“Cannabis ist meine Medizin.” – Wie erkläre ich das als Patient Familie und Freunden?

Autor: Christine Dr. Hutterer

Veröffentlicht am: 6. Mai 2017

Geändert am: 17. Oktober 2017

Seit März 2017 kann in Deutschland Cannabis als Medikament verordnet werden. Jeder niedergelassene Arzt (außer Zahn- und Tierärzten) ist dazu berechtigt. Bisher war das in dieser Form nicht möglich. Bei vielen Krankheiten kann medizinisches Cannabis helfen, die Symptome zu lindern und wird darum zu Therapiezwecken eingesetzt.

Für viele Patienten stellt sich nun die Frage, wie sie ihrer Familie und ihren Freunden erklären können, dass sie nicht drogenabhängig sind, sondern dass das eine Cannabis Therapie mit Medizinalhanf eine erlaubte Form der Therapie ist, während das als “Gras” oder “Marihuana” bezeichnete Cannabis als Rauschmittel weiterhin verboten bleibt.

Warum bekomme ich Cannabis als Medizin auf Rezept?

Seit vielen Jahrhunderten werden Cannabis, cannabishaltige Extrakte oder Produkte bei verschiedenen Krankheiten und Beschwerden als Medizin eingesetzt. Erst als Hanf zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Droge in Verruf kam und verboten wurde, ging die Verwendung in der Medizin zurück.

Sie bekommen als Patient Cannabis auf Rezept, weil Sie an einer Krankheit oder Symptomen einer Krankheit leiden, bei denen kein anderes Medikament (mehr) hilft. Außerdem muss es eine Aussicht geben, dass Cannabis spürbar helfen könnte. In diesen Fällen ist die Krankenkasse zur Kostenübernahme verpflichtet. Es muss jedoch eine Genehmigung der Krankenkasse eingeholt werden.

Ob Cannabis bei Ihnen die gewünschte Wirkung zeigt, kann im Vorhinein nicht gesagt werden, denn jeder Mensch reagiert anders auf die Inhaltsstoffe.

Bei folgenden Krankheiten können Cannabis oder cannabinoidhaltige Medikamente helfen:

  • Cannabis bei Krebs: Cannabis kann dabei helfen, Übelkeit und Erbrechen während der Chemotherapie bei einer Krebserkrankung zu verringern. Erste Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass Cannabis auch auf die Teilung von Krebszellen günstig wirken könnte. Dazu ist jedoch weitere intensive Forschung nötig. Cannabis wird daher nicht gegen Krebs eingesetzt.
  • Cannabis bei Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust: Krebs- und HIV/Aids-Patienten und Krebs-Patienten leiden häufig durch die Behandlung an Appetitlosigkeit und verlieren viel Gewicht. Das schwächt den ohnehin durch die Krankheit oder die Therapie geschwächten Körper zusätzlich. Cannabis verbessert den Appetit und den Geschmack der Nahrung.
  • Cannabis bei chronischen und neuropathischen Schmerzen: Viele Studien haben gezeigt, dass Cannabis sowohl bei Schmerzen, die durch das Nervensystem verursacht werden (neuropathisch), als auch bei chronischen Schmerzen hilfreich sein können.
  • Cannabis bei Multipler Sklerose: Patienten mit multipler Sklerose leiden mitunter unter Spastiken. Cannabis zeigt gute Wirkung darin, die Häufigkeit und Intensität der Spastiken zu verringern. Dadurch verbessert sich meist auch das Wohlbefinden der Patienten – sie können beispielsweise besser schlafen.
  • Cannabis bei anderen Erkrankungen: Die Wirkung von Cannabis wird auch für andere Erkrankungen vermutet. Allerdings wurde dazu bislang zu wenig geforscht, um sicher sagen zu können, ob und wie gute Cannabis als Medizin wirksam ist. Dazu gehören unter anderem Tourette-Syndrom und Bewegungsstörungen, Glaukom, Dystonie, Asthma, Arthritis und verschiedene Schmerzen

In welcher Form wird Cannabis auf Rezept verordnet

Der Arzt stellt ein so genanntes BtM-Rezept aus. BtM steht für Betäubungsmittel. Im Betäubungsmittelgesetz ist geregelt, dass nun auch Cannabisblüten und Cannabisextrakte auf diese Weise verschrieben werden können. Vor der Verordnung muss eine Genehmigung der Krankenkasse eingeholt werden. Wird diese Genehmigung nicht erteilt, müssen die Kosten für die Therapie vom Patienten selbst bezahlt werden.

