Zyklisches Erbrechen und Cannabis als Medizin

Zyklisches Erbrechen ist ein Syndrom, das nur selten auftritt. Für die wenigen Betroffenen ist die Erkrankung jedoch eine hohe körperliche und psychische Belastung. Hinzu kommt, dass Antiemetika starke Nebenwirkungen haben können. Cannabinoide könnten hier eine alternative Therapieoption sein, denn schließlich konnten zahlreiche Studien bereits die antiemetische Wirkung zeigen.

Zyklisches Erbrechen und Cannabis als Medizin

Das Syndrom des zyklischen Erbrechens (cyclic vomiting syndrome – kurz CVS) kann in jedem Lebensalter auftreten. Dabei zeichnet sich zyklisches Erbrechen durch wiederkehrende Anfälle von Übelkeit und Erbrechen aus. Auch das Allgemeinbefinden ist durch die Erkrankung beeinträchtigt. Zwar kann das Syndrom in jedem Lebensalter auftreten, in der Regel beginnt es jedoch im Alter von ein bis acht Jahren. Oftmals verschwinden die Symptome mit zunehmendem Alter. In einigen Fällen bleibt die Erkrankung jedoch bestehen. Zyklisches Erbrechen kann aber auch erst im Erwachsenenalter auftreten. Und da die Erkrankung sehr selten ist, gestaltet sich die Diagnosefindung meist schwierig.

Zyklisches Erbrechen: Symptome

Beim CVS treten die Erbrechensphasen in kurzen Zeitabständen auf. Einige Betroffene müssen sich dann 6- bis 12-mal in der Stunde übergeben. Dabei kann solch eine Phase wenige Stunden bis hin zu mehreren Tagen andauern und endet dann spontan. Zyklisches Erbrechen kann zudem Begleitsymptome verursachen. Hierzu gehören unter anderem:

  • Übelkeit
  • Bauchschmerzen
  • Lichtempfindlichkeit
  • Fieber
  • Kopfschmerzen
  • Durchfall
  • starker Speichelfluss
  • starker Wasserverlust

Zyklisches Erbrechen: Diagnose

Da Erbrechensphasen auch bei vielen anderen Krankheiten auftreten können, ist es schwierig, die Diagnose zyklisches Erbrechen zu stellen. Deshalb erfolgt die Diagnosestellung normalerweise durch Ausschlusskriterien. Diagnostische Testverfahren gibt es aktuell noch nicht, sodass die CVS-Klassifizierung mehrere Jahre dauern kann. Betroffene müssen sich meist zahlreichen Untersuchungen unterziehen, bis die Diagnose feststeht.

Kriterien für die Diagnose zyklisches Erbrechen sind:

  • mindestens fünf schwere Erbrechensanfälle in einem Zeitintervall oder aber mindestens drei Erbrechensanfälle innerhalb von sechs Monaten
  • episodische Anfälle mit starker Übelkeit und Erbrechen, die eine Stunde oder mehrere Tage anhalten
  • viermaliges Erbrechen pro Stunde während eines Anfalls
  • zwischen den Anfällen gutes Wohlbefinden
  • Ausschluss anderer Ursachen/Erkrankungen

Zyklisches Erbrechen: Ursachen

Die Ursachen des CVS sind bisher ungeklärt. In einigen wenigen Fällen stellen Mediziner die Vermutung an, dass die Mutation der mitochondrialen DNA mitverantwortlich sein könnte. Psychischer Stress scheint ein häufiger Auslöser zu sein. Ebenso können leichte Viruserkrankungen und schmerzende Verletzungen, Entzündungen im Hals- und Brustbereich sowie lange Fastenzeiten und Schlaflosigkeit das zyklische Erbrechen auslösen. Interessant ist zudem, dass in bis zu 83 Prozent aller Krankheitsfälle eine Migräne in der Familienanamnese entdeckt werden kann. Jedoch kann bei den meisten Betroffenen kein offensichtlicher Auslöser gefunden werden.

Zyklisches Erbrechen: Wie wird die Erkrankung behandelt?

Genau wie die Diagnosestellung ist auch die Behandlung schwierig, insbesondere bei Säuglingen und Kindern. Hier kommen Medikamente nur selten zum Einsatz, da zum einen die Wirksamkeit der Behandlung nicht erwiesen ist und zum anderen, weil die Medikamente starke Nebenwirkungen haben können. Bei schwerem und unablässigem Erbrechen können die folgenden Medikamente vorsichtig eingesetzt werden:

  • Promethazin (Antihistaminikum): Als H1-Rezeptor-Blocker hemmt Promethazin die Brechzentrumsreaktion auf periphere Stimulanzien.
  • Prochlorperazin: Als Dopamin-Rezeptor-Blocker unterdrückt Prochlorperazin die Chemorezeptor-Trigger-Zone.
  • Ondansetron: Dieser selektive Serotonin-(5-HT3)-Rezeptor-Blocker hemmt die Einleitung des Brechreflexes.

Für Betroffene stellt das zyklische Erbrechen Syndrom eine enorme körperliche Belastung dar. Durch das häufige Erbrechen kann es zu einem massiven Flüssigkeits- und Nährstoffverlust kommen, weshalb Betroffene in der Regel auch intravenös Flüssigkeit erhalten.

Darüber hinaus können Erkrankungen der Zähne und Zahnfleisches durch das häufige Erbrechen begünstigt werden, da der Zahnschmelz erodiert. Auch die Speiseröhre wird stark belastet, sodass es in besonders schweren Fällen zu Verletzungen in der Speiseröhre kommen kann.

