Chronisches HWS-Syndrom: Wie kann medizinisches Cannabis helfen?

Autor: Alexandra Latour

Verõffentlicht am: 9. August 2017

Geändert am: 30. November 2017

Mehr als 15 Prozent der deutschen Bevölkerung leidet unter Schmerzen im Bereich der Halswirbelsäule. Tendenz steigend. Die Symptomkomplexe sind vielfältig und können orthopädischer und/oder neurologischer Natur sein. Nicht selten kommt es zu einem chronischen HWS-Syndrom, das für die Betroffenen mit teils erheblichen Alltagseinschränkungen einhergeht. Studien belegen, dass medizinisches Cannabis bei chronischen Schmerzen effektiver und nebenwirkungsarmer sein kann als Schmerzmedikamente. Demnach besitzt medizinisches Cannabis das Potenzial, die Schmerzmedikation der Zukunft zu werden.

Chronisches HWS-Syndrom: Wie kann medizinisches Cannabis helfen?

Was ist ein HWS Syndrom?

Ein akutes HWS-Syndrom tritt plötzlich auf, beispielsweise nach einem Unfall. Innerhalb der ersten drei Monat handelt es sich um ein subchronisches HWS-Syndrom und halten die Beschwerden länger als drei Monate an, wird von einem chronischen HWS-Syndrom gesprochen. Meist basiert das chronische HWS-Syndrom auf degenerativen Veränderungen im Bereich der Halswirbelsäule. Betroffen sind hier häufig die Zwischenwirbelgelenke.

HWS-Syndrom: Was sind häufige Symptome?

Das HWS-Syndrom kann unterschiedliche unklare Schmerzzustände auslösen. Sehr häufig treten Beschwerden im Hals- und Schulterbereich auf. Aber auch Beschwerden im Nacken und im Rücken können durch das HWS-Syndrom hervorgerufen werden. Diese brennenden oder ziehenden Schmerzen ziehen sogar bis zum Hinterkopf und zu den Innenseiten der Schulterblätter. Bei Kopfbewegungen nimmt der Schmerzzustand häufig noch zu, weshalb Betroffene unbewusst eine schiefe Körperhaltung einnehmen. Infolge dessen kommt es zu weiteren Verspannungen und Verhärtungen in der Muskulatur.

Viele Betroffene klagen auch über HWS-Symptome in Form von Nackensteifigkeit und Spannungskopfschmerzen bis hin zu Migräne-Anfällen. Zeitweise kann es durch das HWS-Syndrom zu Schlafstörungen, innere Unruhe und Müdigkeit kommen. Chronifiziert sich das Beschwerdebild, nehmen diese HWS-Symptome zu, was Betroffene zusätzlich belastet.

In besonders starken Belastungs- und Stresssituationen werden oftmals noch die folgenden Symptome beschrieben:

  • Schwindel
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Schluckbeschwerden
  • Übelkeit
  • Sehstörungen

Wenn für das HWS-Syndrom eine Nervenquetschung oder -reizung verantwortlich ist, treten Empfindungsstörungen und Taubheitsgefühle auf. Betroffen ist dann meist auch das vegetative Nervensystem, wodurch es infolge dessen zu Herzrasen, Nervosität und vermehrter Schweißbildung kommt. Einige Betroffene klagen zudem über Schwächegefühle und einer Kraftminderung.

Mittlerweile ist bekannt, dass das HWS-Syndrom einen Bluthochdruck (Hypertonie) verursachen kann. Da die Nackenmuskulatur mit einem Bereich des Gehirns verbunden ist, das die Atmung, den Herzschlag sowie den Blutdruck steuert, kann es bei Verspannungen und Verhärtungen in der Nackenmuskulatur dazu kommen, dass falsche Signale zu diesem Bereich im Gehirn gelangen und der Blutdruck beeinflusst wird.

Chronische Schmerzen können ernsthafte psychische Auswirkungen haben, denn diese setzen Körper unter enormen Stress. Die Stimmung, die Motivation als auch das Schlafmuster der Betroffenen können beeinträchtigt werden. Nicht selten führt dies zu ernsthaften psychischen Störungen wie Depressionen.

Was sind die Ursachen für das HWS-Syndrom?

