Tourette-Syndrom: Wie kann medizinisches Cannabis helfen?

Für Außenstehende ist es häufig befremdlich und irritierend, wenn ein Mensch plötzlich obszöne Wörter ausruft, heftig blinzelt, Grimassen schneidet oder ein Gegenstand immer wieder berührt. Hinter solch einem Verhalten steckt jedoch keine Absicht, sondern das Tourette-Syndrom, an dem ungefähr ein Prozent der Bevölkerung leidet. Bis heute sind die Behandlungsmöglichkeiten mangelhaft. Doch viele Studien und Berichte lassen die Vermutung zu, dass medizinisches Cannabis in der Lage ist, die im Rahmen der Erkrankung auftretenden Tics zu reduzieren.

Tourette-Syndrom: Wie kann medizinisches Cannabis helfen?

Im August 2017 berichteten Mediziner von der Medizinischen Hochschule Hannover über zwei behandlungsresistente Patienten, die am Tourette-Syndrom (TS) erkrankt sind. Dem ersten Patienten wurde täglich 0,1 Gramm medizinische Cannabisblüten verabreicht und dem zweiten Patienten täglich 22,4  bis 33,6 Milligramm Dronabinol (Delta-9-Tetrahydrocannabinol – THC). Beide Patienten berichteten über eine signifikante Symptomverbesserung.

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Doch auch schon frühere Untersuchungen und Studien konnten zeigen, dass Medizinalcannabis Tics abschwächen, die Häufigkeit reduzieren und die psychische Stabilität der Erkrankten verbessern konnte.

Was ist das Tourette-Syndrom?

Der französische Arzt Georges Gille de la Tourette beschrieb die Erkrankung erstmals im Jahre 1885 und ist dementsprechend auch der Namensgeber des „Gilles-de-la-Tourette-Syndroms“. Ein Tic beschreibt eine plötzliche Lautäußerung (vokaler Tic) oder eine unwillkürliche Bewegung (motorischer Tic). Von einem Tourette-Syndrom wird gesprochen, wenn mehrere motorische Tics und mindestens ein vokaler Tic auftritt.

Grimassen schneiden, Blinzeln, Fluchen, Ausrufen obszöner Wörter – es gibt viele unterschiedliche Ticarten. Ab dem 6. Lebensjahr entwickeln 4 bis 12 von 100 Kindern solche Tics, die dann nach einiger Zeit wieder von selbst verschwinden. Nur ein von 100 Menschen ist von einer chronischen Ticstörung, dem sogenannten Tourette-Syndrom, betroffen. Dabei müssen diese Tics nicht unbedingt gleichzeitig auftreten. Das Ausrufen unanständiger Wörter oder unwillkürliches Fluchen wird auch als Koprolalie bezeichnet. Diese tritt jedoch nur bei ungefähr 10 bis 30 von Tourette Erkrankten auf.

Das Tourette-Syndrom – kurz TS – ist eine neuropsychiatrische Erkrankung und keine seelische Störung. Der Schweregrad der Krankheit lässt sich mithilfe der Tourette-Syndrom-Schweregradskala (TSSS) bestimmen:

  • Geringe Beeinträchtigungen: Betroffene werden durch die Tics weder in der Schule noch im Berufsleben eingeschränkt und empfinden die Erkrankung meist als unproblematisch. Auch Außenstehende bekommen in der Regel nichts mit von den Tics.
  • Mäßige Beeinträchtigungen: Bei einer mäßigen Beeinträchtigung fallen die Symptome Außenstehenden auf und die Betroffenen erleben Beeinträchtigungen in der Schule, im Beruf und im Alltag.
  • Schwere Beeinträchtigungen: Hier sind die Tics so auffallend, dass die Leistungsfähigkeit des Betroffenen massiv eingeschränkt wird. Auch die sozialen Kontakte werden massiv gestört, sodass Patienten die Krankheit in ihrem Leben als schwere Belastung empfinden.

Tourette-Syndrom – was ist die Ursache?

Bisher sind die Ursachen des Tourette Syndroms nicht vollends erforscht. Es wird jedoch von einer genetischen Veranlagung ausgegangen. So ist das Risiko, am Tourette zu erkranken, für ein Kind bis zu 100-mal höher, wenn die Erkrankung bereits in der Familie aufgetreten ist.

Weiter wird angenommen, dass bei diesen Menschen der Botenstoffwechsel im Gehirn gestört ist. Eine wichtige Rolle spielt hier der Neurotransmitter Dopamin, der für die Weiterleitung von Informationen im Gehirn zuständig ist. Untersuchungen zufolge weist das Gehirn eines Tourette Patienten eine erhöhte Anzahl an Dopaminrezeptoren auf.

