Warum man Cannabis nicht rauchen soll

Autor: Alexandra Latour

Veröffentlicht am: 18. Oktober 2017

Geändert am: 18. November 2017

In Europa wird traditionell Cannabis mit Tabak vermischt und das sogar in den Niederlanden, wo Cannabis legal gekauft werden kann. Bestätigt wird dies auch durch die aktuelle Global Drug Survey. Hingegen wird Cannabis in Ländern wie Argentinien, Mexiko oder auch in den USA lieber ohne Tabak konsumiert. Im folgenden Beitrag gehen wir den Fragen nach, welche gesundheitlichen Nachteile das Rauchen von Cannabis mit Tabak hat, und welche Vorteile das Verdampfen von purem Cannabis unter Beachtung der medizinischen Aspekte besitzt.

Die Wirkung von reinem Cannabis und Cannabis mit Tabak wird unterschiedlich empfunden. Vielen Berichten zufolge soll das Rauchen von Cannabis mit Tabak eine Intensivierung des High-Gefühls bewirken. Anderen Berichten ist wiederum zu entnehmen, dass der gegenteilige Effekt eintritt und das High-Gefühl abschwächt. Häufig wird auch erwähnt, dass der Tabak beruhigend auf Cannabis-Konsumenten wirkt. Die biologischen Mechanismen sind sehr komplex und nicht vollständig geklärt. Aus medizinischer Sicht kommt lediglich und ausschließlich das vaporisieren infrage!

Der Hippocampus im Gehirn scheint eine wichtige Rolle zu spielen

Der Hippocampus wird nicht nur mit dem Gedächtnis assoziiert, sondern auch mit der Hemmung und der Sucht. Im Jahr 2005 untersuchten Forscher der Harvard Medical School in den USA die Cannabis-Wirkung im Gehirn beziehungsweise die Auswirkungen von Cannabis auf die Morphologie des Hippocampus.

Mithilfe der Magnetresonanztherapie (MRT) wurden 22 langjährige Cannabiskonsumenten untersucht. Im Ergebnis heißt es, dass der Hippocampus der Testpersonen keine signifikanten Unterschiede aufwies.

Zu einem anderen Ergebnis gelangten jedoch deutsche Forscher im Jahr 2011. Auch diese untersuchten die Zusammenhänge zwischen dem Cannabiskonsum und einer Umfangs- und Dichteverminderung des Hippocampus heraus.

Hier wurde ein niedrigeres Volumen im rechten Hippocampus bei chronischen Cannabiskonsumenten bestätigt. Dieser Effekt sei aber laut den Wissenschaftlern von unterschiedlichen Faktoren abhängig, vor allem von dem Verhältnis von Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) zu Cannabidiol (CBD).

Auch eine Studie an der Medical University of South Carolina im Jahr 2012 bestätigte Veränderungen am Hippocampus durch den Cannabiskonsum. Die Wissenschaftler vermuten, dass dieser Effekt auf den Hippocampus durch das Rauchen von Cannabis durch genetische Unterschiede entsprechend verändert werden könnte.

Die Veränderungen am Hippocampus wurden sowohl bei Konsumenten beobachtet, die reines Cannabis rauchten und Cannabis mit Tabak, allerdings nicht bei denjenigen, die nur Tabak konsumierten.

Alle bisherigen Studien sind in ihrem Umfang begrenzt. Zwar konnten Zusammenhänge identifiziert werden, ein Kausalzusammenhang lässt sich jedoch nicht herstellen. Es bedarf weiterer Langzeitstudien, um diese ungewöhnlichen Effekte vollständig erklären zu können.

Das Zusammenspiel zwischen Steuerungs- und Signalsystemen

Cannabis, Tabak, aber auch weitere psychoaktive Substanzen wie beispielsweise Opioide sind in einem komplexen Netzwerk miteinander verbunden. Dabei fungiert der Hippocampus als Zentrale in diesen Prozessen.

Unser gesamter Körper ist mit Cannabinoidrezeptoren, Opioidrezeptoren und Nikotinrezeptoren ausgestattet. Im Gehirn sind besonders viele Rezeptoren vorhanden, vor allem im Hippocampus und in der Amygdala, die mit der Sucht, Belohnung und so weiter verbunden sind.