Immer mehr Menschen verbringen den Großteil ihrer Zeit sitzend, was wohl die Hauptursache für die Entstehung eines HWS-Syndroms sein dürfte, wobei das Gleiche auch für das LWS-Syndrom gilt. Arbeiten am Computer, lange Bahn- oder Autofahrten, häufiges Fernsehen und zu wenig Bewegung tragen in erheblichem Maße dazu bei, dass die Halswirbelsäule zunehmend schwächer wird. Durch Fehl- und Überlastungen verspannt sich die Muskulatur und es zeigen sich die typischen Beschwerden eines HWS-Syndroms.

Generell kommt für ein HWS-Syndrom eine Vielzahl von möglichen Ursachen in Frage.

Hierzu gehören:

  • Verletzungen oder Unfälle (z. B. Schleudertrauma)
  • Degenerative Wirbelsäulenerkrankungen (z. B. Arthrose, Spondylose oder Facettensyndrom)
  • Protrusion der HWS (Bandscheibenvorwölbung)
  • Segmentale Dysfunktion (Blockierung von Wirbelgelenken infolge einer Dauerbelastung)
  • Entzündungen (z. B. Rheuma)
  • Fibromyalgie
  • Somatoforme Schmerzstörung

Psychische Faktoren wie Angst oder Sorge können ebenfalls Auslöser für ein HWS-Syndrom sein. Auch der Stressfaktor ist nicht zu unterschätzen. So führt Dauerstress zu inneren Spannungszuständen, die wiederum Verspannungen an der Halswirbelsäule hervorrufen können.

Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule

Der „Bandscheibenvorfall HWS“ gehört ebenfalls zu den Ursachen eines HWS-Syndroms. Jedoch kommt ein Bandscheibenvorfall an der HWS seltener vor als an dem stärker beanspruchten Lendenwirbelbereich. Begünstigen können den Bandscheibenvorfall im Nacken bzw. an der HWS beispielsweise Abnutzungserscheinungen. Dabei äußern sich die Bandscheibenvorfall HWS Symptome in Form von einschießenden Schmerzen und Missempfindungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle, die bis in die Arme ausstrahlen können. Auch Kopfschmerzen zählen zu den möglichen Anzeichen eines Bandscheibenvorfalls am Halswirbel.

HWS-Distorsion – häufige Folge von Unfällen

Die HWS-Distorsion (umgangssprachlich: Schleudertrauma) ist kein eigenständiges Krankheitsbild. Es handelt sich vielmehr um einen Unfallmechanismus. Dieser kann zu einer Weichteilverletzung, wie beispielsweise einer Muskelzerrung, an der HWS führen. Nerven, Gelenke, Knochen oder Blutgefäße sind nur sehr selten bei einer HWS-Distorsion betroffen.

Beim Schleudertrauma wirken unterschiedliche Biege- und Scherkräfte, die dazu führen, dass es zu einer unerwarteten Verbiegung der HWS kommt. Mediziner sprechen dann von einer HWS-Distorsion, also einer Verstauchung der Halswirbelsäule. Diese darf nicht mit dem chronischen HWS-Syndrom verwechselt werden.

Aus medizinischer Sicht ist die HWS-Distorsion in aller Regel harmlos, auch wenn es vorübergehend zu Entzündungen und Schwellungen des Gewebes kommt, was für den Betroffenen sehr schmerzhaft sein kann. Gleichzeitig spannen sich reflexartig die Muskeln im HWS-Bereich an, um den Hals und den Rücken zu schützen. Die Beschwerden klingen je nach Stärke der HWS-Distorsion nach wenigen Tagen bis Wochen vollständig ab.

Gemäß der Quebec-Task-Force (QTF) lässt sich die HWS-Distorsion in die folgenden Schweregrade einteilen:

  • Schweregrad 0: Klinischer Befund ohne Schmerzen.
  • Schweregrad I: Keine klinischen Befunde. Verspannungen/Überempfindlichkeit und Schmerzen im Nacken.
  • Schweregrad II: Wie bei Schweregrad I sowie zusätzlich Bewegungseinschränkungen, Druckschmerzen und Muskelzerrung. Möglich sind Hämatom-Bildungen durch Gefäßverletzungen.
  • Schweregrad III: Wie bei Schweregrad II sowie zusätzlich Lähmungserscheinungen und Muskeleigenreflexe.
  • Schweregrad IV: Verletzung des Rückenmarks, Bänderriss und/oder Fraktur der Halswirbelsäule. Querschnittslähmung möglich.

