Leafly.de Cannabis Report: Behandlungen in Sachsen noch die Ausnahme

Autor: Gesa Riedewald

Veröffentlicht am: 1. September 2017

Geändert am: 18. November 2017

In Sachsen erhalten weit weniger Patienten eine Cannabis-Therapie als im Rest der Bundesrepublik. Die Zahl der in den Apotheken ausgestellten Cannabis-Rezepte liegt im einstelligen Bereich. Die Landesärztekammer in Sachsen macht dafür das Cannabis-Gesetz verantwortlich – das ihrer Meinung nach zu schwammig ist und die Ärzte im Regen stehen lässt.

Zahlen und Fakten über die Cannabis-Verordnung in Sachsen

In Sachsen kommt medizinisches Cannabis auf Rezept bisher nicht gut an: Die Behandlung mit Cannabinoiden liegt im Freistaat weit unter dem Bundesdurchschnitt, bei einer Zahl im einstelligen Bereich, wie Göran Donner berichtet, Vizepräsident der Sächsischen Apothekerkammer. Im März dieses Jahres wurden bundesweit auf 488 Rezepten insgesamt 564 Cannabis-Arzneimittel ausgestellt – dabei handelte es sich um Cannabis-Zubereitungen oder um Cannabis-Blüten. Diese Zahlen veröffentlichte die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Die Analyse der ABDA bezieht sich allerdings nur auf Cannabis-Verordnungen, die zu lasten der gesetzlichen Krankenkassen ausgestellt wurden. Privatrezepte sind in der Statistik nicht erfasst. (Hier finden Sie weitere Zahlen und Fakten zu Cannabis als Medizin in Deutschland.)

Inzwischen scheinen aber mehr Sachsen an medizinischem Cannabis interessiert zu sein: Laut MDR Sachsen haben bei der AOK PLUS 152 Patienten zumindest einen Antrag für eine Cannabis-Behandlung gestellt. Die Krankenkasse versichert in Sachsen über 2,2 Millionen Menschen.

Neues BtMG ermöglicht Behandlung mit Cannabis als Therapiealternative

Seit Inkrafttreten des geänderten Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) am 10. März 2017 ist Cannabis als Medizin für Schwerkranke erstattungsfähig. Bisher benötigten Patientinnen und Patienten für eine Behandlung mit Cannabis eine Ausnahmegenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Seit der Neuregelung des BtMG reicht eine Cannabis-Verordnung des behandelnden Arztes aus, denn dieser trägt nun die Verantwortung. Die Krankenkasse darf die Kostenerstattung nur in begründeten Ausnahmefällen ablehnen. Innerhalb von fünf Wochen muss die Krankenversicherung den Antrag bearbeiten, in der Palliativmedizin sogar nach drei Tagen. Somit ist Cannabis als Medizin jetzt eine Therapiealternative für Schwerkranke, die beispielsweise an chronischen Schmerzen leiden, an Depressionen oder einer Spastik.

Unsicherheiten und Hürden im Umgang mit Cannabis-Medizin

Häufig berichten Patienten von Problemen, einen Mediziner zu finden, der ihnen Cannabis auf Rezept verschreibt. Unter der Ärztinnen und Ärzten herrscht teilweise noch eine große Unsicherheit, wann eine Therapie mit Medizinalhanf sinnvoll und Erfolgversprechend ist. Und so schrecken viele Mediziner davor zurück, eine Cannabis-Therapie einzuleiten – nur wenige Ärzte haben bisher Erfahrung mit Cannabinoiden gemacht.

Darüber hinaus beschert ein Cannabis-Patient dem Mediziner extra Arbeit: Nach dem neuen Cannabis-Gesetz muss der verschreibende Arzt an einer Begleiterhebung teilnehmen, die anonymisierte Daten der Patienten auswertet. Ist der Arzt nicht bereit, sich an dieser wissenschaftlichen Studie zu beteiligen, übernimmt die Krankenkasse auch nicht die Kosten für die Cannabis-Medizin. Zudem fürchten viele Ärzte aufgrund der hohen Kosten der Cannabisprodukte ihr Budget zu überschreiten – denn dann können Regressansprüche auf die Praxen zukommen.

Auch Apothekerinnen und Apotheker sind sich unsicher im Umgang mit medizinischem Cannabis – das ergab eine Umfrage des Instituts für Handelsforschung Köln unter Apothekenleitern. Immerhin wünschen sich laut der Deutschen Apotheker Zeitung mehr als 80 Prozent der Befragten „neue Fortbildungsmaßnahmen, damit die Mitarbeiter ausreichend geschult sind, um Patienten bezüglich der Therapie-Möglichkeiten mit Cannabis kompetent zu beraten“.

