Leafly.de Patientenakte: Jim, 48, Bayern, Posttraumatische Belastungsstörung, Bandscheibenvorfall

Autor: Uta Melle

Verõffentlicht am: 3. Juli 2018

Geändert am: 3. Juli 2018

Jim hat zweimal im Kosovo gedient. Er hat viel gesehen, er wurde angeschossen. Sein Körper und seine Seele wurden verwundet. Nie hat er aufgegeben. Er machte immer weiter, bis die Bandscheibe ihm einen Strich durch die Rechnung machte. Doch auch danach war er nie unterzukriegen. Ein Stehaufmännchen. Ein wahrer Ritter ohne Furcht und Tadel, ein Krieger im besten Sinne.

Leafly.de Patientenakte: Jim, 48, Bayern, Posttraumatische Belastungsstörung, Bandscheibenvorfall

1995 fuhr der Deutsch-Amerikaner Jim, damals 26 und schon zweifacher Vater, mit seiner Bundeswehreinheit in den Kosovo. Seine Aufgabe: Patrouillenfahrten um Beweise für Kriegsverbrechen zu sammeln. Diese Beweise fand seine Einheit. Bilder, die niemand vergessen kann.

Auf einer dieser Fahrten bekam Jim einen Schlag in der Nabelgegend, unterhalb seiner Schutzweste. Als er die Hand von der Stelle nahm, war diese voll mit Blut: Der Querschläger eines Heckenschützen hatte Jim getroffen, er hatte noch nicht mal den Schuss gehört.

Er brach zusammen, Ersthelfer kümmerten sich, er wurde ausgeflogen und kam ins Bundeswehrkrankenhaus. Die Kugel war zwei Zentimeter neben dem Nabel eingedrungen und die Wanderung der Kugel stoppte fünf Zentimeter vor dem Herzen.

Künstliches Koma und Psychopharmaka

Es gibt sicher keinen Menschen, an dem das Gesehene spurlos vorbeigeht. Als Jims Körper in den darauffolgenden Monaten in eine Schlafphase wechseln wollte, begannen seine Augen mit der Arbeit: Record Eye Movement.

Alle traumatischen Bilder kamen dann wieder. Es war unerträglich und unmöglich, Schlaf oder Ruhe zu finden. Den Ärzten fiel in der Zeit nicht viel mehr ein, als ihn häufig ins künstliche Koma zu versetzen.

Ihm wurde von der Bundeswehr ein Psychologe zur Seite gestellt. Dessen „Therapie“ beschränkte sich allerdings auf die Ausgabe von Psychopharmaka. Doch als Jims Vater erkannte, dass Jim zum „Zombie“ mutierte, half er ihm, diese Therapie abzubrechen.

Der Neuanfang

Nachdem Jim fünf Monate apathisch war, riet ihm seine Frau nachdrücklich, dass er nun unbedingt wieder arbeiten musste, sonst würde er eingehen. Da Jim noch viel Wut auf den Heckenschützen in sich trug, machte er keine halben Sachen: Er zog mit der Familie in die USA und heuerte bei den US-Marines für die Ausbildung als Scharfschütze an.

Hier fiel er positiv auf und wurde Ausbilder. Doch nach zweieinhalb Jahren wurde er von den US-Marines genötigt, für sieben Monate nach Sarajevo zu gehen. Er folgte dem Befehl und nach sieben Monaten war der Dienst geleistet und Jim zog inklusive Familie wieder nach Deutschland zurück.

Und wieder von vorne

In Deutschland angekommen, musste Jim sich wieder komplett neu orientieren. Er bewarb sich in einer Gießerei und wurde genommen. Im Jahr 2000 wurden seine Ambitionen jedoch von einer halbseitigen Lähmung durch einen Bandscheibenvorfall zwischen Atlas und Axis gestoppt. Die Diagnosestellung war sehr kompliziert, da zunächst von einem Schlaganfall ausgegangen wurde. Sein Hausarzt war ratlos.

Da Jims Mutter zur gleichen Zeit im Krankenhaus mit ähnlichen Symptomen lag, rief er dort an, um Parallelen auszuschließen, denn die Diagnose seiner Mutter war sehr selten. Der Stationsarzt hörte sich seine Symptome an und entgegnete, dass er doch mal zum Arzt gehen solle.

Dieses Gespräch hörte die behandelnde Ärztin der Mutter. Als sie mitbekam, worum es ging, fragte sie lediglich, ob er einen Rettungswagen oder einen Hubschrauber benötigte. Nach der Einlieferung von Jim bestätigte sich der Verdacht jedoch nicht. Das Rätselraten ging weiter.

