Wie kann medizinisches Cannabis bei Zwangsstörungen helfen?

In Deutschland leiden ein bis zwei Prozent der Erwachsenen an Zwangsstörungen, die mehr oder weniger ausgeprägt sind. Die tatsächliche Anzahl der Betroffenen liegt Schätzungen zufolge weitaus höher. Immer mehr Mediziner entdecken das Potenzial für Cannabis als Medizin zur Symptomlinderung von psychischen und neurologischen Erkrankungen.

Wie kann medizinisches Cannabis bei Zwangsstörungen helfen?

Zwangsstörung: Was ist das?

Bei einer Zwangserkrankung (Englisch: „obsessive-compulsive disorder“ – kurz OCD) handelt es sich um eine psychische Störung. Wesentliche Merkmale dieser Erkrankung sind wiederkehrende unerwünschte, unangenehme Gedanken (Obsessionen) sowie zwanghaftes Verhalten. Also bestimmte Handlungen, die der betroffene Patient immer wieder stereotyp wiederholt. Oder aber immer wiederkehrende Gedanken an den Zwang.

Von einer OCD Krankheit sprechen Mediziner jedoch erst, wenn sich diese Verhaltensweisen über einen längeren Zeitraum andauernd wiederholen und dann ein solches Ausmaß annehmen, dass der Alltag beeinträchtigt wird und ein hoher Leidensdruck entsteht. Betroffene schämen sich häufig für die Zwänge und versuchen, diese zu verheimlichen. Hierdurch entstand auch die Bezeichnung „heimliche Krankheit“.

Diagnose Kriterien gemäß ICD-10 und DSM

Diagnose Kriterien Zwangsstörungen gemäß ICD-10

In der Medizin vergibt die ICD-10 vergibt für Zwangsstörungen den Code F42, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:

  • Der Patient muss die Zwangshandlungen oder die zwanghaften Gedanken als seine eigenen anerkennen.
  • Gegen mindestens eine Zwangshandlung oder einen Zwangsgedanken muss der Patient Widerstand leisten.
  • Der Patient darf die Zwangshandlungen oder zwanghaften Gedanken nicht als angenehm empfinden.
  • Die Zwangshandlungen und Zwangsgedanken müssen sich in unangenehmer Weise wiederholen.
  • Die Zwangssymptome treten an mehreren Tagen über mindestens zwei Wochen auf.

Diagnose Kriterien Zwangsstörungen gemäß DSM V

Das US-amerikanische Diagnosesystem Diagnostic and Statistical Manual fo mental Disorders (DSM) unterschiedet bei der obsessive-compulsive Disorder noch mehrere Abstufungen. Die DSM IV Kriterien bei einer Zwangsstörung wurden nun durch die DSM V Kriterien ersetzt. So wurde bei der DSM V das Kapitel „Zwangsstörung und verwandte Störungen“ hinzugefügt. Hierzu zählen:

  • Trichotillomanie (Störung der Impulskontrolle; Patienten reißen sich die eigenen Kopfhaare aus)
  • Dermatillomanie (Störung der Impulskontrolle; Patienten verspüren einen unwiderstehlichen Drang, bestimmte Hautstellen zu quetschen oder aufzukratzen)
  • körperdysmorphe Störung
  • zwanghaftes Horten
  • analoge Störungen in Kombination mit Medikamenten oder psychotropen Substanzen

Welche Symptome können auftreten?

Den meisten Menschen sind zwanghafte Handlungen und Gedanken bekannt. Typisch ist beispielsweise, dass geprüft wird, ob die Haustüre tatsächlich abgeschlossen ist, obwohl die Person weiß, dass sie diese gerade erst abgeschlossen hat.

Zu den Symptomen der Zwangsstörung gehören meist Zwangsgedanken als auch zwanghafte Handlungen zugleich. Die Zwangsgedanken und Impulse empfindet der Betroffene als übertrieben und unsinnig. Dennoch drängen sich diese Gedanken immer wieder auf und lösen unangenehme Gefühle wie Unbehagen, Ekel oder Angst aus. Zwangshandlungen laufen in der Regel gleich ab. Es sind Verhaltensweisen, die sich stets wiederholen. Der Betroffene fühlt sich gedrängt, dieses Verhalten auszuführen. Häufig haben diese zwanghaften Handlungen das Ziel, die von den Gedanken ausgelösten unangenehmen Gefühle zu reduzieren.

