Zwei Jahre Cannabisgesetz: Leafly.de macht den Realitätscheck

Hohe Ablehnungsquoten der Krankenkassen, Verunsicherung bei den Ärzten und Lieferschwierigkeiten bei Cannabisblüten: Auch zwei Jahre nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes im März 2017 beschäftigen uns noch immer die gleichen Baustellen. Was hat sich in dieser Zeit getan? Und wie wird es mit dem Cannabisgesetz weiter gehen? Wir haben mit Vertretern des Gesundheitswesens, Politikerinnen und Politikern, Ärzten und Patienten gesprochen.

Zwei Jahre Cannabisgesetz: Leafly.de macht den Realitätscheck

Im März 2017 trat in Deutschland das sogenannte Cannabisgesetz in Kraft. Ziel des Gesetzes sollte es sein, schwerkranken Patientinnen und Patienten die Therapie mit Cannabis als Medizin zu ermöglichen. Die neue Regelung hatte viele Hoffnungen bei Betroffenen geweckt, denen etablierte Therapieformen nicht helfen konnten. Aufseiten der Ärzteschaft und Apotheker führt die Gesetzesänderung zu viel Verunsicherung.

Wo stehen wir heute nach zwei Jahren Cannabisgesetz?

Leafly.de hat das sogenannte Cannabisgesetz dem Praxistest unterzogen. Unser Ergebnis: Die Gesetzesänderung ist zwar im Alltag angekommen, es hakt aber nach wie vor an der Umsetzung. Weiterhin gibt es zahlreiche Herausforderungen und Schwierigkeiten.

Dazu zählen unter anderem die angespannte Versorgungslage der Cannabispatienten, Schwierigkeiten beim Zugang zu der Therapieoption Cannabis und Unsicherheiten bei der Verordnung innerhalb der Ärzteschaft. Auch unsere eigene Patientenumfrage bestätigt dies. Die alltägliche Umsetzung des Gesetzes wird durch viele, vor allem bürokratische Hürden erschwert.

Um die aktuelle Situation zu verdeutlichen, haben wir den Realitätscheck mit echten Patienten gemacht. “Hier wird deutlich, dass sich für Patienten die Situation anders darstellt, als es die offiziellen Zahlen der Krankenkassen zeigen.

Nachfrage nach pharmazeutischem Cannabis steigt rasant

Der Bedarf an Cannabis als Medizin steigt seit Inkrafttreten des Cannabisgesetzes rasant. Das belegen auch die Zahlen der Krankenkassen. Wir von Leafly.de haben bei den vier großen Kassen AOK, Barmer, Techniker und DAK nachgefragt, wie viele Anträge auf Cannabis-Therapie sie seit März 2017 erhalten und genehmigt haben.

Aus unserer Umfrage geht hervor, dass deutschlandweit inzwischen bei mehr als 22.000 Menschen eine Behandlung mit Cannabis genehmigt wurde – und das nur allein bei den vier großen gesetzlichen Krankenkassen. Die kleineren gesetzlichen Versicherer sowie die Privatpatienten kommen noch hinzu.

Nach Schätzungen der Cannabis-Experten Prohibition Partners gibt es in Deutschland insgesamt mehr als 40.000 Patientinnen und Patienten, die Cannabis-Arzneimittel und pharmazeutische Cannabisblüten anwenden. (Leafly.de berichtete.) Daraus lässt sich ableiten, dass viele Cannabispatienten ihr Medikament privat, aus eigener Tasche bezahlen, und nicht über die Krankenkasse laufen lassen.

Dem europäischen Markt für Medizinalcannabis sagen die Experten in ihrem European Cannabis Report ein enormes Wachstum voraus. Die Patientenzahlen sollen in Italien, den Niederlanden und Deutschland sogar bis Ende dieses Jahres auf 225.000 ansteigen.

Statistiken des GKV-Spitzenverbandes zufolge wurden von Januar bis September 2018 rund 128.000 Rezepte für Cannabisblüten und cannabishaltige Medikamente ausgestellt.

Süden liegt vorn bei Cannabis-Verordnungen

Ende letzten Jahres zeigte eine Analyse des Informationsdienstleisters INSIGHT Health, dass es in Deutschland starke regionale Unterschiede bei den Cannabis-Verordnungen gibt. Die südlichen Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg sind die Spitzenreiter im Verschreiben von Cannabis. Das Schlusslicht dagegen ist Sachsen, gefolgt von Bremen und Mecklenburg-Vorpommern. Leafly.de berichtete.

