Leafly.de Patientenakte: Mehmet, 42, Ba-Wü, Parkinson

Autor: Uta Melle

Verõffentlicht am: 1. Juni 2018

Geändert am: 15. Juni 2018

Mehmet erkrankte mit 27 Jahren an Parkinson. Niemand wollte ihm glauben, er bekam sogar fälschlich eine Bandscheibenoperation. Als ihm endlich die richtige Diagnose gestellt wurde, bekam er einen Medikamentencocktail verschrieben, der sein Leben zerstörte. Nun wird er erfolgreich mit Cannabis behandelt. Seit dem versucht Mehmet die Trümmer seines Lebens aufzuräumen. Das ist nicht leicht, denn seine Physis und seine Psyche sind sehr in Mitleidenschaft gezogen worden.

Leafly.de Patientenakte: Mehmet, 42, Ba-Wü, Parkinson

Parkinson ist eine sehr verbreitete Krankheit des Nervensystems. Die Symptome sind Tremor, Versteifungen in den Muskeln oder langsame Bewegungen. Die meisten Betroffenen erkranken im Alter zwischen 50 und 70 Jahren. Das Leben von Mehmet lief sehr gut, er führte mit seiner Partnerin einen gut laufenden Betrieb.

In seinem 28. Lebensjahr fing jedoch seine linke Hand an zu zittern. Er kannte diesen Tremor von seiner an Parkinson erkrankten Mutter. Beim Arzt äußerte er die Vermutung, es könnte sich um Parkinson handeln, doch die Ärzte lehnten diese Erklärung ab. Statt dessen wiesen eine Bandscheibenoperation an, denn inzwischen litt Mehmet zusätzlich unter Körperverspannungen. Nach langem zögern willigte er ein, denn er konnte nicht mehr arbeiten.

Böses Erwachen für Mehmet

Noch im Aufwachraum teilten die Ärzte Mehmet mit, dass sie bei der Operation festgestellt haben, dass es wohl doch nicht daran gelegen hätte. Mehmet hatte nun ein Bandscheibenimplantat und neue Beschwerden. Gegen den Tremor wollten die Ärzte einen Betablocker verschreiben, was er mit Hinblick auf die heftigen Nebenwirkungen ablehnte.

Als nächstes wollten die Ärzte Antidepressiva verschreiben. Auch dies lehnte Mehmet ab. Er wusste, wie schlimm Nebenwirkungen sein können. Die uneinsichtigen Ärzte fühlten sich auf den Schlips getreten. Er wurde in Arztkreisen zum „Medizin-Querulant“ des Ortes, ein Arzt schickte sogar eine Meldung an seine Krankenkasse. Keine gute Ausgangsposition, um gut behandelt zu werden.

Diagnose: Parkinson

Die Behandlungen der Ärzte und seine Verzweiflung hinderten Mehmet zwei Jahre daran, nochmals einen Arzt aufzusuchen, bis er kaum noch laufen konnte. Doch er hatte dazu gelernt, denn er suchte sich einen anderen Arzt in einer anderen Stadt. Auch peilte er sofort einen Neurologen an, deinem Parkinson-Spezialisten. Hier wurde auch bestätigt, was Mehmet sich schon die ganze Zeit dachte: Er hatte Parkinson. Der Arzt verschrieb ihm eine Parkinsonmedikations-Kombination bestehend aus Requip Modutab, Parkinsan und Azilect.

Fatale Nebenwirkungen

Kurz nach Anfang seiner Medikamenten-Behandlung, begann Mehmet sich zu verändern. Niemals in seinem Leben hat er sich irgendwelchen Sachen hingegeben. Plötzlich wurde er Spielsüchtig. Seine Beziehung zerbrach, sein Kind durfte er nur noch im betreuten Umgang mit einem Mitarbeiter des Kinderschutzbundes sehen. Die Verzweiflung über seine Spielsucht, die er sich selbst nicht erklären konnte, ließ ihn verzweifeln. Nur die Gedanken an sein Kind hielten ihn vom Suizid ab.

Ein Gespräch ändert alles

Vier ganze Jahre hielt dieser Zustand an, bis er ein zufälliges Gespräch mit einer anderen Parkinson-Patientin führte. Er beschrieb seine Süchte und sie erklärte ihm, dass sie das auch erlebt hat. Die Kombination aus den beiden Mitteln sei fatal und die Nebenwirkungen waren auch bei ihr Süchte. Daraufhin setzte er die Medikamente ab. Sofort waren die Süchte wieder weg. Doch sein Leben blieb zerstört.

Suche nach einer neuen Behandlung

Auf der Suche nach einer neuen Behandlungsmethode, fand Mehmet in den Medien viele Informationen über die Parkinson-Behandlung mit Cannabis. Er las sich einiges an, nahm einige Artikel und machte sich im Mai 2017 auf den Weg zu seinem Neurologen, zu dem er in der Zwischenzeit ein gutes Verhältnis aufgebaut hatte.