Ein typischer Zwang kann zum Beispiel ein Waschzwang sein. Ebenso häufig tritt ein Putz-,Sammel- oder Kontroll-Zwang auf.

Zwangsgedanken können unterschiedliche Inhalte haben und werden von den Betroffenen immer wieder durchdacht. Das können zum Beispiel einzelne Sätze oder Zahlenreihen sein. Möglich sind auch aufdringliche Gedanken (Intrusionen), die immer wieder auftreten.

Zwar ist den Betroffenen die Unsinnigkeit und Sinnlosigkeit der Verhaltensweisen bewusst, die Gewissheit kann aber je nach Krankheitsausmaß und Situation unterschiedlich ausgeprägt sein. Lediglich bei Kindern sowie einem kleinen Teil der betroffenen Menschen besteht nur wenig oder gar keine Einsicht, dass ihr Verhalten unbegründet und übertrieben ist.

Wie entsteht eine Zwangsstörung?

Die Ursachen sind nicht restlos erforscht. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass die genetische Veranlagung eine Rolle spielt und das Risiko für eine Zwangserkrankung erhöht. Neben der genetischen Veranlagung kommen psychologische Faktoren sowie die persönliche „Gehirn-Chemie“ hinzu, die einen Einfluss auf die Entstehung der psychiatrischen Erkrankung haben kann.

Einen hohen Risikofaktor sehen Ärzte und Wissenschaftler in Störungen, die im Hirnbotenstoffwechsel (Neurotransmitter) vorkommen können. Hierzu gehören die Botenstoffe Serotonin und Dopamin. Diese sind unter anderem für die Impulsivität, Stimmung, Angst sowie Sexualität mitverantwortlich und können auch bei einer Zwangserkrankung von Bedeutung sein. Nicht selten leiden Patienten nicht nur unter einem Zwang, sondern auch an wiederkehrender Angst und Depressionen.

Eine weitere Ursache wird in den Basalganglien im Gehirn gesehen. Diese steuern unter anderem die Bewegungsabläufe und befinden sich unter der Großhirnrinde in der rechten und linken Gehirnhälfte. Tritt eine Störung auf, so funktioniert das Zusammenspiel zwischen Bewegungsimpuls und Bewegung nicht mehr.

Neben diesen auslösenden Faktoren, können aber auch psychologische Ursachen infrage kommen.

Psychologische Ursachen

In der klinischen Psychologie bzw. der Psychoanalyse wurde die Zwangsstörung früher als „Zwangsneurose“ bezeichnet. Ursächlich seien innere Abwehrmechanismen, die dabei helfen sollten, unterbewusste Gedanken aus dem triebhaften Teil der individuellen Persönlichkeit zu kontrollieren.

Verschiedene Faktoren wie die Erziehung (z. B. ängstlich übertriebener Erziehungsstil oder extreme Sauberkeitserziehung), die persönliche Lebenserfahrung, Gewalterfahrungen oder sexuelle Übergriffe können eine Ursache darstellen. Derartige Erfahrungen können bei Betroffenen im Erwachsenenalter dazu führen, dass sie zu streng mit sich selbst sind. Infolge dessen entwickeln sie einen Perfektionismus, um Fehler zu vermeiden. Statistiken belegen, dass eine zwanghafte Persönlichkeit oft im Zusammenhang mit perfektionistischen und ängstlich-unsicheren Persönlichkeitsmerkmalen stehen.

