Sativa vs. Indica: Was sagen Experten?

Es wird schon länger darüber diskutiert, ob es überhaupt sinnvoll ist, Cannabis in die Sorten Sativa, Indica und Ruderalis einzuteilen. Experten zufolge sei das individuelle Cannabinoid- und Terpenenprofil ein viel wichtigerer Unterscheidungsfaktor.

Sativa vs. Indica: Was sagen Experten?

Über viele Generationen hinweg, wird Cannabis (Hanf) seit langem in drei Sorten unterschieden. So soll Cannabis Sativa einen belebenden und erhebenden zerebralen Effekt („Sativa-High“) erzeugen, der sich gut mit körperlicher Aktivität, geselligen Zusammenkünften und Kreativität kombinieren lässt. Hingegen sollen sich Cannabis Indica und Cannabis Ruderalis entspannend auswirken und kein starkes „High Gefühl“ auslösen.

Diese Überzeugung, dass hauptsächlich Sativa und Indica sowie Cannabis Ruderalis unterschiedliche Wirkungen haben, ist tief in der Cannabiskultur verwurzelt. Die von Cannabisforschern gesammelten Daten deuten jedoch darauf hin, dass diese Unterschiede nicht so aussagekräftig sind, wie eigentlich gedacht.

Mit anderen Worten, es gibt kaum Anhaltspunkte dafür, dass Indica und Sativa ein konsistentes Muster chemischer Profile aufweisen und sedierend bzw. erhebend wirken. Indica- und Sativa-Cannabis Sorten wachsen zwar unterschiedlich und sehen auch unterschiedlich aus, jedoch sind diese Unterschiede in erster Linie für den Anbau bzw. die Züchtung von Bedeutung.

Wachstumseigenschaften SativaWachstumseigenschaften Indica
Sativa Sorten wachsen ein bis drei Meter hoch;
im Freien sogar bis zu fünf Meter.
Indica Sorten wachsen kürzer und buschiger.
In der Regel wachsen die Pflanzen lang und
dünn. Wachsen sie unbeschnitten auf,
können sie auch buschig werden.
Im Vergleich zu den Sativa Pflanzen sind
die Blätter dunkelgrün und dick. Außerdem
produzieren sie schwere Knospen und bieten
einen hohen Ertrag.
Die Pflanzen sind gut geeignet für den Anbau im
Freien, da sie eine längere Blütezeit aufweisen.
Die Pflanzen weisen eine kurze Blütezeit auf,
weshalb der Anbau oftmals im Innenbereich
erfolgt.
Herkunft / Anbau: Mexiko, Kolumbien, Jamaika,
Thailand etc.
Herkunft / Anbau: Indien, Pakistan, Marokko,
Afghanistan, Libanon etc.
Bekannte Sorten für den Freizeitkonsum: z. B.
Dutch Haze oder Durban Poison. Der
bekannteste Sativa-Hybride ist Amnesia Haze.
Bekannte Sorten für den Freizeitkonsum:
Northern Lights oder Super Silver Haze.
Northern Lights findet auch
medizinisch Anwendung.

Ausführliche Informationen über die Unterschiede finden Sie in diesem Artikel.

Sativa und Indica: Ein Rückblick in die Geschichte

Die Begriffe „Indica“ und „Sativa“ wurden im 18. Jahrhundert eingeführt, um verschiedene Arten von Cannabis Sativa L. zu beschreiben. Carl Linneaus beschrieb im Jahr 1753 „Cannabis Sativa“ erstmals als „gewöhnlichen Hanf“, der vorwiegend in Europa und West-Eurasien vorzufinden war. Hier werden die Sativa-Pflanzen hauptsächlich wegen ihrer Fasern und Samen kultiviert.

Jean-Baptiste Lamarck definiert hingegen den Begriff „Cannabis Indica“ etwa 32 Jahre später mit psychoaktiven Sorten, die in Indien („Indischer Hanf“) entdeckt wurden. Hier werden die Indica-Pflanzen für die Samen-, Faser- und die Haschisch-Produktion geerntet.

Obwohl die Cannabissorten für den Freizeitkonsum größtenteils aus Cannabis-Indica stammen, werden beide Begriffe – wenn auch fälschlicherweise – verwendet, um die Tausenden von Sorten zu beschreiben, die heute auf dem Markt sind.

