Wie kann medizinisches Cannabis bei Zwangsstörungen helfen?

Autor: Alexandra Latour

Veröffentlicht am: 1. Juni 2017

Geändert am: 17. Oktober 2017

In Deutschland leiden ein bis zwei Prozent der Erwachsenen an Zwangsstörungen, die mehr oder weniger ausgeprägt sind. Die tatsächliche Anzahl der Betroffenen liegt Schätzungen zufolge weitaus höher. Oftmals suchen Betroffene erst dann einen Arzt auf, wenn ihr Alltag durch die Zwangserkrankung erheblich eingeschränkt wird. Medizinisches Cannabis soll die mit der Zwangsstörung einhergehenden Symptome abschwächen. Immer mehr Mediziner entdecken das Potenzial für Cannabinoide bei psychischen und neurologischen Erkrankungen.

Was ist eine Zwangsstörung?

Bei einer Zwangserkrankung (Englisch.: „obsessive-compulsive disorder“ – kurz OCD) handelt es sich um eine psychische Störung. Wesentliche Merkmale dieser Erkrankung sind wiederkehrende unerwünschte Gedanken (Obsessionen) sowie zwanghafte Handlungen. Diese beschäftigen den Betroffenen immer wieder stereotyp. Den meisten Menschen sind zwanghafte Gedanken oder Handlungen bekannt. Typisch ist beispielsweise, dass geprüft wird, ob die Haustüre tatsächlich abgeschlossen ist, obwohl die Person weiß, dass sie diese gerade erst abgeschlossen hat.

Von einer OCD Krankheit sprechen Mediziner jedoch erst, wenn sich diese Verhaltensweisen über einen längeren Zeitraum andauernd wiederholen und dann ein solches Ausmaß annehmen, dass der Alltag des Betroffenen beeinträchtigt wird und ein hoher Leidensdruck entsteht. Betroffene schämen sich häufig für die Zwänge und versuchen, diese zu verheimlichen. Hierdurch entstand auch die Bezeichnung „heimliche Krankheit“.

Zwangsstörung Symptome

Zu den Symptomen der Zwangsstörung gehören meist Zwangsgedanken als auch Zwangshandlungen zugleich. Die Zwangsgedanken und Impulse empfindet der Betroffene als übertrieben und unsinnig. Dennoch drängen sich diese Gedanken immer wieder auf und lösen unangenehme Gefühle wie Unbehagen, Ekel oder Ängste aus. Zwangshandlungen laufen in der Regel gleich ab. Es sind Verhaltensweisen, die sich stets wiederholen. Der Betroffene fühlt sich gedrängt, dieses Verhalten auszuführen. Häufig haben die Zwangshandlungen das Ziel, die von den Zwangsgedanken ausgelösten unangenehmen Gefühle zu reduzieren.

Typische Zwangshandlungen sind unter anderem:

  • Waschzwang
  • Putzzwang
  • Sammelzwang
  • Kontrollzwang

Zwangsgedanken können unterschiedliche Inhalte haben und werden von den Betroffenen immer wieder durchdacht. Das können beispielsweise einzelne Sätze oder Zahlenreihen sein. Möglich sind auch aufdringliche Gedanken (Intrusionen) bei einer Zwangsstörung, die immer wieder auftreten.

Zwar ist den Betroffenen die Unsinnigkeit und Sinnlosigkeit der Verhaltensweisen bewusst, die Gewissheit kann aber je nach Betroffenem und Situation unterschiedlich ausgeprägt sein. Lediglich bei Kindern sowie einem kleinen Teil der Betroffenen besteht nur wenig oder gar keine Einsicht, dass ihr Verhalten unbegründet und übertrieben ist.