Bei der Entstehung von Zwängen wird ein vormals neutraler Reiz (z. B. Schmutz) mit einer unangenehmen Erfahrung verbunden. Diese Verknüpfung wird auch als Konditionierungsprozess bezeichnet. Im späteren Verlauf ruft allein der Anblick oder sogar nur die Vorstellung von Schmutz Angst und innere  Anspannung hervor. Diese Gefühle werden dann durch das Waschen „abgebaut“ und die Betroffenen fühlen sich kurzfristig besser. Die Erleichterung hält jedoch nur bis zum Auftreten des nächsten Reizes an. Auf lange Sicht gesehen, verstärkt sich hierdurch die zwanghafte Persönlichkeitsstörung.

Therapie und Behandlung

Die Therapie richtet sich nach Art und Schwere der Erkrankung. Eine Psychotherapie bzw. kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlung als auch eine medikamentöse Therapie kann infrage kommen. Möglich ist auch eine Kombination aus Psychotherapie bzw. kognitive Verhaltenstherapie und Medikamenten.

Eine wirksame Behandlung stellt vor allem die kognitive Verhaltenstherapie dar. Diese kommt zum Einsatz, wenn primär Zwangshandlungen auftreten ohne Depressionen. Der Betroffene setzt sich mit Unterstützung des Therapeuten den Situationen und Reizen aus, die seines Zwang auslösen. Im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie lernt der Betroffene, die auftretenden Gefühle auszuhalten, bis sie wieder von allein abklingen. Voraussetzung für den Erfolg dieser Therapie, ist eine hohe Motivation des Betroffenen.

Zwangsstörung: Eine Gruppentherapie kann eine ergänzende Behandlungsoption sein.

Eine Ergänzung zur Verhaltenstherapie wäre ggf. noch eine weitere Form der Psychotherapie. Und zwar die Gruppentherapie, die von einem Therapeuten geleitet wird. Weitere ergänzende und unterstützende Therapien könnten beispielsweise die Gestalttherapie oder die Hypnose sein.

Welche Medikamente bei Zwangsstörung?

Um die Zwänge zu mindern, werden von Ärzten in der Regel Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) verordnet, die auch häufig gegen Depressionen verschrieben werden. Zwar machen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) physisch nicht abhängig, die psychische Abhängigkeit kann aber eine nicht zu unterschätzende Nebenwirkung sein. Außerdem können diverse Nebenwirkungen wie beispielsweise Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen, Durchfall und innere Unruhe auftreten. Weitere unerwünschte Nebenwirkungen können eine verminderte Libido sowie Erektions- und Ejakulationsstörungen sein.

Für die medikamentöse Behandlung können Ärzte unter anderem aus den SSRI Medikanenten wie Fluoxetin, Fluvoxamin, Sertralin und Paroxetin auswählen. Die Erfolgsaussichten sind unterschiedlich. Eine vollständige Heilung lässt sich mit Medikamenten nicht erzielen. Die Zwänge können aber in den meisten Fällen auf ein erträgliches Maß reduziert werden.

Weitere Medikamente gegen ein Zwangsstörung

Wenn depressive Beschwerden oder Ängste im Vordergrund stehen oder aber Patienten nicht adäquat auf die SSRI Medikamente ansprechen, erhalten Patienten in einigen Fällen auch Neuroleptika. Zum Einsatz kommen dann Medikamente wie Quetiapin oder Risperidon, die ebenfalls starke Nebenwirkungen haben können.

Einige Ärzte empfehlen neben einem Serotonin-Aufnahmehemmer auch trizyklische Antidepressiva wie zum Beispiel den Wirkstoff Clomipramin. Verschiedene Untersuchungen weisen darauf hin, dass Clomipramin bei einer Zwangserkrankung wirksam sein könnte. Hingegen scheint das trizyklische Antidepressiva Opipramol nicht wirksam bei dieser psychischen Erkrankung zu sein.

