Cannabinoide könnten Krebs bekämpfen

Autor: Alexandra Latour

Veröffentlicht am: 5. Oktober 2017

Geändert am: 19. Oktober 2017

Lange Zeit war die Wirkung der in der Hanfpflanze enthaltenen Cannabinoide umstritten. Nonsense sagten die einen, Allheilmittel die anderen. Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Nun konnten Forscher erstmals anhand klinischer Studien die Wirksamkeit von Cannabinoiden bei der Tumorzellenbekämpfung nachweisen. Ein Meilenstein in der cannabinoiden Heilmittelkunde.

Seit langem wird medizinisches Cannabis zur Linderung der Beschwerden und Nebenwirkungen eingesetzt, die im Rahmen der konventionellen Krebs Therapie auftreten. Jetzt konnten Forscher im Rahmen einer Studie belegen, dass die in der Hanfpflanze enthaltenen Cannabinoide unter den entsprechenden Umständen sogar Krebszellen töten könnten.

Medizinisches Cannabis kann bei Krebspatienten offenbar nicht nur Schmerzen und die im Rahmen der Krebstherapie auftretenden Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen lindern, sondern auch zur Krebsheilung beitragen. In unterschiedlichen Studien konnten Forscher zeigen, dass die Cannabinoide aus der Hanfpflanze Tumorzellen oder Krebszellen vermutlich zerstören können.

Dies wurde vom US-Gesundheitsministerium auf einer Informationswebseite zu Krebserkrankungen jetzt bestätigt. Hier heißt es, dass sich die Anwendung von medizinischem Cannabis positiv auf Krebserkrankungen auswirken kann. Außerdem sollen Cannabinoide in der Lage sein, Tumorzellen direkt zu bekämpfen.

So sollen Cannabinoide wie THC und CBD Blutgefäße blockieren können, die Krebszellen zum Überleben brauchen. Hoffnungsvolle Ergebnisse hätten Studien laut dem US-Gesundheitsministerium bei Brustkrebs und Leberkrebs gezeigt.

Was ist Krebs?

Der Begriff „Krebs“ steht für viele unterschiedliche Krankheiten. Wenn sich körpereigene Zellen in einem Organ oder im Gewebe vermehren und ein Geschwulst bilden, sprechen Mediziner von einem Tumor. Dieser kann gutartig oder bösartig sein. Mit Krebs wird dann der bösartige (maligne) Tumor bezeichnet. Die „bösartigen“ Zellen teilen und vermehren sich unkontrolliert und verdrängen gesundes Gewebe. Auch in Organe oder Gewebe können diese Zellen eindringen und sich sogar über das Lymphsystem oder die Blutgefäße ausbreiten. Dann bilden sich die sogenannten Metastasen (Tochtergeschwülste).
Das Statistische Bundesamt hat für das Jahr 2015 folgende Zahlen bekannt gegeben:

 

Krebserkrankung Anzahl der weiblichen Patienten Krebserkrankung Anzahl der männlichen Patienten
Brustdrüsenkrebs 43.976 Prostatakrebs 23.932
Dickdarmkrebs 5.613 Lungen- und Bronchialkrebs 6.075
Lungen- und Bronchialkrebs 4.509 Dickdarmkrebs 5.535
Eierstockkrebs 3.461 Harnblasenkrebs 4.705
Magenkrebs 1.780 Magenkrebs 2.462
Gebärmutterhalskrebs 1.657 Speiseröhrenkrebs 1.661
Harnblasenkrebs 1.520 Bauchspeicheldrüsenkrebs 1.284

Im „Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland 2016“ vom Zentrum für Krebsregisterdaten des Robert-Koch-Instituts wird ausgeführt, Tumorerkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland darstellen. Verglichen mit dem Jahr 1980, hat die Krebsrate jedoch deutlich abgenommen.

Wie wird Krebs behandelt?

