Können THC und CBD Antidepressiva ersetzen?

Die Verschreibungszahl von Antidepressiva hat sich laut einer OECD-Statistik in den letzten elf Jahren verdoppelt. Viel zu schnell greifen nicht nur Psychiater, sondern auch Hausärzte und Ärzte anderer Fachrichtungen zum Rezeptblock. Dabei sind Antidepressiva alles andere als harmlose „Glücksbringer“. Da die Cannabinoide aus der Cannabispflanze eine antidepressive Wirkung entfalten können, stellt sich natürlich die Frage, ob diese ein Antidepressivum ersetzen können.

Können THC und CBD Antidepressiva ersetzen?

Cannabis bei Depressionen – Geschichte

Können THC und CBD Antidepressiva ersetzen und sind sie ein natürliches Antidepressivum? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir ein paar Jahrhunderte, gar Jahrtausende zurückblicken. Cannabis wird seit Jahrhunderten genutzt, um depressive Verstimmungen und Angstzustände zu behandeln. Bereits im Jahr 1621 erklärte der englische Geistliche Robert Burton, dass Cannabis bei der Behandlung von Depressionen hilfreich sei. Auch in Indien wurde Cannabis bereits vor über 400 Jahren verwendet und britische Ärzte verschrieben im 17. Jahrhundert sehr häufig Cannabis bei einer Depression.

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Der britische Arzt JR Reynolds analysierte im Jahr 1890 den Konsum von Cannabis der vergangenen 30 Jahre und stellte fest, dass die langfristige Anwendung von Cannabis gegen depressive Beschwerden eine positive Wirkung zeigte. Und auch neue Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass Cannabis in geringen Dosen eine antidepressivaähnliche Wirkung zeigen. Werden diese Forschungen weiter betrieben, so könnte hieraus vielleicht eines Tages ein medizinisch wirkungsvolles und nebenwirkungsarmes Antidepressivum entwickelt werden.

Antidepressiva werden immer häufiger verordnet

Die Depression ist eine Volkskrankheit, denn immer mehr Menschen leiden unter dieser ernsten psychischen Erkrankung. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) litten bereits im Jahr 2015 weltweit mehr als 320 Millionen Personen an depressiven Erkrankungen. Tendenz steigend. Auch in Deutschland erhalten immer mehr Personen die Diagnose „seelische Erkrankungen“. Den Krankenkassen zufolge sind sie für rund ein Fünftel der Fehltage verantwortlich. Viel zu schnell greifen Fachärzte, aber auch Hausärzte, zum Rezeptblock und verschreiben Antidepressiva, die jedoch  keine harmlosen „Glückspillen“ sind.

Dem Statistik-Portal zufolge werden in Deutschland immer mehr Antidepressiva verordnet. So stiegen die Verordnungen von Antidepressiva zur Behandlung von Depressionen in den Jahren 2008 bis 2017 um 50 Prozent.

Weiter heißt es, dass es für diese Entwicklung von vielen Seiten Kritik gebe, unter anderem auch vom Deutschen Ärzteblatt. Zudem heißt es, dass die medikamentöse Versorgung nur einseitig sei. Eine ambulante Psychotherapie fände zu selten Anwendung, was nicht den ärztlichen Leitlinien entspreche.

Wer gesetzlich krankenversichert ist, muss lange auf einen freien Therapieplatz bei einem Psychologen warten.

Warum werden keine Psychotherapien in Anspruch genommen?

Es verwundert doch sehr, dass verschiedene Gesundheitsexperten immer wieder darauf hinweisen, dass eine ambulante Psychotherapie zu selten Anwendung findet, denn das wohl größte Problem ist doch, dass es einfach zu wenige freie Therapieplätze bei Kassen-Therapeuten gibt. Menschen mit psychischen Problemen, die dringend einer Therapie bedürfen, müssen meist Wochen, wenn nicht sogar Monate auf einen freien Platz warten. Viele werden während dieses Wartens so krank, dass sie ins Krankenhaus müssen.