Ursachen einer Zwangsstörung

Die Zwangsstörungen Ursachen sind nicht restlos erforscht. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass die Veranlagung eine Rolle spielt und das Risiko für eine Zwangserkrankung erhöht. Hinzu kommen psychologische Faktoren sowie die persönliche „Gehirn-Chemie“, die einen Einfluss auf die Entstehung von Zwangserkrankungen haben kann.

Einen hohen Risikofaktor sehen Mediziner und Wissenschaftler in Störungen, die im Hirnbotenstoffwechsel (Neurotransmitter) vorkommen können. Zu diesen Botenstoffen gehören Serotonin und Dopamin, die unter anderem für die Impulsivität, Stimmung, Angst und Sexualität mitverantwortlich sind, und auch bei Zwangsstörungen von Bedeutung sind.

Eine weitere Ursache wird in den Basalganglien im Gehirn gesehen. Diese steuern unter anderem die Bewegungsabläufe und befinden sich unter der Großhirnrinde in der rechten und linken Gehirnhälfte. Tritt eine Störung auf, so funktioniert das Zusammenspiel zwischen Bewegungsimpuls und Bewegung nicht mehr.

Psychologische Ursachen der Zwangsstörung

In der Psychoanalyse wurde die Zwangsstörung früher als „Zwangsneurose“ bezeichnet. Ursächlich seien innere Abwehrmechanismen, die dabei helfen sollten, unterbewusste Gedanken aus dem triebhaften Teil der individuellen Persönlichkeit zu kontrollieren.

Verschiedene Faktoren wie die Erziehung (z. B. ängstlich übertriebener Erziehungsstil oder extreme Sauberkeitserziehung), die persönliche Lebenserfahrung, Gewalterfahrungen oder sexuelle Übergriffe sollen bei der Entstehung von Zwängen mitwirken. Derartige Erfahrungen können bei Betroffenen im Erwachsenenalter dazu führen, dass sie zu streng mit sich selbst sind. Infolge dessen entwickeln sie einen Perfektionismus, um Fehler zu vermeiden. Statistiken belegen, dass Erwachsene mit Zwangserkrankungen häufig perfektionistische und ängstlich-unsichere Persönlichkeitsmerkmale aufweisen.

Bei der Entstehung von Zwängen wird ein vormals neutraler Reiz (z. B. Schmutz) mit einer unangenehmen Erfahrung verbunden. Diese Verknüpfung wird auch als Konditionierungsprozess bezeichnet. Im späteren Verlauf ruft allein der Anblick oder sogar nur die Vorstellung von Schmutz Angst- und Anspannungsgefühle hervor. Diese Gefühle werden dann durch das Waschen „abgebaut“ und die Betroffenen fühlen sich kurzfristig besser. Die Erleichterung hält jedoch nur bis zum Auftreten des nächsten Reizes an. Auf lange Sicht gesehen, verstärken die Zwangsgedanken und Zwangshandlungen die Unsicherheit.

Diagnosekriterien gemäß ICD-10 und DSM

Diagnosekriterien Zwangsstörungen gemäß ICD-10

Die ICD-10 vergibt für Zwangsstörungen den Code F42, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:

  • Der Patient muss die Zwangshandlungen oder die Zwangsgedanken als seine eigenen anerkennen.
  • Gegen mindestens eine Zwangshandlung oder einen Zwangsgedanken muss der Patient Widerstand leisten.
  • Der Patient darf die Zwangshandlungen oder Zwangshandlungen nicht als angenehm empfinden.
  • Die Zwangshandlungen und Zwangsgedanken müssen sich in unangenehmer Weise wiederholen.
  • Die Zwangssymptome treten an mehreren Tagen über mindestens zwei Wochen auf.