Viele Jahre lang war es üblich, die Halswirbelsäule nach einem Schleudertrauma mit Hilfe einer HWS-Schiene oder einer Schaumstoff-Halskrause ruhigzustellen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass diese übertriebene Schonhaltung die Heilung nicht fördert, weshalb empfohlen wird, den Heilungsprozess durch spezielle Nackenübungen zu unterstützen. Eine Ruhigstellung ist nur dann angezeigt, wenn durch das Schleudertrauma eine Fraktur an der Halswirbelsäule entstanden ist.

HWS Syndrom: Behandlung & Therapie

Die richtige Behandlung eines HWS-Syndroms ist nicht leicht, vor allem dann, wenn sich dieses chronifiziert. Ursachen und Krankheitsverläufe unterscheiden sich ebenso wie die möglichen Therapieformen. In der Regel führt aber eine Kombination von mehreren Therapien zum Erfolg.

In akuten Fällen wird das HWS-Syndrom zunächst mit Schmerzmitteln behandelt. Nicht-steroidale Antirheumatika wie Diclofenac, Paracetamol oder Ibuprofen kommen dann zum Einsatz. Bei besonders starken Schmerzen verordnen Ärzte auch des Öfteren Medikamente aus der Morphine-Gruppe (z. B. Tramadol oder Tilidin). Hier ist jedoch Vorsicht geboten, da diese bei einer längeren Einnahme eine Abhängigkeit auslösen. Außerdem kann sich der Körper im Laufe der Zeit an Opioide gewöhnen, was die Behandlung von chronischen Schmerzen unwirksam macht.

Bei starken Muskelverspannungen werden ergänzend noch Muskelrelaxanzien wie Tolperison oder Flupirtin gegeben, um die Muskulatur zu lockern. Um den Gebrauch von Schmerzmitteln zu senken, verordnen einige Ärzte auch ein Antidepressivum, da hierdurch eine gewisse schmerzdistanzierende Wirkung hervorgerufen werden kann.

Alle diese Medikamente – seien es Schmerzmittel, Muskelrelaxanzien oder Antidepressiva – führen teils zu erheblichen Nebenwirkungen. Das gilt insbesondere dann, wenn die Medikamente über längere Zeit eingenommen werden. Schäden an Organen können ebenso nicht ausgeschlossen werden.

Neben der Medikamentengabe werden auch immer verschiedene Anwendungen empfohlen, um die Muskulatur zu lockern und die Beweglichkeit der Halswirbelsäule wieder herzustellen. Hierfür wird häufig eine Mischung aus Physiotherapie, Massage, manueller Therapie sowie ein gezieltes Krafttraining genutzt. Unterstützend zur HWS-Therapie eignen sich auch Wärmeanwendungen oder Akupunktur. Physiotherapeuten zeigen den Betroffenen zudem spezielle Halswirbelsäulen-Übungen, die sie dann regelmäßig zu Hause durchführen können.

Medizinisches Cannabis gegen chronische Schmerzen beim HWS-Syndrom

Mit der Gründung der Cannabis Agentur in Deutschland, die zum Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gehört, wird medizinisches Cannabis seit März 2017 unter staatlicher Aufsicht vertrieben. Unter anderem hat die Bundesopiumstelle laut des Deutschen Hanfverbandes auch für chronische Wirbelsäulensyndrome eine Ausnahmegenehmigung für den legalen Einsatz von Cannabis erteilt.

Viele Studien belegen das therapeutische Potenzial von Cannabismedikamenten als pflanzliches Schmerzmittel bei chronischen neuropathischen Schmerzen. Hingegen ist medizinisches Cannabis bei akuten Schmerzen unwirksam oder schlecht, da Cannabinoide die schmerzhemmenden Nervenbahnen blockieren, die vom Gehirn in die Peripherie führen und neue Schmerzreize unterdrücken. Deshalb können Cannabinoide akute Schmerzen sogar verstärken. Bei chronischen Schmerzen versagt hingegen diese Schmerzhemmung, sodass Cannabinoide hier eine schmerz dämpfende Wirkung zeigen können.