Auch die neue Richtlinie aus dem Jahr 2017 konnte den Zugang zur Psychotherapie nicht beschleunigen. Mit dieser neuen Reform wurden die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Ärzteorganisationen dazu verpflichtet, Termine bei Kassen-Therapeuten anzubieten. Die maximale Wartezeit soll vier Wochen betragen. Ein Jahr nach der Einführung gehören die Fragen nach einem Psychotherapeuten an den Termin-Servicestellen zu den wichtigsten Anfragen.

„Von diesen 190.000 sind rund 50.000 Nachfragen nach Psychotherapeuten-Terminen gewesen. Die haben sich also vom Stand weg auf Platz Eins der Nachfrage gehievt. Vor dem Hintergrund von einer Milliarde Arzt-Patienten-Kontakten ist das wenig, aber immerhin: Die Nachfrage nach psychotherapeutischen Terminen ist hier bei den Terminservicestellen am stärksten ausgeprägt gewesen“, erklärte Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, in einem Medienbericht.

Servicestellen zur Terminvereinbarung sind den meisten unbekannt

Viele gesetzlich versicherte Patienten kennen diese Servicestellen zur Terminvermittlung gar nicht, heißt es weiter. Problematisch ist zudem, dass in der Regel nur ein Erstgespräch vermittelt wird, das seit dem April 2018 Pflicht ist. Nur so bekommen Betroffene eine Kurz- oder Langzeittherapie.

„Erstgespräche gehen klar für die meisten. Und danach kommt man immer auf diese Wartelisten, die dann ab einem halben Jahr anfangen und über ein Jahr gehen. In dieser Zeit fühlt man sich quasi selber aufgegeben. Und dann hat man keine Motivation, weiterzusuchen, weil man weiß: Beim nächsten ist es genauso“, berichtet Maike Klossek.

Kassen-Therapeuten klagen gegen Terminvermittlungsverfahren

Die Servicestellen sollen gemäß der Reform zwei bis fünf Erstgespräche (Kennenlernstunden) vor Beginn der eigentlichen Therapie vermitteln. Gegen diese „zusätzliche“ Aufgabe hat die Kassenärztliche Vereinigung jetzt geklagt.

„Nach einem Beschluss des Bundesschiedsamtes im November des vergangenen Jahres sollen die Terminservicestellen auch die sogenannten probatorischen Sitzungen vermitteln. Aber dagegen haben wir als KBV geklagt und diese Klage hat eine aufschiebende Wirkung. Das haben wir deswegen gemacht, weil es eben vom Gesetzgeber her gesehen nicht der Auftrag der Terminservicestellen gewesen ist jetzt, alle Termine zu vermitteln. Also hier sollten eigentlich die regulären Wege reichen“, so Sprecher Roland Stahl.

Egal, ob mit Reform oder ohne, für erkrankte Personen bedeutet der reguläre Weg lange, lange Wartezeiten. Die Nachfrage ist hoch, das Angebot zu gering. Der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung sieht das jedoch anders.

„Wenn ich jetzt hier die bundesweite Brille aufsetze, sind die Versorgungssitze mit Psychotherapeuten besetzt, alle. Es sind in den letzten Jahren 1.300 neue Sitze geschaffen worden. Damit sind die Psychotherapeuten die am stärksten wachsende Gruppe in der ärztlichen Versorgung gewesen“, führte Stahl aus.

Weitere Probleme bei der Therapieplatzsuche

Im 5. Sozialgesetzbuch ist festgelegt, dass Betroffene auch zu privaten Therapeuten gehen dürfen, wenn die gesetzlichen Krankenkassen keinen Platz bei einem Kassen-Therapeuten vermitteln können. Hierfür müssen die Patienten nachweisen, dass die Wartezeiten bei den Therapeuten in Wohnnähe unzumutbar sind. Wenn die private Therapie dann den Richtlinien entspricht, muss die Krankenkasse die Kosten übernehmen.

Felicitas Bergmann leitete im März 2018 eine Informationsveranstaltung auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie in Berlin. Sie erklärte, dass die Wartezeiten bei privaten Therapeuten deutlich kürzer seien, doch die Krankenkassen mauern.