Klinisches Versuchsobjekt

Im Uniklinikum wurde Jim in einen Vorlesungsraum zu einer Untersuchung gebeten. Die Professorin bat ihn, sich freizumachen und auf den Tisch zu legen. Kaum getan kam auch noch eine ganze Klasse hinzu und vermaß Jim zwei Stunden lang. Am Ende drückte die Professorin auf einen bestimmten Punkt an seinem Rücken – die Lähmung war weg. Die Professorin ließ wieder los – die Lähmung war wieder da.

Viel konnte sie nicht machen, aber wenigstens war die Diagnose nun klar und er bekam eine sechs Monate lang dauernde Physiotherapie. Danach bekam Jim Probleme mit seinem Kreuz. Schmerzmittel, wie das Opioid Tramadol, wurden seine ständigen Wegbegleiter.

Neuanfang Nummer Drei

In der Gießerei war Jim sehr lernwillig. Sein Interesse galt vor allem der Technik, zwei Meisterabschlüsse hatte er schon gemacht. Doch dieser Ehrgeiz war bei den Kollegen nicht gern gesehen. Mobbing setzte ein. Dies machte ihm psychisch schwer zu schaffen.

Am Tag vor Weihnachten zog sich Jim in einer Nachtschicht einen Leistenbruch zu – der Witz eines Kollegen hatte ihn so zum Lachen gebracht, dass es knackte. Zunächst nahm er es nicht ernst, doch am nächsten Tag beim Spielen mit den Kindern ging es nicht mehr – er kam in die Notaufnahme.

Hier machte ein Assistenzarzt den Fehler den Leistenbruch nicht zu erkennen. Er fasste ihm voll in den Bruch – daraufhin reagierte Jims Hand von ganz allein und mit einem Schlag war die Nase des Arztes gebrochen und zwei Zähne saßen nicht mehr da, wo sie vorher waren. Der Professor schüttelte nur mit dem Kopf über die Aktion seines Assistenten.

Der Leistenbruch wurde relativ erfolgreich operiert, doch Jim durfte ab dem Zeitpunkt nichts Schweres mehr heben oder sonstigen schweren Tätigkeiten nachgehen. Somit war der Job in der Giesserei vorbei. Doch Jim gab auch da nicht auf, er machte eine Ausbildung zum LKW-Fahrer.

Ein Unfall mit Folgen

Schnell fand Jim einen neuen Arbeitgeber und wurde ein sehr verlässlicher Lkw-Fahrer. Er hielt immer die Ruhezeiten ein und fuhr immer nach Vorschrift. Am Geburtstag seiner neuen Freundin im Jahr 2016 ließ er sich für eine besondere Fahrt einteilen, denn seine Freundin wollte unbedingt mal Berlin sehen.

Alles lief wunderbar, doch auf dem Berliner Ring wurde ihm plötzlich schwarz vor den Augen. Jim hatte einen Blackout, fuhr an die Leitplanke und wachte von Rettungssanitätern umringt auf. Glück im Unglück: Seiner Freundin und ihm passierte nichts Schlimmeres.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass er einen Schlaganfall hatte, doch auch davon erholte er sich wieder. Nachdem er fünf Monate krankgeschrieben war, suchte er sich eine neue Arbeit. Die fand er in einem Supermarkt als Kommissionierer.

Suche nach einem Arzt

Parallel versuchte Jim die ganze Zeit über einen Arzt zu finden, der sich mit einer Cannabis-Behandlung auskannte, denn er bekam immer noch alle möglichen Opiate und Opioide. Verwundert stellte er fest, dass viele Ärzte Opiate als eine minder schlimme Droge aussahen, vor der Verschreibung von Cannabis jedoch zurückschreckten. Verdrehte Welt.

Seinem Hausarzt legte er jahrelang alle möglichen Studien auf den Tisch. Im Oktober 2017 willigte er dann endlich ein und verschrieb ihm Bedrocan-Blüten zum Verdampfen. Gleichzeitig warf er Jim vor, dass er für diese Verschreibung „ganz schön draufgelegt habe“, weil er eine so lange Begründung für die Krankenkasse schreiben musste. Diese war jedoch so schlecht verfasst, dass sogar die Sachbearbeiterin der Krankenkasse mit dem Kopf schüttelte.

Er suchte sich daraufhin wieder einen neuen Arzt und wurde fündig. Seine neue Ärztin war informiert, konnte den Antrag gut schreiben und alles ging glatt. Allerdings muss die Kostenübernahme noch eingeklagt werden.