Krankenkassen genehmigen 64% der Anträge

Das Cannabisgesetz legt fest, dass die Kosten für eine Cannabis-Therapie von der Krankenkasse zu tragen sind. Nur in Ausnahmefällen darf diese abgelehnt werden. Die Realität sieht allerdings anders aus: Vor einem Jahr, zum ersten Geburtstag des Cannabisgesetzes, haben wir darüber berichtet, dass nur 61 Prozent der Anträge auf Kostenübernahme bewilligt werden. Zum zweiten Geburtstag wir die Krankenkassen erneut befragt.

Die Leafly.de Umfrage unter den Krankenkassen

Unsere aktuelle Leafly.de Umfrage unter den vier großen Krankenkassen AOK, Barmer, Techniker und DAK Gesundheit zeigt, dass im Schnitt 64 Prozent der Anträge auf Kostenübernahme genehmigt werden.

Zwei Jahre Cannabisgesetz: Leafly.de macht den Realitätscheck

Erwartungsgemäß sind bei der größten deutschen Krankenkasse, der AOK, auch bundesweit am meisten Anträge eingegangen – nämlich 19.000. Nach eigenen Angaben der Kasse liegt der Anteil an zugelassenen Anträgen bei 63 Prozent. (Die AOK veröffentlicht die Zahl der genehmigten und abgelehnten Anträgen nicht.) Bei der Barmer sind 8.539 Anträge eingegangen, von denen 5.834 angenommen wurden. Das entspricht einer Quote von 68 Prozent. Bei der TK fragten 4.286 Versicherte nach einer Kostenübernahme ihrer Cannabis-Behandlung. 2.809 von ihnen wurde diese genehmigt – das sind 66 Prozent. Die DAK hat 2.400 Anträge erhalten und nach eigenen Angaben rund 60 Prozent davon bewilligt.

Somit liegt die Genehmigungsquote im Schnitt etwas höher als noch einem Jahr. Von einer Trendwende kann auf Basis dieser Zahlen aber nicht gesprochen werden. Tatsächlich scheint sich die Quote der bewilligten Kostenübernahmen bei rund zwei Drittel einzupendeln.

Kritik an hohen Ablehnungszahlen der Kassen

Die Grünen wie die Linke kritisieren die hohen Ablehnungsquoten der Krankenkassen. Sie fordern, dass das Cannabisgesetz abgeändert werden muss, damit mehr Anträge auf Kostenerstattung einer Cannabis-Therapie genehmigt werden.

Dr. Kirsten Kappert-Gonther (s. Foto), Sprecherin für Drogenpolitik der Grünen im Bundestag, erklärt gegenüber Leafly.de:

Kappert-Gonther Grüne Genehmigungsvorbehalt

Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Sprecherin für Drogenpolitik der Grünen im Bundestag

„Das Gesetz muss deutlich nachgebessert werden. Die Krankenkassen lehnen noch immer ein Drittel aller Anträge ab, dabei sollte es nur in Ausnahmefällen so sein. (…) Der Geburtsfehler des Gesetzes war der Genehmigungsvorbehalt der Krankenkassen. Wer Cannabis ärztlich verordnet bekommt, soll auch die Kostenerstattung erhalten”, so Kappert-Gonther.

Bei dem Genehmigungsvorbehalt im Cannabisgesetz geht es um die Einschränkung, dass die Behandlung zwar grundsätzlich von der Kasse übernommen werden muss, diese die Cannabis-Therapie aber im Vorfeld genehmigen muss. Würde dieser Genehmigungsvorbehalt  wegfallen, wäre es den gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr länger möglich, Anträge auf Kostenübernahme der Cannabis-Behandlung abzulehnen. (Mehr dazu hier.)

Niema Movassat, Sprecher für Drogen- und Verfassungspolitik der Linken, will das Cannabisgesetz ebenfalls nachbessern, sodass die Genehmigung durch die Krankenkassen nicht mehr notwendig ist.

“Die hohe Ablehnungsquote bei der Genehmigung der Kostenübernahme der gesetzlichen Krankenkassen bleibt nach zwei Jahren „Cannabis als Medizin-Gesetz“ das Kernproblem. Laut Gesetz darf eine Ablehnung nach ärztlicher Indikation nur in „begründeten Ausnahmefällen“ gerechtfertigt sein. Dies wird in der Praxis umgangen, weswegen der gesetzgeberische Wille nicht berücksichtigt wird”, erklärt Movassat.

