Schmerzkongress 2019: Cannabis im Fokus

Vom 9. bis 11. Oktober 2019 treffen sich rund 2000 Teilnehmer verschiedener Fachgebiete zum alljährlichen Deutschen Schmerzkongress. In diesem Jahr ist die Cannabis-Therapie eines der Schwerpunktthemen.

Schmerzkongress 2019: Cannabis im Fokus

Update: Berichterstattung zum Schmerzkongress 2019

In diesem Jahr widmete man sich bei einem der großen deutschen Medizinkongresse, dem Schmerzkongress in Mannheim, auch den Cannabinoiden und der Cannabis-Therapie. “Cannabis in der Schmerztherapie: Nutzen oder Schaden?”, so lautete das Schwerpunktthema. Wissenschaftlicher Träger des Schmerzkongresses sind die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. und die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V..

Damit, dass die Vorträge zu Cannabis in der Schmerztherapie beim Schmerzkongress auf derart viel Resonanz stoßen würden, hätte niemand gerechnet. Die Säle waren übervoll. Menschen setzten sich auf Treppen, den Boden oder standen, um den Referenten zu lauschen.

Bei fünf Symposien und einer Posterausstellung an drei Tagen wurde alles geboten, was das Thema hergibt. Vom Einsteiger bis zum Verordnungsprofi – alle bekamen etwas Wissen ab. Tiefer eintauchen konnte man in die Materie an den Ständen der Pharmahersteller, die hier ebenfalls umfassend zum Thema informierten. Leafly.de war an allen Tagen live vor Ort und hat an allen Vorträgen teilgenommen.

Cannabis in der Schmerztherapie: Nutzen oder Schaden?

Dass sich Mediziner nach wie vor schwertun mit der Verordnung einer Cannabis-Therapie, ist bekannt. In Mannheim gewannen wir dann den Eindruck, dass die Schmerzmediziner dem Thema etwas offener gegenüber sind. Die Fragen und Diskussionen nach den Vorträgen waren angeregt und informativ.

Oft zu hören war, dass Schmerz nicht die Ausgangsindikation ist, für die man CaM verordnet: Psychische oder psychosomatische Indikationen wie Depressionen, die durch den Schmerz hervorgerufen werden, würden mit den CaM behandelt, nicht aber die Schmerzen direkt. Kein Wunder: Besonders chronische Schmerzpatienten leiden sehr oft an psychischen Problemen. Allerdings kann man diese schlecht von den tatsächlichen Schmerzen trennen, da diese parallel dazu beginnen, wenn nicht sogar schon vorher.

Besonders der Vortrag von Prof. Dr. Zieglgänsberger zeigte hier eindrucksvoll, dass Stress die Hauptursache für den Kreislauf aus chronischen Schmerzen (= chronischer Stress), Angst und Depressionen ist. Psychiatrisch gesehen seien Schmerzpatienten also Angstpatienten, so seine Schlussfolgerung. Dennoch sei es so, dass das Schmerzgedächtnis neu kalibriert werden kann. So würden besonders Schmerzpatienten mit Cannabis besser lernen und somit auch ihr Schmerzgedächtnis neu einstellen.

Mit Gefühl zum Schmerz

Doch nicht alle Referenten waren dieser Meinung. So wurde in einigen Vorträgen mit dem Vorurteil aufgeräumt, dass man reine Schmerzen nicht mit einer Cannabis-Therapie behandeln kann. Mit vielen Fallbeispielen zeigten praktizierende Referenten wie Dr. Seibolt auf, dass man Schmerzen eben doch behandeln und gleichzeitig Opioide absetzen kann. Die Erfolgsrate war sehenswert.

Cannabis-Verordnungen bei der Barmer

Auch die Verordnungszahlen der Barmer waren interessant. Dr. Marschall ist Medizinerin und Abteilungsleiterin Medizin und Versorgungsforschung bei der Barmer. Sie zeigte in ihrem Vortrag auf, dass die Cannabis-Verordnungen der Barmer in den letzten Jahren deutlich angestiegen sind.

Erhielten im Jahr 2017 noch 9.800 Versicherte Cannabis auf Rezept, waren es von Januar bis Juni 2019 bereits 13.000. Die Patientinnen und Patienten haben zum großen Teil ein mittleres Alter. 30 Prozent der Verordnungen entfallen auf die Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen. Am stärksten waren hier Frauen vertreten.

