Schwangerschaft und Cannabiskonsum

Autor: Dr. Christine Hutterer

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Die Schwangerschaft ist ein sensibler Zeitraum. Vielfältige Einflüsse können sich auf die Entwicklung des Kindes im Mutterleib auswirken. Viele Medikamente sollen in der Schwangerschaft nicht eingenommen werden, Alkohol verursacht nachweislich zum Teil schwerwiegende und dauerhafte körperliche und psychische Schädigungen. Auch Tabak und Nikotin haben bewiesene Nebenwirkungen auf den Verlauf der Schwangerschaft und die Gesundheit des Kindes. Doch wie verhält es sich mit dem Konsum von Cannabis in der Schwangerschaft?

Schwangerschaft und Cannabiskonsum

Etwa 3,9 % der schwangeren Frauen gaben in einer amerikanischen Studie den Konsum von Cannabis während der Schwangerschaft an. Das Wissen um die Auswirkungen des Cannabiskonsums in der Schwangerschaft ist allerdings immer noch recht dürftig, auch wenn sich aus der Zusammenschau einige Hinweise ergeben.

Grundsätzlich ist es schwierig, eindeutige Aussagen zu den Risiken von Cannabiskonsum in der  Schwangerschaft zu treffen, denn es ist aus ethischen Gründen nicht vertretbar, einer Gruppe Frauen Cannabis während der Schwangerschaft zu verabreichen. Aus diesem Grund sind Untersuchungen in Zellkulturen oder an Tieren die einzige Möglichkeit, kontrolliert Einblicke in das Geschehen zu erhalten. Bei Befragungen von Personen (Schwangeren) besteht immer die Gefahr, dass nicht wahrheitsgemäß geantwortet wird, sondern das, was gesellschaftlich erwartet wird.

Wirkungen von Cannabiskonsum auf die Fruchtbarkeit

Der weibliche Menstruationszyklus unterliegt einem streng regulierten Zusammenspiel verschiedener Hormone. Der Zeitpunkt der Ausschüttung und die Konzentrationen der einzelnen Hormone zueinander müssen stimmen, um einen Eisprung zu ermöglichen und damit die Voraussetzung für die Entstehung einer Schwangerschaft zu schaffen.

Aus Untersuchungen an Tieren und Menschen weiß man, dass THC die Ausschüttung einiger wichtiger Hormone unterdrückt. Die Eizellen reifen dann manchmal nicht in dem Rhythmus oder Zeitfenster heran, wie sie es tun sollten. Als Folge kann sich der Eisprung verschieben oder ganz ausfallen. Wie stark oder schwach der Zyklus beeinflusst wird, hängt auch davon ab, zu welchem Zeitpunkt und wie oft in einem Zyklus Cannabis konsumiert wird.

In der zweiten Zyklushälfte, der sogenannten Lutealphase, wird durch THC die Produktion des Hormons Progesteron vermindert. Progesteron ist notwendig, damit die Gebärmutterschleimhaut für eine befruchtete Eizelle bereit ist. Somit kann die Einnahme von THC dafür verantwortlich sein, dass eine befruchtete Eizelle sich nicht einnisten kann und eine frühe Schwangerschaft vom Körper beendet wird.

Bei Untersuchungen an Rhesusaffen, die einen vergleichbaren Menstruationszyklus wie Frauen haben, hat man festgestellt, dass eine regelmäßige Gabe von THC (3x wöchentlich) erst dazu führte, dass die Hormonausschüttungen unterdrückt wurden und kein Eisprung und Menstruationsblutungen mehr stattfanden. Doch nach einer Zeit (103-135 Tagen) entwickelte der Körper der Affen eine Toleranz gegen das THC: Die Hormonproduktion setzte wieder ein.

Ob das beim Menschen im gleichen Maße funktioniert, ist unklar. Ebenso ist unklar, ob die durch wieder stattfindende Eisprünge auch die Fruchtbarkeit wiederhergestellt wird, und ob dies dann auch in gesunden Schwangerschaften endet. Ob sich die Einnahme von Cannabis (nur) vorübergehend oder dauerhaft negativ auf die Fruchtbarkeit auswirkt, muss noch im Detail untersucht werden.

Cannabiskonsum und das Risiko von Früh- und Fehlgeburten

In vitro-Studien (im Reagenzglas) zeigen, dass die Phase der Einnistung in die Gebärmutterwand unter dem Einfluss von THC gestört ist und dadurch zu Fehlgeburten führen kann. Scheinbar ist die Entwicklung des Trophoblasten, also der äußeren Zellschicht um den Embryo, die dafür notwendig ist, damit eine Verbindung zur Gebärmutterwand der Mutter entsteht. Eine geordnete Entwicklung des Trophoblasten ist auch für die Bildung der Plazenta von Bedeutung.

Die Einnahme von THC in der frühen Schwangerschaft scheint das Risiko für spontane Abgänge und Fehlgeburten in den ersten Wochen zu erhöhen. Das zumindest zeigte eine Studie an Rhesusaffen.

Der Einfluss von Cannabis auf die Geburt

Die Effekte einer Cannabiseinnahme während der späten Phase der Schwangerschaft auf die Geburt sind noch wenig untersucht. Einzelne Studien in vitro und an Nagern legen nahe, dass die Produktion von wichtigen Signalmolekülen, die für die Vorgänge während der Wehen und der Geburt verantwortlich sind, verändert ist.