Ob die Krankenkassen allerdings tatsächlich in Zukunft keine Cannabis-Anträge mehr ablehnen dürfen, das ist noch offen. Zurzeit wird das Thema im Gesundheitsausschuss diskutiert. Linke und Grüne benötigen die Unterstützung weiterer Fraktionen, um sich mit ihrer Idee durchzusetzen.

Dirk Heidenblut, drogenpolitischer Sprecher SPD

Aber auch der drogenpolitische Sprecher der SPD, Dirk Heidenblut (s. Foto), fordert “ eine Nachschärfung der Genehmigungsvorbehalte der Kassen. Die führen aus meiner Sicht viel zu häufig zu Ablehnungen. Das verträgt sich nicht mit der gewünschten Therapiefreiheit der Ärztinnen und Ärzte und deren letztlicher Entscheidungskompetenz. Und auch nicht mit dem Wunsch, durch Cannabis wirksame Behandlungsalternativen zu ermöglichen.”

Erleichterungen für Cannabispatienten und weniger Bürokratie

Stephan Pilsinger (CSU), drogenpolitischer Sprecher der Union, kann sich der Kritik an der Ablehnungsquote der gesetzlichen Kassen nicht anschließen. Sogar bezogen auf die Daten aus dem Jahr 2017, als die Genehmigungsquote noch bei 60 Prozent lag, ist Pilsinger zufrieden:

“Die hohe Zahl an positiv beschiedenen Anträgen auf Kostenübernahme durch die Krankenkassen (Anträge 2017: 20.000; Genehmigungsquote ca. 60 %) zeigt, dass sich das Verfahren mittlerweile eingespielt hat und das Gesetz auch Wirkung zeigt.”

Entwurf des Gesetzes für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV)

Das es beim Cannabisgesetz aber noch Verbesserungsbedarf gibt, sieht auch Stephan Pilsinger:

“Man könnte die Versorgung mit cannabishaltigen Arzneimitteln weniger bürokratisch gestalten. Daher sieht der Entwurf des Gesetzes für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) hier Verbesserungen vor.”

Im Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn steht, dass bei der Versorgung mit medizinischem Cannabis – nach einmal erfolgter Genehmigung – kein erneuter Antrag bei der Krankenkasse notwendig ist. Auch nicht im Falle der Anpassung der Dosierung, eines Wechsels der Blütensorte oder eines Wechsels zwischen verschiedenen Cannabisextrakten. Bisher müssen Cannabispatienten in diesen Fällen eine neue Genehmigung bei der Krankenkasse einholen.

Darüber hinaus sieht das GSAV vor, dass bei einer vertragsärztlichen Cannabis-Verordnung im Anschluss an eine Behandlung mit Cannabis-Arzneimitteln im Krankenhaus die Genehmigungsfrist lediglich drei Tage betragen darf. So ist bisher auch die Versorgung von Patienten im Rahmen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung geregelt.

SPD verspricht Verbesserungen bei Zugang zu Cannabis als Medizin und Versorgung

Dirk Heidenblut (SPD) freut sich ebenfalls, dass es durch das GSAV “Nachschärfungen” zur Verordnung von Cannabis als Medizin geben wird. Allerdings sind ihm “die vorgesehenen Neuregelung noch zu kurz gesprungen”. Er wünscht sich weitergehende Verbesserungen am Cannabisgesetz – “bei der Frage Bezug und eigenem Anbau von Cannabis, wie auch bei der Frage der Verfahren zur Ausgabe des Medikaments in Apotheken” ebenso wie bei dem Genehmigungsvorbehalt der Kassen.

Sabine Dittmar (s. Foto), gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, geht noch weiter. Sie verspricht gegenüber Leafly.de, dass sich die SPD für einen besseren Zugang zu Cannabis als Medizin sowie für eine gesicherte Verfügbarkeit einsetzen wird:

Sabine Dittmar, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion

„Die Erstattung von Medizinalcannabis in der GKV war nichts weniger als ein Meilenstein in der Versorgung insbesondere chronischer Schmerzpatienten, die so dringend auf eine Behandlungsalternative gewartet haben. Die Politik hat seinerzeit über alle Fraktionen hinweg den Betroffenen ein Versprechen gegeben, das wir nun auch mit Blick auf die aktuellen Diskussionen um den Zugang zu Medizinalcannabis, seine flächendeckende Verfügbarkeit, die Preisentwicklung in Apotheken sowie die fehlende Bereitschaft einiger Ärzte zur Verschreibung erneuern und einlösen müssen. Für die SPD kann ich sagen, dass wir das auch tun werden. Darauf können sich die Betroffenen verlassen.“

Wiederholte Lieferengpässe bei Medizinalcannabis

Deutschland ist auf den Import von Cannabis aus dem Ausland angewiesen, um seine Cannabispatienten zu versorgen.

