THC: Wie sieht die aktuelle Studienlage aus?

Autor: Alexandra Latour

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Erst vor kurzem haben wir ausführlich über das Cannabinoid Cannabidiol (CBD) und den aktuellen Stand der Forschung berichtet. Jetzt haben wir uns die aktuellen Studien zum großen Bruder Tetrahydrocannabinol (THC) angesehen und stellen einige wichtige im Folgenden vor.

THC: Wie sieht die aktuelle Studienlage aus?

Tetrahydrocannabinol (THC) ist wohl der bekannteste Wirkstoff aus der Cannabispflanze, der unter anderem für das High-Gefühl verantwortlich ist, wenn Cannabis konsumiert wird. Die Wirkmechanismen von THC sind sehr gut erforscht, jedoch noch nicht vollständig geklärt. Insgesamt bietet THC ein sehr breites und vielseitiges Wirkungsspektrum. Therapeutisch wird THC unter anderem bei den folgenden Erkrankungen und Beschwerden eingesetzt:

  • Schmerzzustände
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Appetitlosigkeit und Abmagerung
  • Bewegungsstörungen und Spastik
  • Epilepsie
  • Autoimmunerkrankungen
  • Entzündungen
  • verschiedene psychiatrische Symptome
  • Abhängigkeit und Entzugssymptome
  • Glaukom

Neuesten Studien zufolge, kann THC vermutlich noch bei vielen weiteren Erkrankungen therapeutisch nützlich sein.

Beteiligung des Endocannabinoid Systems bei der Stressbewältigung

Das Endocannabinoid System (ECS) mit seinen Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2, den endogenen Liganden (AEA und 2-AG) und den enzymatischen Systemen ist an emotionalen und nicht-emotionalen Verhaltensweisen beteiligt. Davon gehen italienische Forscher der University of Catania aus. So gab es schon in früheren Berichten Hinweise darauf, dass die Auswirkungen von Cannabis mit endokrinen Systemveränderungen in Verbindung gebracht werden können. Dementsprechend ist seit langem bekannt, dass die THC- und später die ECS-Signalgebung die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA) regulieren, die das wichtigste neuroendokrine Stressreaktionssystem von Säugetieren ist. Wie jedoch die ECS die Stresshormonsekretion verändern kann, ist nicht vollständig geklärt. Vermutlich ist ein einwandfrei funktionierendes ECS für eine ungestörte neuroendokrine und verhaltensbezogene Stressbewältigung sehr wichtig.

Cannabis: Beeinflussung des Immunsystems von HIV-Patienten

Vor einigen Jahren noch wurde darüber diskutiert, ob sich Cannabinoide möglicherweise negativ auf den Verlauf einer HIV-Infektion auswirken könnten. Neueren Erkenntnissen zufolge kann sich THC jedoch vermutlich positiv auf das Immunsystem sowie auf Entzündungen auswirken. So stellten Wissenschaftler fest, dass ein starker Cannabiskonsum die Entzündungen bei HIV-Patienten reduzierte, was mit einer Immunaktivierung verbunden war. Zwar ist die klinische Bedeutung noch unklar, die Ergebnisse dieser Studie legen aber nahe, dass „der Cannabiskonsum mit einer potentiell nützlichen Reduzierung der systemischen Entzündung und Immunaktivierung im Kontext einer antiretroviral behandelten HIV-Infektion verbunden ist“, so die Forscher. Auch die Forscher der Michigan State University bestätigten im Jahr 2018 die nützlichen Aspekte von Cannabinoid-basierten Therapien bei HIV-Patienten.

Identifizierung neuer THC-Zielproteine

THC ist der wichtigste psychoaktive Inhaltsstoff der Cannabispflanze, der wegen seiner therapeutischen Wirkung bei einer Vielzahl von Krankheiten eingesetzt wird. Dennoch kann THC auch Nebenwirkungen haben. Die Cannabinoidrezeptoren (CBRs) sind zu einem großen Teil für diese verantwortlich, aber nicht alle biologischen Antworten werden über die CBRs vermittelt.