„Der hat vielleicht zeitnah einen Platz frei, aber da lehnen die Krankenkassen derzeit flächendeckend die Übernahme der Kosten ab. Das heißt, die Patienten werden wieder in eine Sprechstunde bei einem zugelassenen Therapeuten geschickt, und das Ganze dreht sich momentan im Kreis. Ich habe von Patienten gehört, die zehn oder noch mehr Sprechstunden besuchen mussten. Und stellen Sie sich vor: Zehn Mal einem fremden Menschen seine Geschichte erzählen. Zehn Mal keine Hilfe bekommen. Nicht nur die Patienten sind frustriert, sondern wir Therapeuten auch. Wir würden gerne helfen, müssen die Leute aber weiterschicken“, so Bergmann.

Natürlich streiten die Krankenkassen ab, dass sie die Kostenerstattung pauschal ablehnen. So führte beispielsweise die Barmer-Ersatzkasse aus:

„Das Ziel der Reform ab April 2017, Patientinnen und Patienten besser zu versorgen, erfordert […] einen anderen Umgang mit Anträgen zur Kostenerstattung. Dabei werden natürlich Besonderheiten eines einzelnen Falles nach wie vor in unsere Entscheidung einbezogen. Daher erstatten wir ggf. auch, sofern die maßgeblichen Kriterien erfüllt sind, weiter Kosten für die Behandlung bei einem Nichtvertragsbehandler.“

Da die Therapeuten allerdings andere Erfahrungen machen, planen sie nun die Ablehnungen zu dokumentieren, und zwar unter dem Namen „Kassenwatch“. Danach wollen sie sich beim Bundesversicherungsamt beschweren.

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Es gibt verschiedene Antidepressiva.

Welche Antidepressiva gibt es?

Bei Antidepressiva erfolgt anhand ihrer chemischen Struktur und der Wirkungsweise auf die jeweiligen Transmittersysteme folgende Einteilung:

Trizyklische Antidepressiva (TZA)

Trizyklische Antidepressiva (z. B. Opipramol, Amitriptilyn oder Doxepin) wirken in unterschiedlicher Stärke am serotonergen sowie am noradrenergen System und besitzen drei Kohlenstoffringe in ihrer chemischen Struktur. Somit greifen die Substanzen in mehrere Neurotransmittersysteme gleichzeitig ein und haben eine beruhigende, stimmungsaufhellende, angstlösende sowie spannungslösende Wirkung. Die Verordnung findet deshalb vor allem bei Zwangsstörungen, Angst- und Panikstörungen statt.

Bei den Nebenwirkungen muss zwischen akuten Nebenwirkungen bei Beginn der Behandlung und chronischen Nebenwirkungen bei einer langfristigen Therapie unterschieden werden. Trizyklische Antidepressiva können folgende Begleitsymptome auslösen:

  • Mundtrockenheit
  • Blasenentleerungsstörungen
  • Tachykardie
  • erhöhtes Herz-Kreislauf Risiko
  • Orthostase-Syndrom (Blutdruckabfall)
  • Verschlechterung einer bereits bestehenden Herzinsuffizienz
  • Störung des Erregungsleitungssystems des Herzens (T-Wellen im EKG)
  • Bei einer Dauerbehandlung können sich folgende Nebenwirkungen zeigen:
  • Tremor
  • Sehstörungen
  • Verstopfung
  • psychische Alterationen (z. B. delirante Zustände)
  • allergische Reaktionen (seltene Nebenwirkung)
  • Knochenmarksschädigung (seltene Nebenwirkung)
  • Leberschädigung (seltene Nebenwirkung)

Tetrazyklische Antidepressiva

Tetrazyklische Antidepressiva sind recht neue Psychopharmaka, die eine Weiterentwicklung der trizyklischen Antidepressiva sind. Zwar ähneln sich beide Arzneimittel, tetrazyklische Psychopharmaka besitzen jedoch in ihrer chemischen Struktur vier statt drei Kohlenstoffringe auf.

Außerdem werden sie der Gruppe der noradrenerge und spezifisch serotonerge Antidepressiva (NaSSA) zugeordnet, da sie stärke auf den Noradrenalin-Stoffwechsel wirken. Das Medikament Mirtazapin gehört zu dieser Gruppe, dessen Wirkung auf den postsynaptischen 5-HT2- und 5-HT3-Rezeptoren beruht.