Frauen mit Cannabiskonsum während der Schwangerschaft scheinen leichtere Babys zur Welt zu bringen. Die Studienlage dazu ist allerdings nicht eindeutig, denn auch durch Tabak rauchen wird das Geburtsgewicht verringert, sodass die Effekte von Tabak und Cannabis häufig nicht voneinander abzugrenzen sind.

Eine Untersuchung fand Hinweise, dass Cannabis während der Schwangerschaft dazu führt, dass die Babys früher geboren werden. Im Schnitt kamen diese Kinder 0,8-2,2 Wochen früher auf die Welt als Kinder von Frauen, die kein Cannabis konsumiert hatten. Auch die Häufigkeit für Frühgeburten (vor der 38. Schwangerschaftswoche) war bei den Cannabisnutzerinnen häufiger. Eine australische Studie kam zu dem Ergebnis, dass bis zu 12% der Frühgeburten durch den Konsum von Cannabis verursacht worden sein könnten.

Was bewirkt Cannabiskonsum der Mutter beim Baby?

Die körperliche Entwicklung des Fetus scheint durch Cannabiskonsum, im Gegensatz zu anderen Substanzen (Alkohol) und illegalen Drogen, nicht beeinträchtigt zu sein. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass die Entwicklung des Gehirns und die kognitiven Fähigkeiten bei Kindern von cannabiskonsumierenden Müttern leicht beeinträchtigt sind.

Diese Kinder haben leichte Defizite bei Aufgaben, bei denen ausdauernde Aufmerksamkeit, visuelle Merkfähigkeit und analytische Fähigkeiten gefordert sind. Die Lesefähigkeiten sind bei den Kindern geringer und auch Auswirkungen auf das Lernen und Gedächtnisfähigkeit sind beobachtet worden. Möglicherweise machen sich diese Effekte erst im Vorschul- bzw. Schulalter bemerkbar.

Häufig wird argumentiert, dass die Gehirnentwicklung auch durch das Tabakrauchen beeinträchtigt werde und Cannabis möglicherweise gar keine Effekte hätte. Dieser Frage ist eine niederländische Untersuchung nachgegangen. Sie verglichen bei Kindern im Alter von 10 Jahren verschiedene Strukturen im Gehirn mittels Bilder aus einer Kernspinuntersuchung. Dabei zeigte sich, dass vor allem die Großhirnrinde verändert wird.

Bei Kindern von Müttern, die während der Schwangerschaft Cannabis konsumiert hatten, war die Großhirnrinde dicker als bei Kindern von Nicht-Konsumentinnen. Bei Kindern von Müttern, die während der Schwangerschaft (nur) Tabak geraucht hatten, war die Großhirnrinde dünner. Folglich unterscheiden sich die Auswirkungen, die Tabak und Cannabis auf die Gehirnentwicklung haben.

Cannabis als Medizin während der Schwangerschaft?

Frauen, die Cannabis aus medizinischen Gründen einnehmen, werden sich nun berechtigterweise fragen, ob sie ihre Medikamente auch während der Phase eines Kinderwunsches und während der Schwangerschaft weiter einnehmen können. Für eindeutige Aussagen gibt es derzeit noch zu wenige Daten. In diesem Fall ist eine Nutzen-Risiko-Abwägung zusammen mit dem behandelnden Arzt nötig. Eventuell kann die Dosis oder die Art der Einnahme angepasst werden, um die Risiken für das Kind möglichst gering zu halten.

Abzuraten ist davon, die Präparate in Eigenregie abzusetzen oder auf andere Medikamente, z.B. andere Schmerzmittel zu wechseln. Auch viele der frei verkäuflichen Schmerzmittel und Medikamente sollten in der Schwangerschaft nicht eingenommen werden. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Ihre Planungen (z.B. Kinderwunsch) und mögliche Wege in der Therapie Ihrer Erkrankung.

Cannabis bei Schwangerschaftsübelkeit

Cannabis wird in der Behandlung von Übelkeit und Erbrechen als Nebenwirkung einer Krebstherapie relativ erfolgreich eingesetzt. Viele Frauen, die von Übelkeit und Erbrechen in der (frühen) Schwangerschaft geplagt werden, überlegen daher, ob Cannabis auch für sie eine mögliche Form der Linderung darstellt.

Grundsätzlich sind dabei alle oben genannten Ergebnisse zu bedenken. Einige Frauen verwenden Cannabistee, um die schädlichen Auswirkungen des Rauchens zu minimieren. Wie hilfreich im Hinblick auf die Beschwerden und unbedenklich im Hinblick auf das Baby dieses Vorgehen ist, ist ungewiss.

Fazit

Es gibt deutlich schwerwiegendere Beeinträchtigungen als die, die durch Cannabiseinnahme in der Schwangerschaft hervorgerufen werden. Dennoch sind viele Dinge noch unklar und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Einnahme von Cannabis auf das ungeborene Kind langfristige nachteilige Effekte hat. Darum sollte – so die Meinung der Experten derzeit – auf eine Einnahme von Cannabis während der Schwangerschaft möglichst verzichtet werden.

 

Quellen:

  • Brents LK. Marijuana, the Endocannabinoid System and the Female Reproductive System. Yale Journal of Biology and Medicine. 2016; 89: 175-191
  • El Marroun H, Tiemeier H, Franken IH, Jaddoe VW, van der Lugt A, Verhulst FC, Lahey BB, White T. Prenatal Cannabis and Tobacco Exposure in Relation to Brain Morphology: A Prospective Neuroimaging Study in Young Children. Biol Psychiatry. 2016 Jun 15;79(12):971-9. doi: 10.1016/j.biopsych.2015.08.024. Epub 2015 Sep 1.

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