Medizinisches Cannabis bei HIV beziehungsweise Aids

Autor: Christine Dr. Hutterer

Veröffentlicht am: 20. Mai 2017

Geändert am: 17. Oktober 2017

HIV ist die Abkürzung für Humanes Immundefizienz-Virus. Das HI-Virus kann durch Kontakt mit infizierten Körperflüssigkeiten (Blut, Sperma, Vaginalsekret, Muttermilch und Liquor) übertragen werden. Das Merkmal von HIV ist, dass es die Zellen des Immunsystems zerstört. Unbehandelt entwickelt sich nach einer meist mehrjährigen Latenzphase das Vollbild der Krankheit - Aids. Aids ist die Abkürzung für Aquired Immunodeficiendy Syndrome.

Weltweit sind etwa 35 Millionen Menschen mit HIV infiziert, etwa 36 Millionen Menschen sind seit dem ersten Auftreten der Krankheit in den 1980er Jahren daran gestorben. Trotz intensiver Forschungen ist HIV/Aids nicht heilbar und es existiert noch keine Impfung. Dennoch kann eine HIV-Infektion gut behandelt werden. Eine Kombination aus Medikamenten verhindert, dass sich das Virus im Körper stark vermehren und die Zellen des Immunsystems zerstören kann. Man bezeichnet diese Therapie als HAART – Hochaktive antiretrovirale Therapie.

Wofür ist Cannabis bei HIV bzw. Aids nützlich?

Die Behandlung mit Medikamenten ist ein Segen für Infizierte, denn sie können ihr Leben fast normal weiterleben und haben auch eine hohe Lebenserwartung. Doch die HIV-Medikamente haben häufig auch eine Reihe an Nebenwirkungen.

Cannabis hat zwar keine Wirkung auf die Infektion und die Krankheit, aber es hat sich in der Behandlung einiger Symptome und Nebenwirkungen als wirksam erwiesen. Das haben viele HIV-Infizierte in der Vergangenheit festgestellt. Eine Studie aus Kanada aus dem Jahr 2004 befragte HIV-positive Patienten. 67 Prozent gaben an, Cannabis aus medizinischen Gründen zu verwenden.

Inzwischen kann Cannabis unter bestimmten Umständen auf Rezept verordnet werden.

Cannabis hat eine appetitanregende Wirkung

Eine typische Nebenwirkung der HAART bzw. bei Aids-Kranken ist Appetitlosigkeit. Damit geht häufig ein starker Gewichtsverlust einher, der den geschwächten Körper zusätzlich belastet.

In mehreren Studien wurde sowohl für Cannabis als auch für die Einnahme von Dronabinol gezeigt, dass die Kalorienaufnahme im Vergleich mit einem Scheinmedikament (Placebo) erhöht war. Die Studienteilnehmer, die Cannabis als Medikament oder Dronabinol erhielten, aßen häufiger.

Wird durch die Medikamente Übelkeit und Erbrechen hervorgerufen, sind die Betroffenen ebenfalls appetitlos. Erhielten Patienten THC in Form von Dronabinol, wurde auch bei ihnen der Appetit wieder angeregt.

Interessanterweise hat sich gezeigt, dass nicht alle Patienten bei der Behandlung mit Cannabis mehr Kalorien aufnehmen. Nur bei Patienten, die stark abgemagert waren, zeigte sich in Studien ein günstiger Effekt. HIV-Patienten mit nur wenig oder keinem Gewichtsverlust, aßen nicht mehr als sonst.

Cannabis verringert Übelkeit

Übelkeit und Erbrechen ist eine häufige Nebenwirkung der HIV-Therapie. Man geht davon aus, dass Übelkeit und Brechreiz entsteht, wenn in verschiedenen miteinander in Kontakt stehenden Gruppen von Nervenzellen bestimmte Informationen zusammentreffen. Das können Informationen zu giftigen Substanzen im Blut sein oder auch eine Meldung über den Inhalt des Magens und Darms oder über die Spannung im Magen. Die unterschiedlichen Informationen werden im Gehirn analysiert und dann “entschieden”, was der Körper dagegen unternehmen möchte.

