwäche, Appetitlosigkeit, Fieber, Gewichtsverlust sowie das Gefühl, aufgebläht zu sein, auftreten. Bei einem akuten Schub findet sich auch Blut und Schleim im Stuhl, sodass sich eine Blutarmut und/oder ein Eisenmangel entwickelt.

In einigen Fällen löst die Darmerkrankung auch entzündliche Prozesse Entzündungen in anderen Körperbereichen wie den Gelenken, Augen, Haut und die Leber auf (extraintestinale Manifestationen).

Diagnose und Krankheitsverlauf

Hier erfolgt eine Darmspiegelung und die Entnahme einer Gewebeprobe. Der genaue Krankheitsverlauf ist nicht vorhersehbar. Während einige Patienten nur wenige Schübe erleiden, haben andere Patienten mit wesentlich mehr Schüben zu kämpfen oder der Darm ist sogar dauerhaft entzündet.

Je nachdem wie weit sich die Entzündung im Darm ausbreitet, können unterschiedliche Komplikationen auftreten:

  • Infolge einer stark entzündeten Darmwand wird der Darm stark gedehnt (toxisches Megakolon). Hier besteht die Gefahr eines Darmdurchbruchs (Perforation), weshalb eine sofortige Operation notwendig ist. Es handelt sich hierbei um eine lebensgefährliche Komplikation!
  • Infolge eines toxischen Megakolons können starke Darmblutungen auftreten, die in manchen Fällen eine Bluttransfusion erforderlich machen. Die Entfernung eines entzündeten Darmabschnitts ist nur selten notwendig.
  • Im Darm können durch die Entzündungsprozesse Narben entstehen, die zu einer Verengung des betroffenen Abschnitts führen kann, was mit starken kolikartigen Schmerzen einhergeht. Im schlimmsten Fall kommt es zu einem lebensgefährlichen Darmverschluss.
  • Das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, ist deutlich erhöht. Erkrankte sollten deshalb in regelmäßigen Abständen zur Darmspiegelung gehen, damit Veränderungen im Darm rechtzeitig erkannt werden können.

Behandlung und Therapie

Das Therapieziel ist die Linderung der Symptome, die Entzündungsprozesse einzudämmen, Schübe hinauszuzögern und Komplikationen zu verhindern. Hilfreich kann hier unter anderem eine ausgewogene Vollwertkost sein.

Eine medikamentöse Behandlung mit entzündungshemmenden Präparaten ist das wichtigste Element der Behandlung. Hier kommen Medikamente wie Aminosalicylate, Kortisonpräparate, Biologika und Immunsuppressiva zum Einsatz, die nicht ohne Nebenwirkungen sind.

Es hat sich herausgestellt, dass viele Patienten einen Schub mithilfe von speziellen Bakterien vorbeugen können. Empfohlen werden hier Escherichia coli Bakterien mit dem Stamm Nissle 1917. Ein akuter Schub kann damit aber nicht behandelt werden.

Was ist das Reizdarmsyndrom?

Mehr als 12 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter dem Reizdarmsyndrom (RDS), das auf keine medizinisch körperlichen Ursachen zurückgeführt werden kann und nicht gefährlich ist. Dennoch ist der „Reizdarm“ für Erkrankte eine starke Belastung.

Hinter dem Reizdarmsyndrom stehen verschiedene Beschwerden, die immer wiederkehren. Oft funktioniert der Transport der Nahrung im Dickdarm (Kolon) nicht einwandfrei, weshalb der Reizdarm auch als Reizkolon bezeichnet wird. Aber nicht nur der Dickdarm, sondern auch der Magen und der Dünndarm können beim Reizdarmsyndrom betroffen sein.

