Leafly.de Patientenakte: Marcus, 42, NRW, ADHS, Depression, Restless Legs, Bandscheibenvorfall

Autor: Uta Melle

Verõffentlicht am: 20. Juni 2018

Geändert am: 28. Juni 2018

Marcus schaffte es im Jahr 2010, vom Alkohol loszukommen. Im Anschluss daran hatte er schwere psychische und physische Probleme. Behandlungen mit Psychopharmaka führten jedoch in die falsche Richtung, denn die Nebenwirkung verschlechterten seinen körperlichen Zustand. Um aus diesem Teufelskreis herauszukommen, ließ sich Marcus erfolgreich auf die Behandlung mit Cannabis ein.

Leafly.de Patientenakte: Marcus, 42, NRW, ADHS, Depression, Restless Legs, Bandscheibenvorfall

Mit Anfang dieses Jahrtausends drangen viele Probleme in das Leben von Marcus ein. Seine Hilflosigkeit ertränkte er im Alkohol bis zur Abhängigkeit. Im Jahr 2010 gelang ihm der den Entzug. Mit der Klarheit kamen alte Probleme zurück, doch diesmal entschied sich Marcus diese mit ärztlicher Hilfe zu bekämpfen.

Er litt an Depressionen, Unruhe und Restless Legs Syndrom. Zunächst wurde er mit Antidepressiva behandelt, doch diese verstärkten seine anderen Symptome und zusätzlich konnte er nicht mehr richtig schlafen. Zwei Jahre suchte er Hilfe bei unterschiedlichen Ärzten und versuchte alle Psychopharmaka, die ihm verschrieben wurden. Nichts half ihm.

Marcus entscheidet sich für das Leben

Jahrelang konnte Marcus zwischen zwei schlechten Zuständen wählen: Mit Antidepressiva war er psychisch relativ stabil, litt jedoch unter starker Unruhe und Schlaflosigkeit. Ließ er die Medikamente weg, eroberte ihn die Depression. So konnte es nicht weitergehen.

Zunächst trennte er sich von seiner damaligen Frau, die dem Alkohol noch verfallen war. Er entschied sich, in Zukunft keine Psychopharmaka mehr zu nehmen und setzte sich das Ziel, eine Alternativbehandlung zu finden.

Als er dann noch Mobbing auf der Arbeit erleben musste, ließ er sich aufgrund seiner Depressionsschübe in eine Tagesklinik einweisen. Parallel erweiterte er sein Wissen um alternative Therapiemethoden seiner Symptome.

Schnell wurde ihm klar, dass er es mit einer Cannabisbehandlung versuchen wollte. Er hatte ein Ziel.

Neue Probleme und Spießrutenlauf

Da Marcus nun auch noch Probleme mit der Bandscheibe bekam, unterzog er sich 2014 erst einmal einer Laseroperation. Diese veränderte nichts, außer dass er nun noch weitere Schmerzen hatte. Ein Jahr später wiederholte er diese Operation, doch auch dieser Versuch schlug ins Leere. Er konnte den Tag lediglich mit 600 mg Tilidin überstehen.

Als Marcus Rücken dann noch „knack“ machte, bekam er Göttinger Infusionen. Da er immer noch durchgehend von einer inneren Unruhe getrieben wurde, unterzog er sich einer ADHS-Testung. Er fiel positiv aus, doch sein Arzt unterstellte ihm eine Abhängigkeit.

Auch gegen seine Restless Legs wollte er ihm lediglich unter der Prämisse, dass er ein Jahr lang alle drei Monate einen Drogentest sollte, Ritalin verschreiben. Er gab ihm andere Medikamente mit, die bei Marcus Nebenwirkungen verursachte, dass er dachte, er würde sterben.

Mit all diesen Diagnosen ging er nun zu jedem Arzt, den er finden konnte denn er verfolgte weiterhin sein Ziel, eine Cannabisbehandlung auszuprobieren. Einen kleinen Zwischensieg konnte er erringen, als sein Hausarzt ihm das Cannabinoidhaltige Mundspray Sativex als Privatrezept verschrieb.

Leider zeigte es wenig Wirkung, doch genug, um Marcus die Richtung zu zeigen: Cannabisblüten mussten her. So begann ein neuer Spießrutenlauf von Arzt zu Arzt.

Antworten der Ärzte

Innerhalb eines Jahres besuchte Marcus sechs bis sieben Ärzte unterschiedlichster Fachrichtungen. Ein Neurologe erklärte ihm, dass Cannabis nur eine Droge sei und er so etwas nicht verschrieben würde.

Ein Psychiater entgegnete ihm, dass er sich nicht so anstellen solle, er sei kein Drogendealer. Ein anderer sagte, dass er so etwas nicht verschreiben würde. Sein Hausarzt, ein Arzt, der sich der Naturheilkunde widmete, warf ihm vor, er wäre auf Entzug und schmiss ihn raus. Inzwischen hatte Marcus in einem Jahr 30 Kilo abgenommen.