Es gibt Medikamente, die den Brechreiz unterdrücken und Übelkeit lindern können. Dazu gehört auch THC bzw. Dronabinol. Es wirkt auf zwei Arten. Einerseits blockiert THC die Weitergabe von Informationen über Übelkeit auslösende Reize aus dem Blut und Magen-Darm-Trakt an die zuständigen Nervenzellen im Gehirn. Andererseits unterdrückt es die Ausschüttung des Botenstoffs Serotonin. Da die Serotonin-produzierenden Zellen in der Magenwand durch die Medikamente geschädigt werden, wird zu viel Serotonin abgegeben und simuliert fälschlicherweise eine zu hohe Spannung im Magen.

Andererseits kann Cannabis Übelkeit verursachen. Einige Menschen vertragen Cannabis als Medizin nicht, weil sie regelmäßig mit Übelkeit reagieren. Bei sehr wenigen Patienten tritt Übelkeit und Erbrechen erst nach jahrelanger regelmäßiger Cannabisanwendung auf.

Cannabis fördert Schlaf und Entspannung

Schlafstörungen sind ebenfalls eine mögliche Nebenwirkung der HIV-Therapie. Sie können auch durch die psychische Belastung, Angstzustände oder Depressionen hervorgerufen oder verstärkt werden.

Die Cannabinoide THC und CBD haben entspannende und schlaffördernde Wirkung. THC beispielsweise erweitert die Arterien. Das führt zu einem Absinken des Blutdrucks, was beruhigend wirkt. Viele Patienten berichten von einer Besserung der Schlafstörungen, wenn Cannabis als Medikament eingesetzt wurde.

CBD wirkt in geringer Dosierung wachmachend, in höherer Dosierung einschläfernd (sedierend).

Cannabis wirkt bei weiteren Symptomen

Sowohl die Therapie einer HIV-Infektion als auch in späteren Stadien eine Aids-Erkrankung kann eine Reihe weiterer Symptome aufweisen. Cannabis hat in Studien oder bei Anwendern bei einer Reihe von Beschwerden lindernde Wirkung gezeigt. Dazu gehören:

  • Angst und Angststörungen
  • Nervenschmerzen
  • Chronische Schmerzen
  • Missempfindungen wie Brennen, Kribbeln und Prickeln
  • Depressionen
  • Verstopfung
  • Schwächegefühl

Cannabis in Kombination mit HAART

Die HIV-Therapie mit HAART erfolgt mit einer Kombination von Medikamenten. Diese sollen gezielt die Vermehrung der Viren im Körper unterdrücken. Meist müssen die Medikamente in regelmäßigen Abständen gewechselt werden, weil sich das Virus verändert und so die Wirkung der Therapeutika umgeht.

In Studien wurde untersucht, ob eine Behandlung mit Cannabis zusätzlich zu einer HIV- oder Aids-Behandlung unerwünschte Wirkungen auf die HIV-Medikamente hat. Das konnte nicht beobachtet werden. Cannabis hat offenbar keinen negativen Einfluss auf die Wirksamkeit der HAART.

Cannabis wirkt positiv auf das Immunsystem

Wissenschaftler haben bei ihren Forschungsarbeiten herausgefunden, dass THC auf die Zellen des Immunsystems wirken kann. In einer Untersuchung zeigte sich, dass THC eine nützliche Wirkung haben kann, in dem es die Entstehung von Entzündungsvorgängen im Magen-Darm-Trakt verhindert. Wie genau der Zusammenhang ist, bzw. auf welche Weise diese Erkenntnisse in der HIV-Therapie genutzt werden könnten, ist derzeit aber noch unklar.

 Wirkt Cannabis auf das HI-Virus?

Obwohl das Endocannabinoidsystem an vielen Schaltstellen im Körpern von Bedeutung ist und Cannabinoide eine große Zahl von Prozessen beeinflussen können, so hat Cannabis bzw. seine wichtigsten Inhaltsstoffe THC und CBD keine Wirkung auf das HI-Virus.

Fazit: Cannabis kann als Medikament folglich die Auswirkungen einer HIV-Infektion und die Krankheitssymptome lindern, es kann aber die Krankheit nicht heilen.

Ähnliche Artikel