Leafly.de Patientenakte: Minyi, 24, Bayern, Arthrose im Zeigefinger, chronisches Schmerzsyndrom

Autor: Uta Melle

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Vor sechs Jahren begann Minyis Zeigefinger anzuschwellen. Seit dem hat sie weder eine Diagnose noch eine Heilung erfahren können. Nach langen Jahren des Testens von Arzneimitteln und Therapien litt sie an schweren Nebenwirkungen. Bald erkannte die gelernte Pharmazeutisch Technische Angestellte, die sich nun auch noch im Pharmaziestudium befindet, dass es kein Endstadium sein kann, ab dem 19. Lebensjahr auf ewig Opioide nehmen zu müssen, zumal diese nicht optimal wirkten. Hilfe fand sie in der medizinischen Behandlung mit Cannabis.

Leafly.de Patientenakte: Minyi, 24, Bayern, Arthrose im Zeigefinger, chronisches Schmerzsyndrom

Ohne ersichtlichen Grund begann Minyi’s Zeigefinger am Mittelgelenk im November 2012 anzuschwellen. Nach einer Woche wurde es richtig schlimm. Minyi konnte ihren Finger nicht mehr bewegen. Untersuchungen in Hinsicht auf Rheuma oder Gicht ergaben kein Ergebnis. Diclofenac minderte ein wenig die Schmerzen, Kortison wirkte nur in einer höheren Dosis, was der in der Ausbildung zur Pharmazeutisch Technischen Angestellten befindlichen Minyi in einer Langzeitanwendung jedoch äußerst fraglich vorkam. Auch ein großes Blutbild zeigte keine Hinweise, genauso wenig wie alle erdenklichen gängigen Untersuchungsmethoden. Die Entzündung wurde einfach nicht besser.

Keine Bewegung im Zeigefinger

Im Mai 2013 versuchte Minyi es mit Antibiotika, doch noch immer ließ sich der Zeigefinger zu keiner Bewegung hinreißen. Der nächste Versuch, eine Fingerschiene, verlief auch ins Leere. Verzweifelt stimmte sie einer Operation zur Entfernung der Gelenkschleimhaut zu. Leider brachte auch dies keine Veränderung. Die pathologische Untersuchung des entnommenen Gewebes brachte niemanden weiter. Auch eine Ergotherapie ließ den Finger nicht abschwellen, sodass Minyi sich im Juli 2013 doch auf eine höhere Dosierung des Kortisons einließ. Nun reagierte die Entzündung und verschwand.

Nach dem Kortison ist vor dem Kortison

Vier Wochen nach dem Absetzen des Kortisons schwoll der Zeigefinger wieder zu seiner alten Größe an und drohte wieder zu versteifen. Minyi begann den Finger permanent in Bewegung zu halten. Gegen die Schmerzen bekam sie Tilidin. Doch nun begannen sie Schlafstörungen zu plagen, denn wenn sie den Zeigefinger nicht bewegte, tat er unglaublich weh. Und die Schmerzen wurden immer schlimmer. Minyi konnte nur noch davon träumen, eines Tages einmal schmerzfrei aufzuwachen. Sie begann darüber nachzudenken, ob sie tagsüber schlafen sollte.
Auf der Suche nach der richtigen Diagnose besuchte sie im Oktober 2013 einen weiteren Rheumatologen, der ein Röntgenbild erstellte. Nachdem bisherige MRT- und Ultraschallaufnahmen unauffällig waren sieht man nun Knorpeldefekte und einen verengten Gelenkspalt. Die ursprünglich akute Entzündung entwickelte sich zu einer chronischen Arthrose. Eine Operation zum Einsatz eines Kunstgelenks kam für Minyi nicht in Frage.

Die Suche nach Alternativen zu Tilidin und Co.

Minyi suchte weiter nach Mitteln, um ihre Situation zu verbessern. Das Tilidin half ja recht gut, doch ihr Hausarzt war mit einer Dauerbehandlung dieses Opioides nicht einverstanden. Auch die Schlaflosigkeit war zum Teil auf dieses Präparat zurückzuführen. So kamen verschiedene Antidepressiva und Antiepileptika zu Einsatz. Eine der Nebenwirkungen war Mundtrockenheit, die so massiv war, dass sie zu einer oralen Aphthose führte, die ihr wiederum komplett den Appetit nahm – jeder einzelne Bissen tat weh. Doch Minyi war schon glücklich darüber, dass sie schlafen konnte. Sie stand auch kurz vor den Prüfungen, sodass dieser Faktor sehr wichtig für sie war.

Die Suche nach einem neuen Arzt beginnt

Um eine neue Lösung zu finden begann Minyi Ende 2013 einen neuen Ärztemarathon. Der erste Schmerztherapeut unterstellte ihr eine Abhängigkeit zu Tilidin und schlampte klar in seiner Arbeit.

Der Besuch beim zweiten Schmerztherapeuten dauerte ein wenig: Die Wartezeit für einen Termin betrug sechs Monate. Erfreulicherweise stellte dieser nichts in frage, nahm sich Zeit, hörte zu. Minyi konnte ihm klar machen, wie sehr sich diese Einschränkung auf ihren Beruf auswirkte.

Inzwischen hatte sie von ihrem Hausarzt Lyrics, Tilidin, Ibuprofen und Amoxicillin verschreiben bekommen, war allerdings schon dreimal durch die Wechselwirkung in Ohnmacht gefallen.

Der Arzt, der sich zunächst viel Zeit für das Anamnesegespräch nahm, begann dann jedoch Minyi zu unterstellen, dass sie einen Tick hätte, weil sie ihren Zeigefinger immer in Bewegung hielt. Er wollte nicht verstehen, dass es sich um einen Ruheschmerz handelte.