Seit März 2018 haben neun Unternehmen ihre jährlichen Importhöchstmengen auf insgesamt 25,6 Tonnen erhöht, davon knapp 20 Tonnen aus Kanada. (Leafly.de berichtete.) Neben den Niederlanden darf Kanada medizinisches Cannabis nach Deutschland importieren.

In den Apotheken kommt es dennoch regelmäßig zu Lieferengpässen bestimmter Blütensorten. Teilweise müssen Patienten wochenlang – manchmal sogar monatelang – auf ihr Medikament warten. So hat die Cannabis-Patientin Minyi bereits im Oktober letzten Jahres bei ihrer Apotheke die Blütensorte Bakerstreet vorbestellt – aber bisher ist keine Lieferung in Sicht. Auf eine andere Cannabissorte umzusteigen, ist für die Betroffenen nicht immer einfach.

Minji-Patientenakte Zeigefinger

Cannabis-Patientin Minyi aus München

“Ich würde mir eine kontinuierliche Versorgung ohne ständige Lieferengpässe wünschen. Denn auch, wenn Bedrocan super gegen meine Schmerzen wirkt, kann ich nachts davon schlecht schlafen. Mein Apotheker sagte mir, weil die kanadischen Cannabissorten nicht lieferbar sind, sind die holländischen jetzt umso mehr gefragt”, so die junge Patientin.

Umfrage unter Apotheker/innen

Im Herbst zeigte eine Umfrage unter 300 deutschen Apotheker/innen, dass über die Hälfte der Befragten die mangelnde Verfügbarkeit von Cannabisblüten als Problem ansehen.

Die Anwendung von Cannabis als Medizin sehen sie hingegen positiv: Drei Viertel der Befragten bewerten Cannabinoide grundsätzlich als eine sinnvolle medizinische Therapie.

Und über die Hälfte sind eindeutig von der therapeutischen Wirkung des medizinischen Cannabis überzeugt. Die Online-Umfrage wurde von DocCheck Research im Auftrag des Cannabis-Herstellers Wayland durchgeführt.

Cannabis-Anbau in Deutschland

Zukünftig will Deutschland selbst Cannabis anbauen, um seine Patienten und Patientinnen zu versorgen. Im Dezember endete die Frist für die Vergabe von Anbaulizenzen durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).

An der neuen Cannabis-Ausschreibung beteiligen sich 79 Bieter und Bietergemeinschaften. Die Angebote werden jetzt ausgewertet, der Zuschlag soll im 2. Quartal erfolgen. Die erste Ernte von Cannabis “made in Germany” erwartet das BfArM für das 4. Quartal 2020. (Leafly.de berichtete)

Allerdings haben bereits im Vorfeld Vertreter unterschiedlicher Parteien wie der Grünen, der Linken und der FDP darauf hingewiesen, dass die ausgeschrieben 10,4 Tonnen Cannabis nicht reichen werden, um den Bedarf zu decken.

Niema Movassat, Die Linke

Niema Movassat, Sprecher für Drogen- und Verfassungspolitik der Linken

Niema Movassat (s. Foto), der Sprecher für Drogen- und Verfassungspolitik der Linken, kritisiert die in der BfArM-Ausschreibung veranschlagte Menge von 10,4 Tonnen Cannabisblüten verteilt auf vier Jahre als „Tropfen auf dem heißen Stein“.  „Wenn Deutschland den Import komplett durch eigenen Anbau ersetzen wollte, müssten 100 Tonnen ausgeschrieben werden“, so Movassat.

Hohe Preise für Cannabis aus der Apotheke

Das Cannabisgesetz hat einiges bewirkt: Cannabis als Medizin ist stark gefragt, die Patientenzahlen steigen stetig und die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Cannabis sind explodiert. (Leafly.de berichtete) So teilte der GKV-Spitzenverband im August letzten Jahres mit, dass die Ausgaben für Cannabis als Medizin im Monat April 2018 bei etwa 5,36 Millionen Euro lagen. Im Juni 2017 dagegen hatten die Kassen noch 2,31 Millionen Euro für Cannabis-Produkte bezahlt.

Daher möchte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Preise für Cannabis aus der Apotheke reduzieren. Bisher ist der Preis von Medizinalhanf durch die Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV) geregelt.