Interessant ist auch die Verteilung innerhalb der Cannabis verschreibenden Arztgruppen. Hier liegen die Allgemeinmediziner mit 27,7 Prozent deutlich an der Spitze. Es folgen nach Aufteilung der Barmer die Neurologen, danach die Fachärzte der Neurologie und Psychiatrie (Nervenheilkunde). An Platz vier kommen die hausärztlichen Internisten.

Bei welchen Erkrankungen wird Cannabis verordnet?

Die Auswertung der Barmer zeigt, dass Cannabismedikamente am häufigsten für die Indikation Schmerz verschrieben werden. Danach folgt Multiple Sklerose, dann Depression und danach Spastik. Ganz am Ende der Rangliste stehen HIV/AIDS und das Tourettesyndrom.

Dabei ist allerdings wichtig, dass bei vielen Patienten mehrere Indikationen zusammenfallen, zum Beispiel Schmerzen, MS und Depressionen. Frau Marschall betont, dass Cannabis-Patienten multimorbide Patienten mit einem schweren Leiden sind. Die Krankenkasse schätzt, dass bei rund 50 Prozent der Patienten Schmerz der Hauptgrund für die Cannabis-Verordnung ist. Bei 30 Prozent ist es Multiple Sklerose und nur bei 7 Prozent onkologische Erkrankungen.

Kostenfaktor Cannabis

Selbstverständlich sind für eine Krankenkasse die Kosten immer ein wichtiger Faktor. Hier hat die Entwicklung der monatlichen Cannabis Arzneimittelkosten pro Person gezeigt, dass die Kosten bei unverarbeiteten Blüten am höchsten sind. Deutlich günstiger sind cannabis-haltige Zubereitungen und cannabinoid-haltige Stoffe wie Dronabinol.

In 2018 lagen die durchschnittlichen Kosten pro Patient für Cannabisblüten bei 6.171 Euro. Bei cannabinoid-haltigen Stoffe wie Dronabinol dagegen lagen sie im Durchschnitt pro Person nur bei 1.074 Euro. Allerdings erhalten bei der Barmer ein sehr geringer Teil der Versicherten Cannabisblüten, nämlich 665 im letzten Jahr. Cannabis-haltige Zubereitungen dagegen erhielten 3.341 Patienten.

Die Gesamtausgaben der Barmer für CaM liegen seit März 2017 bei rund 23 Millionen Euro. Mehr als 10 Millionen davon entfallen auf Cannabisblüten. Daher betrachtet die Krankenkasse gerade bei den Blüten die Verordnungen sehr differenziert, da in Einzelfällen extrem hohe Kosten entstehen können.

Pro und Contra Diskussion

Am letzten Tag fand zum zweiten Mal in Folge eine Pro und Contra Diskussion statt. Thema: Brauchen wir die Cannabinoid-Rotation in der Schmerztherapie? Eine Frage, die durchaus berechtigt ist und unserer Meinung nach mehr diskutiert werden sollte. Leider war die Teilnahme eher mau. Kaum 50 Personen hörten den sehr guten Vortrag von Prof. Dr. Karst (Pro) und Prof. Dr. Petzke (Contra).

Unser Fazit

Wenn bei einem Kongress ein Schwerpunktthema ausgelobt wird, erwartet man mehr Informationen, Workshops, Panels und Diskussionen. Es gab fünf Symposien, davon waren vier von der Industrie bezahlt. Aufgrund des Andrangs bei den Industriesymposien und den gestellten Fragen, kann man deutlich sehen, dass die Cannabis-Therapie bei den Medizinern angekommen ist. So sehr angekommen, dass nun ein enormer Informationsbedarf entsteht, der auch gedeckt werden muss. Wir laden daher alle Mediziner ein, sich jetzt für unsere Leafly Medical Cannabis Conference 2020 in Berlin anzumelden. Bei dieser Fachkonferenz kann man tief ins Thema einsteigen und sich umfassend weiterbilden.

Ursprüngliche Meldung vom 8. Oktober 2019

Schmerzkongress 2019: MitGefühl zum Schmerz

Der Deutsche Schmerzkongress 2019 reflektiert die enorme Bedeutung des Symptoms Schmerz in sämtlichen Bereichen der Medizin und das stetige Bemühen der Schmerzexperten, den Schmerz wirksam(er) zu bekämpfen.

Unter dem Kongress-Motto „MitGefühl zum Schmerz“ werden aktuelle Themen der Medizin wie Telemedizin und eHealth sowie schmerzmedizin-spezifische Fragestellungen wie Qualität der stationären Akutschmerztherapie, Schmerzregister, Migräne-Prophylaxe und neue Schmerzkonzepte behandelt.