Diagnosekriterien Zwangsstörungen gemäß DSM 5

Das US-amerikanische Diagnosesystem Diagnostic and Statistical Manual fo mental Disorders (DSM) unterschiedet bei der Zwangsstörung noch mehrere Abstufungen. Die DSM 4 Kriterien bei einer Zwangsstörung wurden nun durch die DSM 5 Kriterien bei einer Zwangsstörung ersetzt. So wurde bei der DSM 5 bei einer Zwangsstörung das Kapitel „Zwangsstörung und verwandte Störungen“ hinzugefügt. Zu den verwandten Störungen zählen:

  • Trichotillomanie (Störung der Impulskontrolle; Patienten reißen sich die eigenen Kopfhaare aus)
  • Dermatillomanie (Störung der Impulskontrolle; Patienten verspüren einen unwiderstehlichen Drang, bestimmte Hautstellen zu quetschen oder aufzukratzen)
  • körperdysmorphe Störung
  • zwanghaftes Horten
  • analoge Störungen in Kombination mit Medikamenten oder psychotropen Substanzen

Differenzialdiagnose bei Zwangsstörung

Als Differenzialdiagnosen (DD) werden Erkrankungen ähnlichen Symptomen bezeichnet, die neben der eigentlichen Diagnose als mögliche Ursache infrage kommen können. In Bezug auf die Zwangsstörung können unter anderem folgende Differenzialdiagnosen infrage kommen:

  • Mit der Diagnose Zwangsstörung sind leichte phobische Symptome oder Panikattacken, jedoch keine generalisierte Angststörung bei Zwangsstörung vereinbar.
  • Zwischen der Zwangsstörung und der zwanghaften Persönlichkeitsstörung besteht kein nachweisbarer Zusammenhang.
  • Eine postpartale Zwangsstörung kann im Rahmen einer postpartalen Depression oder Psychose auftreten. Mütter befürchten hier häufig, ihr Neugeborenes zu schädigen.

Therapieoptionen bei Zwangsstörungen

Die Therapie von einer Zwangserkrankung richtet sich nach Art und Schwere der Störung. Eine psychotherapeutische bzw. verhaltenstherapeutische Behandlung als auch eine medikamentöse Therapie kann infrage kommen. Möglich ist auch eine Kombination aus Therapie und Medikamenten.

Eine wirksame Behandlungsform stellt die kognitive Verhaltenstherapie bzw. Expositionstherapie bei Zwangsstörung dar, die zum Einsatz kommt, wenn primär Zwangshandlungen auftreten ohne eine depressive Symptomatik. Der Betroffene setzt sich mit Unterstützung des Therapeuten den Situationen und Reizen aus, die seine Zwänge auslösen. Hierbei lernt der Betroffene, die auftretenden Gefühle auszuhalten, bis sie wieder von allein abklingen. Voraussetzung für den Erfolg dieser Therapie ist eine hohe Motivation des Betroffenen.

Eine Ergänzung wäre ggf. noch eine Gruppentherapie bei einer Zwangsstörung, die von einem Therapeuten geleitet wird. Weitere ergänzende und unterstützende Therapien könnten beispielsweise die Gestalttherapie oder die Hypnose sein.

Um die Zwänge zu mindern, werden in der Regel Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) verordnet, die auch häufig gegen Depressionen verschrieben werden. Der Effekt des Botenstoffes Serotonin („Glückshormon“) wird durch die hierin enthaltenen Wirkstoffe verstärkt, wobei die Wirkung erst nach 6 bis 8 Wochen eintritt. Zwar machen SSRI physisch nicht abhängig, die psychische Abhängigkeit ist aber nicht zu unterschätzen. Hinzu können diverse Nebenwirkungen wie beispielsweise Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen, Durchfall, innere Unruhe, verminderte Libido sowie Erektions- und Ejakulationsstörungen auftreten.

