Cannabis bei ADHS und ADS

Autor: Christine Dr. Hutterer

Veröffentlicht am: 10. Mai 2017

Geändert am: 19. August 2017

Bekannt sind ADS und ADHS vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Man schätzt, dass knapp fünf Prozent aller drei bis 17-Jährigen betroffen sind. Doch natürlich werden AD(H)S-Kinder auch erwachsen und die Störung verschwindet nicht. Häufig wird die Störung sogar erst im Erwachsenenalter diagnostiziert.

Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS, auch Aufmerksamkeitsdefizitstörung) und, weit bekannter, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom) äußert sich in bei den Betroffenen folgendermaßen:

  • Sie sind leicht ablenkbar
  • Sie können sich schlecht längere Zeit auf eine Aufgabe konzentrieren
  • Sie reagieren häufig impulsiv

ADHS-Patienten sind im Unterschied zu ADS-Patienten zusätzlich häufig unruhig und zappelig und müssen sich ständig bewegen (Hyperaktivität).

Was passiert bei AD(H)S im Körper?

Entgegen einer noch immer verbreiteten Meinung, ist das Zappelphilippsyndrom nicht das Ergebnis falscher Erziehung oder schlechter Lebensgewohnheiten. Doch was sind die Ursachen für ADHS? Wissenschaftlich ist inzwischen gut belegt, dass die Verhaltensstörungen durch eine Ungleichgewicht wichtiger Botenstoffe im Gehirn ausgelöst wird. Diese sogenannten Neurotransmitter sind maßgeblich für die Verarbeitung von Informationen im Gehirn verantwortlich. Speziell der Neurotransmitter Dopamin ist bei ADS/ADHS in zu geringen Mengen vorhanden. Forscher konnten zudem zeigen, dass der Cannabinoidrezeptor 1 (CB1-Rezeptor) ebenfalls an der Entwicklung der ADHS beteiligt ist (1).
Demzufolge könnten Therapien wirksam sein, die das Ziel haben, das körpereigene Cannabinoidsystem (Endocannabinoidsystem) zu beeinflussen.

Dr. David Bearman forscht seit mehreren Jahrzehnten an den Wirkungen von medizinischem Cannabis. Er untersuchte unter anderem den Zusammenhang zwischen dem Endocannabinoid-System und ADHS. Dabei fand er heraus, dass Cannabinoide auf die Steuerung der Dopaminproduktion im Gehirn einwirken können. Offenbar erhöht es die bei ADS- und ADHS-Patienten die Verfügbarkeit von Dopamin.
Das gleiche Ziel verfolgen auch die klassischen Therapien bei ADHS mit den Stimulanzien Methylphenidat und Amphetamin. Die Wirkweise ist jedoch eine andere: Diese Wirkstoffe verhindern, dass Dopamin, wie normalerweise im Körper üblich und sinnvoll, auch wieder abgebaut wird. Das ist häufig mit Nebenwirkungen und Entzugserscheinungen verbunden, wenn die Medikamente abgesetzt werden.
Die Wirksubstanzen in Cannabis, die Cannabinoide wie THC oder CBD, können den Körper dabei unterstützen, den bei ADS- und ADHS-Patienten vorhandenen Dopaminmangel im Gehirn auszugleichen. Voraussetzung dafür ist, dass das medizinische Cannabis richtig dosiert und verabreicht wird.

Viele ADS- und ADHS-Patienten behandel(te)n sich selbst

Nun wird Cannabis in der öffentlichen Wahrnehmung nicht vorrangig mit verbesserter Konzentrationsfähigkeit und geistiger (kognitiver) Leistungsfähigkeit in Verbindung gebracht – ganz im Gegenteil. Dennoch ist schon eine Weile bekannt, dass ein Teil der ADS- und ADHS-Patienten Cannabis als Medizin konsumiert und damit gute Erfahrungen im Hinblick auf die Symptome des ADHS gemacht haben. Sie berichten davon, dass sie sich besser konzentrieren und besser schlafen können, dass abwechslungsarme und mühsame Tätigkeiten besser bewältigt werden und dass Stimmungsschwankungen schwächer ausfallen.

Da die Therapie mit Cannabis bisher verboten oder im Falle einer Ausnahmegenehmigung mit hohen Kosten verbunden war, haben ADS/ADHS-Patienten ihre Behandlung teilweise über illegale Wege selbst in die Hand genommen. Das lag auch daran, dass viele Patienten die klassischen Medikamente mit Methylphenidat oder Amphetaminen nicht gut vertragen, sie therapieresistent sind oder sie viele Nebenwirkungen und zu wenig günstige Wirkungen hatten. Daher suchten sie einen Weg, ADHS ohne Medikamente zu behandeln. Nachdem eine Cannabis-Therapie, wie in den folgenden Abschnitten weiter erklärt wird, die ADS/ADHS-Symptome durchaus verbesser kann und nun auch als Medikament vom Arzt verordnet werden kann, könnten einige Patienten davon profitieren. Es scheint so zu sein, dass die Wirkungen bei Patienten mit ADHS sich von denen gesunder Personen unterscheiden.