Medizinalhanf gegen Übelkeit und Erbrechen

Inzwischen wurden über 40 Studien über die Effektivität von Cannabinoiden bei Übelkeit und Erbrechen durchgeführt. Eine zentrale Rolle spielt hier das Endocannabinoidsystem mit seinen Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2, die im gesamten Körper zu finden sind. Wird Cannabis mit seinen Cannabinoiden dem Körper zugeführt, aktivieren diese die Rezeptoren. Dass dieser Mechanismus so gut funktioniert, hängt damit zusammen, dass der Körper eigene Cannabinoide (Endocannabinoide) produzieren kann und beispielsweise an der Stimmungsregulierung und der Bekämpfung von Entzündungen beteiligt sind.

Verschiedene Studien zeigen, dass mithilfe der Aktivierung des Endocannabinoidsystems möglich ist, Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen zu lindern. So erklärten beispielsweise Forscher der University of Guelph in Kanada im Rahmen ihrer Studie, dass die Manipulation des Endocannabinoidsystems Übelkeit und Erbrechen bei Menschen und anderen Tieren reguliert. Die antiemetische Wirkung von Cannabinoiden hat sich bei einer Vielzahl von Tieren gezeigt, die als Reaktion auf eine toxische Belastung unter Erbrechen litten. Der CB1-Agonismus könne das Erbrechen unterdrücken und der CB1-Antagonismus kehre diesen Effekt um.

Im Ergebnis erklärten die Forscher, dass präklinische Untersuchungen darauf hinweisen, dass Cannabinoide, einschließlich CBD, bei der Behandlung von Übelkeit und Erbrechen wirksam sein können.

Besonders interessant ist, dass es bereits in den 70er und 80er Jahren einige Studien gab, die dies belegten.

Studien aus den 70er und 80er Jahren

Im Jahr 1975 erklärten Forscher im Rahmen ihrer Studie, anekdotische Berichte vermuten lassen, dass der Cannabiskonsum die mit Krebs-Chemotherapeutika verbundene Übelkeit und Erbrechen verringert. Orales Delta-9-Tetrahydrocannabinol wurde in einem kontrollierten, randomisierten doppelblinden Experiment mit Placebo verglichen. Alle Patienten erhielten Chemotherapeutika und jeder Patient sollte feststellen, ob THC eine antiemetische Wirkung hatte.

An der Studie nahmen 22 Patienten teil, von denen 20 auswertbar waren. Kein Patient erbrach sich nach der THC-Gabe und so erklärten sie Forscher, dass orales THC antiemetische Eigenschaften besitzt und wesentlich besser als ein Placebo wirkte.

Im Jahr 1980 erklärten dann Forscher, dass THC im Vergleich zu Placebos bei Patienten, die eine Chemotherapie gegen Krebs erhalten, ein wirksames Antiemetikum sei. In dieser Studie haben die Forscher THC mit Prochlorperazin (Compazin) in einer randomisierten, doppelblinden Crossover-Studie mit Patienten verglichen, die nicht von einer antiemetischen Standardtherapie profitieren konnten.

Unabhängig von der emetischen Aktivität der Chemotherapeutika gab es bei THC eine umfassendere Reaktion als bei Prochlorperazin. Von 25 Patienten, die mit beiden Medikamenten behandelt wurden und die eine Präferenz aussprachen, bevorzugten 20 THC. Bei Patienten unter 20 Jahren war der Anteil der vollständigen Reaktionen auf THC höher als bei älteren Patienten. Eine erhöhte Nahrungsaufnahme trat häufiger mit THC auf. Die Forscher schlossen daraus, dass THC ein wirksames Antiemetikum bei vielen Patienten ist, die eine Chemotherapie gegen Krebs erhalten und bei denen andere Antiemetika unwirksam sind.

Weitere Studien sind gerechtfertigt

Im Jahr 2014 erklärten Forscher der University of Calgary in Kanada, dass Cannabis seit langem dafür bekannt sei, Übelkeit und Erbrechen zu verhindern. Dies habe zu umfangreichen Untersuchungen geführt, die gezeigt haben, dass Cannabinoide und ihre Rezeptoren eine wichtige Rolle bei der Regulierung von Übelkeit und Erbrechen spielen. Mit der Entdeckung des Endocannabinoidsystems wurden neue Wege gefunden, um sowohl Übelkeit als auch Erbrechen zu regulieren. Im Rahmen ihrer Studie betrachteten die Forscher die jüngsten Fortschritte beim Verständnis der Regulation von Übelkeit und Erbrechen durch Cannabinoide und des Endocannabinoidsystems.

„Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass Cannabinoide ein erhebliches Potenzial für die Entwicklung therapeutischer Ansätze besitzen. Zukünftige Anstrengungen, die auf die Entwicklung neuer auf Endocannabinoid basierender Therapien gegen Übelkeit und Erbrechen abzielen, sind eindeutig gerechtfertigt“, so die Forscher.

CBD gegen Übelkeit und Erbrechen

Auch das nicht psychoaktive Cannabinoid CBD hat sich in Studien als hilfreich gegen Übelkeit und Erbrechen herausgestellt. Beispielsweise erklärten Forscher, darunter auch R. Mechoulam, dass die Ergebnisse ihrer Studie nahelegen, dass CBD seine antiemetische Wirkung die indirekte Aktivierung der somatodendritischen 5-HT (1A)-Autorezeptoren im dorsalen Raphe-Kern im zentralen Nervensystem hervorrufen kann.

 

Hinweis: In diesem Artikel berichten wir über rezeptpflichtiges CBD oder auch Cannabidiol. Dieser Artikel macht zur möglichen Zweckbestimmung keinerlei Vorschlag. Nutzversprechen bleiben den Apothekern überlassen.

 

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