Patientenakte: Jochen G. und die Multiple Sklerose

Autor: Uta Melle

Veröffentlicht am: 26. Juni 2017

Geändert am: 19. Oktober 2017

Anfang Juni feierte Jochen G. seinen fünfundsechzigsten Geburtstag. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass ihm die Ärzte nach seiner Diagnose „Sie haben Multiple Sklerose (MS)“ nur wenige Jahre prognostizierten. Doch Jochen hat einen starken Charakter, ist lebensfroh und erlebt große Unterstützung durch seine Familie und Freunde. Wenn es ein neues Präparat zur Behandlung von MS gibt, dann ist er informiert.

Was ist Multiple Sklerose (MS)?

Multiple Sklerose (MS) ist eine entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems. Das schützende Immunsystem des Menschen attackiert bei MS-Betroffenen den eigenen Körper (Autoimmunerkrankung). Die Erkrankung beginnt häufig im frühen Erwachsenenalter und ist in Verlauf, Beschwerdebild und Therapieerfolg von Patient zu Patient sehr unterschiedlich. Aus diesem Grund ist MS auch als „Erkrankung mit tausend Gesichtern“ bekannt.

Multiple Sklerose kann zu vielfältigen Funktionsausfällen (Behinderungen) führen. Sehstörungen, Lähmungen, Missempfindungen oder Taubheit, extreme Erschöpfungszustände, Schmerzen, Schwindel oder sexuelle Funktionsstörungen sind mögliche Krankheitsfolgen. Dabei werden aggressive und eher milde Verlaufsformen unterschieden.

Äußerlich erkennbare und weniger sichtbare Behinderungen durch die Multiple Sklerose können Erkrankte in Ihrer Eigenständigkeit und Handlungskompetenz, mithin in der Lebensqualität stark beeinträchtigen.

Wie kann medizinisches Cannabis bei MS helfen?

Trotz der Folgen der MS bei Jochen, er ist seit vielen Jahren schwerbehindert, arbeitete er bis 2014 mehr als acht Stunden am Tag. Gegen die Folgen seiner MS, besonders gegen die Schmerzen und spastischen Erscheinungen, wendet er seit einigen Jahren erfolgreich medizinisches Cannabis an, legal mit Patientenausweis!

Unsere Leafly.de Patientenbeauftragte Uta Melle hat mit ihm ein kurzes Telefoninterview geführt. Bald wird Jochen G. hier auf Leafly.de monatlich über seine Erfahrungen berichten in seiner eigenen Kolumne “Der Jochen”.

INTERVIEW mit Jochen G., Indikation: MS, Behandlung: Sativex

Leafly: Lieber Jochen, seit wann wendest Du medizinisches Cannabis an?
Jochen Gutjahr: Seit 2013

Leafly: Wie bist Du darauf gekommen?
Jochen Gutjahr: Meine Neurologin hat mir nach dem Aufenthalt in einer Schmerzklinik und anderen medizinischen Behandlungen das Cannabinoid verschrieben, nachdem nichts anderes mehr so richtig funktioniert hat.

Leafly: In welchen Momenten wendest Du es an?
Jochen Gutjahr: Bei schwierigen Schmerzsituationen und spastischen Problemen (MS-Probleme), bedarfsbedingt.

Leafly: Welchen Wirkstoff hat das Präparat und in welcher Dosierung nimmst Du es?
Jochen Gutjahr: Ich bekommen „Sativex“ (Handelsname) – Delta-9-Tetrahydrocannabinol, Cannabidiol. Meine Dosierung ist zustandsabhängig. In aller Regel nehme ich ja nach Bedarf bis zu 5 Sprühstöße. Es sind aber auch mehr möglich.

Leafly: Hattest Du Schwierigkeiten bei der Beantragung der Kostenübernahme durch Deine Krankenkasse?
Jochen Gutjahr: Es gab keine Schwierigkeiten.

Leafly: Gibt es heute noch Probleme mit der Verschreibung?
Jochen Gutjahr: Nein. Es wird in aller Regel problemlos nach verordnet und von meiner Krankenkasse bezahlt.

Leafly: Hast Du Angst vor einer Abhängigkeit?
Jochen Gutjahr: Nein, dadurch, dass ich es nur bedarfsbedingt einsetze, habe ich keine Angst.

Leafly: Gibt es Nebenwirkungen?
Jochen Gutjahr: Es wirkt sich auf meine Bewegungskoordination und Körperkontrolle aus. Ich muss bei der Anwendung entscheiden, ob die Schmerzen die Anwendung rechtfertigen oder ob für die Situation meine Koordinationsfähigkeit wichtiger ist.

Vielen Dank, lieber Jochen für das Interview!

 

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