Bei den Cannabisrezeptoren ist THC der Agonist (Aktivator), bei den Nikotinrezeptoren das Nikotin und bei den Opioidrezeptoren das Morphium. Diese sind in Bezug auf die physiologischen und psychoaktiven Effekte von großer Bedeutung. CBD kann den Cannabinoidrezeptor inaktivieren, genauso wie Naloxon den Opioidrezeptor, weshalb diese von großem Interesse sind.

Bekannt sind diese Effekte und Systeme schon seit langem. Auch ist bekannt, dass sich diese Systeme gegenseitig beeinflussen können. Nikotin wirkt auf seine eigenen Nikotinrezeptoren, aber vermutlich auch auf die Opioid- und Cannabinoidrezeptoren. Ein langjähriger Nikotinkonsum kann die Cannabinoidrezeptoren im Hippocampus reduzieren.

Wiederum ist bekannt, dass Substanzen, die die Cannabinoidrezeptoren blockieren, gegen die Nikotin- und Morphiumsucht helfen. Vermutlich verstärken also die Agonisten der Cannabinoidrezeptoren die Nikotinsucht, was auch das weitverbreitete Phänomen erklären könnte, warum viele nach dem Rauchen von Cannabis auch eine Zigarette rauchen müssen und die Befriedigung erleben, wenn sie Cannabis mit Tabak rauchen.

Es wird also davon ausgegangen, dass zunächst die Cannabinoidrezeptoren aktiviert werden müssen, um den Belohnungseffekt wie auch beispielsweise beim Verzehren von Zucker zu spüren. Bleibt die Aktivierung aus, setzt der Körper kein Dopamin frei. Infolge dessen verspüren wir auch keinen Genuss.

Erste Studie über die Wechselwirkung von Tabak und Cannabis

Die Wechselwirkung von Tabak und Cannabis wurde zum ersten Mal im Mai 2017 von einem Forschungsteam an der University College London (UCL) untersucht. 24 Probanden, die regelmäßig Cannabis konsumierten, sollten vier unterschiedliche Joints rauchen:

  • Joint mit Cannabis und Tabak
  • Joint mit Cannabis und einem Placebo (z. B. Kräutermischung)
  • Joint mit Tabak und einem Placebo (z. B. Kräutermischung)
  • Joint mit zwei Placebos

Danach mussten die Testpersonen Prosa-Texte rezitieren, die sie einmal vor dem Rauchen und einmal nach dem Rauchen hörten. Hierbei wurden Blutdruck und Herzfrequenz der Probanden gemessen. Außerdem wurden sie zur Stärke des High-Gefühls befragt.

Im Ergebnis heißt es, dass der Tabak mit Cannabis kein stärkeres High-Gefühl auslöst. Jedoch reduziert der Tabak den kurzzeitigen negativen Effekt von Cannabis auf das Gedächtnis. Die Probanden konnten sich tatsächlich die Prosa-Texte besser merken, wenn sie Cannabis mit Tabak rauchten. Dieser Effekt ist bekannt, denn in früheren Studien wurde bereits bewiesen, dass Nikotin die Konzentration kurzzeitig erhöht.

Weiter heißt es in der Studienzusammenfassung, dass der Blutdruck bei den Probanden schnell anstieg und das Herz raste, wenn sie Tabak mit Cannabis konsumierten. Die Forscher schließen daraus, dass sich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen könnte. Alles deutet also darauf hin, dass Tabak und Cannabis unter gesundheitlichen Aspekten schädlich ist.

Wir wirkt sich das Rauchen von purem Cannabis auf die Lungen aus?

Der Frage nach der einer Lungenschädigung durch das Cannabisrauchen ging Russel Kemker mit seinem Team von der Emory University in Atlanta nach. Über 20 Jahre lang wurden die Gesundheitsdaten von Personen gesammelt, die zwischen 18 und 59 Jahre alt sind. Im Ergebnis der Studie heißt es, dass sich die Lungenfunktion der regelmäßigen Cannabis-Konsumenten nicht unterschied, auch nicht nach einem 20-jährigen Cannabis-Konsum.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch die Forscher der University of California und University of Alabama im Jahr 2012, die über einen Zeitraum von 20 Jahren wurden über 5000 Männer beobachteten und untersuchten. Unter den Testpersonen befanden sich Cannabis-Raucher als auch Zigaretten-Raucher. Die Wissenschaftler beobachteten die körperlichen Auswirkungen und das Lungenvolumen habe sich laut den Forschern in beiden Gruppen kaum unterschieden.