Ihr Arzt kann Ihnen Cannabis auf verschiedene Arten verschreiben.

  1. Als cannabishaltiges Arzneimittel
    Dronabinol enthält synthetisch hergestelltes THC. Als ölige Lösung kann es als Tropfen eingenommen werden. In der Apotheke können aber auch spezielle, vom Arzt verschriebene Rezepturen (Rezepturarzneimittel) hergestellt werden.
    Sativex ist ein Fertigarzneimittel, das die beiden wirksamsten Inhaltsstoffe (Cannabinoide) der Cannabispflanze enthält: THC und CBD (Cannabidiol).
    Canames enthält ein, dem THC sehr ähnliches, Cannbinoid.
  2. In Form von Cannabisblüten oder Cannabisextrakten. Es stehen Cannabisblüten mit unterschiedlicher Zusammensetzung der Cannabinole THC und CBD zur Verfügung, um die gewünschte Wirkung erzielen zu können.

Einnahmearten von medizinischem Cannabis

Im Gegensatz zu Cannabis im Freizeitgebrauch, wird Cannabis als Medizin nicht zusammen mit Tabak geraucht. Die optimale und empfohlene Art der Inhalation ist das Verdampfen. Dies ist wesentlich schonender für die Lunge. Außerdem ist die Einnahme als Tropfen, Spray oder Kapseln möglich.

Die Einnahme von medizinischem Cannabis unterscheidet sich also stark vom Freizeitkonsum. Diese Information kann Angehörigen und Freunden zeigen, dass Sie ein legales Medikament einnehmen und keine Droge einnehmen.

Patienten dürfen das benötigte Cannabis nicht selbst anbauen, sondern bekommen es vom Arzt verschrieben. Medizinisches Cannabis wird unter strengen Kontrollen angebaut um die Zusammensetzung der Wirkstoffe möglichst konstant zu halten und somit einen medizinischen Standard einzuhalten.

Cannabis ist keine Droge, sondern ein Medikament

Vielleicht haben Sie oder Ihr Umfeld typische Bilder von Drogenabhängigen im Kopf. Vielleicht gibt es auch die Angst, dass Sie drogenabhängig werden könnten. Doch medizinisches Cannabis ist ein Medikament, eine Medizin und keine Droge!

Die Wirkungen der Hanfpflanze gehen nicht darauf zurück, dass der Patient in einem Rauschzustand ist, in dem er sowieso keine Schmerzen/Beschwerden mehr spürt. THC und CBD wirken an ganz gezielten Stellen im Körper. In unserem Körper gibt es Stellen, an denen Cannabinoide andocken können (Rezeptoren).

Dieses System ist für die Steuerung vieler Prozesse im Körper lebensnotwendig (z.B. an der Regulation des Herzkreislaufsystems, an Funktionen im Magen-Darm-Trakt, in der Muskulatur, in den Knochen, im Immunsystem, in der Haut und im Nervensystem).
Normalerweise binden an diese so genannten Cannabinoidrezeptoren auch nur körpereigene Cannabinoide. Wird Cannabis oder ein cannabishaltiges Medikament eingenommen, so können die enthaltenen Wirkstoffe (v.a. THC und CBD) gezielt eine Wirkung erzeugen.

Die Wirkung kann über die Auswahl des Medikaments oder die Cannabissorte und über die Dosierung gesteuert werden. Im Gegensatz zum Cannabiskonsum mit dem Ziel eines Rausches, ist die Dosis bei der Verwendung als Medizin geringer. Zu Beginn einer Therapie mit medizinischem Cannabis können Nebenwirkungen auftreten (z.B. Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit oder auch psychische Effekte). Der Körper gewöhnt sich jedoch innerhalb kurzer Zeit daran.

Vergleichen wir doch einmal Cannabis mit anderen Medikamenten. Jedes Schmerzmittel kann Nebenwirkungen haben. Medikamente gegen starke und chronische Schmerzen bergen oft auch die Gefahr einer Abhängigkeit. Nicht wenige Menschen in Deutschland sind abhängig von Schmerzmitteln. Dennoch haben diese Substanzen in der Behandlung von Schmerzen eine Berechtigung und Ärzte verschreiben sie.