Auch die folgenden Medikamente sind unwirksam, werden jedoch häufig mit Zwangserkrankungen in Verbindung gebracht:

  • MAO-Hemmer wie Jatrosom (Tranylcypromin)
  • NDRI wie Bupropion (Elontril)
  • SSNRI wie Cymbalta (Duloxetin) und Venlafaxin
  • NaSSA wie Mirtazapin

Naturheilmittel gegen die Zwangserkrankung

Naturheilmittel können eine Alternative zu Antidepressiva sein, ohne dass gravierende unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Insbesondere der sekundäre Botenstoff Inositol kann unter Umständen eine Linderung der Zwangssymptomatik herbeiführen. Es handelt sich hierbei um einen sechswertigen Alkohol, der in vielen Pflanzen als auch tierischem Gewebe vorkommt. Bereits im Jahr 1996 berichteten Forscher der israelischen Faculty of Health Sciences, dass 13 Probanden mit einer Zwangserkrankung eine deutliche Verbesserung der Symptomatik unter Inositol verspürten. Ebenso scheinen auch die Extrakte der Baldrianwurzel wirksam zu sein. Im Jahr 2011 gaben Forscher der Jundishapur University of Medical Sciences ihren Probanden Baldrian. Auch hier zeigten sich positive Ergebnisse.

Johanniskraut ist seit langem für seine antidepressive Wirkung bekannt, was durch viele Studien bestätigt wird. Weniger gut erforscht ist die Wirkung von Johanniskraut (z. B. Laif 900) gegen Zwangsstörungen. Das Gleiche gilt auch für Lavendel (z. B. Lasea).

Darüber hinaus nutzen einige Betroffene auch Mittel aus der Homöopathie im Rahmen der Behandlung. Aber auch hierfür gibt es keine wissenschaftlich fundierten Studien, die eine Wirksamkeit bestätigen.

Hirnschrittmacher verspricht Besserung der Symptomatik

Medikamente in Kombination mit einer Psychotherapie bzw. Verhaltenstherapie helfen rund 80 bis 90 Prozent der Betroffenen. Bei 10 bis 20 Prozent werden die Therapieziele nicht erreicht. Die Therapieverfahren sind unwirksam und nicht selten werden solche Menschen dann als „austherapiert“ eingestuft. Doch genau für diese Patienten besteht seit einigen Jahren Hoffnung: Eine Operation (Tiefe HIrnstimulation) soll helfen.

Wenn alle Therapiemöglichkeiten erfolglos waren, kann das Einsetzen eines Hirnschrittmachers (Tiefe Hirnstimulation – THS) infrage kommen. Bei dieser Operation werden Elektroden in den Nucleus accumbens (Kernstruktur im Vorderhirn) implantiert. Über einen im Schlüsselbein oder Bauchraum eingesetzten Impulsgenerator werden dann die Elektroden mit Strom versorgt. Kleinere Fallstudien haben gezeigt, dass sich die Symptome durch die Hirnstimulation deutlich gebessert haben. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass es sich bei dieser Operation um keinen Routineeingriff handelt und dass diese gut gemeinsam mit dem behandelnden Arzt überlegt sein sollte.

Zwangshandlungen/Zwangsgedanken Selbsthilfe

Weitere Informationen und Hilfe finden Betroffene unter anderem bei der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. (DGZ). Empfehlenswert ist die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe, in der sich Betroffene austauschen und gegenseitig unterstützen können.

Cannabis als Medizin bei Zwangsstörungen

Medizinisches Cannabis in der Psychiatrie und Neurologie

Lange Zeit wurde der Konsum von Cannabis für Freizeitzwecke hauptsächlich mit der Entstehung von psychischen Erkrankungen (z. B. Psychose, Angst, Depression) in Verbindung gebracht. Das therapeutische Potenzial des medizinischen Cannabis wurde dabei ausgeblendet. In den vergangenen Jahren hat sich dies jedoch geändert. Aktuelle Untersuchungen liefern Hinweise darauf, dass Medizinal-Cannabis bei der Behandlung von psychischen Krankheiten einen therapeutischen Nutzen haben könnte.

Cannabisbasierte Arzneimittel bei ADHS und PTBS

Erwachsene mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) profitieren oftmals Cannabis, da sich die Konzentrationsfähigkeit, der Schlaf und die Impulskontrolle verbessern können. Ähnlich verhält es sich bei Menschen, die cannabisbasierte Arzneimittel bei einer Depression zur Stimmungsaufhellung erhalten. Selbst bei schweren psychischen Erkrankungen wie der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ist eine Linderung der Symptome mithilfe von Cannabis als Medizin möglich, so eine israelische Untersuchung.