Welche medizinische Cannabis Sorte kann beim chronischen HWS-Syndrom helfen?

Es ist äußerst kompliziert, aus den richtigen Cannabis Sorten auszuwählen und hier bedarf es eines Facharztes, der sich mit den unterschiedlichen Sorten auskennt und diese im Rahmen der Cannabis Therapie verschreibt. So sollte der Arzt die Unterschiede zwischen Sativa- und Indica-Sorte in Bezug auf ihre medizinische Anwendbarkeit kennen. Zwar enthalten alle psychotropen Cannabis Typen aktive Bestandteile, jedoch rufen die Anteile in den beiden Haupt Cannabinoiden THC und CBD in den unterschiedlichen Cannabis Sorten verschiedene Effekte hervor.

In vielen medizinischen Cannabis Sorten ist der Anteil an THC höher als der CBD-Gehalt. So kann zum Beispiel in einer Sorte 19 Prozent THC und weniger als 1 Prozent CBD gemessen werden. Dennoch hat dieser geringe CBD-Anteil einen Einfluss darauf, wie sich das Medikament auf den Patienten auswirkt. Zwar ist CBD nicht psychotrop, es kann aber allerlei medizinische Heilkräfte entwickeln und zudem das TCH abmildern.

In der Regel besitzen Indica-Sorten einen mittleren bis hohen THC-Anteil und auch einen hohen Anteil an CBD. Auch die Sativa-Sorten haben einen mittleren bis hohen THC-Gehalt, jedoch einen niedrigen CBD-Gehalt. Aktuell werden gerade Cannabis Sorten entwickelt, die einen sehr hohen CBD-Gehalt aufweisen. Einige von diesen Sorten, wie zum Beispiel Ruderalis, existieren bereits. Mithilfe dieser Cannabissorten können Patienten von der Cannabis Wirkung profitieren, ohne den psychotropen Effekt zu erleben. Neben dem THC und CBD kommen noch THCV, CBN, CBC und CBL in der Hanfpflanze vor, die die einzelnen Effekte der beiden Haupt Cannabinoide verstärken können und verantwortlich für die verschiedenen Wirkungen sind.

Medizinisches Cannabis: Indica oder Sativa?

Im Allgemeinen wirken Indica-Sorten beruhigend und erzeugen ein gewisses High-Gefühl. Der entspannende Effekt ist sehr stark, weshalb Indica vor allem bei der Behandlung von Multipler Sklerose, Muskelspasmen, Arthritis, Schlaflosigkeit, Ängsten und auch chronischen Schmerzen angewendet wird.

Die Sativa-Sorten bewirken ein zerebrales energiegeladenes High-Gefühl. Eingesetzt werden diese Sorten vor allem gegen Übelkeit und Brechreiz sowie Appetitlosigkeit. Aber auch Migräne, Depressionen und chronische Schmerzen können mit Sativa-Sorten gut behandelt werden.

Zur Linderung von Schmerzen, die im Rahmen eines chronischen Wirbelsäulensyndroms auftreten, eignen sich beide Sorten als Cannabis Medizin, ganz besonders aber Kreuzungen aus Sativa- und Indica-Sorten. Eine Hybridsorte kann bei Patienten die geistige Klarheit fördern und gleichzeitig die beruhigende Wirkung mildern.

Studien belegen Wirksamkeit von Cannabinoiden bei chronischen Schmerzen

Die Hanfpflanze beinhaltet viele Verbindungen, die vor allem schmerzlindernd und entzündungshemmend wirken. Wenn medizinisches Cannabis dem Körper zugeführt wird, interagieren diese Pflanzenverbindungen mit dem körpereigenen Endocannabinoid System, das aus zahlreichen Rezeptoren besteht, die im gesamten Körper und im Gehirn verteilt sind. Diese Rezeptoren spielen bei einer Vielzahl von physiologischen Prozessen wie dem Gedächtnis, dem Schmerzmanagement und dem Appetit eine bedeutende Rolle. Cannabis enthält mehr als 100 aktive Cannabinoide, wobei die beiden bekanntesten Delta-9-Tetrahydrocannabinol (TCH) und Cannabidiol (CBD) sind.