Typische Symptome des Reizdarms sind:

  • Druckgefühl im Unterbauch
  • krampfartige Bauchschmerzen
  • Blähungen
  • Völlegefühl
  • Stuhlunregelmäßigkeiten (Durchfall/Verstopfung
  • Beimengung von Schleim im Stuhl
  • Schmerzen bei Stuhlentleerung
  • Besserung der Schmerzen nach Stuhlentleerung

Die Auslöser des Reizdarms sind bis heute nicht geklärt. Mediziner vermuten, dass folgende Faktoren eine Rolle spielen:

  • erbliche Veranlagung
  • Störungen in der Darmmuskulatur
  • gestörte Darmflora
  • Überempfindlichkeit der Darmschleimhaut
  • Stress / psychische Erkrankungen

Wenn die Beschwerden länger als drei Monate anhalten oder im Stuhl Blut sichtbar sein sollte, ist eine ärztliche Abklärung dringend notwendig. Derartige Symptome können auch Anzeichen für andere Erkrankungen im Magen-Darm-Trakt wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa sein. Eine Nahrungsmittelunverträglichkeit kann auch ursächlich sein.

Eine standardisierte Behandlung gibt es bei der Krankheit nicht, da bei jedem Patienten verschiedene Symptome im Vordergrund stehen. Die Psyche spielt hier eine wesentliche Rolle, weshalb Erkrankte beobachten sollten, in welchen Situationen sich die Beschwerden verstärken.

Hilfreich kann das Führen eines Reizdarm-Tagebuchs sein. Mögliche Auslöser der Symptome können Stress, Schlafmangel, bestimmte Lebensmittel oder Bewegungsmangel sein.

Viele Erkrankte konnten auch mit einer Ernährungsumstellung positive Erfahrungen machen und die Beschwerden abschwächen. Hier können Erkrankte entweder selbst austesten, welche Lebensmittel sie gut vertragen oder einen Ernährungsberater zur Hilfe nehmen.

Ob Medikamente gegen Verstopfung, Durchfall und Bauchkrämpfe sinnvoll sind, richtet sich immer nach der Schwere der Beschwerden und sollten nur nach Rücksprache mit dem Arzt eingenommen werden.

Was ist eine Divertikulitis?

Es handelt sich hierbei um kleine Ausstülpungen der Dickdarmschleimhaut, die sich vor allem bei Menschen bilden, die an Verstopfung leiden. In den meisten Fällen bereiten die Divertikel keine Darmbeschwerden. Entzünden sie sich jedoch, wird von einer Divertikulitis, also einer Darmschleimhautentzündung gesprochen.

Die typischen Symptome dieser entzündlichen Darmerkrankung Divertikulitis äußern sich durch starke Bauchschmerzen, Darmbeschwerden, Verdauungsstörungen und Fieber. Unterschieden wird zwischen den folgenden Verlaufsformen:

  • entzündliche Darmerkrankung ohne Symptome (Divertikulose)
  • akute entzündliche Darmerkrankung bzw. Divertikulitis mit entzündeten Divertikeln
  • akute entzündliche Darmerkrankung bzw. Divertikulitis mit entzündeten Divertikeln und Komplikationen wie Darmperforation, Bauchfellentzündung oder Abszess
  • chronische entzündliche Darmerkrankung bzw. Divertikulitis mit wiederkehrenden Schüben

Ursächlich sind Stuhlpartikel in den Divertikeln. Diese drücken auf die Darmschleimhaut und verursachen Entzündungsprozesse. Begünstigt wird diese Darmschleimhautentzündung durch eine fleischlastige und ballaststoffarme Ernährung, Bewegungsmangel, Nikotin- und Alkoholkonsum.

Leichte Darmschleimhautentzündungen heilen in der Regel von alleine und erfordern keine Therapie. Treten starke Beschwerden auf, so erfolgt eine Therapie mit Antibiotika, Schmerzmitteln und krampflösenden Mitteln.

THC und CBD bei chronischen Darmerkrankungen

Es konnte bereits in Studien gezeigt werden, dass Entzündungsprozesse vom (körpereigenen) Endocannabinoid System gesteuert werden. Da sich im gesamten Verdauungstrakt Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 befinden, wird angenommen, dass THC und CBD diese aktivieren und somit entzündungshemmend wirken. Forscher der britischen University of Bath gehen davon aus, dass gerade der CB2-Rezeptor hier eine wichtige Rolle spielt.

