Stillen und Cannabis – ist das ratsam?

Autor: Gesa Riedewald

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Nimmt die stillende Mutter Cannabis zu sich, tut es das Baby auch. Ist es aber sicher, Cannabis-Produkte während der Stillzeit zu verwenden? Was sind die möglichen Risiken für das Baby? Und wie sieht es mit dem nicht-psychoaktiven CBD aus? Leafly.de geht diesen Fragen nach und wirft einen Blick auf die Studien zum Thema Cannabis und Stillen.

Stillen und Cannabis – ist das ratsam?

Können Frauen, die ihr Baby stillen, ohne Bedenken Cannabis konsumieren? Forschungsergebnisse legen nahe, dass Marihuana in die Muttermilch gelangen kann. Das bedeutet: Während der Stillzeit sind Cannabis-Produkte nicht sicher zu verwenden.

Ärzte verschreiben Cannabis als Medizin während Schwangerschaft und Stillzeit nur unter kritischer Abwägung des Risiko-Nutzenverhältnisses bei “strenger Indikationsstellung”. Das bedeutet, dass die zu erwartende positive Wirkung des Cannabis-Medikamentes so wichtig für den Patienten ist, dass der Arzt auch mögliche Nebenwirkungen für vertretbar hält. Das Arzneimittel darf nicht leichtfertig verordnet werden, sondern nur nach sorgfältiger Abwägung und nur, wenn keine alternative Behandlung zur Verfügung steht.

Cannabis kann durch Muttermilch auf das Baby übergehen

Der menschliche Körper verstoffwechselt Cannabis sehr langsam – langsamer als Alkohol und andere Drogen. Denn der Körper speichert Marihuana in den Fettzellen. Das bedeutet, dass es für Wochen oder sogar noch länger im Körper bleiben kann.

Da der Körper Fett verwendet, um Muttermilch zu produzieren, kann Cannabis, das sich im Körper befindet, in die Muttermilch übergehen. Auch wenn die Einnahme des Cannabis-Produktes bereits Wochen zurückliegt, können dennoch Reste ihren Weg in die Muttermilch finden.

Potenzielle Risiken bei der Anwendung von Cannabis während des Stillens

  • Entwicklungsproblemen: Einige Studien deuten darauf hin, dass Cannabis die Entwicklung der Bewegung, Koordination und Kraft eines Babys beeinflussen kann. Andere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Cannabis auch die intellektuelle Entwicklung beeinflussen kann.
  • Langsame Gewichtszunahme: Die Forschung zeigt ebenfalls, dass Cannabis ein Baby schläfrig machen und es dadurch von der Nahrungsaufnahme abhalten kann. So kann es zu einer langsameren Entwicklung kommen. Bei geringem Geburtsgewicht sowie Frühgeborenen ist eine langsame Gewichtszunahme ein ernsthaftes Risiko.

Studienlage zum Thema Cannabis und Stillen

Zum Thema Cannabis und Stillen gibt nur wenig Forschung. Ein großer Teil der vorhandenen Studien ist darüber hinaus bereits veraltet oder nicht zufriedenstellend durchgeführt. Viele ältere Studien haben aber deutlich gezeigt, dass Cannabis durch die Muttermilch auf das Baby übergeht und Nebenwirkungen erzeugen kann.

Eine Studie von 2018 legt nahe, dass Babys etwa 2,5 Prozent des Tetrahydrocannabinols (THC) in Cannabis über die Muttermilch aufnehmen. Die Studie untersuchte jedoch nicht die Auswirkungen auf die Babys. Außerdem war die Studie zu klein, um wissenschaftlich belastbar zu sein. Darüber hinaus gibt es keine Studien, die die Babys über mehrere Jahre verfolgten, um so die langfristigen Entwicklungseffekte darzustellen.

Eine umfassende Studie über Mütter, die während der Schwangerschaft oder Stillzeit ausschließlich Cannabis konsumiert haben (in Abgrenzung zu Alkohol und anderen Drogen), steht derzeit noch aus. Dennoch zeigt die vorhandene Forschung: Von der Einnahme von Cannabis während der Stillzeit sollte abgesehen werden.

