Leafly.de Patientenakte: Matthias, 27, Berlin, Fibromyalgie

Autor: Uta Melle

Verõffentlicht am: 19. Januar 2018

Geändert am: 7. März 2018

Seit vielen Jahren hat Matthias Schmerzen im ganzen Körper. Diagnose: Fibromyalgie. Da die Krankheit therapieresistent ist, müssen Patienten einen Weg finden, die Symptome zu lindern und mit der Krankheit zu leben. Vermutlich können sich nicht Betroffene nicht vorstellen, wie sehr die Erkrankung und die ständigen starken Schmerzen sein Leben einschränken.

Leafly.de Patientenakte: Matthias, 27, Berlin, Fibromyalgie

Matthias lebt sozial isoliert, die Schmerzen bestimmen alles. Arbeit und Ausbildung erscheinen unmöglich. Freundschaften sind kaum vorhanden, weil er an nichts anderes denken kann, als an seine Schmerzen und kein Platz für Menschen ist. Gäbe es eine gesicherte schmerztherapeutische Behandlung, könnte er mit hoher Wahrscheinlichkeit wenigstens ein Minimum an sozialer Teilhabe zurück erlangen. Matthias hilft der medizinische Einsatz von Cannabis.

Er hat in seinem jungen Leben schon viel von der Welt gesehen – ob Deutschland oder Mittelamerika – die Welt ist ihm nicht fremd. In Berlin hat er eine Heimat gefunden und fing eine Lehrstelle als Goldschmied an. Schmerzen im ganzen Körper hatte er zu dem Zeitpunkt eigentlich schon länger, jedoch ist ihm dies durch die fehlende Alltagsroutine nicht so aufgefallen.

Hunderte von Beschwerden und keine Lösung in Sicht

Die Schmerzen in seinem Körper wurden von Tag zu Tag stärker. Hinzu gesellten sich Antriebslosigkeit, Taubheitsgefühl und Kribbeln in den Händen, Migräneanfälle, Augendruck, Wortfindungsstörungen, Gastritis, Lungenentzündung, Probleme beim Laufen, Rückenprobleme, Sehnenscheidenentzündungen, rheumatische Beschwerden im ganzen Körper, Zuckungen, Doppelbilder sehen sowie Nieren- und Blasenentzündungen. Eine Diagnose gab es zunächst nicht.

Verschiedene Ärzte schlagen Einzellösungen vor

Verschiedene Ärzte versuchten, gegen Einzelbeschwerden vorzugehen: Gegen die Schmerzen bekam Matthias Morphine, Opiate, Antidepressiva, Beruhigungsmittel, Schlafmittel, massenhaft Antibiotika und vieles mehr. Keines der Medikamente blieb ohne heftige Nebenwirkungen. Eine Klinik operierte seine Augen, weil seit seiner Kindheit Doppelbilder sah – erfolglos. Niemand konnte ihm wirklich helfen oder ihm sagen, warum er die massiven Beschwerden hatte. Es gab keine Diagnose. Matthias musste seine Lehre abbrechen, da er weder physisch noch psychisch in der Lage war, zu arbeiten.

Diagnose Fibromyalgie

Für eine Klinik ergaben all diese Symptome einen Sinn. Es wurde Fibromyalgie diagnostiziert. Jedoch halfen die Schmerzmittel nicht wirklich für diese Masse an Symptomen.
Eines Tages hatte Matthias wieder unerträgliche Kopfschmerzen. In dem Moment probierte er Cannabis, denn er hatte gerade gelesen, dass es helfen soll: Dies verschaffte ihm große Erleichterung. Matthias hatte seine Medizin gefunden.

Sein Arzt verschreibt ihm Cannabis, doch die Krankenkasse spielt nicht mit

Sein Schmerztherapeut verschrieb ihm dann auch bald Cannabis. Alles schien sich zum Guten zu wenden. Doch leider spielte die Krankenkasse nicht mit. Sie lehnte die Kostenübernahme ab.

Natürlich hat Matthias Einspruch eingelegt und eine Klage beim Sozialgericht eingereicht. Doch es ist schwer, denn Krankenkasse und Kassenärztliche Vereinigung verlangen immer mehr Nachweise, Schmerztagebücher, Anträge in 2-facher Form, Beschreibungen etc. Hürden, die einem kranken Menschen in den Weg gelegt werden.