Sächsische Landesärztekammer kritisiert die fehlenden Vorgaben im Cannabis-Gesetz

Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, sieht das Problem bei der Politik und kritisiert das Cannabis-Gesetz scharf: Die „Politik lässt die Ärzte im Regen stehen“, so der Ärztepräsident in einer Pressemitteilung von Anfang August. In dem Gesetz gebe es keine Regelungen zu den Diagnosen und Indikationen, bei denen eine Cannabis-Verordnung angebracht sei. „Jeder Patient, der glaubt, seine Rückenschmerzen mit Cannabis behandeln zu können, kommt jetzt in die Arztpraxis. Es wurden Hoffnungen geweckt, Ärzte und schwerkranke Patienten jedoch im Stich gelassen.“ Weiterhin vermisst Bodendieck im Gesetzestext klare Angaben zum Alter der Patienten sowie Hinweise zur Einnahme – zum Beispiel dazu, ob das Rauchen von Cannabis sinnvoll ist.

Die CDU Sachsen weist die Kritik der Landesärztekammer gegenüber Leafly.de zurück – ihrer Meinung nach sind fehlende Vorgaben in der Neufassung des BtMG kein Problem: „Im Gesetz ist ausdrücklich geregelt, dass Cannabis nur bei schwerwiegenden Erkrankungen verordnet werden darf. Wir tragen ausdrücklich der Therapiefreiheit der Ärzte Rechnung.“ Und wann bei den Patienten eine schwerwiegende Krankheit vorliegt, ist im SGB V klar geregelt: Nämlich dann, wenn diese lebensbedrohlich ist oder wenn sie die Lebensqualität auf Dauer nachhaltig beeinträchtigt.

René Jalaß, drogenpolitischer Sprecher der Linken im sächsischen Landtag, beurteilt gerade die Tatsache, dass das Cannabis-Gesetz sehr offen formuliert ist, als seine Stärke: „Dass die Politik wenig Vorgaben macht, ist auch positiv. Über die beste medizinische Versorgung sollen nicht die Politik, sondern Mediziner entscheiden.“ Aber auch er sieht Schwächen der neuen Regelung des BtMG: „Vor dem Gesetz hat das staatliche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte den Bedarf im Einzelfall geprüft. Diese Aufgabe hat der Gesetzgeber nun privatisiert und dabei Patienten, Krankenkassen, Ärzte und Apotheker sich selbst überlassen.“

Nötige Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte fehlen in Sachsen

Die vielen offenen Fragen bezüglich der Behandlung mit Cannabis verlangen nach Fortbildung für die Ärzteschaft. Erstaunlicherweise sieht das die Sächsische Landesärztekammer etwas anders: Ein Sprecher teilte Leafly.de auf Nachfrage mit, dass die Vertretung der sächsischen Ärzte keinen Grund für eine Fortbildungsveranstaltung sieht. Ihrer Meinung nach gebe es nur für sehr wenige Krankheitsbilder ausreichende Nachweise, dass eine Behandlung mit Cannabis hilfreich sei. Mehr als ein Fachartikel zu den Indikationen von Cannabis-Präparaten in der nächsten Ausgabe des Sächsischen Ärzteblatts ist in puncto Fortbildung nicht geplant.

Diese fehlende Bereitschaft für Fortbildungsmaßnahmen ist umso erstaunlicher, da Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) entschieden den Ausbau des medizinischen Fortbildungsangebotes zur Cannabis-Therapie anmahnt: „Um eine flächendeckende und hochwertige Versorgung zu gewährleisten, wird an die zuständigen Organisationen der Ärzteschaft appelliert, die erforderlichen Fort- und Weiterbildungsangebote sowie Informationsmaterialien zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen“, so der Gesundheitsminister.

Und auch der linke Landespolitiker Jalaß sieht die Ärztekammern und Vereinigungen in der Pflicht: „Auch wenn viele Ärzte unvorbereitet waren, gibt es bereits Fachwissen durch spezialisierte Kollegen, die Weiterbildungen und Leitlinien zur Verwendung von Cannabis entwickelt haben. Nun liegt es auch an den Medizinern, den Ärztekammern, den Fachgesellschaften und Verbänden, das für sich nutzbar zu machen, sich zu informieren, auszutauschen und die Einsatzfähigkeit von Cannabis so schnell wie möglich zu erforschen.“

Behandlung mit Cannabis wird im Freistaat seit Jahren skeptisch betrachtet

Mangelnde Erfahrung bei Ärzten und Apothekern, hohe bürokratische Hürden – das sind alles Schwierigkeiten, die auf das gesamte Bundesgebiet zutreffen. Wieso aber ist Sachsen das Schlusslicht bei der Behandlung mit Cannabis – und derart weit abgeschlagen? Auf der Suche nach einer Erklärung muss man bedenken, dass bereits vor der Neuregelung des BtMG die ostdeutschen Bundesländer hinsichtlich der Ausnahmegenehmigungen – die damals notwendig waren, um medizinisches Cannabis zu besitzen – unterrepräsentiert waren. Das berichtet jedenfalls René Jalaß. Dieser Trend setze sich jetzt fort. „Hinzu kommt eine politische Kultur des Freistaates Sachsen, in der Cannabis in erster Linie als Droge stigmatisiert und weniger als Medizin angesehen wird“, meint der Landespolitiker Jalaß.

