Cannabis bei Epilepsie

Autor: Christine Dr. Hutterer

Veröffentlicht am: 20. Mai 2017

Geändert am: 18. Oktober 2017

Eine Epilepsie ist eine belastende Erkrankung. Durch die nicht vorhersehbaren Anfälle kann es leicht zu Verletzungen kommen. Außerdem können epileptische Anfälle das Gehirn schädigen. Ein wichtiger Ansatz der Therapie ist es daher, die Heftigkeit und die Anzahl der Anfälle zu senken. Cannabis kann dabei helfen.

Was ist Epilepsie?

Epilepsie ist eine Erkrankung des Nervensystems. Die Krankheit ist gekennzeichnet durch krampfartige Anfälle, so genannte epileptische Anfälle. Per Definition liegt eine Epilepsie erst dann vor, wenn mehr als ein Anfall ohne erkennbaren Auslöser (z.B. einen Stromschlag oder eine Vergiftung) aufgetreten ist. Eine Ausnahme bilden seltene Epilepsieformen, bei denen Anfälle durch bestimmte Reize ausgelöst werden können.

Das bekannteste Anzeichen einer Epilepsie ist der epileptische Anfall. Das ist ein Krampfanfall, der durch gestörte Prozesse im Körper entsteht. Ursache ist eine Veränderung im Gehirn. Die Epilepsieformen werden anhand der Ursache (Vorgänge im Körper) und der Art der Anfälle unterschieden.

Das Endocannabinoidsystem ist bei Epilepsie gestört

Bei der Epilepsie besteht ein Ungleichgewicht der Steuerung verschiedener Botenstoffe (Neurotransmitter). Die Ursache kann in einer einzelnen Hirnregion oder in der gesamten Hirnrinde liegen. An der Entstehung einer Epilepsie sind Botenstoffe des körpereigenen Cannabinoidsystems ebenso beteiligt, wie andere Neurotransmitter.

Ein epileptischer Anfall wird ausgelöst, wenn viele Nervenzellen sich plötzlich entladen und dabei Neurotransmitter freisetzen. Das Zusammenspiel der Auslöser kann sich bei den Epilepsieformen unterscheiden. Das führt zu unbeabsichtigten Kontraktionen der Muskeln und zu Zuckungen oder Schütteln. Man nennt diese Krampfanfälle auch konvulsive epileptische Anfälle.

Das Endocannabinoidsystem kann steuernd auf die anderen Neurotransmitter wirken. Wird das Endocannabinoidsystem aktiviert, so verhindert es, dass andere Neurotransmitter übermäßig von den Nervenzellen freigesetzt werden können. So kann ein epileptischer Anfall verhindert werden. THC aus Hanf kann genau das bewirken: Durch THC wird das Endocannabinoidsystem aktiviert. Ein epileptischer Anfall kann verhindert oder zumindest abgeschwächt werden.

Cannabis verhindert epileptische Anfälle

Es ist seit längerer Zeit bekannt, dass Cannabis oder Cannabisextrakte das Risiko von Anfällen bei Epilepsie verringern können. Sowohl in Tiermodellen als auch beim Menschen wurde die anti-konvulsive Wirkung beobachtet. Konvulsiv bezeichnet den krampfartigen Anfall; anti beschreibt, dass Cannabis gegen die Krämpfe wirksam ist.

Medizinalhanf kann offenbar aber nicht nur Anfälle verhindern, sondern auch das Gehirn vor Schädigungen durch die Anfälle schützen. Während eines Anfalls wird eine große Menge des Botenstoffs Glutamat freigesetzt. Das kann sich schädlich auf die Nervenzellen im Gehirn auswirken. Cannabis hat aber nicht das Potenzial, Epilepsie zu heilen.

Auch bei Kindern und Jugendlichen profitiert ein Teil der Patienten von der Behandlung mit Cannabisextrakten, die über den Mund aufgenommen werden. Doch bei Kindern und Jugendlichen ist man grundsätzlich mit dem Einsatz von Cannabismedikamenten sehr vorsichtig, weil es sich ungünstig auf die Gehirnentwicklung auswirken kann. Dennoch zeigte eine Analyse von Krankenakten in einem Kinderkrankenhaus in Colorado (USA), dass sich bei jedem vierten Kind die Anfälle um 50 Prozent reduzieren ließen.

