Leafly.de Patientenakte: Laurin, Bayern, 25, ADHS, Depression, atypischer Autismus

Autor: Uta Melle

Verõffentlicht am: 27. April 2018

Geändert am: 19. Juni 2018

Laurin war schon früh verhaltensauffällig. Er war unruhig, konnte nicht aufpassen aber schulisch auch allen Voraus. Ab der dritten Klasse bekam er Ritalin, infolgedessen er zwar ruhiger wurde, seine schulischen Leistungen jedoch sehr litten. So konnte sich bei Laurin eine Depression festsetzen. Er kämpfte lange, besuchte viele Therapien, ambulant und stationär. Nichts half wirklich. Erst seit er die Behandlungsmöglichkeit mit Cannabis entdeckt hat, läuft sein Leben in geregelten Bahnen.

Leafly.de Patientenakte: Laurin, Bayern, 25, ADHS, Depression, atypischer Autismus

Schon im Säuglingsalter fiel den Eltern ihres dritten Kindes Laurin auf, dass sein Verhalten von dem der anderen abwich. Im Kindergarten setzte sich dies fort. Hier ging er sogar grundlos auf andere Kinder los. Sein Verhalten wurde problematisch, als er in die Schule kam. Er störte, eckte an, konnte weder still sitzen noch zuhören. Andererseits konnte er alle gestellten Aufgaben lösen. Jedes Buch, welches er in die Hand bekam, lass er. Wenn er sich für etwas interessierte, versank er darin. Er brachte sich alles selbst bei. So wurde er in der Grundschulzeit oft in einen gesonderten Raum gesetzt, bekam Aufgaben der höheren Klassen, abgekanzelt von den anderen Schülern, denn kein Lehrer konnte oder wollte mit ihm umgehen.

Diagnose ADHS, Ritalin, Depression

Als Laurin in der dritten Klasse war, diagnostizierte ein Arzt ADHS und verschrieb Ritalin. Sofort veränderte sich sein Verhalten. Er machte keinen Rabatz mehr, konnte kaum noch essen und schlafen – alles bekannte Nebenwirkungen von Ritalin. Er verlor Interesse und Neugierde. Entsprechend verschlechterten sich seine schulischen Leistungen. Soziale Kontakte pflegte er kaum. In der Pubertät zeigten sich die ersten klaren Anzeichen für eine schwere Depression. Er verletzte sich selbst, zog sich immer mehr zurück. Direkt nach dem Schulabschluss der mittleren Reife entschied er sich für eine Therapie.

Versuche, das Leben in den Griff zu bekommen, scheitern

Natürlich versuchte Laurin im Anschluss an die Therapie, sein Abitur nachzuholen. Er glänzte in Fächern, die ihn interessierten, konnte sich jedoch nicht mit Fächern auseinandersetzen, die seine Aufmerksamkeit nicht weckten, so sehr er sich auch anstrengte. Er scheiterte und nahm vorübergehend eine Teilzeitstelle an. 2012 begann er eine Ausbildung zum Krankenpfleger, doch wieder machten ihm einige Schulfächer einen Strich durch die Rechnung.

Es war ihm unmöglich, sich etwas zu merken, was er nicht für Interessant erachtete. Nach sechs Monaten musste er wieder gehen. Auch der nächste Versuch in einer Krankenpflegehelferschule brachte das gleiche Ergebnis. Ende 2012 brach Laurin komplett zusammen. Er zog wieder zu seinen Eltern und ließ sich für ein halbes Jahr krank schreiben. Durch die Vermeidung sozialer Kontakte, Perspektivlosigkeit und Passivität bewältigte er seinen Alltag immer schlechter und entwickelte Suizidgedanken.

Ein weiterer Versuch und eine lange Therapie

Einigermaßen gefasst, nahm Laurin einen Fabrik-Aushilfsjob an, bis er ein Angebot zur Ausbildung als Fachinformatiker bekam. Leider gab es auch hier wieder Fächer, die sein Interesse einfach nicht wecken konnten. Laurin verlor seine Stelle wieder nach sechs Monaten. Er entschied sich erneut für eine Therapie. Ein Termin bei einer Neurologin manifestierte die Diagnosen ADHS und Depression und attestierte zusätzlich einen atypischen Autismus. Ein Jahr lang nahm er alle Möglichkeiten wahr, die sich ihm boten, doch irgendwie wollte nichts wirklich anschlagen. Laurin zog zu seiner Freundin und zog sich dort immer mehr in sich zurück.