Die Ärztin führt sogar eine Cannabis-Patientengruppe, welche sich monatlich trifft, um sich auszutauschen. Großartig! Seitdem hat Jim kaum Beschwerden. Er muss keine anderen Präparate mehr nehmen und ist sehr klar im Kopf – klarer, als unter den Opioiden.

Alles auf Anfang für Jim

Sechs Monate nach Beginn seines neuen Jobs im Supermarkt, direkt mit dem Tag des Ablaufs der Probezeit, verlor Jim seinen Job. Doch der Ritter Jim ist nicht zum Aufgeben geboren: Er machte sich mit einem seiner Söhne selbstständig und eröffnete einen Foodmarkt. Hierfür übernahm er das funktionierende Konzept eines Freundes. Ein Jahr ging das sehr gut, doch am Ende, im Mai 2018, musste er aufgeben.

Da Jim sehr klug ist, fand er den richtigen Zeitpunkt zur Aufgabe, sodass er oder andere am Ende keine Schäden davon hatten. Seitdem hat er bereits wieder eine neue Arbeit in einem Kunststoff verarbeitenden Betrieb im Spritzguss als Leiharbeiter für die nächsten neun Monate.

Anm. der Autorin: Einen solchen Ritter habe ich noch nie gesprochen. Ein echter Krieger – im besten Sinne des Wortes. Ein Mann, der nie aufgibt. Ein Mann, der sich umdreht, wenn der Horizont verschwindet, um einen neuen zu entdecken. Jim versorgt eine Patchwork-Familie mit fünf Kindern und drei Hunden. Er hat immer Verantwortung getragen, wo sie zu tragen war. Ich habe einen enormen Respekt vor Jims Kraft und Stärke!

Patienteninfos
Name: Jim
Alter: 48
Wohnort/Bundesland: Bayern
Krankenkasse: AOK
Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung, Bandscheibenvorfall
Medikation: Bedrocan, 3 x 0,2g /Tag durch Verdampfen
Fachrichtung des verschreibenden Arztes: Allgemeinmediziner

Das Leafly.de Patienteninterview

Leafly.de: Seit wann wendest Du Cannabis als Medizin an?

Jim: Im Februar 2018 bekam ich mein erstes Rezept. Da hatte ich noch Probleme mit der Krankenkasse, denn mein damaliger Arzt hatte die Begründung sehr schlecht geschrieben. Kurze Zeit später habe ich mir eine neue Ärztin gesucht, die sich wirklich sehr gut auskennt. Wir – ihre Cannabis-Patienten – treffen uns einmal im Monat in einem Cafe zum Meinungsaustausch.

Leafly.de: Wie bist Du denn darauf gekommen?

Jim: Ich bin durch die Mediendiskussion darauf aufmerksam geworden.

Leafly.de: Wie war das erste Mal mit Cannabis als Medizin?

Jim: Alles in meinem Körper entspannte sich. Die Schmerzen verschwanden sofort und ich konnte endlich nach Jahrzehnten wieder schlafen. Herrlich. Dabei bin ich völlig klar im Kopf – nicht „breit“.

Leafly.de: In welchen Momenten wendest Du es an?

Jim: Als Dauermedikation.

Leafly.de: Gibt es Schwierigkeiten mit der Krankenkasse?

Jim: Die haben wir nun Gott sei Dank überstanden. Die Kostenübernahme muss ich allerdings noch einklagen. Aber das wird schon.

Leafly.de: War Dein Medikament schon einmal in der Apotheke nicht lieferbar? Wenn ja, wie lange nicht und wie hast Du die Situation lösen können?

Jim: Dann bin ich bis zur nächsten Apotheke, die ich finden konnte, die noch etwas hatte, gefahren. Doch inzwischen habe ich eine Apotheke hier vor Ort, die sich sehr interessiert zeigt. Ich muss immer von meinen Erlebnissen berichten und die Chefin hat mir nun zugesagt, das Bedrocan immer für mich im Lager zu haben. Wie so oft hat sich hier bestätigt: Wenn man mit den Menschen persönlich darüber redet, dann erwächst auch das Interesse.

Leafly.de: Bist Du glücklich?

Jim: Ja, ich bin sehr glücklich.

Wow, lieber Jim. Du hast schon soviel erlebt und bis immer wieder aufgestanden. Wir haben den allergrößten Respekt vor Dir. Du bist ein echter Held. Danke, das Du uns Deine Geschichte erzählt hast.

 

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