Auch tetrazyklische Antidepressiva können Begleiterscheinungen haben. Hierzu gehören:

  • Mundtrockenheit
  • Gewichtszunahme
  • Kopfschmerzen
  • Schwindel und Zittern
  • Blutdruckabfall
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Durchfall
  • Hautausschlag
  • Verwirrtheit und Angst
  • Schlaflosigkeit
  • Antriebslosigkeit
  • Gelenk- und Muskelschmerzen
  • Wassereinlagerungen in Armen und Beinen

Gelegentliche können auch folgende Symptome auftreten:

  • Alpträume
  • Unruhe
  • Angstzustände
  • nervliche Missempfindungen
  • Empfindungslosigkeit im Mund

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)

Serotonin-Wiederaufnahmehemmer gehören zu den neuen Antidepressiva, die in den Serotonin-Stoffwechsel eingreifen. Die stimmungsaufhellende Wirkung tritt bei SSRI allerdings erst nach etwa zwei Wochen ein. Verordnet werden die Antidepressiva (z. B. Citalopram, Sertralin, Escitalopram, Fluoxetin) gegen Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen. Ebenso werden sie bei psychischen Erkrankungen wie einer Borderline Persönlichkeitsstörung oder bipolaren Störung eingesetzt.

Im Vergleich zu anderen Medikamenten gegen Depressionen sollen selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer sein. Dennoch kann es zu Übelkeit, Kopfschmerzen, Unruhe, Schlafstörungen und Verdauungsproblemen zu Beginn der Behandlung kommen. Hinzu kommt, dass SSRI irreversible Sexualdysfunktionen wie erektile Dysfunktion oder Anorgasmie auslösen können.

Außerdem besteht bei einer langfristigen Behandlung die Gefahr, dass sich eine Osteoporose bildet, da Serotonin auf die Osteoklasten und Osteoblasten wirkt. Weitaus gefährlicher ist jedoch, dass sich das Suizidrisiko durch die Einnahme von SSRI erhöhen kann. Entsprechende Hinweise mussten in den Beipackzetteln aufgenommen werden.

Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (NARI)

NARIs kommen häufig bei sehr stark depressiven Menschen zum Einsatz. Dabei entfalten diese Psychopharmaka ihre Wirkung selektiv am sogenannten Noradrenalin-Transporter im Gehirn. Das bedeutet, dass sie im zentralen Nervensystem an die Noradrenalin-Transporter binden und dadurch die Wiederaufnahme dieses Neurotransmitters hemmen. Damit erhöhen sie dessen Konzentration im synaptischen Spalt. Aber auch hier kann es bei der Einnahme zu unangenehmen Begleiterscheinungen, wie zum Beispiel Mundtrockenheit, Unruhe, Schlafstörungen, Kältegefühl und Appetitlosigkeit kommen.

Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSNRI oder SNRI)

SSNRIs greifen als synthetisches Antidepressivum in den Serotonin- und Noradrenalin-Stoffwechsel ein. Zu dieser Gruppe gehört beispielsweise der Wirkstoff Venlafaxin, der seine antidepressive Wirkung im zentralen Nervensystem entfaltet. Zudem werden Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer auch gegen Angststörungen und Panikzustände verordnet.

Häufig wird auch hier angegeben, dass die SSNRIs nebenwirkungsärmer sind. Sie können aber dennoch Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit, Schwäche und Übelkeit auslösen.

Monoaminoxidase-Hemmer (MAO-Hemmer)

MAO-Hemmer sind synthetische Antidepressiva, die als Mittel gegen Depressionen eingesetzt werden. Sie entfalten ihre Wirkung, indem sie die Monoaminooxidasen blockieren. Hierbei handelt es sich um Enzyme, die Monoamine wie Noradrenalin, Dopamin und Serotonin aufspalten und die Signalübertragung im Gehirn reduzieren. Da sie die Abbauenzyme hemmen, erhöht sich die Monoamin-Konzentration. Zum Einsatz kommen MAO-Hemmer in der Regel nur bei schweren, atypischen Depressionen, wenn andere Antidepressiva versagt haben. Eine leichte Depression wird hiermit hingegen in aller Regel nicht behandelt.