So erheben die Apotheken Zuschläge bei unverarbeiteten Cannabisblüten von 100 Prozent und bei der Abgabe von Zubereitungen von 90 Prozent. Pharmazeuten müssen Cannabisblüten in der Apotheke zwingend prüfen. Aber egal wie viel oder wie wenig Aufwand für die Apotheken damit verbunden ist – der Preis bleibt gleich und richtet sich allein nach der AMPreisV.

Im Referentenentwurf zum „Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung“ (GSAV), das Jens Spahn Ende letzten Jahres vorgelegt hat, ist vorgesehen, die bisherige Preisbildung zu reformieren. Der Apothekenaufschlag würde damit gestrichen.

Durch den Wegfall des bisherigen Aufschlags könnten laut Gesundheitsministerium rund 25 Millionen Euro eingespart werden. Die Ausgaben für Cannabis als Medizin würden so halbiert werden.

Zurzeit handelt es sich bei dem Gesetz allerdings nur um einen Entwurf. Ob dieser tatsächlich so umgesetzt werden wird, ist noch fraglich.

Kritik an mangelnder Evidenz

Die Krankenkassen kritisieren häufig die geringe Evidenz für die Wirkung von Cannabis als Medizin. So bemängelt der GKV-Spitzenverband, die Vertretung der gesetzlichen Krankenkassen, dass Cannabis vor der Legalisierung für medizinische Zwecke nicht durch Studien belegen musste, dass es verlässlich und sicher wirkt. Nach Aussage einer Sprecherin hofft der GKV-Spitzenverband auf aussagestarke Ergebnisse der Begleitstudie.

„Auf Basis dieser wissenschaftlichen Analyse wird sich in einigen Jahren zeigen müssen, ob die Cannabis-Therapie dauerhaft zum Leistungsspektrum der gesetzlichen Krankenversicherung gehört“, so Janka Hegemeister vom GKV-Spitzenverband.

Auch aktuelle wissenschaftliche Metaanalysen und Übersichtsarbeiten kritisieren regelmäßig die mangelnde Evidenz für die Wirkung von Cannabis als Medizin. Metaanalysen wie beispielsweise die CaPRis Studie beleuchten allerdings nur einen Teil der Evidenz – nämlich die Evidenz aus randomisierten kontrollierten wissenschaftlichen Studien. Was dabei nicht berücksichtigt wird, ist die Erfahrungsevidenz.

Ärzte zurückhaltend bei Cannabis auf Rezept

Wir von Leafly.de hören tagtäglich von Betroffenen, die keinen Arzt finden, der bereit wäre, ihnen Cannabis auf Rezept zu verordnen. Keine Frage: Cannabis ist kein Allheilmittel und nicht bei jedem Patienten stellt es eine sinnvolle Behandlung dar.

Allerdings sollten Schwerkranke wenigstens die Möglichkeit haben, zu dieser Therapieoption von einer Ärztin oder einem Arzt beraten zu werden. Leider ist bereits dies in der Praxis häufig schwierig.

Dennoch hat eine Umfrage unter Hausärzten gezeigt, dass sie Cannabis als Medizin positiv gegenüber stehen.

Hausärzte befürworten Cannabis als Medizin

Obwohl einige Experten immer wieder kritisieren, dass die Wirksamkeit von Medizinalhanf nicht hinreichend belegt sei und obwohl viele Ärzte Cannabis nicht verschreiben wollen: Die Mehrheit der Hausärzte hält es für eine sinnvolle Therapieoption.

Zwei Jahre Cannabisgesetz: Leafly.de macht den Realitätscheck

Das hat eine Umfrage von DocCheck Research im Auftrag von Wayland unter 300 Hausärzten in Deutschland ergeben. Sechs von zehn Hausärzten befürworten Cannabis als Medizin. (Leafly.de berichtete)

Das Vertrauen in den therapeutischen Nutzen von Cannabinoiden ist hoch: Nur 16 Prozent der befragten Mediziner zweifeln an der Wirkung. Trotzdem hat über die Hälfte der Befragten noch nie ein Rezept für Medizinalcannabis ausgestellt.

Hoher Aufwand und Unsicherheit schrecken Ärzte ab

Was hält Ärzte davon ab, Cannabis als Medizin zu verschreiben? Zum einen ist es die Bürokratie: Die Cannabis-Therapie bringt für Mediziner viele Hürden mit sich, wie die Umfrage unter Hausärzten zeigte. (Leafly.de berichtete)

Darüber hinaus herrscht auch heute, zwei Jahre nach Einführung des Cannabisgesetzes, noch immer eine große Unsicherheit innerhalb der Ärzteschaft beim Thema Cannabis-Behandlung.