Cannabis beeinflusst die Symptome von ADS/ADHS

In einer Studie (2), die am Psychologischen Institut der Universität von Albany in New York (USA) durchgeführt wurde, wurden erwachsene ADS/ADHS-Patienten befragt, welche Symptome sie haben, wenn sie keinen Cannabis anwenden. Diese Frage ist interessant, denn die Symptomatik unterscheidet sich unter den Patienten. Es gibt eine Gruppe, die mehr an Hyperaktivität (ADHS) leidet und eine andere Gruppe, die mehr an Aufmerksamkeitsstörungen (ADS) leiden. Die Antworten zeigten, dass besonders die hyperaktiven und impulsiven Verhaltensweisen verstärkt auftreten, wenn auf den täglichen Konsum von Cannabis verzichtet wird. Auch der Cannabisextrakt Sativex verbesserte einer Studie zufolge die Hyperaktivität und Impulsivität bei Patienten mit ADHS (3).
Bei Heranwachsenden wurde ebenfalls untersucht, welche Auswirkungen Cannabiskonsum auf die Symptome hat (4). Es wurde eine Tendenz zu weniger Desorganisiertheit und ebenfalls zu einem geringeren Maß an Hyperaktivität und mangelnder Aufmerksamkeit erkannt.

ADHS-Therapie – Stimulanzien und Cannabis können sich ergänzen

Die klassische ADHS-Behandlung steht auf mehreren Säulen. Dazu gehören neben psychotherapeutischen und verhaltenstherapeutischen Ansätzen, Beratungs- und Coachinggesprächen auch Medikamente. Am häufigsten werden Stimulanzien mit dem WIrkstoff Methylphenidat (Ritalin) eingesetzt. Wie der Name schon sagt, wirken sie stark stimulierend – das unterstützt zwar die Funktion der Neurotransmitter im Gehirn und hilft dabei, die Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen, aber es erzeugt bei Betroffenen auch ein Gefühl von “unter Strom stehen”. Oftmals können sie dann abends nicht abschalten, nicht zur Ruhe kommen und nur schwer einschlafen.
Medizinisches Cannabis kann hier unterstützen, um aus diesem Kreislauf auszubrechen. So setzen einige ADHS-Patienten morgens und für die Arbeit Methylphenidat ein, während sie abends medizinisches Cannabis zur Beruhigung anwenden.

Cannabis – ADHS – Psychosen?

Die Einnahme von Cannabis kann aber bei allen gewünschten Wirkungen bei manchen Patienten auch paranoide Episoden oder Psychosen auslösen. Paradoxerweise ist es für andere Patienten eine bewährte Methode zur Behandlung ihrer Angstzustände.
Eine Große Studie beobachtete einen Zusammenhang zwischen stärkeren ADHS-Symptomen auf der einen, und Psychosen, Paranoia und Halluzinationen andererseits. Die Untersuchung zeigte aber auch, dass diese Symptome nicht durch die Verwendung von Cannabis, Amphetaminen oder Kokain verursacht wurden (5).
Bekannt ist, dass die Stimmung, in der man sich vor oder während der Einnahme befindet, einen großen Einfluss darauf hat, ob Psychosen oder unangenehme Effekte auftreten. Inzwischen vermutet man, dass die Neigung zur Entwicklung einer Psychose nicht mit dem Cannabis oder anderen Substanzen zusammenhängt, sondern es eine individuelle Anfälligkeit (genetische Disposition) dafür gibt. Weitere Faktoren spielen eine Rolle.

Wirkt Hanföl bei ADS und ADHS?

Gibt es vielleicht die Möglichkeit, die Symptome von ADS oder ADHS einfach über die Ernährung günstig zu beeinflussen? Studien haben gezeigt, dass ADHS-Patienten häufig einen niedrigen Spiegel an Omega-3-Fettsäuren im Blut haben, und dass ein niedriger Omega-3-Spiegel impulsives Verhalten begünstigt. Omega-3-Fettsäuren sind ungesättigte, essentielle Fettsäuren, die unser Körper zwingend benötigt, die er aber nicht selbst herstellen kann. Daher müssen sie in ausreichender Menge mit der Nahrung aufgenommen werden. Enthalten sind sie in vielen Seefischen und Ölen, unter anderem in hoher Konzentration in Hanfsamen und Hanföl.

Es wurde beobachtet, dass durch die langfristige Einnahme von Omega-3-Fettsäuren bei Schulkindern die typischen ADHS-Symptome deutlichen gemindert werden, Verhaltensauffälligkeiten abnehmen, während gleichzeitig die Lese- und Recht­schreibfähig­keiten der SchülerInnen zunehmen. Andere Arbeiten zeigten positive Auswirkungen auf die Stimmung und Ängste. Auch eine Doktorarbeit (6) zeigte, dass Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren Kindern und Heranwachsenden mit ADS helfen kann.
Die Studienlage lässt noch keine eindeutigen Aussagen darüber zu, ob und in welchem Maße sich Omega-3-haltige Lebensmittel wie Hanfsamen oder Hanföl zur (alleinigen) Behandlung von ADS/ADHS eignen, doch nach Absprache mit einem Arzt und bei Verwendung qualitativ hochwertiger Nahrungsergänzungsmittel oder Naturprodukte kann das einen Versuch wert sein.

Hanfsamen und Hanföl enthält übrigens keine Cannabinoide, also auch kein THC und darf daher nicht mit den verschreibungspflichtigen THC- oder Cannabis-Topfen verwechselt werden.

FAZIT:

Die meisten Mediziner sind sich darüber einig, dass die Studienlage noch nicht ausreicht, um Cannabis für die Behandlung von ADS/ADHS zu empfehlen. Dennoch scheinen die bisherigen Kenntnisse vielversprechend, was das Potenzial von Cannabis angeht. ADHS-Patienten könnte eine Gruppe von Personen darstellen, die durch die Verwendung von Cannabis in ihrer geistigen Leistungsfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit und anderen typischen ADHS-Symptomen Verbesserungen erreichen könnten.

Quellen:

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