Überraschende Hilfe

Verzweifelt suchte er nach Hilfe im Internet. Seine Frage, welcher Arzt sich mit der Cannabis -Behandlung auskennt, wurde in einer Facebook-Gruppe beantwortet. Marcus war sehr überrascht, als er den Namen eines Schmerztherapeuten lass, bei dem er fünf Jahre vorher in Behandlung war.

Gut vorbereitet ging er in das Gespräch hinein. Hier wurde ihm geholfen. Er stellte Marcus das Rezept aus. Leider kam kurze Zeit später die Ablehnung der Kostenübernahme von der Krankenkasse.

Marcus sammelte sofort alle Berichte von all seinen Untersuchungen der letzte Jahre zusammen. Des Weiteren ging er zu einer zweiten Schmerztherapeutin und erklärte seine Situation. Nach einem sehr langen Abschlussgespräch erklärte sie ihm ihr Vertrauen und schrieb einen entsprechenden Bericht.

Anschließend fand er noch einen Neurologen und einen weiteren Arzt, der für ihn schrieb. Mit all diesen Unterlagen und Berichten bombardierte er seine Krankenkasse. Heraus kam die Einwilligung zur Kostenrückerstattung ab Antragstellung sowie eine vorübergehende Kostenübernahme bis Oktober diesen Jahres.

Marcus hat einen Anwalt eingeschaltet, doch er hat Angst, dass er all dies noch mal auf sich nehmen muss.

Anm. d. Autorin: Ein Alkoholentzug mit anschließender konsequenter Trockenheit empfinde ich als extreme Leistung. Wir leben in einer Gesellschaft, in der jemand, der keinen Alkohol trinkt oft sogar ausgeschlossen wird. Eine Beziehung mit einem abhängigen Partner erschwert das ganze enorm. Marcus hat meinen vollen Respekt. Man braucht viel Kraft, um dies zu schaffen. Ich ziehe meinen Hut!

Patienteninfos
Name: Marcus
Alter: 42
Wohnort/Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Krankenkasse: AOK
Diagnose: ADHS, Depression, Restless Legs, Bandscheibenvorfall
Medikation: 1,7 g/Tag, verteilt auf 5 Einheiten durch Verdampfen
Bevorzugte Sorte: tagsüber Penelope, abends Pedanios
Fachrichtung des verschreibenden Arztes: Schmerztherapeut

Das Leafly.de Patienteninterview

Leafly.de: Seit wann wendest Du Cannabis als Medizin an?
Marcus: Seit Anfang diesen Jahres.

Leafly.de: Wie bist Du denn darauf gekommen?
Marcus: Ich habe gemerkt, dass Psychopharmaka nichts für mich ist. So habe ich nach Alternativen gesucht. Dabei fiel mir jeweils bei allen meinen Symptomen auf, dass man hier Cannabis einsetzen könnte. So erschien es mir als das Mittel meiner Wahl und ich habe mich dann in das Thema eingelesen.

Leafly.de: Wie war das erste Mal mit Cannabis?
Marcus: Beim ersten Mal hatte ich Sativex. Das war ein wenig enttäuschend, da nur wenig Wirkung zeigte. Doch die Richtung war klar. Ich merkte, dass es mir guttat.

Leafly.de: In welchen Momenten wendest Du es an?
Marcus: Als Dauermedikation.

Leafly.de: Welches Präparat in welcher Dosierung nimmst Du?
Marcus: Insgesamt nehme ich ca. 1,7 g pro Tag. Das verteile ich auf fünf Dosen. Tagsüber nehme ich das milde Penelope, abends Pedanios. Ich werde allerdings das Penelope gegen Orange Nr. austauschen. Der hohe CBD-Gehalt von Penelope ist nicht so gut für die unruhigen Beine.

Leafly.de: Gibt es Schwierigkeiten mit der Krankenkasse?
Marcus: Ja, ich habe schwer gegen die Krankenkasse kämpfen müssen, bis diese mir eine vorläufige Übernahme zugesichert haben. Jetzt habe ich ein wenig Angst, wie die nächste Entscheidung aussehen wird.

Leafly.de: Geht es Dir gut? Bist Du glücklich?
Marcus: Ja und nein. Glücklich, dass ich mich nicht mehr mit den Ärzten rum schlagen muss und ich die Tabletten mit den ganzen Nebenwirkungen, die ich nicht vertrage, nicht mehr nehmen muss. Allerdings habe ich einfach zu viele Sorgen, um perfekt glücklich zu sein. Und die größte Sorge ist, wie es in ein paar Monaten aussieht.

Vielen Dank, lieber Marcus. Wir drücken Dir die Daumen, dass die Krankenkasse einer Kostenübernahme ohne zeitliche Begrenzung zustimmt.

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