Für die medikamentöse Therapie können die folgenden SSRI zum Einsatz kommen:

Wirkstoff Indikation
Fluoxetin Zwangsstörung, Episoden einer Major-Depression, Bulimie
Fluvoxamin Zwangsstörung, Depression, soziale Phobie, Panikstörung, Posttraumatische Belastungsstörung
Paroxetin Zwangsstörung, Depression, Panikstörung, generalisierte Angststörung, posttraumatische Belastungsstörung
Sertralin Zwangsstörung, Panikstörung, soziale Phobie, Depression, posttraumatische Belastungsstörung

Die Erfolgsaussichten der zuvor beschriebenen Therapien sind unterschiedlich. Eine vollständige Heilung lässt sich hiermit oftmals nicht erzielen. Die Zwänge können aber in den meisten Fällen auf ein erträgliches Maß reduziert werden.

Weitere Medikamente gegen Zwangsstörungen

Wenn depressive Beschwerden oder Ängste im Vordergrund stehen oder aber Patienten nicht adäquat auf die SSRI ansprechen, erhalten Patienten in einigen Fällen auch Neuroleptika gegen eine Zwangsstörung. Zum Einsatz kommen dann Medikamente wie Quetiapin oder Risperidon.

Einige Mediziner empfehlen auch trizyklische Antidepressiva wie Clomipramin gegen Zwangsstörungen. Einige Studien weisen darauf hin, dass Clomipramin bei einer Zwangsstörung wirksam sein könnte. Hingegen scheint das trizyklische Antidepressiva Opipramol gegen Zwangsstörungen nicht wirksam zu sein.

Auch die folgenden Medikamente sind unwirksam, werden jedoch häufig mit Zwangserkrankungen in Verbindung gebracht:

  • MAO-Hemmer wie Valdoxan, Lithium und Jatrosom (Tranylcypromin)
  • NDRI wie Bupropion (Elontril)
  • SSNRI wie Cymbalta (Duloxetin) und Venlafaxin
  • NaSSA wie Mirtazapin

Naturheilmittel gegen die Zwangsstörung

Naturheilmittel können eine nebenwirkungsarme Alternative zu Antidepressiva sein. Insbesondere der sekundäre Botenstoff Inositol kann unter Umständen eine Linderung der Zwangssymptomatik herbeiführen. Es handelt sich hierbei um einen sechswertigen Alkohol, der in vielen Pflanzen als auch tierischem Gewebe vorkommt. Bereits im Jahr 1996 berichteten Forscher der israelischen Faculty of Health Sciences, dass 13 Probanden mit Zwangsstörungen eine deutliche Verbesserung der Symptomatik unter Inositol verspürten. Ebenso scheinen auch die Extrakte der Baldrianwurzel wirksam zu sein. Im Jahr 2011 gaben Forscher der Jundishapur University of Medical Sciences ihren Probanden Baldrian gegen Zwangsstörungen. Auch hier zeigten sich positive Ergebnisse.

Johanniskraut ist seit langem für seine antidepressive Wirkung bekannt, was durch viele Studien bestätigt wird. Weniger gut erforscht ist die Wirkung von Johanniskraut (z. B. Laif 900) gegen Zwangsstörungen. Das Gleiche gilt auch für Lavendel (z. B. Lasea).

Darüber hinaus nutzen einige Betroffene auch Mittel aus der Homöopathie gegen die Zwangsstörung, wobei es auch hierfür keine wissenschaftlich fundierten Studien gibt, die eine Wirksamkeit bestätigen.

Hirnschrittmacher bei Zwangsstörung verspricht Besserung der Symptomatik

Medikamente in Kombination mit einer Psychotherapie bzw. Verhaltenstherapie bei einer Zwangsstörung helfen rund 80 bis 90 Prozent der Betroffenen. Bei 10 bis 20 Prozent werden die Therapieziele für die Zwangsstörung nicht erreicht. Die Therapieverfahren sind unwirksam und nicht selten werden solche Patienten dann als „austherapiert“ eingestuft. Doch genau für diese Patienten besteht seit einigen Jahren Hoffnung: Eine Operation soll bei einer Zwangsstörung helfen.