Auch der Serotonin-, Glutamin-, Opioid- und Noradrenalinhaushalt scheint bei Betroffenen gestört zu sein. Dabei manifestiert sich die Störung besonders in den Basalganglien. Diese Gehirnareale finden sich in beiden Gehirnhälften und regulieren, welche Impulse in Handlungen umgesetzt werden und welche nicht.

In einigen Fällen wird angenommen, dass der medizinische Auslöser eine Infektion mit A-Streptokokken (z. B. Scharlach) sein könnte, bei der die Antikörper, die vom Körper selbst gebildet werden, die Basalganglien attackieren.

Darüber hinaus können auch Erkrankungen, wie zum Beispiel Chorea Huntington oder Morbus Wilson, eine Tic-Störung auslösen. In solchen Fällen wird dann von sekundären Tics gesprochen. Das Gleiche gilt für bestimmte Arzneimittel (z. B. Carbamazepin oder Lamotrigin).

Tourette-Syndrom: Symptome und Diagnose

Betroffene können die Tics meist kurzfristig unterdrücken. Allerdings können sie diese nicht gänzlich verhindern. Die motorischen und vokalen Tics werden in einfache und komplexe Varianten unterschieden. Während die einfachen auf einzelne Muskelgruppen beschränkt sind, werden bei den komplexen Tics gleich mehrere Muskelgruppen mit einbezogen.

Tic-ArtMotorische TicsVokale Tics
Einfache TicsZucken, Zwinkern, BlinzelnHüsteln, Räuspern, Grunzen, Schniefen
Komplexe TicsGegenstände berühren, Hüpfen, obszöne Gesten, Echopraxie (Bewegungen von anderen imitieren)Echolalie (Wörter oder Silben von anderen nachsprechen), Palilalie (eigene Wörter oder Silben wiederholen), Koprolalie (obszöne Wörter ausrufen)

 

Die Ticart und deren Stärke als auch die Häufigkeit können immer wieder wechseln. Außerdem können sie bei Stress oder Freude zunehmen sowie bei starkem Konzentrieren nachlassen. Betroffene berichten häufig, dass sich ein Tic durch eine Art Spannungsgefühl ankündigt, das erst nachlässt, wenn dem Anreiz nachgegeben wird.

Darüber hinaus entwickeln Erkrankte oftmals weitere Symptome, wie zum Beispiel die einer Depression, Angststörung oder Zwangsstörung. Ungefähr die Hälfte aller Betroffenen entwickeln eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Wenn vermutet wird, dass eine Ticstörung bei einem Kind vorliegen könnte, sollte frühzeitig mit dem Kind ein Arzt aufgesucht werden. Ein ausführliches Anamnesegespräch ist für die Tourette-Syndrom-Diagnose besonders wichtig. Hierbei fragt der Arzt das Kind beispielsweise, welche Tics auftreten, wie stark sie sind, ob sie sich unterdrücken lassen und ob sie sich durch ein Vorgefühl ankündigen. Um die Diagnose Tourette zu bestätigen, müssen auch andere Erkrankungen, die sekundäre Tics auslösen können, abgeklärt werden.

Tourette-Syndrom: Behandlung und Therapie

Das Tourette-Syndrom ist nicht heilbar. Das Ziel der Behandlung ist es, den Menschen zu entlasten bzw. die Symptome und die Häufigkeit der Tics zu reduzieren. Im Rahmen der Behandlung soll der Erkrankte auch dabei zu unterstützt werden, besser mit der Erkrankung umzugehen. Als besonders hilfreich hat es sich erwiesen, dem Betroffenen die Krankheit Tourette ausführlich zu erklären. In einigen Fällen kann auch eine tiefe Hirnstimulation (TH) helfen. Allerdings muss hier das Nutzen-Risiko-Verhältnis sorgfältig abgewogen werden.

Auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe, eine Psychotherapie oder Verhaltenstherapie kann dem Betroffenen helfen. Außerdem sollten Erkrankte im Rahmen der Behandlung Entspannungstechniken lernen, denn hiermit lässt sich die Häufigkeit der Tics verringern. Wenn sie besonders schwer ausgeprägt sind und der Patient einen hohen Leidensdruck hat, kann auch eine medikamentöse Therapie zum Einsatz kommen.

Neurologisch erfogt dann im Rahmen der Therapie in der Regel die Verordnung von Antipsychotika (z. B. Risperidon, Aripiprazol oder Tiaprid). Allerdings ist es noch nicht eindeutig beweisen, dass diese Medikamente tatsächlich beim wirksam sind. Im besten Fall können diese Medikamente die Tics um ungefähr die Hälfte reduzieren.

Das aktuell am besten untersuchte Medikament auf die Wirksamkeit beim Tourette-Syndrom ist Risperidon. Auch die European Society for the Study of Tourette Syndrome (ESSTS) empfiehlt Risperidon als Arzneimittel gegen Tics. Problematisch sind jedoch die damit verbundenen Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Gewichtszunahme.