Studien zur Therapie mit Cannabis-Medikamenten in der Medizin

Wissenschaftler der University of Minnesota (USA) fanden im Rahmen einer klinischen Untersuchung heraus, dass THC eine positive Wirkung auf Patienten hat, die an Trichotillomanie leiden. Es handelt sich hierbei um eine spezielle Form der Zwangsstörung, bei der sich zwanghaft Haare herausgerissen werden. Von 14 mit THC behandelten Frauen sprachen 9 Probandinnen auf die Therapie an. Die Wissenschaftler folgerten, dass die Cannabinoide aus der Cannabis-Pflanze nützlich bei der Behandlung von verschiedenen Zwangssymptomen sein kann.

Neben dem Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) ist Cannabidiol (CBD ) ein weiterer wichtiger Cannabis-Wirkstoff. Aktuell findet CBD eine immer breitere Verwendung durch Patienten. Im Vergleich zu THC wirkt CBD nur wenig psychoaktiv und der THC Wirkung entgegen. Aufgrund dessen wird aktuell untersucht, ob Cannabidiol auch in der Psychiatrie bei Cannabis-induzierten Psychosen sowie bei Schizophrenie eingesetzt werden kann.

Lesen Sie hier mehr über das Thema Schizophrenie und Medizinalcannabis.

Der Großteil der Erkenntnisse über die medizinische Wirkung von Cannabidiol ist noch wenig gesichert. Festgestellt wurde, dass CBD entkrampfend wirken kann, sodass bei Spastiken im Rahmen der Erkrankung Multipler Sklerose das Cannabis-Medikament Sativex eingesetzt wird. Dieses besitzt einen gleich hohen THC-Gehalt und CBD-Gehalt.

Viele Erkenntnisse über die medizinische Wirkung von CBD sind noch wenig gesichert. Neben umfangreichen Erfahrungsberichten gibt es kaum fundierte Studien. Meist handelt es sich hierbei lediglich um Zellversuche, Tierexperimente oder Einzelfallbeschreibungen.

Wie wirkt medizinisches Cannabis im Körper?

Das körpereigene Cannabinoidsystem (Endocannabiniodsystem) besteht aus den Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2. Bei einer Zwangsstörung spielt vermutlich die Schutzfunktion der CB1-Rezeptoren eine wesentliche Rolle. Diese liegen an den Nervenzellenenden in einem Spalt zwischen zwei Nervenzellen. An diesen Stellen geben die Nervenzellen Signale an andere Nervenzellen weiter. Die CB1-Rezeptoren hemmen im Nervensystem die Signalweitergabe durch Neurotransmitter (Botenstoffe) im Gehirn. Das heißt, dass eine Überaktivität verschiedener Botenstoffe wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin durch die Aktivierung der CB1-Rezeptoren vermindert wird.

Eine Aktivierung der CB1-Rezeptoren kann mit der Einnahme von Cannabinoiden aus der Cannabis Pflanze erreicht werden. Dies ist sowohl mit cannabisbasierten Arzneimitteln als auch mit dem Verdampfen von medizinischen getrockneten Blüten möglich. Grundsätzlich wird Cannabis-Patienten empfohlen, Cannabisblüten für medizinische Zwecke mithilfe eines Vaporizers zu verdampfen. Hierdurch verbrennen die Wirkstoffe (Cannabinoide) aus dem Cannabis nicht. Es handelt sich also um eine schonende Einnahme der Wirkstoffe.

Das Endocannabinoidsystem spielt eine wichtige Rolle

Das Endocannabinoidsystem schützt also vor einer Überregung im zentralen Nervensystem. Gleichzeitig balanciert es die Gehirnaktivitäten aus, was das breite Wirkungsspektrum von Cannabis erklären könnte.