Laurin entdeckt den medizinischen Einsatz von Cannabis

Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit ohne Perspektive, schwerer Depression und autistischem Verhalten bekam er 2016 einen Job in einem Entsorgungsunternehmen über eine Zeitarbeitsfirma. Sein Leben begann Struktur zu bekommen. Mitte 2016 machte ihn ein Bekannter darauf aufmerksam, dass er seine ADHS-Erkrankung erfolgreich mit Cannabis behandelte.

Laurin versuchte es und war verblüfft. Plötzlich dachte er nicht mehr daran, sich umzubringen. Klare Gedanken kamen ihm wieder in den Kopf und sie drehten sich nicht mehr nur um sich selbst, sondern brachten ihn weiter. Vor allem aber konnte er nach Jahrzehnten endlich wieder normal schlafen und essen. Laurin empfand wieder Freude im Leben, Interesse und Aufmerksamkeit.

Das erste Rezept

Als im März 2017 die Gesetzesänderung zum Einsatz von Cannabis in der Medizin kam, meldete Laurin sich sofort bei Dr. Franjo Grotenhermen an. Im Mai 2017 bekam er sein erstes Rezept über Bedrocan Blüten zum Verdampfen, ein Gramm am Tag auf vier bis sechs Einheiten verteilt. Schnell stellte er fest, dass Bedrocan ihn zu schläfrig machte. Beim nächsten Mal bekam er ein Rezept für Red No. 4. Diese Sorte war perfekt. Für Laurin begann ein neues Leben. Seine Arbeitsstelle hat Laurin noch heute. Sein Leben läuft endlich in geregelten Bahnen. Er isst und schläft regelmäßig und hat Freude an der Arbeit und am Leben.

Patienteninfos
Name: Laurin
Alter: 25
Wohnort/Bundesland: Bayern
Krankenkasse: DAK
Diagnose: ADHS, Depression, atypischer Autismus
Medikation: 1g Blüten zum verdampfen, verteilt auf 4-6 Dosierungen pro Tag
Bevorzugte Sorte: Red No. 4
Fachrichtung des verschreibenden Arztes: Allgemeinmediziner

Das Leafly.de Patienteninterview

Leafly.de: Seit wann wendest Du Cannabis als Medizin an?
Laurin: Seit Mitte 2016, damals noch ohne Rezept, mittlerweile mit Verordnung.

Leafly.de: Wie bist Du darauf gekommen?
Laurin: Ein Bekannter von mir hat mir erzählt, dass er seine ADHS-Erkrankung durch den medizinischen Einsatz von Cannabis in den Griff bekommen hat.

Leafly.de: Wie war das erste Mal mit Cannabis?
Laurin: Wow, großartig. Ich dachte plötzlich nicht mehr daran, mich umzubringen, konnte endlich wieder einen klaren Gedanken fassen. Und ganz wichtig: Nach Jahrzehnten konnte ich wieder normal schlafen und essen.

Leafly.de: In welchen Momenten wendest Du es an?
Laurin: Als Dauermedikation.

Leafly.de: Welches Präparat in welcher Dosierung nimmst Du?
Laurin: Ich verdampfe Red No. 4, ein Gramm pro Tag auf vier bis sechs Dosierungen pro Tag verteilt. Das genügt. Bedrocan habe ich versucht, doch das hat mich tagsüber zu müde gemacht.

Leafly.de: Gibt es Schwierigkeiten mit der Krankenkasse?
Laurin: Noch nicht, denn bisher habe ich nur Privatrezepte bekommen. Ich werde es bald versuchen, Kassenrezepte zu bekommen. Noch scheue ich die Konfrontation.

Leafly.de: Hast Du Angst vor einer Abhängigkeit?
Laurin: Nicht wirklich, doch wenn ich es absetze, bekomme ich sehr schnell Angstzustände. Die habe ich aber immer bekommen, wenn ich ein Medikament abgesetzt habe.

Leafly.de: War Dein Medikament schon einmal in der Apotheke nicht lieferbar? Wenn ja, wie lange nicht und wie hast Du die Situation lösen können?
Laurin: Ich bestelle meine Medikamente bei einer Versandapotheke. Von daher ist meist alles lieferbar. Trotzdem frage ich jedes mal vor dem Ausstellen des Rezeptes die Verfügbarkeiten ab, so daß es zu keinem Engpass kommt.

Leafly.de: Geht es Dir gut? Bist Du glücklich?
Laurin: Ja. Es gibt noch viele Baustellen, aber ich kann sagen, dass ich zu 85% glücklich bin. Vorher waren es 10%

Vielen Dank, lieber Laurin. Wir wünschen Dir alles Gute für die Zukunft und dass die letzten 15% bald hinzukommen.

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