Medizinisches Cannabis beim Tourette-Syndrom

Autor: Christine Dr. Hutterer

Veröffentlicht am: 1. Juni 2017

Geändert am: 17. August 2017

Menschen, die unter dem Tourette-Syndrom leiden, machen unwillkürlich, für Außenstehende, komische Bewegungen oder geben unangemessene Geräusche oder Wörter von sich. Dies sind die so genannten Tics. Tics kommen überraschend und lassen sich nur schwer kontrollieren. Stress oder Anspannung kann die Symptome verstärken. Das bringt die Betroffenen in der Öffentlichkeit, in der Schule oder am Arbeitsplatz häufig in unangenehme Situationen.

Was ist das Tourette-Syndrom?

Das Tourette-Syndrom (TS) ist eine neuropsychiatrische Erkrankung. Kennzeichen sind unterschiedliche Arten von Tics. Tics sind unwillkürliche Bewegungen und/oder Lautäußerungen, die keinen Zweck verfolgen. Sie treten meist mehrfach am Tag auf, wobei deren Häufigkeit nicht vorhersagbar ist und somit auch keinem Rhythmus folgt.

Häufig treten neben den Tics auch andere Merkmale auf, die aber nicht unbedingt durch das Tourette-Syndrom bedingt sind. So erfahren viele Betroffene zwanghafte Verhaltensweisen, motorische Hyperaktivität, Lernschwierigkeiten, Schwierigkeiten, Impulse zu kontrollieren, Schlafstörungen und Depressionen.

Die Krankheit beginnt meist bereits vor dem 18. Lebensjahr. Bei Kindern wird häufig erst die Hyperaktivität festgestellt und ein ADHS diagnostiziert, bis schließlich Tics auftreten und die Diagnose korrigiert oder ergänzt wird. Ansonsten äußert sich ein beginnendes TS häufig mit Tics im Gesicht wie einem Augenzucken, Verziehen der Mundwinkel, Zucken der Extremitäten oder ähnlichem.

Als Ursachen werden zum einen genetische Veranlagungen, aber auch Infektionen mit Streptokokken (Scharlach, Mittelohrentzündung) und ungünstige Einflüsse während der Schwangerschaft (Stress, Alkohol-, Medikamenten- oder Drogenkonsum, Rauchen) in Betracht gezogen. Die Diagnose des Tourette-Syndroms erfolgt allein anhand der Beurteilung und Beobachtung der Symptome. Es gibt keine neurologischen Tests, Blutuntersuchungen oder andere Methoden, um ein TS zweifelsfrei nachzuweisen.

Das TS hat an sich keine Auswirkung auf die Intelligenz der Patienten. Dennoch haben viele Kinder aufgrund der Hyperaktivität und der innerlichen Beschäftigung mit den Tics Angst vor Hänseleien, was unter anderem zu Lernschwierigkeiten führen kann. Um die Auswirkungen für die Betroffenen möglichst gering zu halten, sollte frühzeitig mit einer Therapie begonnen werden. Medizinisches Cannabis kann bei verschiedenen Tourette-Symptomen helfen.

Das Endocannabinoidsystem beim Tourette-Syndrom

Wie das Endocannabinoidsystem mit den Symptomen des Tourette-Syndroms zusammenhängt, ist noch nicht bekannt. Man geht davon aus, dass die hohe Dichte an Cannabinoidrezeptoren in bestimmten Regionen im Hippocampus des Gehirns damit zusammenhängen könnte. Diese Regionen sind wichtig für die Steuerung von Verhalten und Motorik.

Medizinisches Cannabis reduziert die Anzahl der Tics

Mehrere Studien haben bisher die Wirkungen von Hanf auf Tics beim TS untersucht. Alle Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die Mehrzahl der Patienten von einer Cannabistherapie profitierten. Bei vielen nahm die Häufigkeit der Tics ab.

Medizinisches Cannabis verringert Zwangsstörungen

Neben den Tics leiden die Betroffenen oft unter Zwangsstörungen. Dabei empfinden sie einen unwiderstehlichen Drang, bestimmte Dinge zu tun z.B. etwas zu berühren, wiederholt zu zählen oder eine bestimmte Ordnung immer wieder herzustellen.
Kinder mit TS neigen zu aggressivem Verhalten mit plötzlichen Wutausbrüchen. Ältere Jugendliche zeigen überdurchschnittlich häufig selbstverletzendes Verhalten.

In einigen Studien wurde beobachtet, dass neben den Tics auch die zwanghaften Verhaltensweisen bei der Behandlung mit medizinischem Cannabis abnahmen. Lediglich eine Studie beschrieb eine Verschlechterung der Symptome. Dementsprechend sind weitere Untersuchungen notwendig, um bessere Aussagen treffen zu können.

Medizinisches Cannabis kann die konventionelle Therapie unterstützen

Das Tourette-Syndrom ist eine seltene Krankheit. Infolgedessen wird die Krankheit nicht in dem Maße erforscht, wie es für die Betroffenen wünschenswert wäre.
Bisher wurden zwei Ansätze verfolgt: Cannabis als alleiniges Mittel zur Behandlung und Cannabis als Ergänzung der bestehenden Therapiemöglichkeiten. Leider sind die Fallzahlen so gering, dass keine eindeutige Aussage über die Wirksamkeit getroffen werden kann. Eine weniger umfangreiche Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Cannabis als Zusatzoption neben anderen Medikamenten zu den besten Ergebnissen führt. Bei Patienten, bei denen die konventionellen Therapieformen keine Wirkung zeigen, ist in manchen Fällen Cannabis eine wirksame Alternative.

Je nach Schwere der Symptome werden Medikamente, Psychotherapie, Entspannungstechniken und – bei sehr schweren Fällen – eine Operation am Gehirn angewendet.

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