Zu wenig Evidenz für Cannabis als Medizin bei Schmerzen?

Autor: Dr. Christine Hutterer

Verõffentlicht am: 2. Februar 2018

Geändert am: 10. Mai 2018

So ganz versteht man es nicht. Angeblich liegt für die Behandlung von Schmerzen (im Gegensatz zu anderen Indikationen) für Cannabis die beste Evidenz vor. Doch immer wieder gibt es Veröffentlichungen, die darauf hinweisen, dass die Evidenz bei Schmerzen noch sehr gering sei. Was stimmt denn nun?

Zu wenig Evidenz für Cannabis als Medizin bei Schmerzen?

Cannabis bei Schmerzen – darum soll es funktionieren

Die Frage ist doch: Warum sollen Cannabinoide überhaupt gegen Schmerzen wirksam sein? Der Grund dafür liegt im Endocannabinoidsystem. Dieses System besteht aus Rezeptoren auf (vor allem) Nerven- und Immunzellen, körpereigenen Cannabinoiden (Anandamid und 2-AG) und Enzymen, die für die Bildung und den Abbau der Endocannabinoide verantwortlich sind. Dieses System ist an vielen wichtigen Prozessen im Körper, unter anderem an der zentralen Schmerzverarbeitung, beteiligt.

Cannabis in der Schmerztherapie – das weiß man

Die besten Ergebnisse aus der Schmerztherapie kennt man von Cannabinoiden in der Behandlung von Spastiken und Schmerzen bei Multipler Sklerose. Hier ist bekannt, dass sowohl die Spastiken zurückgehen, als auch die Schmerzen gelindert werden.

Etwa 30 bis 40 Studien haben sich mit der Wirksamkeit von Cannabinoiden bei chronischen und neuropathischen Schmerzen befasst. Beobachtet wurden klinisch relevante Verbesserungen bei der Schmerzintensität und der Schlafqualität von Schmerzpatienten.

Weitere kleinere Studien geben Hinweise darauf, dass Cannabinoide auch bei anderen chronischen Schmerzen (z.B. Tumorschmerzen, Fibromyalgie, chronisches Wirbelsäulensyndrom usw.) Linderung bringen kann.

Bei akuten Schmerzen hingegen zeigt sich kein klares Bild. Die Wirksamkeit scheint hier nicht eindeutig zu sein.

Was fand die Veröffentlichung?

Eine aktuelle Veröffentlichung kam zu dem Ergebnis, dass die Evidenz, also die Beweiskraft, von Cannabinoiden gegen Schmerzen noch gering sei. Worauf gründen die Autoren ihr Urteil?

Die Autoren haben sich die publizierte Literatur der vergangenen Jahre angesehen und nach so genannten “systematischen Reviews” zum Thema Cannabinoide und Schmerzen gesucht. Ein systematischer Review ist ein Übersichtsartikel, der den aktuellen Wissensstand, der anhand von veröffentlichten Studien zu diesem Thema verfügbar ist, zusammenfasst und einordnet.

Das geschieht anhand verschiedener Kriterien, mit denen bewertet wird, wie gut eine Studie gemacht wurde – denn Studie ist nicht gleich Studie. Mehr zu diesem Thema erfahren Sie in folgendem Artikel. Analysiert wurden also mehrere systematische Reviews und deren Ergebnisse. Genauer gesagt waren es 11 Artikel (3 mit guter, 8 mit mäßigen methodischer Qualität).

Die Review untersuchten neuropathische Schmerzen, rheumatische Schmerzen, viszerale Schmerzen, tumorbedingte Schmerzen und Appetit, Gewicht und Übelkeit/Erbrechen bei fortgeschrittenen Erkrankungen:

  • Beispielsweise bei den neuropathischen Schmerzen wurde beobachtet, dass die durchschnittliche Schmerzreduktion gegenüber einem Placebo nicht ausreichend deutlich war. In anderen Bereichen, z.B. der 30%igen Schmerzreduktion war Medizinalhanf bzw. ein THC/CBD-Spray sehr wohl besser als ein Placebo.
  • Bei den rheumatischen Schmerzen waren die Ergebnisse nicht einheitlich und klar, so dass die Autoren von “zu geringer Evidenz” sprechen.
  • Bei den anderen Schmerzarten zeigte sich ein ähnliches Bild: es gibt eine Wirkung, aber die unterscheidet sich im Durchschnitt nicht signifikant von einem Placebo oder einer anderen Therapie oder aber die Daten sind zu uneinheitlich.

Warum zeigen die Studien nicht, was Patienten beobachten?

Wenn man eine solche Studie liest versteht man, wie die Autoren zu dem Ergebnis kommen. Eine Therapie gilt dann als wirksam, wenn sie zumindest einer Behandlung mit Placebo, im besten Fall aber anderen bestehenden Therapien, in der Wirksamkeit klar überlegen ist.

Dazu braucht man Untersuchungen an vielen Patienten, denn nur über große Zahlen lassen sich individuelle Unterschiede und extreme Reaktionen ausmitteln. Soweit die Theorie.

Diese Art der wissenschaftlichen Analyse von Therapien und Medikamenten funktioniert weitgehend sehr gut und stellt sicher, dass Patienten eine Behandlung bekommen, die mit großer Wahrscheinlichkeit Erfolge verspricht. Da jedes Medikament neben gewünschten Effekten auch Nebenwirkungen hat, pocht man hier (zu Recht) auf eine eindeutige Datenlage.

Bei Cannabis als Medizin oder cannabinoidhaltigen Arzneimitteln stellt sich daher immer wieder die Frage, ob das wissenschaftliche System für diese irgendwie außergewöhnliche Pflanze und die daraus gewonnenen Präparate nicht gut funktioniert, oder ob die Wirksamkeit tatsächlich viel geringer ist, als erhofft.

Denn spannend ist ja, dass Cannabinoide vielen Patienten bei vielen unterschiedlichen Erkrankungen tatsächlich helfen – das wissen wir aus Erfahrungsberichten.

Bei Cannabis bzw. Cannabinoiden al Medizin zeigt sich deutlich, wie groß die individuelle Reaktion auf die Produkte ist. Manche Patienten berichten von einer sofortigen und deutlichen Besserung, bei anderen Patienten mit den gleichen Symptomen wirkt es gar nicht. Zudem berichten manche Patienten, dass bei ihnen gerauchte Blüten viel besser wirken als Cannabisextrakte – bei anderen ist es umgekehrt. Beim einen wirkt die eine Sorte, bei der anderen nur eine andere.

Das macht es nicht nur für Ärzte schwer, herauszufinden, ob und was am besten hilft und das passende Cannabis Rezept auszustellen. Es ist auch für die wissenschaftliche Untersuchung sehr schwer, gute Studien mit großen Teilnehmerzahlen durchzuführen.

Mit der weiteren Erforschung von Cannabis und dessen Inhaltsstoffen, sowie mit immer neuen Studien und Untersuchungen bleibt zu hoffen, dass sich irgendwann ein klareres Bild zeichnen lässt.

Wichtig ist:

  • Kein Studienergebnis enthält die einzige Wahrheit
  • Cannabis wirkt nicht bei jedermann (gleich)

 

Quellen:
https://www.aerzteblatt.de/archiv/193428/Cannabinoide-in-der-Schmerz-und-Palliativmedizin

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