Mit etwa 60 wissenschaftlichen Symposien und Dutzenden Workshops und Seminaren deckt der Schmerzkongress das gesamte Themenspektrum der Schmerzdiagnostik und -therapie ab. Rund 2000 Teilnehmer – Mediziner verschiedener Fachgebiete, Psychologen, Pflegende, Physiotherapeuten, Apotheker und andere – werden erwartet.

Schwerpunktthema Cannabis in der Schmerztherapie: Nutzen oder Schaden?

Erstmals ist Cannabis in der Schmerztherapie eines der Schwerpunktthemen beim Schmerzkongress.

Deutschsprachige und internationale Referenten diskutieren und informieren drei Tage lang zu wichtigen Themen wie:

  • Zwei Jahre Cannabis-Gesetz: Was haben wir gelernt? Die Umsetzung in der Schmerztherapie, Erfahrungen aus Sicht einer Krankenkasse
  • Cannabinoide in der Schmerzmedizin – wissenschaftliche Grundlagen
  • Erfahrungen aus der Praxis – Wie Schmerzpatienten von der Cannabinoid-Therapie profitieren können
  • Cannabinoid-Verordnung – Antragstellung und Änderungen durch das GSAV
  • Update Erfahrungen aus Canada und aktuelle klinische Studien
  • Cannabismedizin 4.0 – Forschung von heute für die Medizin von morgen
  • Pharmakologie der Cannabinoide: Lohnt es sich weiter zu forschen?
  • Aus der Petrischale in die Praxis: Wie gelingt der Transfer?
  • Therapeutisches Potenzial von Cannabinoiden im praktischen Alltag
  • Welcher Nutzen für welche Schmerzpatienten
  • Akutschmerztherapie / Cannabis in der Schmerztherapie: Nutzen oder Schaden?
  • Schmerzmanagement in der Pflege: welcher Beitrag kann geleistet werden?

Leafly.de wird vor Ort sein um sich die Vorträge und Symposien anzuhören. Zudem suchen wir den direkten Austausch mit den anwesenden Referenten und Experten. Spannend dürfte auch die sehr umfangreiche Posterausstellung zum Schwerpunktthema werden. Zudem besuchen wir die Aussteller um uns über die neuesten Entwicklungen bei den CaM zu informieren. Wir werden im Nachgang umfassend über den Schmerzkongress und unsere Eindrücke berichten.

Brauchen wir die Cannabinoid-Rotation in der Schmerztherapie?

Auch dieser Frage geht man beim Schmerzkongress 2019 nach. Die aktuelle Gesetzeslage erlaubt seit dem 9. August 2019 den Wechsel zwischen Substanzen/Produkten (cannabisbasierte Medikamente wie Dronabinol, Nabiximols, Nabilon oder Medizinisches Cannabis wie Blüten und Extrakte). Sind bei Unverträglichkeit und/oder Unwirksamkeit einer oder mehrere weitere Behandlungsversuche sinnvoll? Und wann ist ein Therapieversuch definitv zu beenden? Die Pro- und Contra Diskussion am Abschlusstag will diese Aspekte kritisch beleuchten.

Schmerzkongress 2019 als Vorbereitung für Leafly Medical Cannabis Conference 2020

Viele der anwesenden Referenten des Schmerzkongresses werden auch bei der ersten Leafly Medical Cannabis Conference Anfang Mai 2020 in Berlin sprechen. Leafly, die weltweit führende Wissensquelle zu Cannabis, bringt erstmals im Mai 2020 deutsche und internationale Teilnehmer zu einer medizinischen Fachkonferenz in Europa zusammen. Am 8. und 9. Mai 2020 findet die Leafly Medical Cannabis Conference im Umweltforum Berlin statt. ‘Zwei Tage, vier Themen’ lautet das Motto der Konferenz.

350 Teilnehmer und Experten aus aller Welt tagen zur Cannabinoidtherapie innerhalb von Schmerz-, Neurologie-, Pädiatrie- und Palliativmedizin. Ein kuratiertes Programm mit internationalen Experten, Fokusseminare und ein eigenes Forschungslabor mit Anwenderworkshops erwarten die Besucher.

Ab sofort können sich Ärzte, Apotheker und Forscher zur Konferenz anmelden, um sich im wissenschaftlichen Kontext über den Einsatz von Cannabinoiden in der Medizin auszutauschen. Interessierte Fachbesucher können sich jetzt noch eines von 75 limitierten Tickets zum Frühbucherpreis online sichern.

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