Die Aktivierung des CB1-Rezeptors scheint Durchfallsymptome lindern zu können. Vermutlich erfolgt die Hemmung der Neurotransmitter Acetylcholin aus dem peripheren Nervensystem. Bekannt ist, dass Acetylcholin die Darmtätigkeit anregt.

Darüber hinaus ist Medizinalcannabis möglicherweise in der Lage, Schmerzen, die im Rahmen von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa auftreten, zu lindern, indem es als entzündungshemmender Stoff wirkt und die Spasmen des Darms sowie die Flüssigkeitsausscheidung reduziert. Hinweise liefert eine Studie aus Kalifornien.

Im Jahr 2016 untersuchten Forscher der University of Naples Federico II in Italien an Mausmodellen die Wirkung eines standardisierten Cannabis-Sativa-Extraktes mit einem hohen Gehalt des nicht-psychoaktiven Cannabinoids CBD. Bei den Versuchsmäusen wurde eine Colitis ulcerosa mithilfe von Dinitrobenzolsulfonsäure (DNBS) indiziert. Zusammenfassend erklärten die Forscher im Rahmen ihrer Studie, dass die Entzündungen im Darm durch das CBD abgeschwächt werden konnten.

Medizinisches Cannabis gegen Darmerkrankungen: Studien zeigen Wirksamkeit

Forscher der University of Hertfordshire in Großbritannien stellten im Jahr 2010 an Versuchsratten mit Colitis ulcerosa fest, die mit THC und CBD behandelt wurden, dass sich die Symptome besserten und die Entzündungen zurückbildeten.

Im Jahr 2012 untersuchten Wissenschaftler der Tel Aviv University, ob sich das Inhalieren von medizinischem Cannabis auf Patienten mit einer chronischen Darmentzündung positiv auf die Krankheitsaktivität und die Lebensqualität auswirkt.

Im Ergebnis heißt es, dass sich die 13 teilnehmenden Patienten nach einer dreimonatigen Cannabis-Therapie (50 Gramm Cannabis pro Monat) gesünder fühlten und weniger Schmerzen hatten. Auch die Stimmung habe sich verbessert und die Patienten nahmen durchschnittlich vier Kilogramm an Gewicht zu.

Noch interessanter ist eine israelische Studie aus dem Jahr 2013. Von 21 Crohn-Patienten erhielten 11 Probanden zweimal täglich Cannabis in Form eines Joints und 10 Patienten einen Joint mit Cannabisblüten ohne THC und mit CBD.

10 von den 11 Probanden, die THC erhielten, berichteten über eine deutliche Verbesserung der Symptomatik, einem gesteigerten Appetit und einer besseren Schlafqualität. Drei Probanden, die vorher dauerhaft Kortison einnehmen mussten, konnten dieses absetzen.

Die gleichen israelischen Forscher hatten bereits zwei Jahre zuvor 30 Patienten mit Morbus Crohn interviewt, die ein- bis dreimal täglich Cannabis konsumierten. Bei 21 Befragten konnte festgestellt werden, dass sich ihr Zustand deutlich verbesserte.

Statt einem mäßigen Schub hatten die Crohn Erkrankten durch die Verwendung von Cannabis nur noch einen milden Schub. Auch das Wohlbefinden habe sich gebessert und die Anzahl der Stuhlgänge reduzierte sich durchschnittlich von acht auf fünf Stuhlgänge pro Tag.

Die aktuellen Studien lassen den Schluss zu, dass sich Cannabinoide möglicherweise zur Behandlung der Beschwerden im Rahmen entzündlicher Darmerkrankungen eignen. Noch fehlt es jedoch an klinischen Forschungen mit einer größeren Anzahl an Probanden, um die Wirksamkeit von Cannabis vollständig zu bestätigen. Dennoch machen die aktuellen Studienergebnisse Mut.