Vielen Medizinern fehlt das nötige Fachwissen zum komplexen Thema „Cannabinoide“. Außerdem ist Cannabis noch immer stigmatisiert – nicht wenige Ärzte haben Sorge, sich ihren Ruf zu ruinieren, wenn sie in der Öffentlichkeit als “Cannabis-Arzt” wahrgenommen werden.

Die Hausärzte-Umfrage ergab, dass sich 45 Prozent der Befragten für eine Cannabis-Behandlung nicht ausreichend geschult fühlen.

Regressgefahr

Die Angst vor Regressforderungen ist ebenfalls ein Hemmschuh bei der Verordnung von Cannabis auf Rezept. Ärztinnen und Ärzte haben – vereinfacht gesprochen – für ihre Praxen ein Budget für Kosten in unterschiedlichen Bereichen, das nicht überschritten werden darf.

Tun sie dies dennoch, droht ein Regress. Das bedeutet, dass die Krankenkasse die Kosten für die Behandlung rückwirkend von der Arztpraxis einfordert. Bei den hohen Preisen für Cannabis aus der Apotheke können solche Regressforderungen extrem teuer werden.

Ob dieses Risiko aber tatsächlich so hoch ist, wie ärztlichen Standesvertreter häufig betonen, bleibt unklar. Lautstarke Warnungen jedoch verunsichern viele Ärzte.

Wir von Leafly.de haben bei den Krankenkassen nachgefragt, wie sie die Gefahr eines Regresses bei einer Cannabis-Therapie einschätzen.

Die Techniker erklärt, von solchen Fällen gäbe es bei ihnen “höchstens eine Handvoll im Jahr”. Und auch die Barmer erläutert, dass die Regressgefahr tatsächlich verschwindend gering ist, solange sich die verschreibenden Ärzte an das vorgeschriebene Prozedere halten:

“Dass Ärzten nach der Verordnung von Cannabis-Präparaten Regressforderungen drohen, ist so gut wie ausgeschlossen, wenn sie vor Beginn der Behandlung, also ab der ersten Verordnung bei der Krankenkasse eine Genehmigung einholen. (…) Im Vergleich zu vielen anderen medikamentösen Therapien spielt die Wahl der Darreichungsform eine besondere Rolle. Bei der Anwendung von Cannabis sollte nicht nur die Verordnung der Blüten im Fokus stehen. Oftmals sind Fertigarzneimittel, die einen Cannabisextrakt oder Cannabinoide enthalten, oder speziell für den Patienten in der Apotheke angefertigte Tropfen besser geeignet. (…) Unter Berücksichtigung dieser Prämissen und dem Wirtschaftlichkeitsgebot gemäß § 12 SGB V sind Regressforderungen nicht zu befürchten.

Hinzu kommt, dass der medizinische Dienst der Krankenversicherung vor der erstmaligen Genehmigung eines cannabishaltigen Präparats ein Gutachten erstellt, auf dessen Basis die Krankenkassen maßgeblich über die Kostenübernahme entscheiden. Über diesen Weg wird das Risiko von Regressforderungen zusätzlich minimiert”, so ein Sprecher der Barmer.

Cannabis: Bereicherung des Therapiespektrums

Viele Experten, die Cannabinoide einsetzen, schätzen besonders die medizinische Anwendung in der Schmerz- und Palliativmedizin. Der Einsatz von Cannabis eröffnet neue Therapieoptionen für Patienten, deren Beschwerden auf herkömmliche Behandlungen nicht ausreichend ansprechen.

Professor Dr. Dr. Joachim Nadstawek (s. Foto) ist Leiter des Schmerzzentrums an der Jankerklinik Bonn und Vorsitzender des Berufsverbandes der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland e.V. (BVSD). Für ihn bietet Cannabis eine “Bereicherung des therapeutischen Spektrums”:

Prof. Dr. Dr. Joachim Nadstawek, Leiter des Schmerzzentrums Jankerklinik Bonn. Vorsitzender des Berufsverbandes der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland e.V. (BVSD)

“Cannabinoide sind keine Wundermittel, aber es ist doch erstaunlich, was damit bei vielen Patienten erreicht werden kann. Ich habe tatsächlich bisher nur wenige Patienten erlebt, denen es nicht hilft. Und nicht nur bei chronischen Schmerzen können Cannabinoide sinnvoll sein, auch andere Einsatzgebiete wie beispielsweise entzündliche Darmerkrankungen und therapieresistente Epilepsien stehen im Fokus.