Forscher der Leiden University in den Niederlanden haben sich im Rahmen einer aktuellen Studie zum Ziel gemacht, weiterer THC-Zielproteine zum besseren Verständnis der physiologischen Wirkungen von THC zu identifizieren. Angewendet wurde ein chemischer Proteomikansatz mit einer zweistufigen Photoaffinitätssonde, um potentielle Proteine zu identifizieren, die mit THC interagieren können.

Im Ergebnis heißt es, es vier neue potenzielle Proteinziele von THC existieren. Die Identifizierung dieser möglichen Proteine ist ein erster Schritt in Richtung eines besseren Verständnisses des Protein-Interaktionsprofils von THC, das letztendlich zur Entwicklung neuer Therapeutika auf THC-Basis führen könnte.

Cannabis gegen Brustkrebs

Forscher der Complutense University in Madrid berichteten vor kurzem, dass Brustkrebs die zweithäufigste Todesursache bei Frauen sei. Obwohl die frühe Diagnose und die Entwicklung neuer Therapien die Prognose verbessert haben, zeigen sich bei vielen Patienten angeborene oder erworbene Resistenzen gegen aktuelle Therapien.

Neue therapeutische Ansätze sind daher für die Behandlung dieser Krankheit gerechtfertigt, so die Forscher. Umfangreiche präklinische Forschungen haben gezeigt, dass Cannabinoide in verschiedenen Krebsmodellen Antitumorreaktionen auslösen konnten. Die meisten dieser Studien wurden mit reinem THC durchgeführt. Die Cannabispflanze produziert jedoch Hunderte von anderen Verbindungen mit ihrem eigenen therapeutischen Potential und der Fähigkeit, synergetische Reaktionen zu induzieren, wenn sie kombiniert werden (Entourage-Effekt).

Die Forscher verglichen die Antitumorwirksamkeit von reinem THC mit der eines botanischen Arzneimittels (BDP). Das BDP war bei der Herstellung von Antitumorreaktionen in Zellkultur- und Tiermodellen potenter als reines THC. Diese erhöhte Wirksamkeit war nicht auf die Anwesenheit der fünf am häufigsten vorkommenden Terpene in der Zubereitung zurückzuführen. Während reines THC durch die Aktivierung von Cannabinoid-CB2-Rezeptoren und Erzeugung von reaktiven Sauerstoffspezies wirkte, modulierte das BDP verschiedene Ziele und Wirkungsmechanismen. Die Kombination von Cannabinoiden mit Östrogenrezeptor- oder HER2-zielgerichteten Therapien (Tamoxifen bzw. Lapatinib) oder mit Cisplatin führte zu additiven antiproliferativen Reaktionen in Zellkulturen. Kombinationen dieser Behandlungen in vivo zeigten keine Wechselwirkungen, weder positiv noch negativ. Zusammenfassend legen diese Ergebnisse nahe, dass standardisierte Cannabispräparate anstelle von reinen Cannabinoiden zur Behandlung von Brustkrebs angesehen werden könnten.

Neue Studie zur Sativex-Wirkung bei MS-Patienten

Das Mundspray Sativex enthält THC und CBD im Verhältnis von etwa eins zu sein. Die Verordnung von Sativex zur Behandlung von Schmerzen bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) hat sich bereits etabliert. MS-Patienten klagen im Allgemeinen über verschiedene Arten von Schmerzen, einschließlich spastischer und neuropathischer Schmerzen.

Forscher des Central Hospitals of Bolzano in Italien verglichen und evaluierten die Schmerzmodulation und die Schmerzschwelle von MS-Patienten vor und nach der THC-/CBD-Verabreichung. An dieser Studie nahmen 19 MS-Patienten teil.

Diese berichteten von einer signifikanten Schmerzreduktion. Es gab zudem einen signifikanten Anstieg der Kälteschmerzschwelle durch Handstimulation und eine signifikante Reduktion der abnormalen Kälteempfindungsschwellen. Diese Ergebnisse zeigen, dass die Behandlung mit Sativex zur Schmerzlinderung beitragen kann.

