“Utas Überleben”: Chemoschwestern

Autor: Uta Melle

Veröffentlicht am: 3. Juli 2017

Geändert am: 19. August 2017

...oder wie ich auf die Anwendung von Cannabis in der Chemo gekommen bin.

Eine klassische Chemotherapie besteht aus sechs Infusionen, die jeweils etwa über fünf Stunden dauern und im Abstand von drei Wochen durchgeführt werden. Vorher bekommt man einen sogenannten Port unter die Haut eingepflanzt: eine kleine Kammer mit einem Katheter, der in eine herznahe Vene mündet.

Am Morgen nach der Port-OP bekam ich meine erste Chemo. Dann wurde mir schlecht, mein Hungergefühl war weg. Aufgrund meiner fehlenden Körperfülle musste ich eine Methode finden, etwas zu mir zu nehmen. Auch die fehlende Leidenschaft am Essen machte mir zu schaffen, trieb meine Laune weiter nach unten.

Normalerweise schreibt der Arzt gegen diese Übelkeit in der Chemo Tropfen auf. Die konnte ich nicht nehmen, da meine Medikamente, die ich gegen meine Epilepsie nehme, sich nicht mit den Tropfen vertrugen. Ich griff zu Nahrungsersatzdrinks, fünf Stück trank ich am Tag: ein Grauen ohne Leidenschaft.

Bald erkundigte ich mich im Netz über alternative Mittel und wurde fündig: Cannabis soll eine appetitsteigernde Wirkung haben. Doch woher nehmen? Zu meiner Chemo-Zeit gab es noch kein Cannabis auf Rezept. Da blieb mir nur der Schwarzmarkt.

So stellte ich mich in den Weinbergspark und fragte den nächsten Typen nach Gras. Er bat mich eine halbe Stunde zu warten. Das tat ich. Direkt nach der Übergabe wurde ich von zwei Zivil-Polizisten angehalten. Ich schilderte ihnen meine Position, erklärte warum ich das Cannabis benötige, machte meine Aussage und sie ließen mich tatsächlich mit besten Wünschen an die Gesundheit und mit einem geflüsterten „ich verstehe Sie sehr gut“ wieder laufen. Es folgte nichts – keine Anklage, keine Aussage, keine Verfolgung. Danke Polizei!

Anschließend habe ich in meinem Freundeskreis herumgefragt: ein Freund besorgte mir ein Gras namens „Northern Lights“. Ich rauchte es und 30 Minuten später hatte ich Hunger und konnte auch plötzlich wieder lachen.

Bei meiner nächsten Chemo saß ich dann mit etwa 15 anderen Frauen in einem Raum. Ich fragte sie alle, was sie denn gegen das mangelnde Hungergefühl machten. Als Antwort wurde gekichert und sich zugezwinkert. Ich wurde gefragt, ob ich „neu“ sei. Ich bejahte und die Frau neben mir erklärte, dass sie alle hier gegen die Übelkeit und die Schmerzen Cannabis nehmen würden. Ich gestand, es auch probiert zu haben und dass es auch gut funktioniere. Und schon wurden Adressen ausgetauscht, wo man das beste Cannabis bekommen konnte.

In der zweiten Hälfte der Therapie bekam ich ein anderes Chemo-Mittel. Dieses Präparat hatte als Nebenwirkung mehr Schmerzen als Übelkeit. Auch hier hat mir Cannabis gut über die letzten Monate geholfen – normalerweise werden hier Mittel wie Iboprofen 800 dreimal am Tag verabreicht.

Durch meine Anfragen in meinem Freundeskreis und die Adressen meiner „Chemoschwestern“ wurden die Angebote immer vielfältiger. So kam ich Cannabis-Öl. Hier war der Rausch nicht so groß aber die schmerzstillende und erheiternde Wirkung enorm.

Die stimmungsaufhellende Wirkung war für mich auch enorm wichtig, denn wenn man über einen so langen Zeitraum hinweg so viele Leiden ertragen muß, benötigt man ein wenig Freude.

Das ganze ist nun acht Jahre her. Mir geht es sehr gut. Ich freue mich sehr über die Freigabe des medizinischen Cannabis in Deutschland. Nun hat die Wissenschaft die Möglichkeit reine Wirkstoffe auf die Beschwerden abzustimmen und noch besser auf die Nebenwirkungen der Chemo abzustimmen.  Und keine Frau muss mehr auf die Straße gehen um sich auf dem Schwarzmarkt etwas gegen die Chemoleiden zu besorgen.

 

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