Unterstützung findet Matthias in der Berliner Fibromyalgie-Selbsthilfegruppe, bei seinem Betreuer und bei seiner zauberhaften Hündin. Seit er für sich Cannabis als Medikation entdeckt hat, geht es Matthias wieder besser. Er sieht wieder eine Perspektive, möchte Kunst studieren und kann langsam wieder atmen.

Anmerkung der Autorin: Im Gespräch mit Matthias konnte ich spüren, wie viele Tiefpunkte er in seinem jungen Leben schon durchschritten hat. Umso schöner zu sehen, dass langsam Ruhe und Stabilität in sein Leben kommen. Er ist ein toller Mensch mit einem Zauberherzen.

Patienteninfos:
Name: Matthias
Alter: 27
Wohnort/Bundesland: Berlin
Krankenkasse: BKK VBU
Anamnese: Fibromyalgie
Medikation: Bedrocan, 3,3 g über den Tag verteilt durch Verdampfer

Das Leafly.de Patienteninterview

Leafly.de: Seit wann wendest Du Cannabis als Medizin an?
Matthias: Seit Juni 2017.

Leafly.de: Wie bist Du denn darauf gekommen?
Matthias: Ich habe darüber gelesen, auch ein Arzt hatte mir darüber berichtet. Als ich einmal unerträgliche Kopfschmerzen hatte, habe ich es dann probiert.

Leafly.de: Wie war das erste Mal?
Matthias: Das war eine unglaubliche Erleichterung. Es ging mir lange nicht so gut. Wahrscheinlich können sich das viele Menschen nicht vorstellen, wie der Schmerz das Leben beherrschen kann. Man will vorankommen, doch der Körper spielt nicht mit. Das macht einen täglich traurig. So taucht man Tag für Tag tiefer in eine Depression, was den Zustand nur verschlimmert.

Leafly.de: In welchen Momenten wendest Du es an?
Matthias: Als Dauermedikation

Leafly.de: Welchen Wirkstoff hat das Präparat und in welcher Dosierung nimmst Du es?
Matthias: Ich bekommen Bedrocan Blüten, ca. 3,3 g/Tag und verdampfe sie über den Tag verteilt. Argyle habe ich auch schon erfolgreich ausprobiert. Bedica habe ich gerade zum Schlafen ausprobiert: das hat geholfen. Princeton war auch gut. Manchmal, wenn ich mal ein wenig Geld übrig habe, leiste ich mir noch CBD-Tropfen zur Entspannung.

Leafly.de: Gibt es Schwierigkeiten mit der Krankenkasse?
Matthias: Ja, sie wollen die Kosten nicht übernehmen. Ich kämpfe derzeit intensiv gegen sie. Doch das fällt mir sehr schwer. Sie wollen immer mehr Nachweise, versuchen alles, um die Kosten nicht übernehmen zu müssen. Morphine, Opiate und Schlafmittel sind viel schlimmer, doch man kommt ohne Probleme an sie ran. Aber jeder verschreibt diese Medikamente, ohne mit der Wimper zu zucken, obwohl die heftigen Nebenwirkungen bekannt sind. Zum Beispiel: Als meine finanziellen Mittel restlos erschöpft waren und ich keinen Zugang zu Cannabis hatte, wich ich zwangsweise auf Opiate aus. Diese lösten fatale Nebenwirkungen bei mir aus. Auch einen epileptischen Anfall. Auch die gesellschaftliche Achtung ist höher. Als Cannabispatient ist man durch diese Stellung angreifbar. Das ist ein Ungleichgewicht. Aufgrund der Schwierigkeiten mit der Krankenkasse habe ich mich inzwischen schwer verschuldet.

Leafly.de: Hast Du Angst vor einer Abhängigkeit?
Matthias: Natürlich habe ich das. Das habe ich bei allen Mitteln. Ich mache daher immer mal wieder eine Cannabispause. Bisher hatte ich keine Entzugserscheinungen.

Vielen Dank, lieber Matthias. Wir wünschen Dir von Herzen alles Liebe und sehen Dich beim Treffen der Berliner Fibromyalgiegruppe wieder.

Wer sich für die Treffen in Berlin interessiert, schaut hier vorbei.

Es gibt auch eine Facebook-Gruppe in der man sich informieren kann.

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