Das spezielle Antragsverfahren für eine Cannabis-Therapie beurteilt Professor Nadstawek allerdings kritisch. Er war als Experte hinzugezogen worden, als das neue Cannabisgesetz 2017 erarbeitet wurde.

Nadstawek erklärt, dass in der Lesung zum Cannabisgesetz betont wurde, dass Patienten nicht austherapiert sein müssen, um eine Behandlung mit Cannabis als Medizin zu erhalten. Das bedeutet, dass der Einsatz von Cannabinoiden nicht erst am Ende aller zur Verfügung stehenden Therapien stehen muss.

Den Genehmigungsvorbehalt der Krankenkassen hält Professor Nadstawek für überflüssig. “Die verordnenden Ärzte gehen sorgsam mit dem Einsatz von Cannabis um.” Immerhin sei aber durch den Gesetzentwurf von Jens Spahn (GSAV) “einiges Gutes auf den Weg gekommen.”

Das GSAV sieht die Möglichkeit vor, zwischen Cannabis-Produkten zu wechseln und verkürzt die Genehmigungsfrist für eine Cannabis-Verordnung im Anschluss an eine Behandlung im Krankenhaus auf drei Tage. “Das ist sehr wertvoll”, so Professor Nadstawek.

Mit einer Gesetzesänderung rechnet der Vorsitzende des BVSD in den nächsten fünf Jahren allerdings nicht. “Aber das hängt davon ab, welche Parteien eine Koalition bilden.”

Patienten freuen sich über neue Therapieoptionen

Dr. Jan-Peter Jansen (s. Foto) ist Ärztlicher Leiter des Schmerzzentrums Berlin. Er hat diese Einrichtung vor mehr als zehn Jahren gegründet.

Im Jahr 2017 kam die Eröffnung der Schmerzklinik Berlin dazu. Der Arzt für Anästhesie und Intensivmedizin verordnet häufig Cannabis, beispielsweise in Form von Vollspektrum Cannabisextrakten.

Dr. Jan-Peter Jansen, Ärztlicher Leiter des Schmerzzentrums Berlin

“Die „Schmerzmedizin Berlin“ mit dem MVZ Schmerzzentrum Berlin und der Schmerzklinik Berlin behandelt im Jahr circa 14.000 Patienten mit chronischen Schmerzen”, so Dr. Jansen.

“Seit dem März 2017 verordnen wir auch Medizinal-Cannabis für unsere Schmerzpatienten. Von Beginn an haben wir ein starkes Interesse unserer Patienten beobachtet. Um die Sprechstunden zu entlasten, führten wir die Patientenseminare zum Medizinal-Cannabis ein. Hier informieren wir umfassend über Behandlungsziele, Antragstellung und geben praktische Hinweise. In einem anschließenden Arzttermin erhalten die Patienten die von uns ausgefüllten Unterlagen.”

Das Problem der hohen Ablehnungsquote der Krankenkassen erlebt Dr. Jansen weniger ausgeprägt als der Durchschnitt der Ärzte. Seiner Meinung nach ist der Grund hierfür, dass sich die Schmerzmedizin Berlin strikt an die vorgeschriebenen Auflagen hält:

“Die Quote der Kostenübernahme bei uns liegt bei über 80 Prozent, weil wir uns streng an die Vorgaben des Sozialgesetzbuches halten.”

Dr. Jansen bewertet das Cannabisgesetz positiv, denn so bieten sich neue Therapieoptionen für seine Patientinnen und Patienten:

“Wir sind von der gegenwärtigen politischen Lösung überzeugt und arbeiten an der weiteren Verbesserung der Versorgung unserer Patienten, auch durch die Entwicklung von Versorgungsverträgen mit den Krankenkassen. Unsere Patienten freuen sich über diese neuen Therapieoptionen und genießen die Professionalität unseres Teams. Wir stehen mit unserer Schmerz-und Fallkonferenz auch in schwierigen Verläufen im Rahmen eines Zweitmeinungsverfahrens national zur Verfügung.”

Leafly.de Umfrage unter Cannabispatienten

Wir haben im Januar auf Facebook dazu aufgerufen, an einer Umfrage zum Thema Cannabis als Medizin teilzunehmen, an der sich 67 Cannabispatienten beteiligt haben. Hinzugenommen haben wir noch die 63 Fälle aus unseren Patientenakten aus den Jahren 2017 bis 2019. Insgesamt konnten wir also die Daten von 130 Patienten im Alter zwischen 20 und 73 Jahren auswerten, wobei das Durchschnittsalter bei 40 Jahren lag. Besonders auffällig ist, dass mehr als die Hälfte aller befragten Patienten männlich ist.

