Leafy.de Patientenakte: Isabelle S., 37, Schmerzpatientin

Autor: Uta Melle

Verõffentlicht am: 21. November 2017

Geändert am: 30. November 2017

Durch ein Geburtstrauma an der Lende wuchs Isabelles Bein nicht richtig mit. Es begann ein langer Leidensweg, der von vielen Medikamenten begleitet wurde. Die Nebenwirkungen führten zu immer neuen Problemen. Die Abwärtsspirale endete für Isabelle im Rollstuhl. Nun läuft sie wieder und ist schmerzfreier denn je - dank Cannabis als Medizin.

Leafy.de Patientenakte: Isabelle S., 37, Schmerzpatientin
"Medizinalhanf hat mir ein neues Leben geschenkt"

Isabelle erlitt bei ihrer Geburt eine Nervenschädigung ihres rechten Plexus Lumbosacralis (Lendenkreuzgeflecht). Dies war der Auslöser einer Kettenreaktion: Der Ischiasnerv und die Nerven der Wadenbeinmuskulatur wurden in Mitleidenschaft gezogen.

Isabelles Bein reagierte mit einer Fußtreberschwäche, Spitzfuß, einem Steppergang und wuchs zeitweise nicht mit. Es entstand eine Beinlängendifferenz von dreieinhalb Zentimetern. Im Kleinkindalter lag Isabelle lange im Gipsbett, trug zeitweise am Tag und in der Nacht Schienen und bekam angepasste Schuhe.

Eine Operation sollte die Erlösung bringen

In ihrem 17. Lebensjahr wurde ein operativer Beinlängenausgleich vorgenommen. Dazu wurde ihr linker Oberschenkelknochen um dreieinhalb Zentimeter verkürzt und mit einer Titanplatte am Hüftgelenk fixiert. Die Länge der Muskeln, Sehnen und Bänder musste sich jedoch natürlich anpassen. Isabelle überstand drei schmerzhafte Monate im Bett.

Ein Jahr später wurde die Titanplatte entfernt. Doch all diese Maßnahmen verbesserten Isabelles Zustand nicht besonders, sie verlagerten die Probleme eher. Der Meniskus litt so sehr, dass 2005 ein bereits geschädigter Teil des Meniskus entfernt werden musste. Zusätzlich machte sich eine Arthrose im Knie breit: Isabelle wurde 2008 zur Schmerzpatientin.

Nebenwirkungen von Medikamenten gesellen sich zu Schmerzen – eine Teufelsspirale

Isabelles Zustand verschlechterte sich zusehends: Zu Bandscheibenvorfällen, Lendenwirbelsyndromen, Meniskusriss, Arthrosen und Rheumaschüben gesellten sich nun die Nebenwirkungen der starken Opiate und sonstigen Medikamente wie Lyrica, Gabapeutin, Amitryphilin, Targin, Oxicodon, Tramadol und Novalgin.

Es begann mit einer Magenschleimhautentzündung. Daraus entwickelten sich Gallensteine, sodass ihre Galle entfernt werden musste. Ihre Blase funktionierte nicht mehr richtig, ihr Darm reagierte mit häufigen Durchfällen. Sie litt unter Schlafstörungen, Müdigkeit, Gewichtszunahme, ihre Hände zitterten.

Die gelernte Altenpflegerin wurde 2011 arbeitsunfähig. Ihr Leben spielte sich fast nur noch in Kliniken ab. Isabelle landete im Rollstuhl: Sie konnte nicht mehr gehen.

Isabelle Patienakte

Isabelle in ihrer Zeit im Rollstuhl als sie nicht mehr gehen konnte.

Die Erlösung nach so vielen Jahren des Schmerzes durch pharmazeutisches Cannabis

Bei einem ihrer Reha-Aufenthalte vertraute ihr eine Schwester der Klinik an, dass sie durch andere Schmerzpatienten gehört hatte, dass Cannabis eine sehr gute schmerzstillende Wirkung haben soll. Isabelle probierte dies aus und erfuhr das erste Mal seit sehr langer Zeit Entspannung und ein paar gute Stunden.