Welche Therapie zum Einsatz kommt, hängt immer von der Krebsart ab, wie groß der bösartige Tumor ist, und ob er bereits Metastasen gebildet hat. Haben sich diese noch nicht gebildet, stehen die Chancen auf Heilung in der Regel gut, da das veränderte Gewebe chirurgisch entfernt werden kann. Nach der Operation erfolgt eine Chemo- und/oder Strahlentherapie. Noch vorhandene Krebszellen sollen hiermit abgetötet werden. In einigen Fällen erfolgt die Chemo- und/oder Strahlentherapie vor der Operation, um den bösartigen Tumor zu verkleinern. Bei einigen Krebsformen werden zusätzlich noch Antihormon- und Immuntherapien eingesetzt.

Wenn die Therapie darauf abzielt, den Krebs zu bekämpfen, so wird von einer kurativen Therapie gesprochen. Die palliative Therapie kommt zum Einsatz, wenn der Krebs nicht mehr heilbar ist. Ziel ist es hier, die Beschwerden und Schmerzen der Krebspatienten zu lindern, um die Lebensqualität des Patienten zu verbessern.

Gibt es eine Vorbeugung gegen Krebs?

Es lässt sich schwer sagen, ob es einen tatsächlichen Schutz vor Krebs gibt. Jedoch sind Faktoren bekannt, die das Risiko erhöhen. Hierzu gehören Übergewicht, Rauchen und Alkohol. Ein ausreichender Sonnenschutz und keine übertriebenen Sonnenbäder können dabei helfen, Hautkrebs vorzubeugen. Für junge Mädchen besteht die Möglichkeit, eine Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) in Anspruch zu nehmen. Diese Viren sind maßgeblich an der Gebärmutterhalskrebs-Entstehung beteiligt. Und letztendlich hilft ein gesunder Lebensstil, um das Risiko für unterschiedliche Erkrankungen zu vermindern.
Früherkennungsuntersuchungen können Leben retten

Da sich der Krebs in der Regel gut behandeln lässt, wenn er in einem frühen Stadium erkannt wird, sollten die gesetzlichen Früherkennungsuntersuchungen (Krebsvorsorge) in Anspruch genommen werden.

Vorsorgekalender für Frauen

Alter Untersuchung Methode Zeitintervall
ab 20 Gebärmutterhalskrebs/

Krebserkrankungen des Genitales

Untersuchung der inneren und äußeren Geschlechtsorgane/

Abstrich zur Zellgewinnung vom Muttermund sowie aus dem Gebärmutterhalskanal

jährlich
ab 30 Brustkrebs Abtasten der Brustdrüsen sowie der Lymphknoten in der Achselhöhle jährlich
ab 35 Check-up (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Nierenerkrankungen) Körperliche Untersuchung, Blutdruckmessung, Urinkontrolle, Blutuntersuchung alle 2 Jahre
ab 35 Hautkrebs Untersuchung der gesamten Haut alle 2 Jahre
ab 50 Darmkrebs Test auf Blut im Stuhl jährlich
ab 50 Brustkrebs Röntgenuntersuchung (Mammographie) alle 2 Jahre
ab 55 Darmkrebs Darmspiegelung (Koloskopie) alle 10 Jahre

Vorsorgekalender für Männer

Alter Untersuchung Methode Zeitintervall
ab 35 Check-up (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Nierenerkrankungen) Körperliche Untersuchung, Blutdruckmessung, Urinkontrolle, Blutuntersuchung alle 2 Jahre
ab 35 Hautkrebs Untersuchung der gesamten Haut alle 2 Jahre
ab 45 Prostatakrebs Inspektion/Abtasten der äußeren Geschlechtsorgane, Enddarm Austastung, Untersuchung der Lymphknoten jährlich
ab 50 Darmkrebs Test auf Blut im Stuhl jährlich
ab 55 Darmkrebs Darmspiegelung (Koloskopie) alle 10 Jahre

Der Einsatz von Cannabis in der Krebstherapie

Es ist hinreichend bekannt, dass Cannabis in der Krebstherapie nützlich ist. Die in der Hanfpflanze enthaltenen Cannabinoide können gegen Übelkeit und Erbrechen helfen, die als unerwünschte Begleiterscheinungen bei einer Chemo- und/oder Strahlentherapie auftreten. Außerdem dienen die Inhaltsstoffe der Hanfpflanze als Stimmungsaufheller und Schmerzmittel.

