Welthospiztag und Deutscher Hospiztag 2018

Autor: Mirian Lamberth

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Am 13. Oktober fand der Welthospiztag statt und heute ist der Deutsche Hospiztag. Viele kennen meine "Miris Herzensgeschichten" in den ich über meine Erfahrungen und Erlebnisse im Kinderhospiz berichte. Dass es überhaupt einen Gedenktag für so einen wichtigen Tag gibt, hat mich dazu veranlasst zu reflektieren, wie ich eigentlich dazu gekommen bin, ehrenamtlich als Sterbebegleiterin und -Therapeutin zu arbeiten.

Welthospiztag und Deutscher Hospiztag 2018

Welthospiztag und Deutscher Hospiztag 2018

Der Welthospiztag 2018 fand am 13. Oktober unter dem Motto „Weil du wichtig bist!“ statt. Heute schlägt der DHPV anlässlich des Deutschen Hospiztag eine Brücke zum internationalen Motto „Because I matter“ und stellt die gelebte Erfahrung von schwerstkranken und sterbenden Menschen in das Zentrum des Welthospiztages 2018.

Das Motto ist somit auch eine Verneigung vor Cicely Saunders, Krankenschwester, Sozialarbeiterin, Ärztin, Hospizbegründerin und Palliativmedizinerin, die in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, sowie eine Reminiszenz an ihren bekannten Ausspruch:

You matter because you are you and you matter until the end of your life. //
Du zählst, weil Du du bist. Und du wirst bis zum letzten Augenblick deines Lebens eine Bedeutung haben.

Auch in diesem Jahr werden zahlreiche Dienste und Einrichtungen den Welthospiztag nutzen, um für die Hospizidee zu werben, auf die Situation von schwerstkranken und sterbenden Menschen aufmerksam zu machen und über sich und ihre Angebote zu informieren.

Hospizarbeit und Selbstreflektion

Auch ich möchte mich hier anschließen. Wie vieles oder fast alles in meinem Leben ist diese Aufgabe zu mir gekommen und nicht umgekehrt, gleichwohl mein allererster Berührungspunkt schon vor vielen Jahren stattfand. Damals lebte und arbeitete ich in New York City.

Meine Realität war zu dieser Zeit eine ganz andere, munter und ohne „wenn und aber“ bewegte ich mich beruflich in der oberflächlichen und schnellen Welt der Mode. Mein damaliger Chef war einer der ersten CEO’s, der sich dennoch mit dem Thema der Sinnhaftigkeit und des Lebens beschäftigte. Es war das Jahr 1998, in dem Herr Drexsler all seine Angestellten zusammenrief, um uns 4 Stunden Zeit für ehrenamtliche Arbeit pro Monat zu schenken.

Damit das Ganze auch authentisch verlief, gab er uns eine Liste von Organisationen und Stiftungen, die sich über jegliche Hilfe freuen würden. Da gab es z.B. das Fauenhaus an der 33.Straße, Gods Love we deliver downtown, Soupkitchen in Harlem und das Kinderhospiz direkt gegenüber der Firma.

Ein Besuch im Kinderhospiz, der mein Leben veränderte

Jeden Tag lief ich an dem Hospiz vorbei, morgens auf dem Weg zur Arbeit und abends auf dem Rückweg. Vor dem Hospiz sah man oft die Pfleger mit den Kindern in ausgepolsterten Rollstühlen kommen, gehen oder auf den Krankentransport warten. Zu der Zeit war meine Tochter Mia vier Jahre jung, gesund, munter und voller Kleinkind Karacho.

Auf dem Weg zu meinem Arbeitsplatz stieß ich oft ein Stoßgebet voller Dankbarkeit aus. Zwei Mal am Tag wurde mir mit voller Wucht bewusst, das nichts aber auch gar nichts im Leben selbstverständlich ist. Also suchte ich mir eben dieses Kinderhospiz aus, um meine gesponserten ehrenamtlichen Stunden einzulösen.