Vor diesem Hintergrund überrascht es auch nicht, dass die Sächsische Landesärztekammer nach eigener Auskunft die Ärzteschaft „seit Jahren zur Zurückhaltung bezüglich der Verordnung von Cannabis“ mahnt. „Unserer Meinung nach ist die Evidenz nur für sehr beschränkte Indikationen ausreichend und wir halten einen völlig ungesteuerten Feldversuch, wie er jetzt durch das „Cannabis-Gesetz“ ausgelöst wurde, für nicht zielführend. Unserer Meinung nach hätte es zuvor öffentlich geförderter wissenschaftlicher Studien bedurft, bevor ein solches Gesetz verabschiedet wird“, so ein Sprecher der Kammer gegenüber Leafly.de. Zum Hintergrund: Die Erstattung von Cannabis-Arzneimitteln durch die Krankenkassen ist möglich, obwohl für sie kein Wirksamkeitsnachweis vorliegt, wie er bei anderen zugelassenen Fertigarzneimitteln nötig ist.

Krankenkassen fordern aussagekräftige Studien

Der Forderung nach aussagekräftigen Studien zur Wirksamkeit und Nutzen von Cannabis als Medizin kommt auch von den Krankenkassen. Bisher lehnen die Krankenkassen mehr als 50 % der Anträge auf Cannabis-Therapie ab, wie Leafly.de berichtete. Aussagekräftige Studien, die die offenen Fragen der Krankenversicherungen klären und belegen, bei welchen Indikationen die Behandlung mit Cannabis sinnvoll ist, könnten Abhilfe leisten. Weltweit arbeiten einige Universitäten und Forschungszentren an Studien zu den Wirkstoffen THC und CBD. So könnte in absehbarer Zeit das Thema des mangelnden Wirksamkeitsnachweises von Cannabis-Medizin gelöst werden.

Balance zwischen Arzneimittel und Suchtmittel

Eine weitere Schwierigkeit, die die Landesärztekammer in Sachsen fürchtet, ist der Missbrauch. Ein Sprecher der Ärztevertretung stellt gegenüber Leafly.de heraus, dass es durchaus eine „sehr kleine Gruppe“ von Betroffenen gibt, denen Cannabis-Präparate besser helfen als eine Standardtherapie. Daneben gibt es aber viele Schmerzpatienten, die auf eine „Wunderdroge“ hoffen und zu viel von Medizinalhanf als Therapiealternative erwarten. Und darüber hinaus fürchtet die Ärztekammer die „leider nicht ganz kleine Gruppe an Menschen, die jetzt versuchen, auf Krankenkassenkosten eine Droge legal zu bekommen.“

Göran Donner, Vizepräsident der Sächsischen Apothekerkammer, rückt das Thema Suchtgefahr in ein anderes Licht: „Morphin ist der Klassiker beim Suchtmittelmissbrauch und gleichzeitig ein absolut gängiges Arzneimittel, um Schmerzen zu lindern“, so der Apotheker im Gespräch mit der DNN, Dresdner Neueste Nachrichten. Auch Valium, ein schnell süchtig machendes Schlafmittel, sei auf Rezept in der Apotheke erhältlich, ohne dass sich warnende Stimmen erheben. Daher ist Donner entspannt beim Thema Cannabis-Medizin: „Viele Prozesse müssen sich einspielen. Künftig werden wir mit Cannabis genauso umgehen wie mit Morphinen.“

Quellen:

http://www.dnn.de/Mitteldeutschland/News/Sachsens-Apotheker-haben-kaum-Erfahrung-mit-Cannabis
http://www.mdr.de/sachsen/cannabis-therapie-in-sachsen-100.html
https://www.slaek.de/de/04/pressemitteilungen/2017/038_Cannabis_fuer_Schwerkranke_258760.php
https://www.abda.de/pressemitteilung/artikel/cannabisblueten-im-maerz-rund-500-mal-von-apotheken-abgegeben/
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/07/10/aufwendige-pruefung-von-cannabisblueten
https://www.linksfraktion.de/fileadmin/user_upload/PDF_Dokumente/AWOffenerBriefGro__he.pdf

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