Ab diesem Moment setzte sie alles daran, sich ein Präparat verschreiben zu lassen.

Als sie im März 2017 hörte, dass Cannabis als Medizin nun legal verschrieben werden konnte, stand sie sofort auf der Matte ihres Schmerztherapeuten, der ihr auch sofort ein Rezept über Bedrocan ausstellte – je 0,5 g morgens und abends inhalieren, mehr nicht. Die Kostenübernahme der Krankenkasse ließ nicht lange auf sich warten.

Isabelle kann wieder laufen

Anfang November traf ich Isabelle in Berlin zum Interview: Eine bildhübsche junge Frau mit leuchtenden blauen Augen geht auf mich zu. Ich bin begeistert. Diese Frau hat gerade noch im Rollstuhl gesessen und ein Leben in Schmerzen geführt.

Sie erzählt mir von ihrer langen schweren Leidensgeschichte und ich freue mich darüber, dass sie das alles nicht brechen konnte. Sie erzählt mir auch, dass der Einsatz von Cannabis als Medizin ihr und ihren Kindern ein neues Leben geschenkt hat, und strahlt mich dankbar an.

Isabelle ist eine zauberhafte Frau mit einem großen Herzen. Sie kümmert sich nicht nur um sich – zwei Hunde und drei Katzen hat sie in den letzten Jahren bei sich aufgenommen – zwei Kinder hat sie auch noch – woher nimmt Isabelle die Kraft? Menschen, die Leiden kennen, wissen, wie wichtig Fürsorge ist. Auch das kann eine Energiequelle sein.

Isabelle Patientenakte

Isabelle findet Liebe und Halt bei ihrer Familie und ihren Tieren.

Danke, dass ich Dich kennenlernen durfte, liebe Isabelle.
Vielen Dank, dass Du Leafly.de Deine Geschichte erzählt hast.

Patienteninfos:

Name: Isabelle S.
Alter: 37
Wohnort: Saarland
Krankenkasse: BKK Pfalz
Anamnese: Schmerzpatientin durch Schädigung des Plexus Lumbosacralis
Medikation: 30 g Bedrocan Blüten, Inhalation, je 0,5 g morgens und abends
1 x wöchentlich je 1 Spritze MTX (Methrotrexat) und Folsäure
Bei Rheumaschub: Cortison + Oxycodon 5 mg

Das Leafly.de Patienteninterview

Leafly.de: Seit wann wendest Du Cannabis als Medizin an?
Isabelle: Im März diesen Jahres wurde es mir das erste Mal verschrieben.

Leafly.de: Wie bist Du darauf gekommen?
Isabelle: Eine Schwester, die ich auf einer Reha kennengelernt habe, gab mir den Tipp. Ich habe es dann erst mal so ausprobiert – da war mir schnell klar, dass mir das helfen kann.

Leafly.de: In welchen Momenten wendest Du es an?
Isabelle: Als Dauermedikation. Ich habe dadurch andere Dauermedikamente absetzen können, unter deren Nebenwirkungen ich sehr gelitten habe.

Leafly.de: Welchen Wirkstoff hat das Präparat und in welcher Dosierung nimmst Du es?
Isabelle: Ich bekomme Bedrocan Cannabis Blüten, die ich mit Hilfe des Vulcano Medic Verdampfers inhaliere.

Leafly.de: Gibt es Schwierigkeiten mit der Krankenkasse?
Isabelle: Nein, gar keine. ich fühle mich bei der BKK Pfalz  sehr gut aufgehoben. Sie haben sogar die Kosten für den Verdampfer übernommen.

Leafly.de: Hast Du Angst vor einer Abhängigkeit?
Isabelle: (lacht) Nein, sicher nicht. Ich hatte schlimmere Präparate, die schneller schwerer abhängig machen und zusätzlich noch schwere Nebenwirkungen mit sich brachten.

Leafly.de: Vielen Dank, liebe Isabelle.

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