Cannabis im Studium: Sollten Studenten mehr über Medizinalhanf lernen?

Autor: Gesa Riedewald

Verõffentlicht am: 14. Dezember 2017

Geändert am: 10. Januar 2018

Die meisten Studenten erfahren während ihres Studiums der Medizin nichts über Cannabis und seine Wirkung auf den menschlichen Körper. Das zeigt eine aktuelle amerikanische Studie. An deutschen Universitäten sieht es ähnlich aus. Und auch fertige Ärzte fühlen sich bei dem Thema unsicher.

Cannabis im Studium: Sollten Studenten mehr über Medizinalhanf lernen?

Seit März 2017 kann Cannabis als Medizin von Ärztinnen und Ärzten verschrieben werden. Viele Schwerkranke haben lange darauf gewartet und wünschen sich eine Cannabisbehandlung. Allerdings kennen sich die meisten Mediziner beim Thema Cannabis nicht aus. Woher auch? Vor März 2017 könnten Betroffene Medizinalhanf nur mit einer Ausnahmeregelung erhalten. Daher spielte Cannabis bisher im Medizinstudium sowie bei ärztlichen Weiter- und Fortbildungen praktisch keine Rolle. Das Gleiche gilt auch für andere medizinische Berufe: Apotheker, PTAs, MTAs sowie Krankenschwestern und Pfleger lernen bisher in ihrer Ausbildung bzw. ihrem Studium kaum etwas über Cannabis als Medizin.

Amerikanische Studie zum Thema Cannabis im Medizinstudium

Eine aktuelle Studie der Washington University in St. Louis zeigt: Fast 90 %  der Absolventen eines Medizinstudiums in den USA fühlen sich nicht ausreichend vorbereitet, um Cannabis als Medizin zu verordnen. Und das ist auch nicht verwunderlich, denn laut der Studie steht bei gerade einmal neun Prozent der medizinischen Universitäten in den USA das Thema Cannabis auf dem Lehrplan.

Weiteres Ergebnis der Untersuchung: Die Studenten sprechen sich für mehr Bildung und Aufklärung im Bereich Cannabis als Medizin aus. Und auch die Autoren der Studie schließen sich dieser Forderung an: Die medizinische Ausbildung muss sich den neuen Gegebenheiten anpassen.

„Unsere Studie veranschaulicht eine fundamentale Diskrepanz zwischen der Legalisierung von Medizinalhanf auf staatlicher Ebene und der fehlenden medizinischen Schulung der Absolventen, um Cannabis zu verschreiben. Mit noch mehr Staaten an der Schwelle zur Legalisierung von Medizinalhanf sollte sich die ärztliche Ausbildung an diese neue Realität der medizinischen Praxis anpassen“, so die Autoren der Studie.

Cannabis im Studium: Grundlagen werden nicht vermittelt

Und wie sieht die Situation in Deutschland aus? Auch bei uns werde das Thema Cannabis in der Ausbildung der Ärzte vernachlässigt, gibt Dr. Franco Grotenhermen gegenüber DocCheck News zu bedenken. Grotenhermen ist einer der wenigen Experten in Deutschland auf dem Gebiet Cannabistherapie. Er kritisiert, dass das Endocannabinoidsystem des menschlichen Körpers und die Wirkung körpereigener Cannabinoide nicht im Medizinstudium behandelt werden.

Grotenhermen erklärt weiter, dass das Verständnis über das Endocannabinoidsystem die Grundlage sei, um das breite therapeutische Spektrum von Cannabis zu begreifen. Daher sollten seiner Meinung nach die Cannabinoidrezeptoren unbedingt Teil des Medizinstudiums der Zukunft sein.

Bisher fehlt es an den Universitäten im Studienfach Medizin an Aufklärung über die Cannabis-Wirkung auf den menschlichen Körper. Dies könnte sich aber mit dem wachsenden Interesse an Cannabisbehandlungen sowie einer intensiveren Forschung zur Wirkung von Cannabinoiden ändern. Und so könnten sich auch die medizinischen Universitäten in ihrem Lehrplan anpassen. Ein Medizinstudium mit dem Schwerpunkt Cannabis oder der Spezialisierung Cannabis ist vielleicht irgendwann in der Zukunft möglich – zurzeit aber nicht in Sicht.