Ähnlich ist es bei Medizinalhanf: Cannabis kann (z.B.) wirksam gegen Schmerzen sein. Es können Nebenwirkungen auftreten und bei unsachgemäßem Gebrauch kann es zu einer Abhängigkeit kommen. Dennoch steht die Wirkung gegen die Beschwerden im Vordergrund.

→ Hinweis an Autorin: Stigmatisierung aufbrechen. Den Unterschied zwischen medizinischem Cannabis und Cannabis (Gras) erklären.

Wie medizinisches Cannabis Schwerkranken (chronisch Kranken) helfen kann

Es gilt heute als erwiesen, dass Cannabis-Inhaltsstoffe bei verschiedenen Erkrankungen einen Nutzen für die Therapie haben können. Doch es ist noch viel Forschung nötig, um die Wirkungen auf verschiedenen Krankheiten besser zu verstehen. Darum wird eine Cannabis-Therapie heute vor allem bei chronisch Kranken und schwerkranken Patienten eingesetzt, die als austherapiert gelten. Das heißt es wurde jegliche Therapieform der Schulmedizin versucht und sämtliche herkömmliche Medikamente verordnet ohne dass sich die gewünschten Effekte einstellten.

Nachgewiesene Wirkungen hat Cannabis etwa bei Multipler Sklerose, chronischen Schmerzen, schwerer Appetitlosigkeit oder Übelkeit als Folge einer Chemotherapie. Bei diesen Krankheiten sorgt es für Besserungen der Symptome. Das wurde in zahlreichen Studien gezeigt.

Welche Besonderheiten bringt medizinisches Cannabis als Medikament mit sich und worauf muss ich bei der Einnahme achten?

Wie bei vielen anderen Medikamenten auch, muss man bei einer Therapie mit medizinischem Cannabis einige Dinge beachten. Zunächst muss man sich immer wieder vor Augen führen, dass es sich hierbei um ein pflanzliches Produkt handelt. Jeder Mensch reagiert demnach unterschiedlich auf die Wirkstoffe. Die Inhaltsstoffe werden mittlerweile auch synthetisch hergestellt, was oft die Wirkung verändert. Was dem einen hilft, kann für den anderen unerwünschte Nebenwirkungen haben. Bei der Therapie mit medizinischem Cannabis ist eine genaue Einstellung und Dosierung daher essentiell um die gewünschten positiven Effekte zu erreichen. Geschieht dies zusammen mit dem Arzt oder der Ärztin, sind die Erfolgschancen meist sehr hoch.

 

Q&A:

Q:

Darf ich mein Cannabis selbst anbauen?

A:

Darf ich mein Cannabis selbst anbauen?

Nein. Cannabis darf nur aus kontrollierten Quellen bezogen werden. In Deutschland gibt es eine staatliche Cannabisagentur. Sie überwacht die Produktion des Medizinalhanfs. Der eigenmächtige Anbau von Cannabis bleibt strafbar.

Q:

Darf ich medizinisches Cannabis mit ins Ausland nehmen?

A:

Darf ich medizinisches Cannabis mit ins Ausland nehmen?

Das ist von Land zu Land verschieden. Im Vorfeld sollte das Konsulat des Ziellandes konsultiert werden. Grundsätzlich ist für alle Länder, in die Cannabis mitgenommen werden kann, ein EU-weit gültiges Formular nötig.

Q:

Darf ich als Cannabispatient/in Auto fahren, also aktiv am Straßenverkehr teilnehmen?

A:

Darf ich als Cannabispatient/in Auto fahren, also aktiv am Straßenverkehr teilnehmen?

Wenn Sie als Cannabis-Patient/in mit einer Fahrerlaubnis der Führerscheingruppe 1 stabil eingestellt sind und Ihre körperlichen Fähigkeiten es zulassen, dürfen Sie fahren. Zu Beginn einer Cannabistherapie ist von der Teilnahme am Straßenverkehr abzuraten bis die richtige Dosierung gefunden ist. Für die Führerscheingruppe 2 muss eine Begutachtung beantragt werden.

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