Sativa- und Indica-Pflanze

Sativa- und Indica-Pflanze

Botanische Definition der Cannabis Pflanze hat sich verändert

Heutzutage bezieht sich „Sativa“ auf große, schmalblättrige Cannabissorten, von denen angenommen wird, dass sie energetisierende Wirkungen hervorrufen. Diese Cannabis Sorten waren jedoch ursprünglich Cannabis Indica ssp. Indica.

Indica-Pflanzen sind hingegen kräftige, breitblättrige Pflanzen, von denen angenommen wird, dass sie eine sedierende Wirkung haben. Diese breitblättrigen Cannabis Sorten sind technisch gesehen Cannabis Indica ssp. Afghanica.

In der Regel enthalten Sativa Sorten einen hohen THC-Gehalt und einen niedrigen Cannabidiol-Gehalt. Bei den Indica Sorten ist generell der Cannabidiol-Anteil höher und der THC-Anteil geringer.

Was wir „Hanf“ nennen, bezieht sich auf die industriellen, nicht berauschenden Hanf Sorten, die hauptsächlich für die Gewinnung von Samen angebaut werden. Aus den Samen kann zum Beispiel Hanföl hergestellt werden. Ursprünglich hießen sie jedoch Cannabis Sativa Sorten.

Wo ist der Unterschied zwischen Sativa und Indica?

Ethan Russo, Neurologe und Cannabisforscher, erklärte in einem aktuellen Interview, dass die botanischen Eigenschaften nichts über das Wirkungsspektrum aussagen. Die Antwort liege vielmehr in den Cannabinoiden und im Terpenenprofil.

„Die Art und Weise, wie die Unterschiede zwischen Sativa und Indica erklärt werden, ist Unsinn. Die klinischen Wirkungen des Cannabis-Chemovars (Varianten) haben nichts damit zu tun, ob die Pflanze groß, dünn, kurz oder buschig ist oder ob die Blättchen schmal oder breit sind“, so Russo.

Der Chemiker Jeffrey Raber, der das erste unabhängige Testlabor zur kommerziellen Analyse von Cannabisterpenen gegründet hat, stimmte zu und erklärte, dass es keine sachliche oder wissenschaftliche Grundlage für diese Unterschiede gebe. Man solle damit aufhören, die Cannabis Sorten so zu unterscheiden. Vielmehr sollte man sich darauf konzentrieren, welche standardisierte Cannabiskomposition welche Wirkungen hervorruft.

„Das bedeutet, dass nicht alle Sativa Sorten energetisieren und nicht alle Indicas beruhigen. Sie können eine Tendenz feststellen, dass Sativas erhebend und Indicas entspannend wirken, insbesondere wenn wir erwarten, dass wir uns auf die eine oder andere Weise so fühlen. Beachten Sie nur, dass es keine feste Regel und keine determinierenden chemischen Daten gibt, die ein perfektes Vorhersagemuster unterstützen“, so Raber.

Wirkungsspektrum hängt von verschiedenen Faktoren ab

Die Wirkungen einer bestimmten Cannabis-Sorte hängen von einer Reihe verschiedener Faktoren ab, einschließlich des chemischen Profils, der Biologie, Verträglichkeit, Dosis und Verzehrmethode.

Die Cannabispflanze besteht aus Hunderten von chemischen Verbindungen, die eine einzigartige Harmonie von Wirkungen erzeugen, die hauptsächlich von Cannabinoiden und Terpenen geleitet wird. Cannabinoide wie THC und CBD sind die Haupttreiber für die therapeutischen und entspannenden Wirkungen von Cannabis.

THC wirkt berauschend, regt den Appetit an und kann Symptome wie chronische Schmerzen und Übelkeit lindern. Hingegen löst CBD keine psychoaktive Wirkung aus und ist bekannt dafür, Angstzustände, Schmerzen, Entzündungen und andere Beschwerden zu lindern.

Wichtige Phytocannabinoide und ihr Wirkungsspektrum

Anstatt sich auf die unterschiedlichen Sorten der Cannabis Pflanze zu konzentrieren, ist es viel wichtiger, sich mit den beiden Hauptcannabinoiden vertraut zu machen.

THC-dominante Stämme werden hauptsächlich von Freizeitkonsumenten ausgewählt, die ein starkes euphorisches Erlebnis suchen. Für Patienten eignet sich eine solche medizinische Sorte, wenn sie beispielsweise unter chronischen Schmerzen und Schlaflosigkeit leiden. Wenn der THC-Gehalt zu hoch ist und sich unangenehme Nebenwirkungen bemerkbar machen wie zum Beispiel Angst, kann eine Sorte mit einem höheren CBD-Gehalt die Alternative sein.