Weiter weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass diese Studie kein „Freifahrtschein“ für das regelmäßige Rauchen von Cannabis darstelle. Denn diese Untersuchungen basieren auf dem Rauchen von purem Cannabis ohne Tabak und Tabak schädigt nachweislich die Lunge.

Medizinisches Cannabis soll nur verdampft werden

Medizinisches Cannabis sollte nur pur mit einem Vaporizer verdampft werden, um das Inhalieren der toxischen Gifte aus dem Tabak zu vermeiden. Ein Vaporizer lässt das Cannabis nicht verbrennen, sondern verdampfen. Der Dampf ist frei von krebserregenden Stoffen und Schadstoffen, solange die Verdampfungstemperatur keine 200 Grad Celsius übersteigt. Durch die hohe Temperatur werden die wertvollen Cannabinoide gelöst und können so bei Inhalation zu einer Besserung führen.

Finger weg von der Cannabis-Tabak-Mischung

Die Wechselwirkungen zwischen Cannabis und Tabak sind äußerst komplex und vor allem von der Dosis abhängig. Gleichzeitig hängt diese von einer Vielzahl anderer Variablen ab, die von der Wissenschaft noch nicht gänzlich geklärt werden konnten.

Häufig wird übersehen, dass Nikotin selbst eine psychoaktive Substanz ist. Erst im Jahr 2015 fanden spanische und britische Forscher heraus, dass es einen Zusammenhang zwischen Nikotin und Psychosen gibt. Und natürlich darf auch nicht vergessen werden, dass Nikotin ohnehin gesundheitsschädlich ist.

Es ist unbedingt erforderlich, dass auf diesem Gebiet weiter geforscht wird und dass die Forscher wertvolle Einsichten in die Funktionsweise des Endocannabinoid-System sowie des Signal- und Belohnungssystem gewinnen.

Quellen:

Global Drug Survey, Dr. Adam R Winstock, 2017,Tobacco – possibly the worst thing in a joint

Cognitive Neuroimaging Laboratory, Brain Imaging Center, McLean Hospital, Harvard Medical School, Belmont, MA 02478, USA, Tzilos GK1 et al., 2005, “Lack of hippocampal volume change in long-term heavy cannabis users

Department of Neuroimaging, Central Institute of Mental Health, J 5, 68159 Mannheim, Germany, Traute Demirakcaa et al., 2011, “Diminished gray matter in the hippocampus of cannabis users: Possible protective effects of Cannabidiol

Department of Psychiatry and Behavioral Sciences, Medical University of South Carolina, Charleston, SC, USA, Joseph P Schacht1 et al., 2012, “Associations between Cannabinoid Receptor-1 (CNR1) Variation and Hippocampus and Amygdala Volumes in Heavy Cannabis Users

Clincial Psychopharmacology Unit, University College London, Gower St, London,UK, Hindocha C1 et al., 2017, “Acute memory and psychotomimetic effects of cannabis and tobacco both ‚joint‘ and individually: a placebo-controlled trial

Division of Pulmonary and Critical Care Medicine, Emory University School of Medicine, Atlanta, Georgia, Jordan A. Kempker et al., 2014, “The Effects of Marijuana Exposure on Expiratory Airflow. A Study of Adults who Participated in the U.S. National Health and Nutrition Examination Study

Department of Epidemiology and Biostatistics (Drs Pletcher and Vittinghoff and Mr Lin) and Division of General Internal Medicine, Department of Medicine (Dr Pletcher), University of California, San Francisco, Mark J. Pletcher et al., “Association Between Marijuana Exposure and Pulmonary Function Over 20 Years

Torrevieja’s Hospital, Alicante, Spain, Department of Psychosis Studies, King’s College, London, UK, Gurillo P1 et al., “Does tobacco use cause psychosis? Systematic review and meta-analysis

Cannabis Report Pflanze GKV

Leafly.de Cannabis Report: Versorgungsbericht der GKV – Nachfrage nach Cannabis als Medizin steigt. Nur gut die Hälfte der Cannabis Therapien werden genehmigt

Cannabis auf Rezept Die im März 2017 vom Bundestag beschlossene Neuregelung des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) – bekannt als „Cannabis-Gesetz“ – regelt den Einsatz von Cannabis-Arzneimitteln bei schwerkranken Patientinnen und Patienten.Die Kosten für die Cannabistherapie muss die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) tragen. Nur in “begründeten Ausnahmefällen“ dürfen die…