Die Wirkungsmechanismen durch Cannabinoide sind sehr gut erforscht. Bereits im Jahr 1990 konnten Forscher des Psychologischen Institutes für Beratung und Forschung in Zürich die Wirksamkeit von TCH gegen Schmerzen belegen. Einer Gruppe von Probanden mit schmerzhaften Spastiken nach einer Rückenmarksverletzung wurde 5 Milligramm THC verabreicht. Die andere Gruppe erhielt 50 Milligramm des Schmerzmittels Kodein. Wiederum eine andere Probandengruppe bekam ein Placebo. Das Resultat war, dass THC dem Kodein überlegen war und zu einer deutlichen Schmerzlinderung führte.

Auch viele neuere Studien belegen die Wirksamkeit von Cannabis gegen Schmerzen. So wurde im kanadischen Medical Association Journal eine Forschungsarbeit veröffentlicht, bei der die Effizienz von medizinischem Cannabis als Schmerzmedikament untersucht wurde. Patienten mit postoperativen neuropathischen Schmerzen erhielt im Rahmen der Cannabis Schmerztherapie dreimal täglich über fünf Tage Cannabis mit unterschiedlichen THC-Konzentrationen. Im Ergebnis heißt es, dass nicht nur die Schmerzintensität abnahm. Die Probanden berichteten, dass sie das medizinische Cannabis gut vertrugen und dass sich auch der Schlaf verbessert.

Im Jahr 2016 erhielten 274 chronische Schmerzpatienten, die regelmäßig Opioide einnahmen, medizinisches Cannabis. Diese Behandlung führte zur Schmerzsenkung und es konnten verbesserte funktionelle Ergebnisse verzeichnet werden. In einer Nachuntersuchung konnte zudem festgestellt werden, dass der Opioidkonsum um 44 Prozent gesenkt werden konnte.

Interessant ist auch eine Auswertung von 11 randomisierten kontrollierten Studien aus dem Jahr 2017. Chronische Schmerzpatienten, bei denen die konventionelle Behandlung keine effektive Wirkung zeigte, wurden mit selektiven Cannabinoiden (Dronabinol, Nabilone, Nabiximole) behandelt. Die Patienten berichteten über eine signifikante Minderung der Schmerzen nach dieser Cannabis Schmerztherapie. Auch der Schlaf und die Lebensqualität habe sich laut der Probanden verbessert.

Fibromyalgie und HWS-Beschwerden

An der chronischen Schmerzerkrankung Fibromyalgie (Weichteilrheuma) leiden schätzungsweise zwei Prozent der Bevölkerung. Vorwiegend sind Frauen betroffen. Die Symptome der Fibromyalgie können äußerst vielfältig sein. Neben Erschöpfung, Müdigkeit, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Schwindel treten auch Beschwerden im Muskel-Skelett-System auf. Typisch sind hier chronische Schmerzen an der Halswirbel-, Lenden– und Brustwirbelsäule. Auch Gelenkschmerzen, Muskelkrämpfe und Steifheit in den Muskeln gehören zu den Symptomen dieser Erkrankung.

Die Diagnose ist aufgrund der vielen möglichen Symptome schwierig. Hinzu kommt, dass sich die krankhaften Vorgänge weder mit den üblichen Blutwerten noch mit Röntgenaufnahmen nachweisen lassen. Als Diagnosehilfe werden sogenannte Tender-Points genutzt. Diese befinden sich an unterschiedlichen Körperstellen. Im Bereich der Halswirbelsäule gibt es allein 10 solcher Tender-Points, und wenn ein Patient an mindestens 11 von 18 Tender-Points einen Druckschmerz verspürt und seit über drei Monaten an chronischen Schmerzen leidet, liegt der Verdacht nahe, es sich um eine Fibromyalgie handelt.

Fibromyalgie: Ursachen sind im Endocannabinoid-System zu suchen

Die Ursachen der Erkrankung sind unbekannt. Jedoch wird es jetzt für möglich gehalten, dass das Endocannabinoid-System eine wichtige Rolle spielt. In einer Abhandlung über den Endocannabinoid-Mangel beschreibt Ethan Russo von GW Pharmaceuticals, wie körpereigene Cannabinoide (Anandamid), die eine Überempfindlichkeit reduzieren, mit dem Gehirn kommunizieren. THC verhält sich ähnlich wie Anandamid, wenn es dem Körper zugeführt wird.

