Cannabis und Angstzustände

Autor: Christine Dr. Hutterer

Veröffentlicht am: 10. Mai 2017

Geändert am: 17. Oktober 2017

Medizinisches Cannabis wird seit Jahren erfolgreich in der Therapie von Angststörungen eingesetzt. So dürfte es das Thema “Cannabis und Angstzustände” eigentlich nicht geben. Dennoch können die Cannabismedikamente bei einigen Patienten Paranoia, Halluzinationen oder Psychosen auslösen. Wie passt das zusammen? Und woher kommen die unterschiedlichen Wirkungen?

Wodurch werden unerwünschte Wirkungen beim Cannabiskonsum ausgelöst?

Die bekannten gewünschten und unerwünschten Wirkungen von Cannabis werden durch Cannabinoide hervorgerufen. Für den Rausch ist besonders das THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) verantwortlich. Es bewirkt aber auch eine Reihe medizinischer Wirkungen. Das zweite, sehr bekannte Cannabinoid ist CBD (Cannabidiol). CBD hat eher eine beruhigende und krampflösende Wirkung.

Die Schwierigkeit besteht darin, die Wirkungen auf den Patienten vorherzusehen.
Denn: Cannabis wirkt nicht bei allen Menschen gleich.

Pro: Cannabis als Therapie – Cannabidiol unterstützt die Verarbeitung von Angsterfahrungen

In unserem Körper befinden sich Rezeptorstellen, an die Cannabinoide (THC und CBD) binden können. Jeder Mensch produziert eigene Cannabinoide, die Endocannabinoide. Sie wirken ähnliche wie die Substanzen in Cannabis. Allerdings wendet der Körper sie nur in sehr kleinen Mengen an.

Im Gehirn von Patienten, die starken Stress oder Traumata erlebt haben, gibt es scheinbar einen Mangel an körpereigenen Cannabinoiden. Das könnte erklären, warum der Konsum von Cannabis entspannende und Angst lösende Wirkung haben kann.

In einigen Untersuchungen an Tieren und in klinischen Studien am Menschen wurde gezeigt, dass Cannabidiol (CBD) Angst lösende Wirkungen hat. Studienteilnehmer sollten eine Rede vor Publikum halten. Die meisten Menschen haben davor Angst. Wurde ihnen vor der Angst einflößenden Situation CBD oder andere Angst lösende Medikamente verabreicht, so verringerte sich die Angst.

Auch Patienten mit generalisierten sozialen Angststörungen profitieren in einer Studie von eine CBD-Einnahme. Die Teilnehmer empfanden nach einer CBD-Einnahme deutlich weniger Angst, als wenn sie nur ein Scheinpräparat (Placebo) bekamen.

Scheinbar wirkt CBD auf Hirnregionen, die für die Verarbeitung von Gefühlen zuständig sind. Außerdem kann CBD dabei helfen, Erinnerungen an angstvolle Erlebnisse oder Erfahrungen auszulöschen.

Das Auslöschen von Angstgefühlen ist in der Behandlung von Angststörungen ein wichtiger Baustein. Das “Vergessen” der Angst muss erst gelernt werden. Bei Untersuchungen zeigte sich, dass das mit CBD deutlich besser klappte.

Diese Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass CBD bzw. bestimmte Cannabissorten als Therapie von Angststörungen geeignet sein könnten. Allerdings sind noch weitere Studien nötig, um genauere Aussagen treffen zu können.

Contra: Cannabis als Auslöser von Angstzuständen

THC ist vor allem für die Rauschwirkung verantwortlich. Es dockt an Rezeptoren im Gehirn an. Viele davon befinden sich in der Amygdala. Die Amygdala ist eine Struktur, die an der emotionalen Verarbeitung und Steuerung von Gefühlen wie Angst, Stress und Paranoia beteiligt ist.

Welche Mechanismen genau im Gehirn wirken, ist noch nicht bekannt. Doch wenn THC auf die Amygdala wirkt, verändert es die Kommunikation zwischen Nervenzellen. Im positiven Fall ist das ein angenehmer Rausch. Im negativen Fall können die Gefühle umschlagen. Meist trifft es Personen, die zum ersten Mal Cannabis konsumieren. Sie sind noch unerfahren und erwischen häufig eine zu hohe Dosis.

Bei einer Cannabistherapie ist ein Rauschzustand gar nicht erwünscht. Die Dosierung wird zu Beginn sehr niedrig gewählt und langsam gesteigert. Das Ziel ist es, dass die gewünschten Wirkungen (z.B. Schmerzreduktion) so gut wie möglich erreicht werden, aber keine oder nur wenige Nebenwirkungen auftreten. Daher sind Halluzinationen und Psychosen mit Cannabis als Medikament eher selten.

Psychosen, Angststörungen und Depressionen als Folge von Cannabiskonsum kommen also vor allem beim Freizeitkonsum vor. Neben Erstkonsumenten können aber auch regelmäßige Nutzer betroffen sein. Wissenschaftler vermuten, dass diese Personen aufgrund ihrer persönlichen Anlagen ein erhöhtes Risiko für diese Erkrankungen haben. Es ist wohl nicht so, dass Cannabis diese psychischen Erkrankungen auslöst.

Cannabisbedingte Angstzustände vermeiden

Sollten Sie sich Sorgen machen, eine Paranoia durch Cannabis zu erfahren, möchten wir Sie beruhigen. Es gibt Möglichkeiten, Angstzustände zu verhindern oder mit auftretenden Situationen umzugehen.

  • Die Auswahl der Cannabissorte
    Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die Cannabissorte. Sorten mit niedrigem THC- und/oder höherem CBD-Gehalt sind günstig.
  • Niedrige Dosis
    Beginnen Sie mit sehr niedrigen Dosierungen. Beim Verdampfen tritt die Wirkung schneller ein als bei der Verabreichung eines Öls, Sprays oder Kapseln. Falls Sie Ihr Cannabismedikament oral aufnehmen, warten Sie lange genug, um keine Überdosis zu bekommen.
  • Angenehme Umgebung
    Zu Beginn der Therapie sollten Sie sich Ruhe gönnen, um das Medikament in einem entspannten Zustand zu sich zu nehmen. An sich sollte durch die niedrigen Dosierungen keine starke Reaktion auftreten, doch Panikattacken oder Paranoia lassen sich vermeiden, wenn man sich in einer angenehmen Umgebung befindet.

Sollten Sie unangenehme Wirkungen erfahren, versuchen Sie ruhig zu bleiben. Nach spätestens einigen Stunden klingt die Wirkung ab. Sprechen Sie auf jeden Fall mit Ihrem Arzt, wenn Sie sich mit Ihrem Medikament nicht wohlfühlen.

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