  • Cannabidioldominante Stämme enthalten im Vergleich nur geringe Mengen an THC und sind vor allem für Patienten geeignet, die hochempfindlich auf THC reagieren.
  • Stämme mit einem ausgeglichenen THC-/CBD-Gehalt bieten neben einer Linderung verschiedener Symptome eine leichte Euphorie. Diese sind in der Regel eine gute Wahl für unerfahrene Patienten.
  • Sowohl Indica- als auch Sativa-Stämme können diese unterschiedlichen Cannabinoidprofile aufweisen.

„Anfangs dachten die meisten Menschen, dass ein höherer CBD-Spiegel eine Sedierung verursacht und dass das nicht-psychoaktive Phytocannabinoid häufiger bei Indica-Sorten vorkommt. Heute wissen wir, dass dies definitiv nicht der Fall ist. Wir sind eher geneigt, CBD in Sativa-ähnlichen Sorten zu sehen, aber es gibt in dieser Hinsicht keine systematische Regel oder Beziehung“, erklärte Raber.

Terpene sind für den Geruch und Geschmack verantwortlich. Außerdem können sie medizinische Eigenschaften haben.

Wie wichtig ist das Terpenenprofil in der Cannabispflanze?

Terpene sind aromatische Verbindungen, die üblicherweise von Pflanzen und Früchten produziert werden. Sie kommen zum Beispiel in Lavendelblüten, Orangen, Hopfen, Pfeffer und natürlich in Cannabis vor. Terpene, die von denselben Drüsen abgesondert werden, die THC und CBD quellen lassen, riechen nach Beeren, Zitrusfrüchten, Kiefern und vielem mehr.

„Cannabisterpene scheinen die Hauptakteure bei der Förderung der Beruhigungs- oder Energieeffekte zu sein“, führte Raber aus.

Wie ätherische Öle, die in einem Diffusor verdampft werden, können Cannabisterpene dazu führen, dass wir uns stimuliert oder beruhigt fühlen, je nachdem, welche Öle produziert werden. Pinen ist beispielsweise ein euphorisch wirkendes Terpen, während Linalool entspannende Eigenschaften besitzt. Es gibt viele Terpenenarten in Cannabis, und es lohnt sich, sich zumindest mit den häufigsten Arten vertraut zu machen.

„Welche Cannabisterpene welche Wirkungen hervorrufen, ist anscheinend viel komplizierter, als wir alle es uns wünschen, da es so scheint, als ob es von bestimmten Cannabisterpenen abhängt und ihrem relativen Verhältnis zueinander und zu den Cannabinoiden“, so Raber.

Laut Raber bestimmt die Indica- oder Sativa-Morphologie eines Stammes diese Aromen und Wirkungen nicht spezifisch.

Studie an der Dalhousie University Kanada

Neben Raber hat sich auch die Dalhousie University in Kanada mit der Genetik von Cannabispflanzen beschäftigt. Die Forscher untersuchten 83 Züchtungen von kanadischen lizensierten Cannabisproduzenten. Es war den Forschern dabei nicht möglich, ein einheitliches Muster zu finden, um die Einteilung in Sativa und Indica vorzunehmen. Hierüber haben wir bereits in unserem oben genannten Artikel Anfang 2018 berichtet.

In den Studienergebnissen heißt es, dass die Cannabisproduzenten bei den einzelnen Cannabissorten den Sativa- und Indica-Anteil angeben. Dies sei aber nicht präzise, denn eine Sorte können man nicht am Namen oder der Herkunft bestimmen. Zukünftig bräuchte man ein zuverlässigeres Klassifizierungssystem.

Fazit: Cannabis ist komplexer als gedacht

Das Zusammenspiel von Cannabinoiden und Terpenen ist sehr komplex. Nach der Meinung von Raber und Russo reicht es also nicht aus, Cannabis generell in die Sorten Sativa, Indica, Ruderalis und Hybride zu unterscheiden. Viel wichtiger sei es, auf den Cannabinoidgehalt und das Terpenenprofil zu achten, die in ihrer Kombination die Gesamtwirkung ausmacht.

 

 

 

 

 

Quellen:

Ähnliche Artikel