Eine andere Untersuchung stellte fest, dass Cannabinoide die Wirkung der Epilepsiemedikamente Carbamazepin, Diazepam, Felbamat, Gabapentin, Phenobarbital, Topiramat und Valproinsäure) verstärken können. Möglicherweise kann dadurch die Wirkung der Medikamente weiter verbessert werden. Dazu sind jedoch weitere Untersuchungen notwendig.

Was wirkt besser – THC oder CBD?

Bei vielen Krankheitsbildern oder Symptomen setzt man entweder auf die Wirkungen von THC oder die von Cannabidiol (CBD). Beide Cannabinoide entfalten ihre Wirkung im Gehirn. Interessanterweise hat man festgestellt, dass sowohl THC als auch CBD gegen Krampfanfälle wirken, also anti-konvulsiv wirksam sind. Allerdings greifen unterschiedliche Mechanismen.

THC hat eine starke krampfverhindernde Wirkung. Es bindet an den körpereigenen CB1- Rezeptor und verstärkt die Aktivität des Endocannabinoidsystems, was – wie oben beschrieben – die Freisetzung von krampffördernden Neurotransmittern unterdrücken kann.

CBD hat einen anderen Wirkmechanismus. Zwar bindet CBD auch an den CB1-Rezeptor im Gehirn. Allerdings verhindert es, dass das Endocannabinoidsystem aktiviert wird. Wodurch die epileptischen Anfälle verhindert werden, ist noch nicht ganz klar.

Interessant ist auch die Beobachtung, dass CBD den Effekt von THC verstärkt. Daher sind grundsätzlich beide Wirkstoffe als Epilepsiemedikamente interessant. Da CBD keine Rauschwirkung hat, wird es als Mittel gegen Epilepsie bei Kindern vorwiegend eingesetzt.

Wird für die Therapie die Kombination aus THC und CBD gewünscht, kommen Cannabisblüten und als Fertigarzneimittel Sativex® in Betracht.

Epilepsie bei Kindern mit Cannabidiol behandeln?

Zwar ist der genaue Mechanismus, wie CBD epileptische Anfälle verhindern kann, noch nicht bekannt. Dennoch weiß man, dass Cannabidiol ein sehr effektives Mittel bei einigen Formen der Epilepsie ist. Das Dravet-Syndrom, das bei kleinen Kindern auftritt, kann damit gut behandelt werden. Da CBD keine psychotrope Wirkung hat, also keinen Rausch auslöst, kann es auch bei Kindern eingesetzt werden.

Derzeit gibt es jedoch kein Medikament, dass nur CBD enthält. Allerdings wird ein CBD-haltiges Arzneimittel zur Behandlung der Epilepsie von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA geprüft.

Häufige Formen der Epilepsie bei Kindern und Jugendlichen sind die Absence-Epilepsie und das Lennox-Gastaut-Syndrom. Sie sind geprägt von einer großen Zahl von Anfällen. Eine CBD-haltige Lösung konnte in einer Studie an Kindern die Anfallshäufigkeit um etwa die Hälfte reduzieren.

Quellen:

  • Treat L, Chapman KE, Colborn KL, Knupp KG. Duration of use of oral cannabis extract in a cohort of pediatric epilepsy patients. Epilepsia. 2017 Jan;58(1):123-127. doi: 10.1111/epi.13617. Epub 2016 Nov 18.
  • Citraro R, Russo E, Leo A, Russo R, Avagliano C, Navarra M, Calignano A, De Sarro G. Pharmacokinetic-pharmacodynamic influence of N-palmitoylethanolamine, arachidonyl-2′-chloroethylamide and WIN 55,212-2 on the anticonvulsant activity of antiepileptic drugs against audiogenic seizures in DBA/2 mice. Eur J Pharmacol. 2016 Nov 15;791:523-534. doi: 10.1016/j.ejphar.2016.09.029.
  • American Academy of Neurology
    https://www.aan.com/PressRoom/Home/PressRelease/1544
    (11.05.2017)

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