Enttäuscht von diesem Vertrauensbruch ging sie wieder zu ihrem alten Hausarzt, der ihr nun das neue Opioid Hydromorphon verschrieb. In Kombination mit ihren permanenten Bewegungsübungen funktionierte dies ganz gut, doch ihr Hausarzt war noch immer nicht wirklich einverstanden mit einer dauerhaften Opioidtherapie.

Eine neue Lebenssituation

Nach der bestandenen PTA-Prüfung in 2015, begann Minyi ein Pharmaziestudium. So riet ihr vertrauenswürdiger Hausarzt zum Absetzen der Opioide und überwies sie zu einem neuen Schmerztherapeuten.

Hier wurde sie das erste Mal auf die Möglichkeit zur Behandlung mit Cannabis hingewiesen. Eine Elektrotherapie schlug auch ganz gut an, doch immer wenn das Gerät wieder ausgeschaltet wurde, begannen die Schmerzen wieder in alter Schwere. Um ihren Zeigefinger zu trainieren, spielte sie sehr viel Pokemon go, doch sie fiel auch auf die Tücken dieses Spieles herein und vernachlässigte hierdurch ihr Studium.

Anfang 2017 besuchte Minyi dann eine Uniklinik, in der sie wiederum auf die medizinische Behandlungsmöglichkeit mit Cannabis hingewiesen wurde. Im Mai 2017 gab ihr Arzt ihr dann eine Flasche Sativex mit. Nach einer Woche wusste sie, dass es in die richtige Richtung ging.

Endlich konnte sie sich mal entspannen, essen und schlafen. Sie begann mit der Recherche, wie sie eine Kostenübernahme bei der Krankenkasse erreichen konnte und welches Präparat am besten sein könnte.

Auf den Tiefpunkt folgt der Aufschwung

Im Sommer 2017 ging es Minyi sehr schlecht. Von vier Abschlussklausuren hatte sie drei nicht bestanden. Am 11. August 2017 war endlich der Sieg gegen die Windmühlen der Krankenkassen gewonnen: Sie begann mit der Cannabis-Behandlung.

Kurze Zeit später bestand sie eine wichtige Prüfung. Ihr Mut kam wieder. Inzwischen hat sie alle ihre Präparate außer dem Hydromorphon absetzen können, dessen Dosierung nun allerdings nur noch die Hälfte der Anfangsdosierung beträgt. Minyi hat nun wieder Kraft und Freude am Leben, um in dreieinhalb Jahren ihr Studium beenden zu können.

Anmerkung der Redakteurin: Schmerzen sind grausam. Schlimmer sind sie jedoch, wenn sie über Jahre ununterbrochen da sind. Wenn man jahrelang nur an seinen Finger denkt, weil er einen pausenlos quält. Ich freu mich so sehr über jeden einzelnen Menschen, der einen Weg hier heraus finden kann, so wie Minyi, der ich ganz viel Glück und Freude für ihre Zukunft wünsche!

Patienteninfos
Name: Minyi
Alter: 24
Wohnort/Bundesland: Bayern
Krankenkasse: AOK
Diagnose: Chronisches Schmerzsyndrom, Arthrose im Zeigefinger
Medikation: Tagsüber Bedrocan, 0,3g – 0,5g /Tag durch Verdampfen, Abends 01,g Bakerstreet durch Verdampfen
Fachrichtung des verschreibenden Arztes: Hausarzt

Das Leafly.de Patienteninterview

Leafly.de: Seit wann wendest Du Cannabis als Medizin an?
Minyi: Seit dem 11. August 2017

Leafly.de: Wie bist Du denn darauf gekommen?
Minyi: Zum einen durch die Medien, zum anderen hat mich eine Uniklinik darauf aufmerksam gemacht.

Leafly.de: Wie war das erste Mal mit Cannabis als Medizin?
Minyi: Mein Hausarzt gab mit eine Flasche Sativex zum Testen mit. Das war noch nicht ganz das Richtige, aber ich merkte, dass dies in die richtige Richtung führte. Mein Körper entspannte sich das erste Mal nach Jahren wieder, die Schmerzen ließen nach, ich hatte Hunger und – ganz wichtig – ich konnte schlafen.

Leafly.de: In welchen Momenten wendest Du es an?
Minyi: Als Dauermedikation. Zunächst hatte ich nur das Bedrocan, jetzt nehme ich abends zusätzlich 0,1g Bakerstreet zu Schlafen dazu.

Leafly.de: Gibt es Schwierigkeiten mit der Krankenkasse?
Minyi: (lacht) Da ich gelernte Pharmazeutisch Technische Angestellte bin und mich zusätzlich im Pharmaziestudium befinde, hatte ich alles notwendige Wissen, um den Antrag so zu formulieren, dass die nicht Ablehnen konnten.

Leafly.de: Bist Du glücklich?
Minyi: Ja. Ich kann endlich wieder schlafen. Das ist ein großes Geschenk, denn dadurch habe ich nun wieder einen Tagesablauf. Ich kann morgens wieder aufstehen. Danach habe ich mich viele Jahre gesehnt. Ich lerne gerade für mein Erstes Staatsexamen, was in vier Wochen ansteht. Läuft gut auch dank Bedrocan und Bakerstreet.

Vielen Dank, liebe Minyi. Wir wünschen Dir, dass Du dein Studium erfolgreich abschließen kannst und dass das Glück Dir nun weiterhin treu zur Seite steht, vor allem in vier Wochen, bei Deinem Ersten Staatsexamen.

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