Zwei Jahre Cannabisgesetz: Leafly.de macht den RealitätscheckBetrachtet man die Bundesländer, aus denen die Umfrageteilnehmer stammen, so bestätigen sich hier die obigen Aussagen, dass die südlichen Bundesländer die Spitzenreiter im Verschreiben von Cannabis sind.

Eine besonders spannende Frage war natürlich, wie häufig die Krankenkassen den Antrag auf Kostenübernahme angenommen oder abgelehnt hatten.

Darüber hinaus haben wir gefragt, wie lange es von der Beantragung bis zur Ausstellung des ersten Cannabis-Rezeptes gedauert hat. Wenn der Antrag auf Kostenübernahme genehmigt wurde, hatten die Patienten meist innerhalb von drei Wochen ihr erstes Rezept in den Händen. Legten die Patienten Widerspruch gegen die Ablehnung ein, so dauerte es 3 bis 12 Monate. In einigen Fällen dauern die Genehmigungsverfahren noch an, da die Patienten Klage bei Gericht eingereicht haben.

Für welche Indikationen wurde Medizinalcannabis am häufigsten verordnet?

Die meisten Patienten erhalten Medizinalhanf wegen vielfältiger Beschwerden, am häufigsten gegen Schmerzen. Unter den Begriff „Schmerzen“ fallen jegliche Arten von Schmerzen, wie zum Beispiel Rückenschmerzen, entzündungsbedingte Schmerzen oder auch neuropathische und arthritische Schmerzen. Auch die psychischen Beschwerden wie Depressionen, Angstzustände, Schlafstörungen und posttraumatische Belastungsstörungen haben wir unter einem Begriff zusammengefasst.

In welcher Form erhalten die Teilnehmer ihre Cannabismedizin?

Bei dieser Frage gab der Großteil der Umfrageteilnehmer an, Cannabisblüten zu erhalten. Weitaus weniger verwenden Patienten Vollspektrumextrakte, Sativex oder Dronabinol. Einige wenige Patienten verwenden auch Cannabisblüten und Dronabinol oder aber Cannabisblüten und Vollspektrumextrakte.

Fazit: Zwei Jahre Cannabisgesetz

Auch zum zweiten Geburtstag des Cannabisgesetzes sind noch immer die Themen aktuell, die bereits kurz nach Inkrafttreten des Gesetzes zu Problemen geführt haben: Die Schwierigkeiten vieler Betroffener Zugang zu einer Behandlung mit Cannabinoiden zu erhalten, Versorgungsengpässe mit Cannabisblüten in den Apotheken und die hohen Ablehnungszahlen der Krankenkassen.

Bei der Einführung des Cannabisgesetzes hat die Politik ganz bewusst darauf verzichtet, bestimmte Erkrankungen (Indikationen) festzulegen, bei denen Cannabis als Therapieform zugelassen ist. Ziel war, die Anwendung nicht zu beschränken und die Entscheidung, ob Cannabinoide eine hilfreiche Behandlung sein können, den Ärzten und Ärztinnen zu überlassen.

In der praktischen Umsetzung trägt dies jedoch zu Unsicherheiten und Problemen bei: So sind sich Mediziner oft nicht im Klaren, bei welchen Beschwerden Cannabis sinnvoll sein kann. Die Krankenkassen wiederum bemängeln ebenfalls, dass im Cannabisgesetz keine Indikationen festgelegt wurden. So lassen sie jeden Antrag auf Cannabis-Therapie vom MDK (Medizinischen Dienst der Krankenversicherung) prüfen.

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Dennoch ist Cannabis als Medizin heute in der medizinischen Versorgung der Patientinnen und Patienten angekommen. Das zeigen die stetig steigenden Zahlen der Cannabis-Verordnungen sowie die grundsätzlich positive Einstellung der Mehrheit der Ärzte und Apotheker zu einer Behandlung mit Cannabinoiden.

Auch, wenn es noch immer viele Baustellen gibt: Das Cannabisgesetz ist ein Meilenstein für viele Patienten, denen herkömmliche Therapien nicht geholfen haben. Jetzt ist die Politik gefordert, Stolpersteine beim Cannabisgesetz auszumerzen, um damit den Zugang zu Cannabis als Medizin zu erleichtern.

Dieser Artikel wurde mit viel Herzblut und vielen Stunden Recherche von Alexandra Latour und Gesa Riedewald verfasst.

 

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