Auch tschechische Forscher des Thomayer´s Hospitals beschäftigten sich 2018 mit Sativex als Zusatztherapie für Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Multipler Sklerose. Im Rahmen einer zweiphasigen Studie erhielten die MS-Patienten entweder Sativex oder ein Placebo. Dabei bot Sativex eine klinische relevante Verbesserung der resistenten MS-Spastik mit milden Nebenwirkungen ohne Sicherheitsbedenken.

Therapeutisches Potenzial von Cannabis bei Leberzirrhose

Die Leber ist das größte Entgiftungsorgan des Menschen, und wenn dieses seinen Dienst versagt, kommt es zu weitreichenden gesundheitlichen Problemen. Im Vergleich zu anderen Organen kann sich die Leber von einem Schaden meist gut erholen. Wenn es jedoch zu langfristigen Belastungen kommt, beispielsweise durch einen Alkoholmissbrauch oder eine chronische Entzündung (Hepatitis), kann sich die Leber nicht mehr regenerieren. Infolge dessen kommt es zunächst zu einer Leberfibrose, die noch umkehrbar ist. Es kann sich hieraus aber auch eine Leberzirrhose entwickeln. Die Zellen der Leber sterben und es bildet sich Bindegewebe, aus dem letztlich auch Leberkrebs entstehen kann.

Die Therapie einer beginnenden Leberzirrhose besteht darin, leberschädigende Substanzen (Alkohol und Zigaretten) zu meiden und auf eine ausgewogene vitamin- und eiweißreiche sowie kochsalzarme Ernährung zu achten. Schreitet die Leberzirrhose weiter fort, kommen spezielle hochkalorische Nahrungsergänzungsmittel zum Einsatz, die einen hohen Anteil an den Aminosäuren Leucin, Lysin, Isoleucin und Valin (VKAS) und wenige aromatische Aminosäuren (Tyrosin, Tryptophan und Phenylalanin) enthalten, um den Körpereiweißstatus zu verbessern. In schweren Fällen hilft allerdings nur noch eine Lebertransplantation.

Forscher der Brown University in den USA sehen in antifibrogenen Therapien ein neues Untersuchungsgebiet. Es wurde gezeigt, dass das Endocannabinoid-System bei Lebererkrankungen und Leberzirrhose eine wichtige Rolle spielt und neue Therapiemöglichkeiten eröffnen kann.

Das Endocannabinoid System umfasst Cannabinoidrezeptoren 1 (CB1) und Cannabinoidrezeptor 2 (CB2) und deren Liganden, Endocannabinoide (vom Körper selbst produzierte Cannabinoide) und Exocannabinoide (dem Körper zugeführte Cannabinoide). Die CB1-Aktivierung kann die Fibrogenese (Prozesse der Leberreparatur) aktivieren, während die CB2-Aktivierung dem Fortschreiten der Fibrose (krankhafte Vermehrung des Bindegewebes) entgegenwirken kann.

Der CB1-Antagonismus scheint auch vaskuläre Effekte bei Patienten mit Leberzirrhose zu haben, sodass eine Aszites möglicherweise verhindert werden kann. Bei einer Aszites handelt es sich um eine schwere Komplikation bei einer fortgeschrittenen Leberzirrhose, bei der es zu einer Flüssigkeitsansammlung in der freien Bauchhöhle zwischen den Organen kommt.

Bei Mäusen mit hepatischer Enzephalopathie zeigten die CB1-Blockade und die CB2-Aktivierung zudem einen verbesserten neurologischen Score und eine verbesserte kognitive Funktion.

Weiter berichten die Forscher, dass die Endocannabinoide Anandamid und 2-AG antifibrogene Eigenschaften besitzen und in hohen Dosen möglicherweise in der Lage sind, Krebszellen in ihrem Wachstum zu hemmen. Hierbei handelt es sich lediglich um Hinweise und keine bestätigten Ergebnisse. Es werden noch zahlreiche weitere Studien erforderlich sein, um solche Vermutungen bestätigen zu können.