Im Rahmen einer Studie an der McGill Universität wurden 302 Patienten mit Fibromyalgie sowie 155 Patienten mit chronischen Schmerzen in Bezug auf die Vorteile von Cannabinoiden untersucht. 72 Prozent der Patienten gaben an, dass sie 1 Gramm oder weniger medizinisches Cannabis benötigten, um eine signifikante Schmerzlinderung zu spüren. Im Vergleich zu konventionellen Therapiemethoden mit Schmerzmitteln und Opioiden, wo weitaus höhere Dosen zur Schmerzlinderung nötig sind, wäre die Behandlung mit medizinischem Cannabis ein vorteilhafter Ersatz.

Was ändert sich durch das neue BtMG im März 2017 für HWS-Patienten?

Der Erwerb von Cannabisblüten und Cannabisextrakten war in Deutschland bislang lediglich mit einer Ausnahmegenehmigung vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) möglich. Seit März 2017 wird diese nicht mehr benötigt. Das bedeutet, dass Ärzte nun medizinisches Cannabis in Form von getrockneten Blüten bis zu 100.000 Milligramm innerhalb von 30 Tagen auf einem Betäubungsmittelrezept verschreiben dürfen. Um die Kosten erstattet zu bekommen, sollten Patienten zuerst einen Kostenübernahmeantrag bei ihrer Krankenkasse stellen.

Arthrose als Ursache – auch hier kann medizinisches Cannabis helfen

Degenerative Wirbelsäulenerkrankungen wie Arthrose können für ein HWS-Syndrom ursächlich sein. Die Arthrose an der Halswirbelsäule (cervicale Spondylarthrose) entsteht durch eine Abnutzung der Halswirbel und der Bandscheiben. Durch den Verschleiß treten schmerzhafte Nerveneinklemmungen auf und in späteren Stadien verschmälern sich die Bandscheiben, wodurch Nervenkompressionen verursacht werden.

Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2016 an der Central South University in China hat nachgewiesen, dass Cannabinoide bei der Behandlung von Arthrose hilfreich sein können, um die Beschwerden zu lindern. Während das Cannabinoid THC hier schmerzstillend und entzündungshemmend wirkt, kann das Cannabinoid CBD den Zustand des Immunsystems verbessern sowie als Stimmungsaufheller dienen.

Quellen:

Deutsche Schmerzgesellschaft e.V., Prof. Michael Schäfer, 2016, Cannabis als Arzneimittel – Fakten und Herausforderungen

PSIN – Psychologisches Institut für Beratung und Forschung, Zürich, Switzerland, Maurer M1, Henn V, Dittrich A, Hofmann A., 1990, Delta-9-tetrahydrocannabinol shows antispastic and analgesic effects in a single case double-blind trial

Medical Association Journal, Canada, Mark A. Ware et al., 2010, Smoked cannabis for chronic neuropathic pain: a randomized controlled trial

Pain Relief Unit Department of Anesthesia and Critical Care Medicine, Hadassah-Hebrew University Medical Center Hadassah School of Dental Medicine, Hebrew University, Jerusalem, Israel †Department of Anesthesiology, Division of Clinical and Translational Research, Washington University School of Medicine, Saint Louis, MO, Haroutounian S1 et al., 2016, The Effect of Medicinal Cannabis on Pain and Quality-of-Life Outcomes in Chronic Pain: A Prospective Open-label Study

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Neuro Endocrino Lett., Smith, SC, Wagner MS, 2014, “ Clinical endocannabinoid deficiency (CECD) revisited: can this concept explain the therapeutic benefits of cannabis in migraine, fibromyalgia, irritable bowel syndrome and other treatment-resistant conditions?

McGill Universität, Peter A. Ste-Marie, Mary-Ann Fitzcharles, Ann Gamsa, mark A. Ware, Yoram Shir, 2012, Association of herbal cannabis use with negative psychosocial parameters in patients with fibromyalgia

Department of Rehabilitation, The Second Xiangya Hospital, Central South University, Changsha, Hunan 410011, P.R. China, Kong Y1, 2016, “Cannabinoid WIN‑55,212‑2 mesylate inhibits ADAMTS‑4 activity in human osteoarthritic articular chondrocytes by inhibiting expression of syndecan‑1

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