Leafly.de Patientenakte: Bernd Eggink, 73, Hamburg, Phantomschmerzen nach Amputation

Autor: Uta Melle

Veröffentlicht am: 10. Oktober 2017

Geändert am: 18. Oktober 2017

Bernd litt unter enormen Phantomschmerzen aufgrund einer Amputation. Nichts half - die Schmerzen wurde nur schlimmer. Dann versuchte er es mit medizinischem Cannabis und nun geht es ihm besser.

 

Das Jahr 1995 zeigte dem Diplom-Physiker Bernd seine kalte Schulter: Die Schmerzen, die er am seinem Becken spürte, stellten sich als Chondrosarkom heraus, einem bösartigen Knochentumor, dessen Zellen Knorpel bilden. Diese Knorpel drückten enorm auf seine Blase, Darm und Becken.

Eine Operation folgte der anderen – im Nachhinein stellte sich heraus, dass alle unnötig waren, bis er seine Behandlung in die Hände des Lübecker Professor Gradinger legte. Hier unterzog er sich 1996 einer Operation, die einen und einen halben Tag gedauert hat, mit kurzzeitiger Unterbrechung für eine kleine Schlafpause der Operateure. Ihm wurde die Hälfte des Beckens und das Bein amputiert und er wachte mit zwei künstlichen Ausgängen auf.

Dann kamen die Phantomschmerzen

Erste Herausforderungen meisterte Bernd hervorragend. Er gab nie auf, egal welche Probleme sich noch vor ihm aufbauten: Er kaufte eine Prothese und merkte, dass das Gehen mit ihr nicht ging. Er schmiss die Prothese auf den Dachboden und kaufte sich Unterarmstützen: Ein halbes Jahr später konnte er schon kilometerweit gehen, fast so schnell wie ein Zweibeiner – über Stock und Stein. Erst da hatte er wieder das Gefühl zu leben.

Kurz nach der Operation begann Bernd Phantomschmerzen in den entfernten Körperteilen zu spüren. Anfangs war es nicht so schlimm, doch er bereitete sich schon darauf vor, dass es mit dem Alter schlimmer wurde. So war es auch: In den letzten fünf Jahren wurde es grauenhaft: Er verspürte einen gewissen Grundschmerz, der am Tag öfters von einem heftigen Aufflammen eines Schmerzes, wie der Stich eines Schwertes unterbrochen wurde: unerträglich.

Bernd

Bernd gab niemals auf!

Die Suche nach Hilfe wird zur Odyssee

Eine Odyssee von Schmerzambulanzen, -kliniken, psychische Ambulanz, Hypnose und vieles mehr führte Bernd bis zum UKE Hamburg. In der Zwischenzeit hatte Bernd über die neuen Möglichkeiten mit der Behandlung durch medizinisches Cannabis gelesen und bat seinen Arzt darum, es damit zu versuchen. Der Arzt stellte ihm ein Gutachten für die Krankenkasse und ein BtM-Rezept über das Mittel Sativex aus: Die Krankenkasse übernahm die Kosten. Wir schreiben das Jahr 2017!

Die Einstellung auf Sativex fiel Bernd anfangs schwer. Die angegebene Menge von 12 Sprühstoßen pro Tag war einfach viel zu viel für ihn, denn er war viel zu müde. Er fand sich in der Dosierung von 3-4 Sprühstößen pro Tag sehr gut wieder. An schlimmen Tagen nimmt er noch einen Tramal- und Novalgin-Cocktail zu sich, doch diese Tage haben sich um circa 85% reduziert. Die Schmerzmittel Amitriptylin und Pregabalin, die er parallel noch dazu nimmt konnte er enorm runterdosieren.

Bernds Gesamteindruck ist, dass ihm das medizinische Cannabis auch stimmungsmäßig richtig gut tut. Sein Motto lautet: „Man sollte solche Einschnitte ins Leben niemals als Katastrophe, sondern als Herausforderung betrachten. Sie zu bewältigen, stellt eine Art von Sieg dar und kann damit dem Ganzen sogar eine positive Seite geben.”

Patienteninfos:
Name: Bernd Eggink
Alter: 73
Wohnort/Bundesland: Hamburg
Krankenkasse: Debeka
Anamnese: Phantomschmerzen durch Amputation der halben Hüfte und des Beines nach Chondrosarkom (bösartiger Knochentumor, dessen Zellen Knorpel bilden)
Medikation: Sativex, ca. 4 Sprühstöße, alle 3-4 Stunden eine Sprühstoß

Leafly.de Patienteninterview

Leafly.de: Seit wann wendest Du medizinisches Cannabis an?
Bernd: Seit März 2017

Leafly.de: Wie bist Du denn darauf gekommen?
Bernd: Ich habe es in der Zeitung gelesen, denn zu der Zeit wurde es aufgrund der Legalisierung von medizinischem Cannabis intensiv diskutiert.

Leafly.de: In welchen Momenten wendest Du es an?
Bernd: Regelmäßig über den Tag verteilt – alle drei bis vier Stunden ein Sprühstoß.

Leafly.de: Welchen Wirkstoff hat das Präparat und in welcher Dosierung nimmst Du es?
Bernd: Ich habe das Sativex-Spray mit den beiden Wirkstoffen THC und CBD. Ich bin mit dem Sativex nicht komplett schmerzfrei (schön wär’s), aber der Schmerzpegel ist insgesamt so gesunken, dass ich gut damit leben kann und das Phantombein über längere Zeit gar nicht mehr wahrnehme. Gelegentlich habe ich noch „schlechte“ Tage, dann muss ich zusätzlich einen Tramal- und Novalgin-Cocktail schlucken. Allerdings passiert das jetzt nur noch alle 3-5 Wochen und nicht mehr wie früher alle 3-4 Tage. Ich nehme außer Sativex weiterhin Schmerzmittel, Amitriptylin und Pregabalin. Von dem Pregabalin (auch unter dem blumigen Namen „Lyrica“ vertrieben) brauchte ich früher die Höchstdosis, 600 mg; dank Sativex komme ich jetzt mit 200 mg aus und habe wieder den ganzen Tag einen einigermaßen klaren Kopf.

Leafly.de: Gibt es Schwierigkeiten mit der Krankenkasse?
Bernd: Bisher gab es keine Schwierigkeiten. Mein Arzt hat ein Gutachten direkt an die Krankenkasse geschickt und die haben bisher keinen Einspruch erhoben.

Leafly.de: Hat Du Angst vor einer Abhängigkeit?
Bernd: Nein, ich habe früher Morphine genommen – im Vergleich dazu ist dies nichts!

Vielen Dank und viel Glück noch für Dich, lieber Bernd!

Weiterführende Links zum Thema
https://www.leafly.de/mediziner/medizinisches-cannabis-oder-opioide/
https://www.leafly.de/mediziner/depressionen-cannabis-medizin/
https://www.leafly.de/forschung/der-einsatz-von-cannabinoidhaltigen-arzneimitteln-bei-chronischen-wirbelsaeulensyndromen/
https://www.leafly.de/news/cannabis-gegen-schmerzen-immer-mehr-stars-stehen-dahinter/