Cannabis als Medizin bei Fibromyalgie

Autor: Christine Dr. Hutterer

Verõffentlicht am: 26. Juli 2017

Geändert am: 30. November 2017

Die Fibromyalgie ist eine Krankheit, die durch eine Vielzahl von Krankheitssymptomen gekennzeichnet ist. Bei jedem Patienten herrscht eine andere Kombination vor. Das vorrangigste Symptom, Muskel- und Bindegewebsschmerzen, ist nur eines von vielen belastenden Symptomen. Da bei vielen Beschwerden das Endocannabinoidsystem beteiligt ist, können Cannabinoide teilweise günstige Wirkungen haben.

Cannabis als Medizin bei Fibromyalgie

Was ist Fibromyalgie?

Der Begriff „Fibromyalgie“ bedeutet „Faser-Muskel-Schmerz“ und beschreibt damit das im Vordergrund stehende Symptom: allgemeine Muskel- und Bindegewebsschmerzen sowie Druckschmerz über bestimmten Schmerzpunkten („Tender Points“).

Begleitet wird die Erkrankung mit körperlichen als auch psychischen Symptomen, wie zum Beispiel Morgensteifigkeit, Wetterfühligkeit, Anschwellen der Hände, Füße sowie des Gesichts, Müdigkeit, Schlafstörungen, Antriebsschwäche und Konzentrationsschwierigkeiten. Mediziner sprechen daher auch vom Fibromyalgie-Syndrom.

Fibromyalgie: Ursachen weiterhin unbekannt

Obwohl die zugrunde liegende/n Ursache/n bei Fibromyalgie noch immer unbekannt sind, wird die Fibromyalgie den rheumatischen Erkrankungen zugeordnet und Rheumatologen sind die richtigen Ansprechpartner für diese Beschwerden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Diagnose meist erst nach vielen Jahren des Leidens gestellt werden kann, weil weder bildgebende Verfahren noch Blutwerte eindeutige Ergebnisse liefern. Die Krankheit verläuft chronisch und ist leider häufig therapieresistent, das bedeutet, dass verschiedene Behandlungsversuche keine oder nur unzureichende Verbesserungen bewirken. Viele Patienten leiden daher trotz Medikamenten unter starken Schmerzen und vielfältigen anderen Beschwerden.

Symptome der Fibromyalgie

Die Fibromyalgie tritt mit einer Vielzahl von Symptomen auf. Die meisten davon sind unspezifisch und können auch auf andere Krankheiten hinweisen oder sind eigenen, behandlungsbedürftige Krankheiten. Folgende Symptome sind typisch – doch nicht jeder mit diesen Symptomen, hat auch eine Fibromyalgie:

  • Gelenknahe Schmerzen fast immer an der Wirbelsäule, oft an Schultern, Ellbogen, Händen Knien, Sprunggelenken
  • Schmerzhafte Muskelverspannungen, z. B. am Hinterkopf, Brustbein, Gesichts- oder Kiefermuskulatur, Spannungskopfschmerzen
  • Müdigkeit, Erschöpfung
  • Schlafstörungen
  • Kloßgefühl im Hals
  • Magen-Darm-Beschwerden, Darmträgheit
  • Ödeme
  • Menstruationsschmerzen
  • Herzjagen
  • Atemnot
  • Gefühlsstörungen in Armen oder Beinen
  • Vermehrte Kälteempfindlichkeit
  • Vermehrtes Schwitzen
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Seelische Verstimmungen, Angstgefühle
  • Depressionen

Therapie bei Fibromyalgie

Da die Symptome und Ausprägungen der Fibromyalgie sich von Patient zu Patient unterscheiden können, ist schon die Diagnose der Krankheit ein Problem. Es handelt sich daher um eine Ausschlussdiagnose. Wenn die einzelnen Beschwerden und die damit häufig in Zusammenhang stehenden Krankheiten ausgeschlossen werden können, bleibt am Ende die Fibromyalgie übrig.

Die Behandlung der Fibromyalgie orientiert sich vor allem an den bestehenden Beschwerden. Je nach Beschwerdebild werden verschiedene Bausteine in unterschiedlicher Gewichtung miteinander kombiniert.

Therapie setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen:

  1. Schmerzmedikamente
  2. Sporttherapie und Funktionstraining
  3. Psychologische Maßnahmen (z.B. Verhaltenstherapie)
  4. Soziale Therapie
  5. Physikalische Therapie
  6. Ernährungstherapie
  7. Entspannungsmethoden
  8. Naturheilverfahren und komplementärmedizinische Verfahren

Wirkweise von Cannabis gegen Fibromyalgie

Die Wirkstoffe in Cannabis, die Cannabinoide, wirken auf das Endocannabinoidsystem ein. Das Endocannabinoidsystem ist Teil des Nervensystems. Zwei Rezeptoren (Bindungsstellen) für Endocannabinoide sind bisher bekannt (CB1 und CB2). An die Cannabinoidrezeptoren können sowohl körpereigene Cannabinoide, als auch die Cannabinoide aus der Hanfpflanze binden. Das bewirkt in den Nervenzellen eine bestimmte Reaktion.