Experten warnen vor THC und Stillen

Dr. Heather Bradshaw ist eine Spezialistin für Cannabinoid-Pharmakologie in der Abteilung für Psychologie und Neurowissenschaften der Indiana University, USA. Sie glaubt, dass Cannabis-Konsum während des Stillens nicht sicher ist, da dies zu Entwicklungsproblemen führen kann und das Risiko für eine Schizophrenie erhöht:

“Forschungen haben gezeigt, dass eine frühe Exposition von THC mit dem Gehirn die Entwicklung des Kleinhirns beeinflussen kann. Da eine abnormale Entwicklung des Kleinhirns später mit einem erhöhten Risiko für Schizophrenie einhergeht, könnte dies ein Risikofaktor sein.”

Auch die Experten der Stillförderung raten von der Einnahme von Cannabis-Produkten während der Stillzeit ab. Dr. Zsuzsa Bauer bedauert, dass “die Auswirkungen von Cannabis-Konsum auf das gestillte Baby bis heute nicht eindeutig geklärt” sind. Da belastbare wissenschaftliche Studien fehlen, rät sie allen Müttern, vorsichtshalber auf Cannabis zu verzichten.

Allerdings gibt Dr. Bauer auch zu bedenken, dass der generelle Verzicht aufs Stillen – um Cannabis einnehmen zu können – keine empfehlenswerte Alternative sei:

“Der Verzicht auf das Stillen ist auf der anderen Weise nachweislich schädlich für die Gesundheit des Kindes. Besonders wichtig dabei ist die erste Milch, das sogenannte Kolostrum in den ersten Tagen nach der Geburt. Ob das längere Stillen über Monate unter Cannabis-Konsum oder das Nicht-Stillen mehr Schaden verursachen, ist heute nicht eindeutig abschätzbar.”

Ist CBD beim Stillen sicher?

Experten warnen also vor der Einnahme von Tetrahydrocannabinol (THC) beim Stillen. Aber wie sieht es mit dem nicht-psychoaktiven Cannabidiol (CBD) aus? Immerhin hat die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, CBD als sicher und nicht gesundheitsschädigend eingestuft. (Leafly.de berichtete.)

In Deutschland ist CBD-Öl frei verkäuflich und in Drogerien und Apotheken erhältlich. CBD wird immer beliebter als pflanzliches Heilmittel und eine Form von Cannabis als Medizin, beispielsweise bei Schlafstörungen oder Kopfschmerzen. CBD-Öl, das in Deutschland als Nahrungsergänzungsmittel frei verkauft werden kann, darf maximal 0,2 Prozent THC enthalten.

Was ist CBD-Öl?

Cannabis enthält mehr als 80 Phytocannabinoide. Cannabidiol (CBD) ist eines davon und ist, wie THC, eines der dominierenden Cannabinoide der Cannabispflanze.

Im Gegensatz zu THC wirkt CBD nicht psychoaktiv – es erzeugt also keinen Rausch. Cannabidiol ist in den meisten europäischen Ländern legal und wird aus in der EU zugelassenen Nutzhanfsorten hergestellt.

Cannabidiol ist nicht wasserlöslich. Die gewonnenen Auszüge aus der Cannabispflanze werden deshalb mit einem Pflanzenöl – meistens Hanfsamen- oder Olivenöl – gemischt. Es gibt aber auch alkoholische Auszüge und viele andere CBD-Produkte. Heutzutage ist es Cannabis-Züchtern gelungen, eine Vielzahl von Cannabispflanzen zu züchten, die immer höhere CBD-Konzentrationen aufweisen, aber fast kein THC mehr enthalten.