Glioblastom: Cannabinoide können vermutlich das Tumorwachstum hemmen

Das Glioblastom ist ein bösartiger und sehr aggressiver Hirntumor. Trotz verschiedener Therapieansätze sterben mehr als 95 Prozent der Betroffenen innerhalb der ersten fünf Jahre nach der Diagnosestellung. In einem ausführlichen Artikel haben wir bereits darüber berichtet, dass die bisherigen Studienergebnisse vielversprechend sind und dass Cannabinoide möglicherweise im Kampf gegen diesen Hirntumor nützlich sein könnten.

Das bestätigen auch die Forscher des Nordstadt Hospitals in Hannover. Diese führen aus, dass einige Studien Hinweise darauf geben, dass Cannabinoide potente Anti-Tumor-Funktionen haben können und erfolgreich bei der Behandlung eines Glioblastoms verwendet werden könnten.

Die therapeutische Wirkung von Cannabinoiden beruht auf der Verringerung des Tumorwachstums durch Hemmung der Tumorproliferation und Angiogenese, aber auch auf der Induktion des Tumorzelltods. Außerdem wurde gezeigt, dass Cannabinoide die Invasivität und die Stammzell-ähnlichen Eigenschaften vom Glioblastom-Tumoren hemmen können. Jüngste klinische Studien der Phase II zeigten positive Ergebnisse hinsichtlich des Überlebens von Glioblastom-Patienten unter einer Cannabinoid-Behandlung. Zusammenfassend unterstreichen diese Befunde die Bedeutung der Aufklärung der vollständigen pharmakologischen Wirksamkeit und der molekularen Mechanismen der Cannabinoide in der Glioblastom-Pathophysiologie, so die Forscher.

Chorea Huntington: Cannabinoide können Symptome lindern

Die Huntington-Krankheit ist eine vererbbare Erkrankung des Gehirns, die sehr selten vorkommt. Sie bricht in der Regel zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr aus. Der Krankheitsverlauf ist von Patient zu Patient unterschiedlich. Zu Beginn der Erkrankung stehen in der Regel psychische Auffälligkeiten im Vordergrund. So zeigen sich Betroffene vermehrt reizbar, aggressiv oder depressiv. Zudem kann es zum Verlust der geistigen Fähigkeiten sowie zunehmender Ängstlichkeit kommen. Im späteren Stadium kommt es oftmals zur Demenz.

Darüber hinaus leiden viele Betroffene unter neurologischen Störungen, wie zum Beispiel Bewegungsstörungen. Typisch sind zeitweise einsetzende unwillkürliche Bewegungen, ein torkelnder Gang sowie das Grimassieren. Diese ungewollten Bewegungen können in Ruhe oder anderen Bewegungen auftreten. Die Zungen- und Schlundmuskulatur kann ebenfalls betroffen ein, sodass die Sprache unverständlich oder abgehackt wirkt. Ebenso können Laute explosionsartig ausgestoßen werden. Auch das Schlucken kann zunehmend Schwierigkeiten bereiten und nicht selten führen diese Schluckstörungen zu einer Lungenentzündung.

Die Behandlung der Krankheit ist schwierig. Bisher gibt es nur Medikamente, die die einzelnen Symptome lindern können. Bei unkontrollierten Bewegungen werden in der Regel Neuroleptika verordnet und gegen die psychischen Verhaltensstörungen Antidepressiva.

Die Forscher der Ruhr-University Bochum führten eine kleine Studie mit sieben Patienten durch, die an der Huntington-Krankheit leide. Diese erhielten zusätzlich zu ihren Standardmedikamenten pharmazeutisches Cannabis. Im Ergebnis heißt es, dass die Cannabinoid-Therapie zu einer signifikanten Verbesserung der Bewegungsstörungen führte. Außerdem verbesserte sich die Gang- und Feinmotorik und es kam zu einer Gewichtszunahme. Darüber hinaus wurden Verhaltensänderungen mit weniger Reizbarkeit und Apathie sowie in einigen Fällen weniger Hypersalivation (vermehrter Speichelfluss) beobachtet.

Quellen:

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