Biologischer Mechanismus gefunden, wie medizinisches Cannabis hilft

Was könnte die therapeutische Wirkung von Cannabis als Medizin erklären? Zum ersten Mal ist es Forschern gelungen, den biologischen Mechanismus zu finden, wie Cannabis bei CED (chronisch entzündlichen Darmerkrankungen) die Entzündungsprozesse lindert.

Beth A. McCormick, stellvertretende Vorsitzende und Professorin für Mikrobiologie und physiologische Systeme an der Medizinischen Fakultät der University of Massachusetts in Worcester, USA, hat das Wissenschaftler-Team im Rahmen der neuen Studie geleitet.

Ist der Körper mit einem Krankheitserreger infiziert, reagiert er mit der vermehrten Produktion von Neutrophilen. Neutrophile sind Immunzellen, eine Art weißer Blutkörperchen, die zur Bekämpfung von Bakterien dienen. Wenn die Immunzellen jedoch unverhältnismäßig stark reagieren, können sie das Epithel zerstören. Das ist die Schutzschicht der Zellen, die das Innere des Darms auskleidet.

Um die Überreaktion der Immunzellen zu stoppen, werden spezielle Moleküle entsendet und durch das Epithel transportiert, um die Entzündung zu stoppen. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass dieser Prozess endogene Cannabinoide (Endocannabinoide) benötigt, die natürlicherweise von unseren Körpern produziert werden. Diese Endocannabinoide haben eine ähnliche Wirkung wie die Cannabinoide im Cannabis.

Experimente an Mäusen und menschlichen Zelllinien zeigten dem Forscher-Team: Wenn Endocannabinoide fehlen oder nur unzureichend vorhanden sind, kann der Körper den Entzündungsprozess nicht mehr kontrollieren. Das führt dazu, dass die Neutrophilen die schützende Darmschicht zerstören.

Die Wissenschaftler glauben, dass Cannabis die natürlichen Cannabinoide ersetzt und die gleiche entzündungshemmende Wirkung wie Endocannabinoide hervorruft.

Hoffnung auf neue Medikamente für CED

Prof. McCormick kommentiert die Ergebnisse der Studie:

„Zum ersten Mal verstehen wir die Moleküle, die an dem Prozess beteiligt sind, und wie Endocannabinoide und Cannabinoide Entzündungen kontrollieren. Dies gibt klinischen Forschern ein neues Ziel in der Entwicklung von Medikamenten, um Patienten [mit CED] zu behandeln.“

Co-Autor Randy Mrsny, Professor an der Universität Bath, England, gibt zu bedenken:

„Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass dies zwar eine plausible Erklärung dafür ist, warum Marihuana-Konsumenten ihre CED-Symptome mit Cannabis lindern können, wir haben dies aber bisher nur an Mäusen ausgewertet und nicht beim Menschen experimentell bewiesen.“ Dennoch hofft auch Prof. Mrsny, „dass diese Ergebnisse uns helfen werden, neue Wege zur Behandlung von Darmerkrankungen beim Menschen zu finden.“

Wenn diese Forschungen zu neuen Cannabis-Medikamenten für Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen führen würden, wäre das ein riesiger Schritt für alle CED-Patienten. Da die Erkrankung mit tabuisierten Beschwerden einhergeht, stellt sie eine große Belastung für die – häufig jungen – Erkrankte dar. Bisher gibt es keine Heilung für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Eine Verbesserung des subjektiven Wohlbefindens und der Lebensqualität sind daher die wichtigsten Ziele der Therapie.

 

Hinweis: In diesem Artikel berichten wir über rezeptpflichtiges CBD oder auch Cannabidiol. Dieser Artikel macht zur möglichen Zweckbestimmung keinerlei Vorschlag. Nutzversprechen bleiben den Apothekern überlassen.

 

 

Quellen:

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