Medizinisches Cannabis bei Multipler Sklerose

Autor: Christine Dr. Hutterer

Veröffentlicht am: 1. Juni 2017

Geändert am: 17. Oktober 2017

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, d.h. dass sowohl das gesamte Gehirn als auch das Rückenmark betroffen sind. MS ist nicht ansteckend. Multiple Sklerose ist eine fortschreitende Erkrankung, die meist zwischen 20 und 40 Jahren auftritt und sich in Schüben entwickelt. Bislang gibt es keine Heilung; einzig der Verlauf kann unter Umständen verlangsamt werden.

Was passiert bei Multipler Sklerose?

Die Hauptursache der MS ist die Entzündung des Nervengewebes. Das eigene Immunsystem löst diese Entzündung aus: Es richtet sich gegen das eigene Gewebe. MS ist daher eine Autoimmunerkrankung.
Das Immunsystem zerstört die wichtige Schutzschicht um die Nervenzellen, die so genannten Myelinscheiden. Die Myelinscheiden haben eine sehr wichtige Funktion bei der Übertragung von Informationen über die Nervenzellen. Die Schädigung führt zu den neurologischen Symptomen der Krankheit:

    • Muskelschwäche
    • Kontrollverlust über die Bewegungen
    • Spasmen/Spastiken
    • Stimmungsschwankungen
    • Müdigkeit

Die ersten Anzeichen einer MS-Erkrankung sind meist motorische Störungen (z.B. Lähmungserscheinungen, vermehrtes Stolpern) und Sehstörungen (z.B. verschwommenes oder wie durch Nebel sehen). Ebenfalls typisch sind Missempfindungen der Haut (z.B. Kribbeln, Schmerzen, Taubheitsgefühl).
Diese Anzeichen können aber auch durch andere Krankheiten ausgelöst werden. Daher ist es wichtig, bei einem Neurologen die unterschiedlichen Untersuchungen zu durchlaufen, die für die Diagnose notwendig sind. Weitere Informationen und Adressen bietet die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft.

Cannabis wirkt entzündungshemmend

Die Therapie der Multiplen Sklerose basiert auf drei Säulen, die miteinander kombiniert werden:

      • Therapie des akuten Schubs
      • Langfristige verlaufsmodifizierende Therapie
      • Therapie der Symptome und Rehabilitationsmaßnahmen

Wie bereits erwähnt, gibt es (noch) keine Möglichkeit, die Krankheit zu heilen.
Im Rahmen umfangreicher Forschungen wurde festgestellt, dass Cannabis entzündungshemmend wirkt und besonders MS-bedingte Entzündungen lindern kann. Diese Erkenntnisse waren die Grundlage dafür, dass das Medikament Sativex® zugelassen wurde. Durch das THC wird die Immunantwort abgeschwächt und die Entzündung gelindert. Cannabisblüten oder Medikamente auf Cannabisbasis (Sativex®, Dronabinol, Nabilon) spielen daher eine Rolle in der Therapie der MS.

Cannabis wirkt gegen Schmerzen und Spastiken

Medizinisches Cannabis ist ein wirksames Mittel gegen bestimmte Schmerzen. Viele MS-Patienten leiden unter Schmerzen entweder als Folge des entzündeten Nervengewebes oder als Folge von Spastiken und Krampfanfällen. In mehreren Studien wurde gezeigt, dass Cannabis bei MS-bedingten Schmerzen wirksam ist. Im Prinzip erfolgt die Wirkung vor allem indirekt: Dadurch, dass die Entzündungen durch Cannabis abgeschwächt werden, treten auch weniger Schmerzen auf.

Ein weiteres Krankheitszeichen, das MS-Patienten entwickeln, sind Spastiken. Spastiken sind plötzliche, unkontrollierbare Kontraktionen von Muskeln, deren Dauer unterschiedlich sein kann. Je länger sie anhalten oder je angespannter die Muskulatur ist, desto stärker können die Schmerzen sein. Auch Verspannungen und ein steifes Körpergefühl sind Folgen. In Studien wurde festgestellt, dass Cannabis bzw. Cannabinoide sowohl die Stärke der Krämpfe verringern kann als auch die Häufigkeit. THC bindet an die Endocannabinoid-Rezeptoren und fördert die Weitergabe von Informationen. Dies scheint für die Reduktion der Spastiken eine Rolle zu spielen. Denn blockiert man die Rezeptoren mit einem Gegenspieler, der die Weiterleitung verhindert, verschlimmern sich die Symptome.

Medizinsches Cannabis bei depressiven MS-Patienten

Eine häufige Folgeerkrankung der MS ist die Depression. Sie entsteht nicht nur aufgrund der psychischen Belastung durch die Krankheit, sondern auch durch die Schäden an den Nervenzellen. Eine Depression kann aber auch die Nebenwirkung von Medikamenten sein, die gegen die Krankheit bzw. deren Symptome eingenommen werden.

Bislang sind sich Experten noch nicht einig, ob Cannabis bei Depressionen wirksam ist. Es gibt Hinweise, die dafür sprechen, aber auch solche, die dagegen sprechen. Bekannt ist, dass das Endocannabinoidsystem an der Steuerung der Stimmung beteiligt ist. Daher scheint es naheliegend, dass Cannabinoide wie THC und CBD eine Wirkung auf das Stimmungssystem im Gehirn entfalten können. Eine generelle Aussage zur Wirkung bei Depressionen ist jedoch (noch) nicht möglich. Eventuell basiert die beobachtete positive Wirkung bei MS-Patienten ebenfalls darauf, dass die Entzündung der Nervenzellen gelindert werden, so dass diese Ursache einer Depression wegfällt oder zumindest abgeschwächt wird. Aber auch die Verminderung der Schmerzen oder die Reduktion der Spastiken könnte indirekt dazu beitragen, dass sich die seelische Verfassung der Patienten bessert.

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