Obwohl kontrollierte Studien zu dem Benzamid Tiaprid fehlen, wird dieses Medikament oftmals aufgrund des günstigeren Nebenwirkungsprofils beim Tourette verordnet. Eine weitere Alternative ist Aripiprazol, das laut einiger Kleingruppenstudien gut verträglich sein soll.

Wie hilfreich ist Cannabis als Medizin beim Tourette-Syndrom?

Das Interesse an der Erforschung des Potenzials von Cannabis als Medizin wächst stetig. Bereits im Jahr 1998 wird im Rahmen einer deutschen Studie berichtet, dass Erkrankte von der Anwendung cannabis-basierter Medikamente profitieren können. Nachdem die Wissenschaftler weitere Untersuchungen durchführten kamen sie zu dem Schluss, dass Cannabis als Medizin die Schwere und die Häufigkeit der Tic-Störungen reduzieren kann.

Jedoch war bisher noch nicht klärbar, welcher Mechanismus hierfür verantwortlich ist. Es wird davon ausgegangen, dass das (körpereigene) Endocannabinoid-System bzw. die Cannabinoid Rezeptoren im Hippocampus und in den Basalganglien eine wichtige Rolle spielen. Gerade diese Gehirnregionen sind wesentlich an der Steuerung von Bewegungen und Verhalten beteiligt.

Einige Studien beschäftigten sich auch mit der Wechselwirkung zwischen Neuroleptika und Medizinal-Cannabis. Die University of Texas berichtete im Jahre 1989, dass die Cannabinoide aus der Cannabis-Pflanze und Nikotin vermutlich die Wirkung von Neuroleptika verbessern könnte. Untermauert wird diese Annahme durch eine Fallstudie aus dem Jahr 2002. Eine 24-jährige Patientin mit dem Syndrom soll hier von THC und Neuroleptika profitiert haben. Im Ergebnis heißt es, dass keine nachteiligen Wirkungen auftraten.

Aktuelle Untersuchungen und Studien zu Cannabis und dem Tourette-Syndrom

Im Rahmen einer neuseeländischen Studie im Dezember 2016 erhielten die Probanden 2016 zweimal täglich 10,8 Milligramm Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und 10 Milligramm Cannabidiol (CBD) in Form des Sprays Sativex. Die Cannabinoide zeigten eine positive Wirkung sowie eine deutliche Verbesserung der Häufigkeit und Schwere der vokalen und motorischen Tics.

Mediziner der Hannover Medical School berichteten im April 2017 über eine Einzelfallstudie an einem Patienten, der mit Nabiximols (Pflanzenextraktmischung aus den Blüten und Blättern der Hanfpflanze) behandelt wurde. Die Dosis von 2,7 Milligramm THC und 2,5 Milligramm CBD wurde auf eine Dosis von 24,3 Milligramm THC und 22,5 Milligramm CBD dreimal täglich über einen 2-wöchigen Zeitraum erhöht.

Laut Angaben der Mediziner habe sich die Qualität des alltäglichen Lebens des Patienten deutlich verbessert. Zudem planen die Mediziner weitere Untersuchungen in Bezug auf die Wirksamkeit von Nabiximols bei dem Syndrom.

Im Mai 2017 werteten Mediziner von der University of Toronto die Effektivität von medizinischem Cannabis bei 19 TS-Patienten aus. Im Ergebnis heißt es, dass die Tics um 60 Prozent abnahmen. 18 von 19 Patienten gaben eine signifikante Verbesserung sowie eine gute Verträglichkeit an.

Medizinisches Cannabis gegen Schlafstörungen im Rahmen der TS-Erkrankung

Ein Großteil der Patienten leidet unter Schlafstörungen. Außerdem fanden deutsche Forscher aus Göttingen heraus, dass Betroffene während der REM-Schlafphasen eine erhöhte Ticfrequenz aufweisen. Auch ist bekannt, dass Patienten länger brauchen, um einzuschlafen (erhöhte Schlaflatenz).

Cannabis für medizinische Zwecke kann nachweislich unterschiedliche Aspekte des Schlafes beeinflussen bzw. die REM-Schlafphase (Rapid eye movement) und kann damit ein natürliches Schlafmittel sein. Bestätigt wird dies unter anderem auch durch eine aktuelle Studie aus der Cannabis Forschung vom National Center for PTSD-Dissemination & Training Division. Somit könnte medizinisches Cannabis dazu beitragen, dass Erkrankte nicht nur schneller einschlafen, sondern auch einen erholsamen Schlaf erleben.

 

Hinweis: In diesem Artikel berichten wir über rezeptpflichtiges CBD oder auch Cannabidiol. Dieser Artikel macht zur möglichen Zweckbestimmung keinerlei Vorschlag. Nutzversprechen bleiben den Apothekern überlassen.

 

 

 

Quellen:

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