Wichtig ist auch die appetitsteuernde Wirkung. Eine Krebserkrankung und die damit verbundene Behandlung wie Chemotherapie oder Bestrahlung führt häufig dazu, dass Betroffene keinen Appetit mehr haben. Eine spezielle Ernährung gegen Krebs gibt es nicht, jedoch ist es wichtig, dass Betroffene trotz der kräftezehrenden und anstrengenden Krebstherapie ausreichend essen, um bei Kräften zu bleiben.

Die appetitanregende und appetitsteuernde Wirkung von Cannabis wurde bereits mehrfach belegt, weshalb Cannabis bei der Chemotherapie und/oder der Bestrahlung sehr hilfreich sein kann.

Die beiden wichtigsten Cannabinoide in der Hanfpflanze sind das Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und das Cannabidiol (CBD). Neben dem Einsatz als Mittel gegen krebs bedingte Symptome sind die Cannabinoide vermutlich auch in der Lage, das Tumorwachstum zu hemmen, Krebs vorzubeugen und sogar im Einzelfall zu heilen. Das körpereigene Cannabinoidsystem (Endocannabinoidsystem) spielt hier eine bedeutende Rolle, denn die vom Körper gebildeten Cannabinoide bewirken mit den zugeführten Cannabinoiden aus der Hanfpflanze einen antitumoralen Effekt.

Bisher steckt die Forschung zu diesen Annahmen noch in den Kinderschuhen. Jedoch zeigen jetzt schon zahlreiche bereits durchgeführte Studien spektakuläre Erkenntnisse.

In zell- und tierexperimentellen Untersuchungen wird erforscht, wie Cannabinoide das Krebswachstum hemmen können. Dabei wird das Krebswachstum auf unterschiedlichen Ebenen gehemmt:

  • Apoptosen (Selbstmordprogramm der Zellen)
  • Hemmung der Krebszellvermehrung
  • Hemmung der Blutgefäßneubildung
  • Hemmung der Metastasenbildung

Stärkung der Immunabwehr

Forscher der Complutense University in Madrid konnten beispielsweise nachweisen, dass THC bei sehr aggressiven Hirnkrebszellen (Glioblastom) Apoptosen verursacht. Hierzu muss auch gesagt werden, dass ein Glioblastom ein sehr aggressiver und schnell wachsender Tumor ist. Die Chancen auf eine Krebsheilung stehen hier trotz verschiedener Behandlungen schlecht.

Auch zu anderen Krebsarten existieren Studien, die diesen Effekt belegen. Außerdem können Cannabinoide bei bestimmten Krebsarten, wie zum Beispiel Brust- und Prostatakrebs auch das Wachstum von Krebszellen hemmen. Die normalen und nicht veränderten Zellen wurden durch die Cannabinoide in ihrer Lebensfähigkeit nicht beeinflusst.

An der St. George’s Universität in London konnten Forscher jetzt belegen, dass Cannabinoide Blutkrebszellen töten können. Bereits im Jahr 2016 hatte eine Studie der Universität Tübingen gezeigt, dass synthetisch hergestelltes THC das Wachstum von Blutkrebszellen bremsen konnte.

Reduzierung der Metastasenbildung

Im Jahr 2010 heißt es in einer veröffentlichten Studie in der Fachzeitschrift Molecular Cancer, dass Cannabinoide über eine antitumorale Wirkung Verfügung und Brustkrebs-Metastasen in der Lunge vermindern können.

Ist CBD gegen Krebszellen wirksam?

Das Cannabinoid CBD, das sich nur schwach an die körpereigenen Cannabinoid Rezeptoren CB1 und CB2 bindet, scheint die Apoptose (Krebszellen zerstören sich selbst) bei Tumorzellen zu fördern. Diese Wirkung ist allerdings noch nicht vollständig verstanden. Hingegen konnte an Tiermodellen nachgewiesen werden, dass die Aktivierung der CB1- und CB2-Rezeptoren die Bildung von Metastasen reduziert. Dies konnten beispielsweise spanische Forscher im Jahr 2003 nachweisen.