Cannabis Studium – erstes Cannabis-Institut geplant

Auch wenn die Schulmedizin sich bisher Cannabis als Studienfach verschließt, geht die Hochschule Merseburg in Sachsen-Anhalt mit einem innovativen Konzept voran: Prof. Dr. Gundula Barsch, Initiatorin der Idee des Cannabis Studiums, sowie weitere Wissenschaftler wollen ihre Universität zu einem Vorreiter der Cannabisforschung in Deutschland machen. Geplant ist ein interdisziplinäres Forschungsinstitut nach dem Vorbild der HiiMR (Humboldt Institute for Interdisciplinary Marihuana Research) in Arcata (Kalifornien). Barsch verbrachte hier ein Forschungssemester. Das Cannabis Studium in Merseburg wäre das erst seiner Art in ganz Deutschland.

Cannabis als Medizin wird in dem neuen interdisziplinären Studienfach der Hochschule eine Rolle spielen. Ebenso liegen aber auch viele andere Aspekte rund um das Thema Cannabis im Fokus: Analytische und physikalische Chemie, Umweltingenieurwesen, Marketing, Internationale Logistics und einiges mehr. Leafly.de wird die Entwicklungen an der Hochschule Merseburg verfolgen und weiter über das Thema Cannabis Studium berichten.

Auch praktizierende Ärzte haben großen Bedarf an Cannabis-Fortbildungen

Es sind nicht nur Studenten im Medizinstudium, denen das Wissen um Cannabis als Medizin fehlt. Auch unter den bereits praktizierenden Ärzten ist die Unsicherheit beim Thema Cannabisbehandlung hoch. Wann ist eine Therapie mit Medizinalhanf sinnvoll? Wann nicht? Und wie sollte der Arzt bei der Einstellung der Patienten vorgehen? Nur wenige Mediziner haben Erfahrung bei der Verordnung von Cannabisprodukten – viele fühlen sich überfordert. Daher schreckt ein Großteil der Ärzteschaft davor zurück, eine Cannabisbehandlung einzuleiten. Auch bei Apothekern und Apothekerinnen herrscht oft Unsicherheit – und die Skepsis ist häufig groß.

Gute Fortbildungsangebote sind daher unerlässlich, um Ärzten und Apothekern das Potenzial von Medizinalhanf aufzuzeigen. Nur so kann die Scheu gegenüber dem Einsatz von Cannabis als Medizin abgebaut werden. Viele niedergelassene Ärzte haben heute Sorge, ihren Ruf zu ruinieren und als „Drogenarzt“ in Verruf zu geraten. Einige Ärzte weigern sich auch, Patienten mit Cannabis zu behandeln, weil sie sie für Drogenabhängige halten, die auf Umwegen an ihren Stoff kommen wollen. Die Vorurteile gegenüber Cannabis sind teilweise groß – daher ist Aufklärung so wichtig.

Aber noch ein anderer Punkt schreckt die Ärzte ab: Eine Cannabistherapie bedeutet für den behandelnden Arzt einen Mehraufwand, denn für jeden Patienten werden anonymisierte Daten erhoben. Der Mediziner muss umfangreiche Dokumentationen erstellen, die bisher nicht vergütet werden.

(Wenn Sie mehr zum Thema Cannabis-Fortbildungen erfahren wollen, lesen Sie hier weiter.)

Fazit: Schwerpunkt Cannabis an den medizinischen Universitäten nicht in Aussicht

Die Schulmedizin tut sich noch schwer mit dem Thema Cannabis als Medizin. Ein Schwerpunkt Cannabis, eine Facharztrichtung Cannabis oder ein Studienfach Cannabis sind an den medizinischen Universitäten in naher Zukunft nicht vorstellbar. Dabei wäre es wichtig, dass die Lehre mit den gesellschaftlichen Realitäten Schritt hält und der Legalisierung von Medizinalhanf Rechnung trägt. Das verdeutlicht auch die Studie der Washington University in St. Louis. Vielleicht führen neue Ideen – wie beispielsweise das interdisziplinäre Cannabis-Institut an der Hochschule Merseburg – dazu, dass die Universitäten in Zukunft ihre Lehrpläne anpassen und sich dem Thema Cannabis Wirkung auf den menschlichen Körper zuwenden.

Und auch medizinisches Fachpersonal wie Apotheker, PTAs, MTAs, Krankenschwestern und Pfleger würden davon profitieren, in ihrer Ausbildung bzw. ihrem Studium zu Cannabis als Medizin geschult zu werden.

Quellen:

http://www.drugandalcoholdependence.com/article/S0376-8716(17)30441-6/fulltext

http://news.doccheck.com/de/191601/cannabistik-vorlesung-faellt-aus/

https://www.mz-web.de/merseburg/tuev-fuer-medizinisches-gras-forscher-aus-merseburg-wollen-cannabis-institut-aufbauen-27994696

https://www.volksstimme.de/sachsen-anhalt/cannabis-hanf-institut-fuer-sachsen-anhalt-geplant

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