Allerdings sind Monoaminooxidase-Hemmer alles andere als nebenwirkungsarm. Es können unter anderem Bluthochdruck, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen und Schwindel auftreten. Außerdem muss eine strenge Diät eingehalten werden. Nahrungsmittel wie beispielsweise Rotwein, Schokolade oder Weintrauben können lebensgefährliche Folgen haben.

Was bewirken Antidepressiva?

Wenn es um die Wirksamkeit dieser Arzeinmittel geht, wird häufig eine große Meta-Analyse aus dem Jahr 2008 zitiert. Auf der Grundlage von 35 veröffentlichten und unveröffentlichten Untersuchungen der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA kam man zu dem Ergebnis, dass auch die neueren Arzneimittel gegen Depressionen nicht besser wirken als bei Placebo-Gruppen und allenfalls bei sehr schweren Depressionen eine Wirkung entfalten.

Die unterschiedlichen Wirkstoffe wurden in zahlreichen Studien miteinander verglichen. Für Personen, die an mittelschweren bis schweren Depressionen leiden, zeigen diese:

  • Bei 20 bis 40 von 100 Personen, die Placebos einnahmen, besserten sich die depressiven Symptome innerhalb von sechs bis acht Wochen.
  • Bei 40 bis 60 Personen, die ein Antidepressivum erhielten, besserte sich die Symptomatik innerhalb von sechs bis acht Wochen.

Das bedeutet, dass sich nur bei zusätzlich 20 Betroffenen, die ein Antidepressivum erhielten, eine Besserung zeigte.

Interessant ist auch eine Studie aus dem Jahr 2001, die im British Medical Journal veröffentlicht wurde. Paroxetin und Imipramin wurden hier für Jugendliche als sehr wirksam eingestuft. Jedoch wurden hier Daten verschwiegen und verfälscht.

Finanziert wurde die Studie von dem Pharmaunternehmen Glaxo-Smith-Kline (ehemals Smith-Kline-Beecham). Bei 275 Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 18 Jahren wurden die beiden Antidepressiva Paroxetin und Imipramin mit einem Scheinmedikament verglichen. Im Ergebnis hieß es, dass die Medikamente generell gut verträglich und wirksam gewesen seien.

Erst nach jahrelangen Auseinandersetzungen wurden die lange zurückgehaltenen Originaldaten stückchenweise freigegeben. Forscher aus den USA und Großbritannien zeigen, dass Imipramin und Paroxetin nicht wirksamer sind als die Gabe eines Placebos. Auch von einer „guten“ Verträglichkeit kann nicht gesprochen werden. So führte Paroxetin zu Suizidneigung, Verhaltensauffälligkeiten sowie weiteren schweren Einschränkungen. Imipramin löste zudem Herzrhythmusstörungen aus.

Aktuelle Studie zur Wirksamkeit von synthetischen Antidepressiva

Britische Forscher hatten im vergangenen Jahr die Ergebnisse ihrer Analyse veröffentlicht. So analysierten die Forscher 522 Untersuchungen zu 21 Antidepressiva, in denen die Probanden entweder ein Antidepressivum oder ein Placebo bekamen. Zwar kamen die Forscher zu dem Schluss, dass die Medikamente besser wirkten als Placebos, die meisten Probanden litten jedoch unter Begleitsymptomen. Hinzu kommt, dass die Medikamente nicht jedem helfen.

„Antidepressiva sind wirksame Medikamente. Aber leider spricht etwa ein Drittel der Patienten mit Depression nicht auf die Mittel an“, führte die Hauptautorin Andrea Cipriani von der University of Oxford aus.

Weiter erklärte sie, dass man die Therapiemöglichkeiten verbessern müsse, da der Effekt „insgesamt klein bis mäßig“ sei. Problematisch ist auch, dass diese Studie einige Fragen nicht beantworten kann, wie zum Beispiel, welches Medikament bei einer therapieresistenten Depression besser hilft. Auch eine Aufschlüsselung der Menschen nach Geschlecht und Alter fehlt, sodass hieraus auch keine angepassten Empfehlungen abzuleiten wären.