Italienische Forscher behandelten unterschiedliche Brustkrebszellen in Vitro mit fünf Cannabinoiden (CBD, CBG, CBC, Cannabidiol- und THC-Säure). Um das Tumorwachstum zu hemmen, erwies sich CBD am effektivsten.

Veränderung des Immunsystems

Darüber hinaus kann sich das Immunsystem durch die Aktivierung der Cannabinoidrezeptoren verändern, und zwar insoweit, dass vermehrt entzündungshemmende Botenstoffe und T-Zellen produziert werden. Dabei können T-Zellen unerwünschte Immunprozesse unterdrücken und schützen vor Autoimmunerkrankungen.

Kann Cannabis tatsächlich Krebs heilen? Klinische Forschungen sind notwendig

Um die Frage, ob Cannabis tatsächlich Krebs heilen kann, beantworten zu können, sind klinische Forschungen erforderlich. Das bedeutet, dass die Wirkung bestimmter Stoffe am Menschen untersucht werden muss, da dies die Grundlage für den Einsatz von Cannabis-Medikamenten ist. Neben der Wirkung werden im Rahmen der klinischen Forschung auch die Verträglichkeit sowie die richtige Dosierung eines Wirkstoffes untersucht.

Bisher existiert nur eine Studie, bei der medizinisches Cannabis an schwer erkrankten Patienten untersucht wurde. Jedoch hat die Studie des spanischen Forschers Manuel Guzman nur eine eingeschränkte Aussagekraft, da es lediglich neun Probanden gab. Im Ergebnis heißt es jedoch, dass sich das Krebswachstum bei einzelnen Patienten deutlich verlangsamt hat.

Guzman plant weitere klinische Forschungen. Auch Forscher des MultiCare Auburn Medical Centers in Washington führen derzeit klinische Studien mit Krebspatienten durch. Eine Studie konnte schon Teilergebnisse liefern. Hier heißt es, dass sich die Überlebensrate von Patienten mit Hirntumoren gebessert habe.

Die Cannabis-Therapie bei Schmerzpatienten gilt seit vielen Jahren als effektiv. Gerade in Bezug auf Schmerzen ist Cannabis als Medizin gut erforscht. Die bisherigen Forschungen und Untersuchungen zu Cannabis in der Krebstherapie und zu der Frage, ob Cannabis Krebs heilen kann und wie Cannabis bei Krebs genau wirkt, zeigen das enorme Potenzial von Cannabis.

Quellen:

Statistisches Bundesamt: Krebserkrankungen im Jahr 2015

Zentrum für Krebsregisterdaten/Robert-Koch-Institut: Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland 2016

NIH National Cancer Institute, 2017, „Cannabis and Cannabinoids

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Department of Biochemistry and Molecular Biology I, School of Biology, Complutense University, C/José Antonio Novais s/n, 28040 Madrid, Spain, M Guzmán et al., 2006, “A pilot clinical study of Δ9-tetrahydrocannabinol in patients with recurrent glioblastoma multiforme

Department of Biochemistry and Molecular Biology I, School of Biology, Complutense University, and Instituto Universitario de Investigación Neuroquímica, Madrid, Spain, Guzman et al., 2016, “Anticancer mechanisms of cannabinoids

MultiCare Auburn Medical Center, Mailstop 202-3-PAL, 202 N Division Street, Auburn, Washington 98001 U.S.A., S.K. Aggarwal, 2016, “Use of cannabinoids in cancer care: palliative care

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Istituto di Chimica Biomolecolare, Consiglio Nazionale delle Ricerche Pozzuoli, Italy, Ligresti A1 et al., 2006, “Antitumor activity of plant cannabinoids with emphasis on the effect of cannabidiol on human breast carcinoma

NIH National Cancer Institute, 2017, „Cannabis and Cannabinoids