Wenn sich THC an die CB1-Rezeptoren bindet, wird die Überaktivität in den Schmerzregelkreisen des Gehirns gemindert. Infolge dessen werden chronische Schmerzen gelindert. Tritt in Regionen des Gehirns, die für Übelkeit sowie Erbrechen verantwortlich sind, eine Überaktivität an Neurotransmittern auf, so kann die Aktivierung der CB1-Rezeptoren diese hemmen. Durch ähnliche Mechanismen werden Zwangsstörungen wie auch zum Beispiel epileptische Anfälle, Muskelspastiken, Hyperaktivität oder Angststörung abgeschwächt.

Im American Journal of Psychiatry berichteten Forscher über zwei Patienten mit der Diagnose „obsessive-compulsive disorder“. Die 38-jährige Patientin und der 36-jährige Patient sprachen auf eine konventionelle Therapie mit einem Antidepressivum und Neuroleptikum nicht an. Der Patientin erhielten neben dem Medikament Clomipramin noch 10 mg orales THC (Dronabinol) dreimal täglich verordnet. Innerhalb von 10 Tagen kam es nach der Einnahme von Dronabinol zu einer signifikanten Abnahme der Symptome. Beim zweiten Patienten wurde die Dosis der Dronabinol-Tropfen langsam auf zweimal täglich 10 mg täglich gesteigert. Eine deutliche Reduzierung der Symptome fand innerhalb von zwei Wochen statt.

Im Ergebnis wurde die Wirksamkeit der medizinischen Cannabis-Therapie als gut beschrieben. Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden bei der Einnahme von Dronabinol nicht berichtet.

Studie belegt Wirksamkeit des medizinischen Cannabis beim Tourette-Syndrom

Das Tourette-Syndrom tritt meist bereits im Kindesalter auf und äußert sich durch sprachliche und physische Tics. Das können beispielsweise wiederholte ruckhafte Bewegungen oder auch sozial inakzeptable verbale Äußerungen sein. Zwischen dieser Tic-Störung und der Zwangsstörung besteht eine enge Verbindung. Ungefähr 30 bis 60 Prozent der am Tourettesyndrom leidenden Menschen weisen auch Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen auf.

Forscher gehen davon aus, dass die Häufigkeit der Tics mithilfe von Cannabis als Medizin reduziert werden kann. Prof. Dr. Kirsten Müller-Vahl erklärte im Rahmen einer Untersuchung, dass 17 von 64 am Tourette-Syndrom erkrankten Menschen Cannabisblüten für Freizeitzwecke konsumierten.

Nach dem Rauchen der Cannabisblüten erklärten 14 Probanden, dass ihre Tics teilweise oder ganz ausgeblieben seien. Daraufhin wurden weitere Studien durchgeführt. Diese bestätigen, dass die Mehrzahl der Probanden nach der Zufuhr von Cannabinoiden eine signifikante Besserung erfuhr. Nebenwirkungen traten hingegen nur bei wenigen Probanden auf.

Müller-Vahl und ihre Kollegen erklärten, dass die Cannabinoide aus der Cannabis Pflanze über die Cannabinoid-Rezeptoren wirken und dass das Endocannabinoidsystem eine wichtige Rolle in der Tourette-Pathologie spielen könnte.

FAZIT

Verschiedene Untersuchungen haben bereits wichtige Hinweise darauf geliefert, dass Cannabis als Medizin womöglich therapeutisches Potenzial besitzt, um Symptome wie Zwang, Angst und Depression unterstützend zu lindern. Insofern könnte es möglich sein, cannabisbasierte Medikamente in der Psychiatrie bzw. bei psychiatrischen Erkrankungen einzusetzen. Die Studienlage zum Einsatz von Medizinalcannabis bei der obsessive-compulsive Disorder ist jedoch noch nicht aussagekräftig genug, um hieraus eine generelle Therapieempfehlung ableiten zu können.

 

Hinweis: In diesem Artikel berichten wir über rezeptpflichtiges CBD oder auch Cannabidiol. Dieser Artikel macht zur möglichen Zweckbestimmung keinerlei Vorschlag. Nutzversprechen bleiben den Apothekern überlassen.

 

 

Quellen:

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