Wie derartige Untersuchungen tatsächlich zu bewerten sind, zeigen unter anderem Alicia Baer von der Charité Berlin und Prof. Dr. med. Bschor von der Berliner Schlosspark-Klinik in ihrer Ausarbeitung.

Was sind Absetzerscheinungen?

Wer die antidepressive medikamentöse Behandlung gut verträgt und diese über einen längeren Zeitraum einnimmt, kann beim Absetzen Schwierigkeiten bekommen. Denn dann können die sogenannten Absetzerscheinungen auftreten. Diese reichen von Kopfschmerzen über Taubheit in den Extremitäten bis hin zu grippeähnlichen Beschwerden. Jedoch ist dieser Begriff seit langer Zeit umkämpft. Denn dieser kann die Symptome verharmlosen. Aus diesem Grund plädieren inzwischen viele Mediziner für die Verwendung des Begriffs „Entzugssymptome“. Es treten nämlich ähnliche Beschwerden auf wie beim Absetzen von Suchtstoffen, was beispielsweise auch die McGill University ausführt.

Zu den Kriterien, ob eine Medikamentenabhängigkeit vorliegt, gehören auch Entzugssymptome. Bereits im Jahr 2003 wies die Weltgesundheitsorganisation in ihrem Report darauf hin, dass Ärzte und Mediziner für Antidepressiva, insbesondere für selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), Entzugssymptome an die zuständigen Behörden gemeldet hatte. Ebenso wurden Symptome bzw. Probleme gemeldet, bei denen zahlreiche Kriterien für eine echte Medikamentenabhängigkeit erfüllt waren. Sieht man sich nun aktuelle Untersuchungen an, so zeigen diese, welches Ausmaß das „Absetzsyndrom“ annehmen kann. Beispielsweise fanden Forscher der University of Auckland in Neuseeland heraus, dass bei drei Viertel der Menschen, die SSRIs bekamen, Entzugssymptome auftraten.

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Antidepressiva sind anfällig für Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und Substanzen. So kann beispielsweise die gleichzeitige Einnahme von Johanniskraut und SSRIs dazu führen, dass sich ein Serotonin-Syndrom entwickelt. Das gilt auch für die Kombination SSRI und SNRI. Ausgelöst wird das Serotonin-Syndrom durch zu hohe Serotonin-Mengen im zentralen Nervensystem. Im schlimmsten Fall kann dies tödlich enden, weshalb hier große Vorsicht geboten ist.

Darüber hinaus können auch Wechselwirkungen mit zahlreichen weiteren Arzneimitteln entstehen, wie zum Beispiel Antibiotika oder Betablocker. Deshalb sollte dem behandelnden Arzt unbedingt mitgeteilt werden, wenn zusätzliche Arzneimittel eingenommen werden.

Eine Substanz, die gefährliche Wechselwirkungen hervorrufen kann, ist Alkohol. So kann der Mischkonsum die Wirkung des Arzneimittels unvorhersehbar verstärken oder verringern. Zur eigenen Sicherheit sollte deshalb auf den Konsum von Alkohol verzichtet werden.

Medizinalcannabis kann eine Alternative zum Antidepressivum sein.

Kann Medizinalcannabis ein Antidepressivum ersetzen?

Studien können belegen, dass Cannabis in niedrigen Dosen eine antidepressive Wirkung entfalten kann. Ähnlich wie bei den SSRI erhöht das THC die Serotonin-Konzentration im Gehirn. Wissenschaftler gehen davon aus, dass dieser Wirkungsmechanismus darauf zurückführen ist, dass die Cannabinoide aus der Cannabispflanze den körpereigenen Cannabinoiden in ihrer Struktur ähneln.

Der Körper schüttet Endocannabinoide beispielsweise aus, wenn Schmerzen oder Stress erlebt wird. Um mit dem Gehirn zu interagieren, verfügt der Körper über Cannabinoidrezeptoren. Man geht davon aus, dass der Cannabinoidrezeptor CB1 einen direkten Einfluss auf die Serotoninproduktion besitzt.

Nennenswert ist hier vor allem eine medizinische Untersuchung von der McGill University in Montréal. Forscher fanden hier heraus, dass geringe Dosen THC den Serotonin-Gehalt vermehren und dass höhere THC-Dosen den Serotoninspiegel gesenkt haben.

