Rick Simpson – selbst ernannter Wunderheiler im Kampf gegen Krebs

Autor: Gesa Riedewald

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Rick Simpson behauptet, er hätte seinen Hautkrebs mithilfe eines Cannabisöls besiegt. Seit Jahren teilt er das Rezept für sein "Rick Simpson Oil", das angeblich Krebs und viele andere schwere Krankheiten heilen kann. Eine klassische Krebsbehandlung, wie Chemotherapie oder Bestrahlung, hält er nicht nur für überflüssig, sondern auch für schädlich. „Fahrlässig!“ – das sagt der bekannte Cannabis-Experte Dr. Franjo Grotenhermen.

Rick Simpson – selbst ernannter Wunderheiler im Kampf gegen Krebs
"Übertriebene Heilsversprechen, die keiner sachlichen Überprüfung standhalten können."

Er ist ein Star der internationalen Hanfszene: Rick Simpson tritt auf Messen auf, veröffentlicht Bücher und hat eine riesige Anhängerschaft. Sie nennen ihn den „Gesundheitsrebellen“. Wie ist er zu diesem Ruhm gekommen? Der Kanadier behauptet, er hätte seinen eigenen Hautkrebs mithilfe eines selbst hergestellten Cannabisöls (THC-Öl) besiegt. Seitdem propagiert der selbst ernannte Krebsheiler den wundersamen Effekt seines sogenannten „Rick Simpson Oil“ (RSO).

Wer ist Rick Simpson?

2003 wurde bei Rick Simpson Hautkrebs diagnostiziert. Da sein Arzt eine Cannabistherapie ablehnte, behandelte er sich selbst mit Cannabisöl, das er auf die Haut auftrug. Rick Simpson erzählt auf seiner Webseite, dass die Hautveränderungen nach vier Tagen verschwunden seien und der Hautkrebs geheilt war. Seitdem preist er sein THC-Öl an, dass er als „Rick Simpson Oil“ oder auch „Phoenix Tears“ (Tränen des Phönix) berühmt gemacht hat. Vielen Patienten hat er diesen Cannabis-Extrakt kostenlos zur Verfügung gestellt und auf seiner Webseite steht eine Anleitung für die Herstellung des Öls. Nachdem der Kanadier wegen Cannabis-Anbaus wiederholt mit der Polizei in Konflikt geriet, verließ er Kanada und lebt seit 2013 in Europa.

Was ist das Rick Simpson Öl?

Das Rick Simpson Öl hat einen sehr hohen THC-Gehalt von 90 Prozent oder mehr. Simpson selbst bezeichnet das Öl als „die großartigste Medizin auf diesem Planeten“. Allerdings müsse das Cannabisöl nach seinem Rezept hergestellt werden, um den vollen medizinischen Effekt zu entfalten.

Aus seiner Webseite erklärt Simpson: „Dieses harmlose, nicht abhängig machende natürliche Medikament kann mit großem Erfolg eingesetzt werden, um Krebs, MS, Schmerzen, Diabetes, Arthritis, Asthma, Infektionen, Entzündungen, Blutdruck, Depression, Schlafstörungen und so gut wie alle anderen medizinischen Probleme zu heilen oder zu kontrollieren“. (Übersetzung aus dem Englischen)

Simpson propagiert, dass er ein Wundermittel für eine Vielzahl schwerwiegender Krankheiten gefunden hätte. Im Internet kursieren Gerüchte, dass mit der Hilfe seines Hanföls bereits 5.000 Menschen den Kampf gegen Krebs gewonnen hätten. Solche Äußerungen rufen selbstverständlich auch viel Kritik hervor: Dr. Franjo Grotenhermen, Arzt und Cannabis-Experte, der sich seit Jahren mit dem Einsatz von Cannabis als Medizin beschäftigt, ist einer der bekanntesten Kritiker von Rick Simpson.

Grotenhermen: Rick Simpson hat kein medizinisches Fachwissen

Franjo Grotenhermen hat im letzten Jahr einen Brief an Rick Simpson veröffentlicht, in dem er zur Vorsicht aufruft. Er beschuldigt den Kanadier, mit seinen überzogenen Heilsversprechungen, die keiner sachlichen Überprüfung standhalten können, unverantwortlich zu handeln. Rick Simpson sei international bekannt für sein Cannabisöl, das angeblich Krebs heilen soll. Viele todkranke, verzweifelte Menschen setzen ihre Hoffnungen in ihn und sein RSO. Grotenhermen wirft Simpson vor, der Verantwortung, die sich daraus ergibt, nicht gerecht zu werden. Er nehme wichtige Fakten nicht zur Kenntnis und als Laie ohne medizinische Ausbildung verfüge er nicht über das nötige Fachwissen.

Der Cannabis-Experte Grotenhermen führt verschiedene Fakten an, die Simpson in seinen Büchern vertritt, die aber schlicht falsch seien. So sei THC keineswegs das einzige Cannabinoid mit krebshemmenden Eigenschaften. Ganz im Gegenteil: „Es gibt Hinweise, dass bei einigen Tumorerkrankungen CBD sogar von größerer Bedeutung sein könnte als THC. Zudem gibt es deutliche Hinweise, dass zumindest bei einigen Krebserkrankungen eine Kombination aus THC und CBD eine stärkere Wirkung entfalten könnte als THC allein“, so Grotenhermen.

In seinem Brief deckt der Mediziner weitere Fehler des selbst ernannten Wunderheilers Simpson auf: beispielsweise beim Thema Decarboxylierung, beim Verständnis des menschlichen Organismus oder bei der pharmakologischen Wirkung von Cannabis. Das größte Vergehen ist für den Arzt Grotenhermen allerdings, dass Simpson seine Anhänger vor wirksamen Krebstherapien warnt.