Experten warnen auch vor CBD beim Stillen

Obwohl hochwertige CBD-Produkte also kaum THC enthalten, empfiehlt Dr. Heather Bradshaw von der Indiana University dennoch, auf CBD beim Stillen zu verzichten:

“Während es zu diesem Thema nur wenige Daten gibt, wissen wir, dass CBD bei der Behandlung von Anfällen unglaublich effektiv ist und im Gehirn rigoros funktioniert. Ich würde daher vorschlagen, dass es keine gute Idee ist, ein sich entwickelndes Baby einem sehr wirkungsvollen Gehirn-Medikament auszusetzen.“

Da die Forschung zu CBD bisher in den Kinderschuhen steckt und es auch keine Studien dazu gibt, wie sich CBD auf Neugeborene und deren Entwicklung auswirkt, sollten Frauen keine CBD-Produkte während des Stillens verwenden.

Stillpause

Manche Frauen pumpen ihre Muttermilch ab, nachdem sie ein paar Gläser Alkohol getrunken haben, und füttern ihre Babys stattdessen vorübergehend mit künstlicher Säuglingsnahrung. Ist diese Art der Stillpause auch beim Cannabis-Konsum empfehlenswert?

Wie bereits erwähnt, lagern sich Cannabis-Reste für Wochen oder sogar Monate im Körper der Mutter ab. Der Körper speichert Marihuana in Fettzellen und verwendet auch Fett, um Muttermilch zu produzieren. Daher können Inhaltsstoffe aus dem Cannabis sogar noch Wochen nach einer einzigen Anwendung an das Baby weitergegeben werden.

Das Abpumpen für ein paar Stunden oder sogar einige Tage nach der Verwendung von Cannabis verhindert also nicht, dass es an das Baby gelangt. Eine Stillpause bringt daher keinen Vorteil und kann sogar zu einem falschen Sicherheitsgefühl führen.

“Cannabis-Verbindungen sind in der Muttermilch auch Tage und Wochen nach dem letzten Konsum noch vorhanden und in den Ausscheidungen des gestillten Kindes nachweisbar. Anders als bei Tabak- und Alkoholkonsum lässt sich aufgrund der Langlebigkeit von Cannabis-Resten im Körper der Mutter keine Empfehlung zu einer Stillpause geben”, so Dr. Zsuzsa Bauer.

Fazit

Leider fehlen bisher aussagekräftige Studien über die Langzeitwirkung von Cannabis auf das gestillte Kind. Es gibt zu wenig Forschung, um klar zu bestimmen, ob die Verwendung von Cannabis generell während des Stillens schädigend ist oder ob Cannabis in bestimmten Mengen sicher ist. Das betrifft sowohl das Cannabinoid THC wie auch das nicht-psychoaktive CBD. Es ist zu hoffen, dass in Zukunft die weitere Cannabisforschung fundierte Erkenntnisse liefern wird.

Eine Arbeit aus dem Jahr 2017 versuchte zu bewerten, ob die Risiken von Cannabis die Vorteile des Stillens überwiegen. Auch diese Studie kam zu dem Ergebnis, dass weitere Evidenz erforderlich ist, um klare Empfehlungen zu geben. Bisher gibt es keine verlässlichen Daten dazu, ob das längere Stillen über Monate unter Cannabis-Konsum oder aber das komplette Nicht-Stillen mehr Schaden beim Kind verursacht.

Da es also bisher zu wenig Cannabisforschung in diesem Bereich gibt, sollten Frauen aufgrund der unklaren Lage keine Cannabis-Produkte während der Stillzeit einnehmen.

Cannabispatientinnen sollten bei ihrem behandelnden Arzt Rat einholen. Dieser wird während der Schwangerschaft und Stillzeit Cannabis als Medizin nur nach gründlicher Abwägung der Risiken und des Nutzens verordnen.

Unklar ist auch, wie eine Mutter sich verhalten soll, die einmalig in der Stillzeit Cannabis konsumiert hat. Stillexperten sind der Meinung, dass wahrscheinlich die Vorteile des weiteren Stillens nach Bedarf überwiegen. Eine Stillpause für Stunden oder Tage scheint nicht sinnvoll zu sein, da es das Kind nicht schützt.

Quellen:

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