In einem Experiment zwangen sie Laborratten 15 Minuten lang zum Schwimmen. Wenn ihnen das synthetisch hergestellte Cannabinoid WIN55,212-2 verabreicht wurde, schwammen die Ratten deutlich länger und suchten nach einem Ausweg. Hingegen gaben die Ratten ohne die Cannabinoidverabreichung schneller auf. Auch der Serotoninspiegel war bei den Ratten, die Cannabinoide erhielten, wesentlich höher. Das galt jedoch nur für geringe Cannabinoid-Dosen. Der Effekt kehrte sich um, wenn die Ratten eine höhere Cannabinoid-Dosis bekamen.

Darüber hinaus existieren auch Studien, die sich mit Cannabidiol (CBD) beschäftigten. CBD ist ein nicht-psychoaktives Cannabinoid der Cannabispflanze und Forscher der Federal University Rio de Janeiro untersuchten die angstlösende und antidepressive Wirkung an Tiermodellen. Auch hier konnten positive Ergebnisse erzielt werden. Zum gleichen Ergebnis kamen auch Forscher der Universidad de Cantabria in Spanien. Im Ergebnis heißt es, dass CBD gegen depressive Störungen hilfreich sein könnte, da es an den Serotonin-Rezeptor (5-HT1A) im Gehirn andockt.

Resümee: Ist Medizinalcannabis die Alternative?

Fassen wir zusammen: Die Statistiken zeigen, dass die Verordnungszahlen von Antidepressiva immer weiter steigen. Allein im Jahr 2016 war beispielsweise das Antidepressivum Citalopram mit 290 Millionen Tagesdosen das am häufigsten verordnete Psychopharmakon laut dem Arzneiverordnungs-Report. Und das – obwohl eine Psychotherapie das erste Mittel der Wahl sein sollte. Ergänzend, vor allem dann, wenn die Symptome schwerwiegend sind, können Antidepressiva unterstützend verordnet werden. Problematisch ist aber, dass es zu wenige freie Therapieplätze gibt und Betroffene mehrere Wochen, wenn nicht sogar Monate, auf einen Platz warten müssen. Und was soll in der Zwischenzeit helfen? Natürlich Antidepressiva.

Über die Wirksamkeit der Antidepressiva wird seit Jahren gestritten. Einige Untersuchungen und Analysen belegen eine gute Wirksamkeit, andere zeigen, dass sie nicht besser als ein Placebo wirken. Überschattet wird das Ganze von den möglichen Begleiterscheinungen, die im Extremfall gesundheitsgefährdend sind. Und zu guter Letzt können Entzugserscheinungen auftreten, die von Fachmedizinern in den Mantel der Absetzerscheinungen gepackt werden.

Was ist also notwendig, um dieses Dilemma zu beenden?

Denn angesichts dessen, dass immer mehr Menschen an einer seelischen Krankheit wie Depressionen oder auch Ängste erkranken, können Medikamente, dessen Wirksamkeit nicht eindeutig bewiesen ist und zudem starke Nebenwirkungen haben können, nicht die endgültige Lösung sein. Selbstverständlich haben auch diese Medikamente ihre Berechtigung und können auch in vielen Fällen hilfreich sein. Betroffene sollten jedoch schnelle psychotherapeutische Hilfe sowie medikamentöse Alternativen erhalten.

Medizinalcannabis ist auch hier keine hundertprozentige Lösung, die eine psychische Störung „heilen“ kann. Es stellt lediglich eine Alternative dar – genau wie andere pflanzliche Arzneien, die ergänzend zu einer Therapie zum Einsatz kommen können. Leider befindet sich die Forschung hier noch im Anfangsstadium und es lässt sich nicht sicher sagen, dass Cannabis für medizinische Zwecke oder Cannabis-Medikamente die Symptome lindern können. Jedoch lässt die aktuelle Studienlage hoffen.

 

Hinweis: In diesem Artikel berichten wir über rezeptpflichtiges CBD oder auch Cannabidiol. Dieser Artikel macht zur möglichen Zweckbestimmung keinerlei Vorschlag. Nutzversprechen bleiben den Apothekern überlassen.

 

Quellen:

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