Wenn alle Therapiemöglichkeiten erfolglos waren, kann das Einsetzen eines Hirnschrittmachers Tiefe Hirnstimulation – THS) infrage kommen. Bei dieser Operation werden Elektroden in den Nucleus accumbens (Kernstruktur im Vorderhirn) implantiert. Über einen im Schlüsselbein oder Bauchraum eingesetzten Impulsgenerator werden dann die Elektroden mit Strom versorgt. Kleinere Fallstudien haben gezeigt, dass sich die Symptome durch die Hirnstimulation deutlich gebessert haben. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass es sich bei dieser Operation um keinen Routineeingriff handelt und dass diese gut überlegt sein sollte.

Zwangshandlungen/Zwangsgedanken Selbsthilfe

Informationen und Hilfe finden Betroffene unter anderem bei der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. (DGZ). Empfehlenswert ist die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe, in der sich Betroffene austauschen und gegenseitig unterstützen können.

Medizinisches Cannabis in der Psychiatrie und Neurologie

Lange Zeit wurde der Cannabiskonsum hauptsächlich mit der Entstehung von psychischen Erkrankungen (z. B. Psychose) in Verbindung gebracht. Das therapeutische Potenzial des Hanfs als Arzneimittel (Medizinalhanf) wurde dabei ausgeblendet. In den vergangenen Jahren hat sich dies geändert. Aktuelle Studien verweisen auf die Wirksamkeit der wichtigsten Bestandteile THC und CBD von Cannabis bei der Behandlung von psychischen Krankheiten.

Erwachsene mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) profitieren oftmals von Cannabis, da sich Konzentration, Schlaf und Impulskontrolle verbessern. Ähnlich verhält es sich bei Erwachsenen, die Cannabinoide als Stimmungsaufheller erhalten. Selbst bei schweren psychischen Erkrankungen wie der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ist eine Linderung möglich, so eine israelische Studie. Bei Zwangsstörungen konnten Cannabinoide ebenfalls erfolgreich eingesetzt werden.

Wissenschaftler der University of Minnesota (USA) fanden im Rahmen einer klinischen Studie heraus, dass THC eine positive Wirkung auf Betroffene hat, die an Trichotillomanie leiden. Es handelt sich hierbei um eine spezielle Form der Zwangsstörung, bei der sich die Betroffenen zwanghaft Haare herausreißen. Von 14 mit THC behandelten Frauen sprachen 9 Probandinnen auf die Therapie an. Die Wissenschaftler folgerten, dass Cannabinoide nützlich bei der Behandlung von verschiedenen Zwangsstörungen sein kann.

Neben dem Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC, „Dronabinol“) ist Cannabidiol (CBD ) ein weiterer Wirkstoff der Hanfpflanze, der jedoch nicht wie THC den rechtlichen Beschränkungen unterliegt. Somit findet CBD eine immer breitere Verwendung durch Patienten. Im Vergleich zu THC wirkt CBD nur wenig psychoaktiv und der THC Wirkung entgegen. Aufgrund dessen wird Cannabidiol auch bei Cannabis-induzierten Psychosen sowie bei Schizophrenie eingesetzt.

Der Großteil der Erkenntnisse über die medizinische Wirkung von Cannabidiol ist noch wenig gesichert. Festgestellt wurde, dass CBD entkrampfend wirkt, sodass bei Spastiken das Cannabismedikament Sativex eingesetzt wird. Dieses enthält THC und CBD.

Viele Erkenntnisse über die medizinische Wirkung von CBD sind noch wenig gesichert. Neben umfangreichen Erfahrungsberichten gibt es kaum fundierte Studien, meist Zellversuche, Tierexperimente oder Einzelfallbeschreibungen. Außerdem kann CBD vermutlich bei Bewegungsstörungen helfen, die im Rahmen der Parkinson-Krankheit oder der Epilepsie auftreten. Zudem besitzt CBD antibakterielle und neuroprotektive Eigenschaften.