Damals war ich ja noch keine Heilpraktikerin, konnte aber (so dachte ich) meine kreativen Kenntnisse gut einbringen. Einmal die Woche sollte ich nun kommen, um mit den Kindern künstlerisch zu arbeiten, zu malen, zu basteln oder Geschichten auszudenken.
Meine erste Stunde im Kinderhospiz mitten in Manhattan, zwischen Meetings und Termine gequetscht, entpuppte sich jedoch keineswegs als Kinderspiel, sondern als große Lehre!

Die erste Begegnung im Hospiz: Leben vor dem Tod

Ohne Erdung, aber voll bepackt mit dem besten Kunstbedarf, den ich finden konnte, erschien ich selbstbewusst und ready to make a difference. Die Stationsleiterin Jacky, die mich herzlich empfing, bot mir sogleich an, als Einstieg mit Monica zu spielen und wies mit dem Zeigefinger in die Richtung von Zimmer 2.

Flux öffnete ich die Tür und fand ein kleines blondes Mädchen vor, das aufrecht in ihrem Bett saß, umgeben von ächzenden für sie atmenden Plastikschläuchen und mit ihrem überdurchschnittlich großen Kopf ins Nichts starrte. Jacky folgte mir und erklärte mir, dass Monica bei ihrer Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen hatte und seit dem palliativ versorgt wird, außerdem sei sie blind und man sei sich nicht genau sicher, wie gut sie noch hören könne. Langsam und voller Hilflosigkeit liess ich meine Tüte mit vorsichtig ausgewählten Farben, Glitzersteinen, bunten Fahnen und Federn zu Boden sinken.

Ich verbrachte die nächsten 60 Minuten geleitet von meinem mütterlichen Instinkt neben ihr sitzend, summend, streichelnd, singend, wippend und tief ein- und ausatmend im Takt der Schläuche. Voller Demut ging ich an diesem ersten Tag nachhause und verbrachte eine schlaflose Nacht damit, mir vorzustellen was Monica wohl Spass machen und womit ich ihr das nächste Mal eine Freude machen könnte. Und so fing alles vor nun mehr 20 Jahren im BIG APPLE an.

Die Hospizarbeit hat mein Leben maßgeblich beeinflusst und verändert

Mein Leben hat sich seit dem sehr gewandelt, jedoch sind meine wöchentlichen Hospizbesuche auch in Berlin weiterhin ein fester Bestandteil meines Lebens. Ich bin mir sicher, dass mich diese Arbeit unter anderem dazu inspiriert hat, die Ausbildung zur amtsärztlich geprüften Heilpraktikerin zu absolvieren und voller Leidenschaft und Wissensbegierde tief in die Welt der ganzheitlichen Medizin einzutauchen.

Seit einigen Jahren findet man mich nun einmal pro Woche im Kinderhospiz Sonnenhof der Björn Schulz Stiftung in Pankow.
Die Björn Schulz Stiftung und „ihre Gäste“, so werden hier die Patienten genannt, liegt mir ganz besonders am Herzen. Hier darf gelacht und geweint werden – das Wohl der Gäste und ihrer Familien wird ganz groß geschrieben, fast alles scheint möglich.
Hier werden schon mal die Betten um ein Lagerfeuer im Garten geschoben oder Tickets für Beyoncé ergattert.

Cannabis als Medizin ist ein Segen

Es ist beeindruckend zu sehen, dass komplementäre und alternative Methoden in der Palliativversorgung auf dem Vormarsch sind und beispielsweise medizinisches Cannabis immer mehr Zustimmung bekommt. Ich selber habe viele kleine und grosse Patienten dabei beobachten dürfen, wie sie dank Arzneimittel auf Cannabis-Basis an wertvoller Lebensqualität gewinnen konnten. Das macht Mut, in die Zukunft der Schmerzbekämpfung zu blicken.

Besonders die Arbeit in einem Kinderhospiz lässt Leben und Tod als untrennbares Ganzes erkennen. Was mich hierbei aber immer wieder am meisten berührt, ist die Lebensfreude und Hingabe der betroffenen Kinder. Vor dem Sterben darf gelebt werden mit allem drum und dran! Gerne würde ich daher das Sterben aus den verstaubten und mit Angst gefüllten Kellern zum Leben erwecken, es Teil des Lebens werden lassen, um somit zu einem bewussteren Leben zu inspirieren 🙂

Herzensgrüße,
Miri

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