Dieser kannte sich weniger als sein Patient mit der Cannabis-Behandlung aus. So erarbeiteten die beiden sich zusammen den Schlachtplan. Die Krankenkasse wehrte sich nur kurz, die Kosten zu übernehmen.

Zunächst versuchte Mehmet es mit Dronabinol, doch hier zeigte sich kaum Wirkung. Der nächste Versuch war dann sehr erfolgreich. Seitdem vaporisiert Mehmet drei Mal am Tag Bedrocan Blüten. Ganz ohne Parkinson-Präparat kommt er jedoch nicht aus, so bekommt er zusätzlich Ongentys Xadago, Madopar und Levodop-Neuraxpharm.

Gebrandmarkter Patient

Mehmet begann sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, doch wo er auch ging oder stand, fand er nur Hindernisse. Aufgrund der Schäden nach seiner Hüftoperation musste er vor einiger Zeit beispielsweise ins Krankenhaus.

Dort fragte er, wo er denn sein Cannabis-Medikament verdampfen kann. Die Ärzte sahen ihn nur groß, ungläubig und zornig an. Sie akzeptierten den Rat des Fachkollegen nicht. Er durfte nicht in die Raucherzone. Ihm wurde tatsächlich der Kinderspielplatz vorgeschlagen, doch das wollte Mehmet natürlich nicht. So zog er sich in die Büsche zurück. Eine völlig absurde Situation.

Beruflich hat Mehmet noch keinen Fuß fassen können, auch sein Kind darf er noch immer nicht so oft sehen. Auch hier hat er Probleme, weil er ein Cannabis-Patient ist.

Anmerkung der Autorin: Ich hoffe so sehr, dass sich das Blatt für Mehmet bald dreht. Er erzählt so liebevoll von seinem Kind und bedauert so sehr, was passiert ist. Ich verstehe auch, dass ihm viel negativ ausgelegt wird, da er in ein Schema passt, was zu Vorurteilen einlädt: Er ist türkischer Abstammung, lässt sich nicht viel sagen und ist Cannabis-Patient. Ich hoffe, dass unsere Gesellschaft bald mal mit dem schwarz-weiß-Denken aufhört und die Welt mal wieder bunt sieht.

Patienteninfos
Name: Mehmet
Alter: 42
Wohnort/Bundesland: Baden-Württemberg
Krankenkasse: IKK
Diagnose: Parkinson
Medikation: Bedrocan, 3 x 0,5g – 1g/Tag durch Verdampfen
Fachrichtung des verschreibenden Arztes: Neurologe

Das Leafly.de Patienteninterview

Leafly.de: Seit wann wendest Du Cannabis als Medizin an?
Mehmet: Seit Mai 2017

Leafly.de: Wie bist Du darauf gekommen?
Mehmet: Kurz vorher wurde Cannabis für die medizinische Behandlung freigegeben. Da waren die Medien voll mit Artikeln. Ich habe mich dann ins Thema eingelesen und bin zu meinem Neurologen gegangen. Damals musste ich ihn sogar noch aufklären.

Leafly.de: Wie war das erste Mal mit Cannabis als Medizin?
Mehmet: Großartig. Plötzlich hatte ich keine Verspannungen mehr. Auch mein Tremor war nicht mehr da.

Leafly.de: In welchen Momenten wendest Du es an?
Mehmet: Als Dauermedikation

Leafly.de: Welches Präparat in welcher Dosierung nimmst Du?
Ich bekomme Bedrocan zum verdampfen. Drei Mal am Tag. Je nach Bedarf brauche ich ein halbes bis ein Gramm.

Leafly.de: Gibt es Schwierigkeiten mit der Krankenkasse?
Mehmet: Nur anfangs haben die sich quergestellt. Doch wir sind hartnäckig geblieben und so haben sie relativ schnell die Kostenübernahme genehmigt.

Leafly.de: War Dein Medikament schon einmal in der Apotheke nicht lieferbar? Wenn ja, wie lange nicht und wie hast Du die Situation lösen können?
Mehmet: Ich bin auf Alternativen ausgewichen. Bakerstreet habe ich zum Beispiel probiert. Doch Bedrocan ist meine Lieblingssorte. Sie macht mich nicht schlapp, so kann ich den Tag gut meistern.

Leafly.de: Was ist Dein Job? Bist Du Frühpensioniert?
Mehmet: Ich habe leider noch keine neue Arbeit gefunden. Derzeit lebe ich von Hartz4. Das Jobcenter hat mir jedoch geschrieben, dass ich aufgrund meiner Situation die Erwerbsunfähigkeitsrente beantragen solle.

Das ganze Team drückt Mehmet die Daumen, dass er bald wieder bergauf geht!

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