Inzwischen weiß man, dass das Endocannabinoidsystem an zahlreichen Prozessen und Regulationen im menschlichen Körper beteiligt ist.

Der CB1-Rezeptor findet sich im gesamten Nervensystem und einigen Organen, wie beispielsweise dem Herzen oder der Milz. Der CB2-Rezeptor befindet sich vorwiegend auf Zellen des Immunsystems und Knochenzellen. Vom CB2-Rezeptor weiß man bisher nur, dass er in die Schmerzregulation involviert ist.

Ein Mangel an körpereigenen Endocannabinoiden geht beispielsweise mit Muskelverspannungen, chronischen Schmerzen, chronischen Kopfschmerzen, Darm- und Blasenproblemen, Schlafstörungen, depressiven Verstimmungen und Antriebslosigkeit einher. Werden die Cannabinoide von außen zugeführt, beispielsweise durch medizinisches Cannabis, so kann der Mangel ausgeglichen werden und die Beschwerden bessern sich.

Bei Fibromyalgie treten alle genannten Symptome auf, so dass man inzwischen vermutet, dass die Fibromyalgie möglicherweise eine Erkrankung des Endocannabinoid Systems sein könnte. Bewiesen ist das allerdings noch nicht. Dennoch kann das Wissen dabei helfen, Patienten zu behandeln. Denn wenn es mit Cannabinoiden möglich ist, günstig auf die bestehenden Symptome einzuwirken, können Patienten davon stark profitieren.

Erfahrungen mit Cannabis und Cannabinoiden bei Fibromyalgie

An einer Online-Umfrage der National Pain Foundation (USA) haben im Jahr 2014 mehr als 1.300 Patienten mit Fibromyalgie teilgenommen. Cannabis wurde von mehr als 60 Prozent der Betroffenen als wirksamstes Mittel zur Behandlung der Symptome genannt. Die meisten Patienten berichteten, dass keines der verfügbaren Medikamente die Beschwerden so effektiv beseitigt oder gelindert hätte, wie Cannabis.

Fibromyalgie: Cannabis als Therapie-Option denkbar

Obwohl die genauen Wirkzusammenhänge und die Entstehung von Fibromyalgie noch nicht geklärt sind, könnte Cannabis für Betroffene ein Segen sein. Betroffene sollten mit ihrem Arzt sprechen, um abzuklären, ob Cannabis als Therapie in Frage kommt. Die oben genannte Umfrage unter Fibromyalgie-Patienten brachte nämlich auch zu Tage, dass die drei in den USA bei Fibromyalgie zugelassenen Medikamente bei vielen Patienten nicht wirken. Nur ca. 10 bis 40 Prozent der Befragten profitierten von den Präparaten. Eine Cannabis-Therapie empfanden immerhin mehr als 60 Prozent bei den Symptomen als wirksam.

Differentialdiagnose

Die Fibromyalgie wird nicht eindeutig durch ein bestimmtes Beschwerdebild beschrieben. Es gibt eine Vielzahl von Krankheiten, die solche Beschwerden auslösen können. Entscheidend ist, dass die zugrunde liegende Krankheit erkannt wird. Nur so kann die Behandlung auch wirksam sein.

Folgende Erkrankungen können ähnliche Symptome hervorrufen und müssen abgeklärt werden (Differentialdiagnosen). Wenn dieser Krankheiten als Ursache für die Beschwerden ausgeschlossen werden können, bleibt die Fibromyalgie übrig.

  • Myofasziales Schmerzsyndrom
  • Rheumatoide Arthritis
  • Weichteilrheuma
  • Weitere rheumatische Erkrankungen
  • Anämie aufgrund von Vitamin-B12-Mangel mit neurologischen Störungen
  • Polyneuropathie
  • Borreliose
  • Hashimoto-Thyreoiditis
  • Multiple Sklerose
  • Epstein-Barr-Virus (Pfeiffersches Drüsenfieber)
  • Tendinosen, also degenerative Veränderungen der Sehnen oder Sehnenansätze
  • Übertraining bei Leistungssportlern und ambitionierten Hobbysportlern
  • Hypermobilitätssyndrom

Quellen:
http://nationalpainreport.com/marijuana-rated-most-effective-for-treating-fibromyalgia-8823638.html
https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org

 

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