Herkömmliche Krebstherapien abzulehnen ist unverantwortlich

Rick Simpson schreibt in seinem Buch Die Antwort der Natur auf Krebs, dass sehr viele Leute, die zu ihm kommen, „schwer geschädigt durch die Chemo- und Strahlentherapie“ seien. „Die Zerstörungen, die solche Behandlungen anrichten, sind dauerhaft, und die Leute, die diese sogenannten Behandlungen erleiden mussten, sind am schwersten zu heilen. Aber verzweifeln Sie nicht, denn selbst bei so schweren Schäden hat das Öl immer noch eine Erfolgsrate von 70 bis 80 %.“

Der selbst ernannte Heiler Simpson rät allen Krebspatienten von einer medizinischen Standardtherapie ab, weil Chemotherapie und Strahlentherapie angeblich Schäden anrichten. Stattdessen, so Simpson, können alle Patienten durch sein THC-Öl geheilt werden.

Diesen Aufruf an Menschen mit Krebs, sich einer herkömmlichen Krebstherapie zu entziehen, findet Franjo Grotenhermen fahrlässig. Denn dank des medizinischen Fortschritts gibt es gute Neuigkeiten: Immer mehr Menschen überleben den Krebs. Von 500.000 Personen in Deutschland, die jährlich an Krebs erkranken, werden gegenwärtig 280.000 geheilt. Das sind etwa 55 Prozent. Im Jahr 1980 starben noch zwei Drittel aller Krebspatienten in Deutschland bei dieser Diagnose.

Auch der Cannabis-Experte Grotenhermen ist vom Nutzen der Cannabinoide in der Krebstherapie überzeugt. Dennoch spricht er sich vehement dafür aus, eine Cannabistherapie mit einer Standardtherapie zu kombinieren. In seinem offenen Brief stellt er Rick Simpson daher die Frage:

„Wenn nun die Heilungschancen mit Standardtherapien kontinuierlich zunehmen und die Heilungschancen für eine Therapie mit Cannabis unbekannt sind, wie viele Patienten sind unnötig gestorben, weil sie Ihrem Rat gefolgt sind? Und wie viele Patienten, die hätten geheilt werden können, wenn sie eine Standardtherapie mit einer Cannabistherapie kombiniert hätten, hätten überleben können, wenn sie nicht allein auf Cannabis gesetzt hätten?“

Hautkrebs früh behandeln

Gerade bei Hautkrebs – der Krebsform, an der Rick Simpson erkrankt war – ist die frühzeitige Entfernung des Tumors entscheidend für eine Heilung. Unter dem Begriff Hautkrebs werden verschiedene Krebserkrankungen der Haut zusammengefasst, die in unterschiedlichen Erscheinungsformen auftreten. Mediziner unterscheiden zwischen dem sogenannten schwarzen Hautkrebs (malignes Melanom) und dem hellen Hautkrebs.

Das maligne Melanom der Haut ist die bösartigste Form von Hautkrebs. Jedes Jahr erkranken in Deutschland mehr als 21.000 Menschen daran: rund 10.000 Frauen und etwa 11.000 Männer. Ein Prozent aller Krebstodesfälle in Deutschland geht auf das Konto des malignen Melanoms. Das Risiko, im Laufe des Lebens ein Melanom zu entwickeln, beträgt in Deutschland etwa 1:500. Menschen zwischen 45 und 60 Jahren sind besonders oft betroffenen. Auch wenn Melanome noch klein sind, können sie bereits Metastasen in Lymphknoten oder anderen Organen bilden.

Wird Hautkrebs aber früh erkannt, gibt es für alle Arten hohe Heilungschancen. Auch beim gefährlichen schwarzen Hautkrebs liegen die Überlebensraten der ersten 5 Jahre sehr hoch: 94 Prozent der Frauen und 91 Prozent der Männer gewinnen den Kampf gegen den Hautkrebs.

Cannabis-Behandlung und Krebstherapie

Rick Simpson ist Aktivist für die Legalisierung von Cannabis. Er will, dass Cannabis zu medizinischen Zwecken auf der ganzen Welt angewendet werden darf. Das ist ein sinnvolles Ziel. Nur: Medizinische Anwendungen, besonders bei schwerwiegenden Erkrankungen, gehören in die geschulten Hände von Medizinern. Und die Anwendung von Hanföl ersetzt keinesfalls die Krebsbehandlung durch einen Onkologen. Es gibt keinerlei wissenschaftliche Belege für die krebsheilende Wirkung des Rick Simpson Öls!

Wir von Leafly.de raten allen Krebspatienten, sich von einer Ärztin oder einem Arzt behandeln zu lassen. Die meisten Krebszentren arbeiten heutzutage ganzheitlich: Das bedeutet, sie verbinden Schulmedizin mit alternativen Therapieformen wie Naturheilkunde, Ernährungskunde, Ayurveda und vielem mehr. So kann inzwischen eine klassische Krebstherapie mit einer Cannabis-Behandlung Hand in Hand gehen. Damit immer mehr Patientinnen und Patienten den Kampf gegen den Krebs gewinnen.

Nur mithilfe des medizinischen Fortschritts und der Forschung – nicht zuletzt im Bereich von Cannabis und Krebs – kommen wir dem Traum von Rick Simpson näher: einer Welt ohne Krebs.

Weitere interessante Artikel zum Thema Hautkrebs:

https://www.leafly.de/cannabis-behandlung-hautkrebs/
https://www.leafly.de/cannabinoide-koennten-krebs-bekaempfen/
https://www.leafly.de/brustkrebs-und-medizinisches-cannabis/

 

Quellen:

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