„Der Jochen“: Glück und gute Freunde

Veröffentlicht am: 26. Juni 2017

Geändert am: 20. Oktober 2017

Eine gute Ärztin oder einen guten Arzt zu finden, ist immer auch Glückssache. Ich hatte sehr viel Glück! Und wenn dann noch gute Freunde und die Familie einen stabilen Rückhalt geben, kann es einem ziemlich gut gehen – auch mit  Multipler Sklerose.

Ich hatte mich nicht für diese chronische Erkrankung „gemeldet“ und es erfolgten bis 1990 auch keinerlei Vorwarnungen. 1994, vier Jahre nach meiner Diagnose, gab es noch kaum Medikamente und die, die verschrieben wurden, waren mit dramatischen Nebenwirkungen verbunden.

Rollstuhl, Schnabeltasse, Windeln, Pflegebedürftigkeit, so sah plötzlich meine „Lebensperspektive“ aus, nicht wirklich toll! Und keine Chemie dagegen! Die Mauer gab es auch nicht mehr und so gab es im Osten Deutschlands sehr, sehr wenige Ärzte, die sich mit meiner Erkrankung auskannten und noch weniger Neurologen. Ich habe im Osten gelebt.

Nachdem ich, mit großer Hilfe von Freunden eines Apothekers den Kontakt zu einem Neurologen eines Professors aus Nashville Tennessee erhielt und also mit viel Glück in 1994 ein damals in Deutschland noch nicht zugelassenes Medikament aus den USA bekam, das sich im Teststadium befand und viele, viele Dollar pro Jahr kostete, hatte ich zunächst zwar eine Chance, aber eben auch wieder nicht.

Wie sollte ich das Geld für die teure Medikamente organisieren?

Mein Neurologe kämpfte mit mir gegen die Krankenkasse zwecks Finanzierung und drohte mit Klage “wegen unterlassener Hilfeleistung für einen lebensbedrohlich Erkrankten”, mich, seinen Patienten. 1995 war der Kampf gewonnen und ich konnte die Apotheke wechseln. Nicht mehr Nashville/Tennessee, nun Chemnitz/Sachsen. Zwischenzeitlich hatte mir ein Sponsor aus Nashville das Medikament finanziert und ein Apotheker hatte die Beschaffungswege geordnet. Ich hatte viel Glück und gute Freunde!

Die Multiple Sklerose wurde durch das Medikament entschleunigt. Meine Schubfrequenz und die Schwere der Attacken nahmen ab. Was blieb, war unter Anderem ein schwieriges Gangbild mit verdammt schlechten Haltungsnoten. Das führte wiederum zu Fehlstellungen und Fehlhaltungen. Das Ergebnis waren und sind Schmerzen. Schmerzen bei der Fortbewegung, das nicht wirklich ein Laufen ist, Schmerzen beim Stehen, Schmerzen bei jeder Bewegung und später auch noch der Ruheschmerz. ALLES nicht „vergnügungssteuerpflichtig“!

Regelmäßige Physiotherapie, Schwimmen, Hippotherapie und was mir/uns noch so einfiel, brachten manchmal Linderung aber keine Verbannung meiner Schmerzen. Es folgten Aufenthalte in Schmerzkliniken und erste Präparate, danach diese Präparate mit steigender Dosierung, danach andere Schmerzmittel mit ebenfalls steigender Dosierungstendenz, und so weiter. Die Palette wurde „bunter und bunter“.

Da neben den chronischen Schmerzen bei MS oft auch Spastiken auftreten, so auch bei mir, empfahl mir meine Neurologin vor Jahren „SATIVEX“, ein Cannabis-Präparat. Es brauchte dazu einen entsprechenden Ausweis als Legalitätsbeleg und die Krankenkasse, die das nicht unbedingt preiswerte Mittel finanzieren sollte.

Mein neues Leben mit Cannabis als Medizin

ALLES gestaltete sich in meinem Fall sehr problemlos. Mein Medikament bekomme ich schon mehr als vier Jahre. Mein Bedarf an SATIVEX ist sicher sehr gering, da ich es bedarfsabhängig anwende. Es hilft mir gegen die spastischen Erscheinungen und es hilft gegen die Schmerzen.

Gleichzeitig nimmt es mir aber ein Stück Kontrolle, die ich zu meiner Bewegung und Fortbewegung jedoch dringend benötige. Mithin ist meine Anwendungszeit in aller Regel das Wochenende oder eben die Tage, wo die Situation den Wunsch nach dem Mittelchen übermächtig werden lässt.

Gut, dass es diese Cannabis-Präparat gibt und gut, dass es hilft!

Anm. der Redaktion: Jochen Gutjahr schreibt seit Juni 2017 für Leafly.de eine regelmäßige Kolumne unter dem Titel “Der Jochen”. Hier berichtet er über seine Erlebnisse als MS-Patient, der dank eines medizinisch verordneten Cannabis-Medikaments sein Leben wieder genießen kann. Mehr zu unserem Autor lesen Sie auch in einem Interview, das unsere Patientenbeauftragte Uta Melle geführt hat.