Wie wirkt medizinisches Cannabis im Körper?

Das körpereigene Cannabinoidsystem (Endocannabiniodsystem) besteht aus verschiedenen Rezeptoren für die körpereigenen Cannabinoide und Proteinen, die diese produzieren und abbauen. Bei Zwangsstörungen spielt die Schutzfunktion der CB1-Rezeptoren (Cannabinoid-1-Rezeptoren) eine wesentliche Rolle. Diese liegen an den Nervenzellenenden in einem Spalt zwischen zwei Nervenzellen. An diesen Stellen geben die Nervenzellen Signale an andere Nervenzellen weiter. Die CB1-Rezeptoren hemmen im Nervensystem die Signalweitergabe durch Neurotransmitter (Botenstoffe) im Gehirn. Das heißt, dass eine Überaktivität verschiedener Botenstoffe wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin durch die Aktivierung der CB1-Rezeptoren vermindert wird.

Das Endocannabinoidsystem schützt also vor einer Überregung im zentralen Nervensystem. Gleichzeitig balanciert es die Gehirnaktivitäten aus, was das breite Wirkungsspektrum von Cannabis erklärt.
Wenn sich THC an die CB1-Rezeptoren bindet, wird die Überaktivität in den Schmerzregelkreisen des Gehirns gemindert. Infolge dessen werden Schmerzen gelindert. Tritt in Regionen des Gehirns, die für Übelkeit sowie Erbrechen verantwortlich sind, eine Überaktivität an Neurotransmittern auf, so kann die Aktivierung der CB1-Rezeptoren diese hemmen. Durch ähnliche Mechanismen werden Zwangsstörungen wie auch beispielsweise epileptische Anfälle, Muskelspastiken, Hyperaktivität oder Angststörungen abgeschwächt.

Im American Journal of Psychiatry berichteten Forscher über zwei Patienten mit Zwangsstörungen (obsessiv-kompulsive Störung). Die 38-jährige Patientin und der 36-jährige Patient sprachen auf eine konventionelle Therapie mit Antidepressiv und Neuroleptika nicht an. Der Patientin wurden zusätzlich zur Clomipramin-Medikation noch 10 mg orales THC dreimal täglich verordnet. Innerhalb von 10 Tagen kam es zu einer signifikanten Abnahme der Symptome. Beim zweiten Patienten wurde die Dosis von Dronabinol langsam auf zweimal täglich 10 mg täglich gesteigert. Eine deutliche Reduzierung der Symptome fand innerhalb von zwei Wochen statt.

Studie belegt Wirksamkeit des medizinischen Cannabis beim Tourette-Syndrom

Das Tourette-Syndrom, eine erblich bedingte neuropsychiatrische Störung, tritt meist bereits im Kindesalter auf und äußert sich durch sprachliche und physische Ticks. Das können beispielsweise wiederholte ruckhafte Bewegungen oder auch sozial inakzeptable verbale Äußerungen. Zwischen diesen Ticks und Zwangsstörungen besteht eine enge Verbindung. Ungefähr 30 bis 60 Prozent der am Tourette-Syndrom leidenden Betroffenen weisen auch Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen auf.

Forscher gehen davon aus, dass die Häufigkeit der Ticks mithilfe von Cannabis Medizin reduziert werden kann. Wissenschaftler aus Hannover stellten innerhalb einer Studie fest, dass 17 von 64 am Tourette-Syndrom erkrankten Probanden vom Cannabiskonsum berichteten. Nach der Anwendung von Cannabis erklärten 14 Probanden, dass ihre Ticks teilweise oder ganz ausgeblieben seien. Daraufhin wurden weitere Studien durchgeführt. Diese bestätigen, dass die Mehrzahl der Probanden nach der Zufuhr von Cannabinoiden eine signifikante Besserung erfuhr. Nebenwirkungen traten nur bei wenigen Probanden auf.

Quellen:

Ähnliche Artikel